Der blüut Anker..
Roman von E l f r i e b e Schulz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Gerhard erzählte das lachend seinem Freunde. Aber Erich lachte nicht.
„Sie ist noch so jung. Du mußt junge Mädchen nicht in solche Verlegenheiten bringen, Gerd f"
Ihn würgte etwas in der Kehle, daß er hustete. Neckend hüstelte Gerhard wieder.
„Meintest du was?"
„Nichts, mein Junge."
Lustig trällerte der Maler hinaus. Erich stand langsam auf nnd sah ihm schweigend nach. Seit Lobte fort war, hatte er das Lachen verlernt. Ein paar Ansichtskarten aus Toulouse und Marseille — das waren die wenigen Lebenszeichen. Niemals eine Wohnadresfe. Wiederholt hatte er aufs Geratewohl einen Brief nach dort geschrieben. Er bekam nie eine Antwort darauf und fühlte sich jetzt einsam mitten unter de,: vielen Menschen. Wie in einem großen Rätsel tappte er im Dunkel.
Einmal war er bei Madame Tourbier gewesen. Sie hatte ihm die Nachfrage des Leutnants v. Rothkirch ver- chwiegeu. Was hatte Herr Wölflin von ihrem Haufe denken ollen? Aber über die fluchtartige Abreise hatte sie den, Bruder nicht im unklaren gelassen. Es stand bei beiden fest, daß hier etwas ganz Außerordentliches passiert sein mußte. Die quäle,rde Ungewißheit machte Erich nervös.
In diesen einsamen Stunden fand er die Freundschaft des jungen Waldemar. Erich war ihin um fünf, sechs Jahre voraus. Aber er schloß sich dein kranken Jüngling, in dessen Seele eine tiefgründige Reinheit und abgeklärte Stille lebte, willig an. Waldemar ging für ihn durchs Feuer. Bon Lotte sprachen sie nie. Desto öfter beschäftigte sich Waldemar mit seinen Schwestern, mit einer dereh-rungs- vollen Liebe sprach er pon Susanne. Er war glücklich, in seinem Urteil über dieses Mädchen ganz und gar mit Erich übereiuzustimmen. Bon solchen Gesprächen berichtete er haarklein der Schwester, und er bemerkte wohl, wie ihre Äugen sich dann belebten und einen eigenen Glanz bekamen.
* *
Es war Anfang Juli. Auf den leichteren Schlägen begann der Roggenschnitt. Der erste Erntetag, der für ein Gut immer ein Ereignis ist, rief den Freiherrn mit seinen Damen auf die Felder, wo die Schnitter arbeiteten.
Da stieg im Schloßbau ein mehrstimmiger Schrei auf. zugleich hörte man ein Krachen von gebrochenem Holz und einen dumpfen Fall.
„Der Baumeister ist abgestrfl'zt!"
In einer Staubwolke sah man eine Gruppe Männer. Gerhard Ladenburg stürzte derbei. Sie trugen Wölflin
hinaus auf den Platz. Aus feinem Munde kam Blut. Die Augen waren geschlossen. Zwischen den fahlen Lippen drang ! ein mattes Stöhnen hervor. Er war bewußtlos. Sie tasteten die Glieder ab. Der linke Unterarm war anscheinend mehrere Male gebrochen. Waldemar Rothkirch, der gerusen wurde, war entsetzt.
„Das Auto zum Arzt!"
Er sprang hinein und fuhr selber mit.
Gerhard ließ den Verunglückten in sein Schlafzimmer bringen. Erich lag noch lohne Bewußtsein, notdürftig von der:
> Samaritern der Baukolonne geschient und erquickt, als der Arzt kam. Er stellte einen mehrfacher: schweren Armbruch und eine bedenkliche Luugenquetschuug fest und legte die Verbände an. Saar ritt auf das Feld und meldete den Unglücks fall schonend der Familie Rothkircb. Susanne bedeckte das erbleichende Gesicht mit den Händen, beherrschte sich aber mit eiserner Kraft. Sie fuhren sofort zurück. Das junge Mädchen eilte auf ihr Zimmer und ließ Gerhard Ladenburg zu sich bitten. Er kam sofort.
Als sie sein verstörtes Gesicht sah, schluchzte sie auf.
„Aber er lebt? — Er bleibt leben?"
Sie setzte ihrem Schmerz keine Grenzen. Gerhard führte sie in einen Sessel.
„Mein gnädiges Fräulein — beruhigen Sie sich. Es ist besser abgelaufen, als wir alte es dachten, wie das d« alles zusammenstürzte und die Trümmer ihn begruben. Armer Kerl!"
Susanne ließ sich nicht beruhigen. Sie zitterte wie tm Fieber. Gerhard ließ die Mümmri-Kathrin kommen.
„Das gnädige Fräulein muß sofort zur Ruhe gebracht werden. Ich werde den Doktor schicken."
Susanne lag in einer Ohnmacht. Als der Arzt kam, fand er sie auf dem Sofa sitzend.
„Mir ist nichts weiter, Herr Doktor. Der erste furchtbare Schreck. Es ist vorüber. Ich danke Ihnen."
Aber es war nicht vorüber. Eine ganze Woche schwebte drüben im Garlenpavrllon Erich Wölflin in Lebensgefahr, und ebenso lange rang Susanne Rothkirch, vor allen es verbergend, mit den Resten ifjrer halb zertrümmerten Seele. Sie wollte niemand sehen. Nur Waldemar durfte zu ihr. An ihm richtete sie sich auf. Als er endlich mit der Nachricht kam: „Nun ist er durch — ein Mordskerl!" bekam sie neues Leben und blühte zusehends wieder auf.
Mit dem größten Mißtrauen hatte Herr v. Saar Susannes Verfall beobachtet. Er versäumte es nicht, Frau Nataly die nötigen Bemerkungen zu machen, harmlos, wie es seine Art war, aber mit abgewogener Treffsicherheit, daß die stolze Frau mißtrauisch wurde. Als sie zum erstenmal wieder einen ganzen Nachmittag mit Susanne zusammen- saß, sagte sie:
„Kind, was char mit dir? Das war ja ganz auffallend."
„Mutting!" rief Susanne aus. „Das ist doch nicht auffallend! Es war mir furchtbar schrecklich, wie ich das Unglück hörte. Vorhin noch gesund und irisch, und dann


