Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
'Auch Bert sch sprach nichts. Langsam mar er zu der Schalttafel Hürden gegangen und prüfte dort mit ernster Miene die Apparate. Ueberall daneben rote Zickzackpfcile mit der Warnung: Vorsicht! Hochspannung! Lebensgefahr!
Eke sah zu ihm hinüber. Immer noch die Schatten im Antlitz. Ihre Natur vertrug nun einmal keinen Zwang. Nicht den leisesten. Aber er hatte es doch gut gemeint. Und recht gehabt überdies. Also war ihr Unmut sinnlos. Sie mutzte sich überwinden, ihm ein freundliches Wort sagen. Gerade ihm, der ihr eben erst wieder einen Beweis seiner freundschaftlichen Hilfsbereitschaft gegeben hatte. Warum wollte ihr nun trotzdem kein Wort über die Lippen kommen?
Den Kopf geneigt, stand sie da. Wie so manchmal schon ihm gegenüber im Zwiespalt, voller Unzufriedenheit mit sich selber. Es war doch sonst Klarheit in ihr. Weshalb allein hier nicht? Und warum dieses Auflehnen in ihr? Vielleicht nur, weil sie eine dunkle Gewalt in ihn: fühlte, der sie immer mehr zu erliegen drohte. Und sie wollte doch nicht! Ganz gewiß nicht. Ihre Persönlichkeit wollte sie sich wahren. Und sie wollte nichts wissen von solchem Bann ihrer Empfindungen. Sic —.
Aber da ritz sie die Augen auf in tödlichem Erschrecken. Unter einem Donnerkrachen, das den Boden unter ihren Fützen erbeben lietz, war es plötzlich taghell um sie geworden.
Taghell? Nein — ein Höllenschein, fahlgelb, aber von ungeheurer Lichtstärke, gleißte auf in der weiten Halle. Und dort — gerade wo er stand! — bei der Marmorlafel ein Zucken und Flattern an den LeitnngSdrähteru Hellblaue Flammen in beständigem Aufzüngeln und Erlöschen. Zugleich auch ein Ozongeruch fast betäubend in seiner Stärke. Und sie begriff: Riesenentladungen der Luftelektrizität an den Hochspannungsleitungen. Wehe, wenn einer der Blitze, die draußen alle paar Augenblicke niederzuckten, und zwar in nächster Nähe, hier einschlug. . ^ .
Im Erfassen der furchtbaren Gefahr stand Eke das Herz still. Aber auch Bertsch mutzte sich ihrer bewußt geworden sein.- Deutlich bemerkte sie trotz ihres Entsetzens, wie er zu- sammensuhr und dann den Kopf weit vorgebeugt nach der Schalttafel sah. Aber doch kein fassungsloses Starren, nein — ein scharfes Spähen, Suchen. Und jetzt — Barmherziger! — sprang er vor mit erhobener Hand, gerade mitten heineiu in dieses höllische, bläuliche Aufflammen.
..Gerhard!" _ .
Schrill gellte ihr Schrei durch den Raum. Ihre Hände krampften sich ineinander.
Der Ruf schlug an sein Ohr. Wer er beachtete chn nrcht. Kauz beherrscht von dem einen: Dort — der Schalter der
Hauptleitung — ihn packen, abdrehen — ehe es zu spät war! t
Und seine Rechte fuhr durch die flatternden otrom- entladungen hindurch, ein fester Griff — so!
Aufatmend trat Bertsch da wieder zurück. Unwillkürlich suchte seine Rechte nach dem Taschentuch und hob sich zur Stirn. Das war ein Augenblick gewesen, wie er ihn noch nie durchlebt! . _ . •
Doch dann besann er sich. War da nrcht ern Schrei an sein Ohr gedrungen? Gerade, wie er vorsprang zur Tafel hin? Gewiß, ganz deutlich hatte er ihn vernommen: Gerhard hatte es gerufen.
Gerhard —?
Und mit einem Ruck fuhr er herum. Hatte er srch nrcht etwa verhört? . .
Aber nein? Dort stand sie ja noch — totenblaß — und starrte zu ihm hin, die Hände ineinandergerungen.
Da war er bei ihr, mit ein paar Sturmesschritten, und nahm diese eiskalten, verkrampften Hände, hob sie hoch empor zu seiner Brust.
„Du riefst es?" ..
Keine Antwort, über ein Beben mm rn chren Händen.
„Eke!" . .. ^
Und seine Lippen preßten sich auf ihre Finger. Darm ließ er sie fahren, 9Jfcit Sturm geivalt schlangen sich ferne Arme ihr um Kops und Schultern. So barg er sie an seiner breiten Brust wie ein verirrtes, zitterndes Kind-.
Und der stolzen Cke von Grund schwand all ihr Eigenwille hin in diesem Ansichnehmen. Sie litt, was ihr gesckiah. Ar, die herben, unberührten Lippen erwiderten, wie erwachend ans einem langen Schlummer, seine Küsse. Zögernd — scheu — dann mit klarem Wollen.
Im Adliger! Hanse stand der Gutsherr am Fenster. Die Stirn schwer gefurcht. Das Unwetter \mr zwar wieder vorüber, aber es hatte allenthalben seine Spuren hinter»,
im Obstgarten lagen die Fruchte abgeschlagen am Boden, noch halbgrün. Der kleine Abfluß der Dachgosse, kaum eine Hand breit sonst, war zum richtigen Gceschach geworden. Quer über, den Hof weg hatte er das Erdreich aufgerissen, fast metertres. ^ r
Wie machte es erst aus den Feldern draußen anssehen,
Und' zi? den Sorgen des Landwirts gesellten sich die des Weidmanns. Die halbflügge Brut der Hühner in den Ackerfurchen da droben, die Jungl-asen — vorbei konnte es sein mit der ganzen Feldjagd im Herbst!
Ingrimmig wandte sich Äenner von Grund vom Fenster ab. Schwer stampfte er im Zimmer ans und ab, die Hände in den Joppentaschen vergraben.
Sein Auge flog zur Uhr. Wo nur Eke blieb? Bald war es doch Mittagszeit. Aber natürlich, diese verrückte Sannt-, ritcrei! Schon seit aller Frühe war sie droben im Oberdorf


