— Töö —
verbunden Mite. Deshalb mag ich doch lieber „alter Herr" oder „altes Haus" heißen." So sagte der Ewiginnge in lustig plauderndem Ton, imb Äildolf Presber tat ihm Bescheid und ries in den Saal die charakteristischen Verse:
„Ich nenn' die Dichtung dieses Mannes,
Ob's auch Zeloten nicht gefällt,
- ' Ein Evangelium Johannes'
i Für mimt’re Kinder dieser Welt."
Für munt're Kinder! So leuchtete es gleichsam in bunten Lettern über seinen sämtlichen Werten. Mles Phrasenhafte war ihm verhaßt, Klarheit und Wahrheit sein Wahlspruch. Er hat nie eine Zeile geschrieben, die ein gescheiter Kopf auf Anhieb nicht begriffen hätte; er schmiedete sogar mit Vorliebe Verse, die schon von aufgeweckten Kiirdern dankbar empfunden wurden. So etwas mußte ihn zwar jenen Stammtischen, an denen blasierte Jünglinge fortgesetzt die neuesten Moden der Literatur und der Krawatte erfinden, verdächtig, wenn nicht gar verächtlich machen, aber in deutschen Bürgerhäusern, in denen irgendwo ein würdiger Bismarckkopf die Ehrenwand ziert, in denen der Humor als beste Arzenei gegen schlechte Laune und Verdrießlichkeit gilt, in denen schließlich ein verborgner Kellerwrnkel die köstlichen Märchen des Rheins und der Mosel bewahrt, dort liebt und schätzt man wich beit alten Trojan.
Eine dreifache Presse, so scherzte er selbst, hat in seinem Leben eine große Rolle gespielt: die Druckpresse, die Pflanzen-» presse und eine nicht ganz geringe, auch die Traubenpresse. Man nannte Johannes Trojan, Julius Stinde, Heinrich Seidel und Julius Lohmeyer „die Behaglichen", und cs ist schwer zu entscheiden, wer von ihnen dieses Attribut am meisten verdiente. Was sie aber in gleicher Weise auszeichnete, war ihr unverwüstlicher Frohsinn, ihr lustiger Humor und ihre liebenswürdige Offenherzigkeit. Noch in den vorletzten Ausgaben der großen Konversationslexika suchen wir Trojans Namen vergebens; heute würde die öffentliche Meinung dies entrüstet bemängeln, ungeachtet dss Meinungsstreites, der um sein dichterisches Schaffen entbrennen mag; heilte ist Trojan eine volkstümliche Persönlichkeit, eine Gestalt, die sich das Volk nicht nehmen oder totschweigen läßt, die ihm einen nationalen Wert bedeutet.
Er war als Redakteur des „Kladderadatsch" einer der ersten Wortführer in den nationalen Kämpfen und nahm in politischen Leid- und Streitgedichten zu den Völkerlisten, dem Bölkerbetrug und dem Völkerkrieg tapfer lind fröhlich Partei. Er stand immer da, wo der Kern der Nation stand, zumal in seinem Verhältnis zu Bisinarck, mit deni er bald persönliche Freundschaft schloß ilnd dem er bedingungslos Treue hielt. Eugen Zabel erzählt, wie er oft mit Trojan bei Hallsmann in der Jägerstraße gesessen habe, unr den Wein zu prüfen, der dem Gewaltigen zu seinem' Geburtstage am 1. April nach Friedrichsruh gesandt wurde. Man weiß, welche Bedeutung der „Kladderadatsch", der ans der Erregung des Jahres 1.848 hervorgegangen ist, für die satirische und humoristische Widerspiegelung der deutschen Geschichte besessen hat und iwch besitzt. Seine Begründer waren in Vcrbilldung mit dem rührigen Verleger A. Hofsmann Gelehrte, Dichter und Künstler voll hohem Rang, Ernst Dohm, einer der feinsten und geistreichsten Köpfe des damaligen Berlin, ein Formtalent ersten Ranges, wie aus seiner klassischen Uebersetzung der Lafontaftleschen Fabeln hervorgeht, -pavid Kalisch, der Begründer der Berliner Posse, Rudolf Löwenstein, der Verfasser der reizenden Kinderlieber, und Willen Scholz, der geistreiche Zeichner, dessen Bilder — wie Bismarck mit den hlstorlschen drei Haaren oder Napoleon III. in allen möglichen Situationen — von jedem Gebildeten gekannt und geschätzt waren. Diese Männer stellten mit Feder und Stift eine Macht dar, mit der jeder in Berlin rechnen mußte. Und erfreuten sich in ihren Salons und in ben besten Schichten der Gesellschaft eines ungewöhnlichen Ansehens. Unter Trojans, Hand vollzog sich eine Wandlung in dem Wesen des „Kladderadatsch": er war wenigstens nicht mehr die ftirchtbare Axt, die selbst an die Wurzeln der Gewaltigsten gelegt lvurde.
Eine besoirders liebenswürdige Seite seines Wesens wird uns oftenbar, wenn wir in den Gedichten und Liedern blättern, die Johannes Trojan zum Preise und Entzücken der Kinderwelt geschrieben hat. Sie sind unter einer besonders fröhlichen Sonne gereift, während ihr Verfasser bei der trauten Lampe am Arbeitstisch saß und vom Nebenzimmer her das silberne Lachen seiner Kinder zu ihm drang. Er selbst nennt die Sammlung einen Fcld- blumensttauß, den er bei seinen Wanderungen durch Wälder und Felder, über Heide und Moor, am Sec- und Flußufer gepflückt habe. Ta wird die Wiese als smaragdgrüner Teppich mit cin- gewirkten Blumen ausgebreitet, der Winter naht mit seinen Eis- bahnfteuden und den Schneemännern, die so grimmig !vie Riesen dreinschauen und doch auf so schwachen Füßen stehen, daß sie zerfließen müssen, noch bevor es Kirschblüten gibt. Was sich die Gänse draußen auf den: Anger mit lautem Geschnatter zu erzählen haben, was Häschen im Kraut treibt, bevor der Jäger naht, oder wie es dem Spatz zumute ist, der sich ins Zimmer verirrt hat und den Ausweg nicht finden kann, das alles und noch vieles andere weiß der Dichter genau. Das Höchste aber bleibt ftlr ihn doch der Mensch m jener Reinlichkeit der Seele, die ihn auszeichnet, so lange er sich m dieser wunderlichen Welt noch nicht umgesehen hat. „pttchts ruft so laut, so stark das Mitleid an, wie Kindexmund,
der noch nicht sprechen kann." Das eben cingetroffene Schwesterchen wird von den fünf anderen, die es schweigend begrüßen sollen, wie ein Spielzeug angestaunt. „Scheints doch ein Püppchen fein und zart, das man auf Händen trägt; doch ist es von der besonders Art, darin ein Hcrzlein schlägt." Was Trojan aus einer Anschauung zu machen weiß, an der Tausende achtlos vorüber gehen würden, zeigt das Gedicht: „Die Schühlein". Ein Spaziergänger kommt an eine Tür und sieht sieben Paar Schuhe stehen, von denen eins immer kleiner als das andere ist. Die vierzehn kleinen Schühlein erinnern ihn an ebenso viele Füßchen, die er zum Sinnbild kindlich jauchzender Lebenslust macht, indem er die ftins Worte hinzusetzt: „O, was können die tanzen!" Er ftihrt die Kinder überall hin, wo es schön ist: ins duftende Heu, wenn die Lerche singt und die Grille zirpt, zu den reifenden Brombeeren, die mit ihren Dornen die Kleider der Kinder packen möchten, zu traulichen Plätzen im Wald und überall sonst hin, wo es etwas Hübsches zu sehen und zu erlauschen gibt. So weiß der Dichter nicht nur den rechten Ton zu treffen, um die Jugend mit den reichen Früchten seines Gemütslebens zu erfreuen, er erschließt auch den Erwachsenen wieder ein Paradies, darin sie sich wie in schützenden Laubgängen an warmen Sommerabenden ergehen können.
Tie liebevolle Beobachtung des Kleinen, fast Alltäglichen, ist überhaupt ein wichtiges Merkmal Trojanscher Art; sie hat ihren Grund in der Liebe zur Natur, zur Welt der Blumen und Schmetterlinge. Zu unzähligen gemütvollen Dichtungen hat ihn die Natur begeistert: er singt dem alten Baum! vor seinem Fenster das letzte Lied, beobachtet die winzige Wintersliege, die auf deni Wandkalender sitzt, als zähle sie die Tage, und weiß von Blüten und Blättern tausend liebliche Dinge zu melden. Das gleiche liebevolle Versenken in die Welt des Kleinen zeigen die „Berliner Bilder", in denen Trojan eine Fülle reizender Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben der Großstadt vereinigt hat.
Johannes Trojan wurde am 14. A u g u st 18 3 7 in Danzig geboren. Seinen Vater nennt er in seinen! Buche „Von Einem zunl Andern" mit besonderem Stolz einen „Kaufmann von alter Art", als Geburtshaus bezeichnet er das Haus Nr. 1331, das noch heute in der Hundegasse steht. Es ist ein einfaches, schlichtes Gebäude, dreistöckig, mit hohem freundlichen Kellergeschoß, die beiden ersten Stockwerke mit drei Fenstern und oben ein einzelnes Fenster inr Giebel, der ganz nach Danziger Art gerichtet ist. Enge steile Treppen führen in dem schmalen,'kleinen Flur in die Höhe; die Stufen sind zun: Teil ausgebessert und ergänzt, aber Geländer und Nnigebung sind noch dieselben wie einst. Im Jahre 1907 wurde an dem Hanse eine Gedenktafel angebracht, eine schlichte schwarze Marmorplatte mit dem Profilrclief des Dichters und der Inschrift: „Johannes Trojan wurde in diesem Hause am 14. August 1837 geboren".
Trojan verließ später seine Vaterstadt, um in Göttingen, Bonn ünb Berlin erst Medizin, dann deutsche Philologie zu studieren!,, fühlte aber schließlich, daß er zum freien Schriftsteller und Poeten berufen sei, bis ihm die Redaktion des „Kladderadatsch" als sicherer Hafen fürs Leben winkte. Es war für einen aufrichtigen; Mann in dieser Stellung nicht immer leicht, zwischen seiner Ueber- zeugung und den Vorschriften des Gesetzes oie richtige Mitte zu halten, und so sah Trojan sich eines Tages wegen Majestätsbeleidigung zu einer unfeiwilligen Muße inr Fort Quarrö zu Weichselmünde venrrteilt. Der Dichter hat diese merkwürdige Episode seines Lebens in dem köstlichen Buche „Zwei Monate Festung" mit bunten Farben geschildert. 1866 heiratete er Marse Konewka, die Schwester eines befreundeten Malers, nach ihreni Tode (1874) die Mecklenburgerin Klara Bartsch, die ihm zu den beiden vorhandenen noch sechs Kinder schenkte, von denen jedoch eins starb. Als sich eine seiner Töchter später nach Kanada verbeiratet hatte, trieb es den Alten, der auch sonst gerne die Welt durchstreifte, über hgs große Wasser; „Aus der anderen Seite" betitelt sich die literarifche Aüsbeute dieser Wanderschrift. .Im übrigen ist sein Erstlingswerk „Beschauliches", das nachher in'die „Gedichte" ausgenowmen wurde, das Leitmotiv für sein ganzes schriftstellerisches Schaffen geblieben, für die Dichtungen „Von drinnen und draußen" und „Ans denr Leben", wie für die Prosasammlnngen „Von Strand und Heide", „Kleine Bilder" und. „Für gewöhnliche Leute".
Ms Student gehörte 'Johannes Trojan der Göttinger „Bruswiga" an, die deutsche Burschenschaft verehrte ihn als einen ihrer edelsten und besten Männer, und seine Trinksprüche waren nicht minder innig und herzerquickend, wie die schlichten Verse, die hier als ein Vermächtnis stehen urögen:
„Etwas Bessres gibt's auf Erden nicht,
Als' ein fröhliches Menschenangesicht.
Das mögest Du alle Tage sehn,
Frühnrorgens und vor dein Schlaftnaehn;
Und wo Tu weilst und wo Du ziehst,
Und wenn Du in einen Spiegel siehst."
vermischtes.
* Deutsches Spielzeug. Der internationale Markt den sonst die deutsche Spielivarenindnstrie fast allein versorgt, muß sich nach anderen Bezugsquellen umsehen. Das beweisen die immer häufiger cmstancheiiden Anpreisungen des Spietwaren-


