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munter pochen . . . Es wurde Tag. Trotz der Kälte, die ihm auf den Armgelenken, den Händen den Wangen brannte, straffte sich sein Körper, und wie ein Lächeln glitt es über sein knochiges, schmales Friesengesicht.
Da tauchte ern Kopf neben ihm auf. Eine Stimme schrie etwas. Er verstand nur: „Telefunkenapparat". Er ließ seinen Platz dem Stellvertreter und verschwand. Kaum eine Minute war er abwesend, dann stand er wieder oben. Zugleich öffneten sich die Luken, breite Schultern tauchten auf, Gestalten krochen wie Katzen über das Deck, die Schlote und Masten wurden sofort verstaut, die Petroleummotore hatten zu puffen aufgehört, die Mannlöcher waren luftdicht verschraubt, der Beobachtungsturm: im Nu verschlossen, indes eine Sturzsee nach der andern an die Scheiben der Luken dröhnte. Das Boot begann zu tauchen...
Jansen stand jetzt im dämmerigen, nur von einer kargen elektrischen Lampe erleuchteten Turm. Draußen war alles dunkel. Tiefblau und wieder schwarz rollte die Flut heran. Man konnte durch das dicke Glas kaum einen Meter weit sehen. Er prüfte das Manometer am Tiefen-Stenerstand. Das Boot glitt jetzt in fünf Meter Tiefe mit vermnrderter Schnelligkeit dahin. Er begann mit dem Periskop den Horizont abzusuchen. Auf der Mattglasscheibe, die schräg unter dem Sehrohr lag, flimmerte der Gischt der See. Da tauchte plötzlich ein hoher glänzender Kamm auf, der einen Strudel von Schaum über das Gesichtsfeld warf, dann wurde die Linie des Horizontes frei.
Er sah nichts, er hatte auch den Eindruck, daß die Sehweite bei der dampfenden, nebligen Atmosphäre sehr beschränkt sei. Er war eben von der Telefunkenstation in Z. angerufen worden, daß ein Flieger vor zwei Stunden geschützte Kreuzer unweit der Küste gesichtet hatte. Er hatte darauf den Kurs etwas südlicher genommen und wartete nun. Er war eigentlich nicht sonderlich gespannt. Er hatte noch einer: Blick in die Torpedokammern geworfen. Es war alles bereit. Er war nicht erregter, als wenn er etwa bei neunzig Kilometer Schnelligkeit seinen Rennwagen steuerte. Er hatte eine natürliche Fähigkeit, seine Kräfte für das Ziel zu spannen, Hemmungen auszuschalten. Er erwog nicht etwa die Möglichkeit, in einer Viertelstunde samt seiner Mannschaft mit eingedrückten Tanks hnndert Meter unter Wasser zu liegen, während sich das Boot langsam füllte, während die zwanzig Lungen, allmählich die Luft aufsogen, bis ihnen die Sinne schwanden, in einer Tiefe, airs der sie kein Zufall und keine» merrschliche Kraft mehr heraufgeholt hätte. Er dachte an dies alles nicht. Er strebte vorwärts.
Ein Maat reichte ihm eben eine Tasse Kaffee, der untett in den elektrischen Töpfen gebraut worden rvar, als die Scheibe nordwestlich einen Punkt zeigte. Janser: behielt die Richtung bei. Es schien ihm ein Handelsdampfer mit dem Kurs nach Amsterdam zu sein. Westlich wurde die Aussicht wieder trüb. Auch der Dampfer im Norden verschwand wie in einer Wolke.
Dieser Nebel war doch sehr angenehm. Wenn er plötzlich vor ein paar Kolossen stünde . . .! Eine leise Erregung kam ihm ins BluH Er würde den nächsten torpillieren, dann das Sehrohr einziehen und tiefer tauche::. Vielleicht nach einer Viertelstunde ein paar Meilen östlich einen flüchtigen Blick an die Oberfläche tun. Das war ja alles möglich.
Da kam ein Maat aus dem Torpedovaum und meldete, daß er am Horchapparat die Schrauben eines großen Schiffes höre. Jansen nickte nur. Sein Blick hing wieder an der Scheibe. Tiefschwarz und wieder blau schäumten die Wellen um das Periskop. Wie von tausend Kristallen schien es zuweilen um das Glas zu blitzen. Darüber weg aber war nichts als graue Einförmigkeit. Vielleicht hatte er die Schiffe schon überholt, vielleicht waren sie ein paar Meiler: südlicher passiert, vielleicht hatten sie sich auch nach dem Kanal verzogen.
Wenn's nur nicht zi: hell, wenn die See nur nicht zn ruhig, zu llar wurde. Er sah auf die Uhr. Es -ging jetzt auf halb acht.
Der Maat erschien zum zweitenmal und kündigte an. daß das Schraubengeräusch sich nähere. Jansen schob statt der Scheibe eh: schärferes Okular ein und begann rvieder den Horizont ab- zusuchen . . . Aber er fand nichts. Und doch hatte er das bestimmte Gefühl, daß sich etwas näherte, daß etwas Unheimliches von Minute zu Minute näher kam, und daß es einen heißen, entsetzlichen Kampf geben würde.
Daß er aber die Gefahr nöcht sah, nicht llar erkannbe-
daß sie vor ihm wie auf der Lauer in: Ungetvissen lag, enervierte! ihn. Er war kaltblütig uitb nicht leicht zu erregen, weM er der» Gegner schaute, wenn ihm alle Nerven vibrierter: vor Erwartung, Wern: ihm die Gedanken wie brennende Schmerze:: durch das Gehirn stachen, ja dann wurde er äußerlich ruhig. Dann gab er Befehle knapp ur:d hart, dann waren die Muskeln seines garrzen Körpers gespannt, ein Grauen und zugleich ein Jubel rvar ii: ihm,
etzt aber, da er nur fühlte, aber noch nicht sah, da er den Feind ast auf der Haut empfand, aber nickst vor Augen hatte, jetzt chlich es ihm wie eine grämliche Unruhe ins Blut.
Sckstießlich konnten sie zrvei oder fünf Meilen vor ihm sitzen, mit doppelter Geschlvindigkeit ihm entgegenkommen — wußte er dem:, wie weit sein Blick ihn trug? Aber sckstießlich kam ihm
das alles zugut. Wie ein Halm nur, vielleicht auf zrvanzig,
melleicht auf fünfzig Meter erllmnbar, vielleicht auch nur dirrch
die weiße Schaumrinde sichtbar, ragte das graue Metallrohr über die Flut.
Wieder erschien der Maat. Er sagte, und sein Gesicht war ganz straff vor Spannung: „Sie sind näher, sie müssen ein paar Knoten vor uns liegen . . ." Jansen schrie Befehl hinunter, die Mannschaft rvar an ihren Posten, die Torpedos klar zum Schuß. . Dabei dachte er: „Gott im Himmel, wenn ich sie nust zu Gesicht bekäme, wenn ich sie nur sehen könnte ..."
An eine Gefahr dachte er jetzt fast gar nicht mehr. Einunbändiges Verlängern etwas zu vollbringen, quoll in ihm auf.
Es vergingen Minuten. Er war immer noch vor dem grauen Einerlei. Für Augenblicke hatte er den Eindruck, daß ihm etwas Großes und Unerhörtes in diesem Moment wie Sand oder Wasser ::: den Fingern zerrann. Ein brennender Aerger, eine bittere Ratlosigkeit durchbebten ihn. Schließlich lag so viel am Zufall: rvas nützte es, Mut zu haben ....
Da sah er wieder das Gesicht des andern vor sich. Als ob er verzweifelte, stammelte jener: „Sie müssen» ganz nah sein . . ."
Jansen machte eine wütende, rasche Handbewegung . . . da, fast im selben Augenblick tauchten kaum eine Meile südlich im Nebel drei Punlle auf. Waren- es Schiffe oder Phantome, — sie näherten sich. Es lief ihm tvie ein heißer Schauer über das Genick, er drehte nach der Richtung ab, schrie Worte, die wie Hiebe hinunterfielen.
Fast zu gleicher Zeit ging ein Ruck durch das Boot. Als ob es mit einem schweren Balken zusammengestoßen sei und man den weggeschoben hätte, erbebte das Schiff. Am Bug schoß jetzt aber eine weiße Schaumkrone auf und dem Boot voraus, ein weißer Kamm, der sich wie etwas Spielerisches und Gischthaftes in die Ferne verzog.
Janser: hatte jetzt den Kurs geändert und stand mit großen Augen vor dem Okular. Wieder schrre er: „Torpedo llar, los!" wieder ein dumpfer Ruck, das Boot verlor an Tiefe, unten strömte Wasser in die Tanks, jetzt stand es wieder im Gleichgewicht.
Er zählte nun die Sekunden uub die eigenen Herzschläge. Es war ihm, als ob sich eine Kruste Eis um seine Herzmuskelngelegt hätte, als ob ihn eine kühle Hand da faßte und umkrallte. Feine, schwebende Schmerzen zogen ihm durch das Gehirn, fast wie eine beklemmende, atemraubende Melodie. Er dachte: „Sie werden es jetzt bald sehen müssen, das. Ungeheuer, das sich * wie etwas Entsetzliches herannaht. Sie werden es auf zweihundert, auf hundert Meter sehen müssen, und sie werden den Kurs nicht mehr ändern können, sie werden mit offenen Augen in den Todd hineinfahren, der da tvie ein höllisches und schlankes Ding aus Stahl mit grauenhaften Kräften gefüllt, herangleitet. . <
Jansen öffnete den Niuick>, als ob er einen Knall parieren
müßte, schloß ihn wieder. aber vorn geschah nichts. Mit
brennender: Augen starrte er auf diesen runden Spiegel, der ihm in einem kleinen Kreise etwas so Erregendes, etwas von so lähmender Gewalt zeigte, daß er während Sekunden einer Ohnmacht nahe-war, daß er Feuer irr den Schläfen, hämmerndes Blut in den Augen fühlte ... es geschah immer noch nichts . . . er sah jetzt loieder r:ur eiiteit Kreuzer, der ziemlich südwestlich vor ihm stand. Wenn die beiden Schüsse gefehlt waren .1 . . aber war es möglich, dast sie gefehlt waren?
Immer noch nichts. Ein tiefer Gram wollte ihn nieder-, beugen, eine bittere Enttäuschung spielte um seinen Mund. Zugleich sah er viel näher, eigentlich sehr nahe lleine schtvarze Kamine. . . Torpedoboote . . . suhr's ihn: durch den Kopf.
Aber jetzt, er mußte sich mit beiden Härchen stützen, ihm schwindelte . . . jetzt stieg vorn ein riesiger, weißer Wasserturm empor: als ob er das Schiff umhüllen, mit einer mächtigen Fontäne überschütten wollte, ging der Strrchel hoch, dann blitzten gelbe und rote Stichflammen hinein, vom Krenzer war nur noch ein Schatten zu sehen. Wie in feiner: lveißen Nebel war plötzlich alles gehüllt. Erst fetzt hatte Janser: das Gefühl, als ob der Dvrrner über die Flut herkäme, ein Knall, der ins Wasser schnitt, die Tiefer: anf- wühlte... Wie sich die Aufruhr gelegt hatte, neigte sich der Kreuzer schoi: nach der Steuerbordseite.
U x drehte eben nach Nor'deir ab, da geschah das Unernmrtetste.
. Kaum zweihundert Meter vor ihn: tauchte ein schwarzer, spitzer Rumpf auf. Er stand plötzlich wie etlvaS gairz Klares ins Okular eingezeichnet. Für Sekunden sank es tiefer ein, dain: wurde das Bild wieder deutlicher . . . Ein Torpedoboot. Es kam mit großer Geschwindigkeit heran und mußte Itx irr spätestens einer halben Minute kreuzen.
Jansen fühlte ein Entsetzen, das ihm wie ein kalter Schauer über die ganze Haut rieselte. Ohne feilten Blick vom Oklllar zu wenden, schrie er Befehl um Befehl. Dabei zählte er Sekunden. Wenn sie nicht sofort tiefer kamen, und es rvar dafür nach menschlichem Ermessew zu wenig Zeit, dann wurde das Boot gerammt.
Er fühlte sofort, wie die Spitze sich senkte, es war zu lvenig Zeit . . . himmlischer Vater, es. rvar zu wenig Zeit Für ein paar Sellrnden wurde ihm alles schwarz vor den Augen, _er sah einfach nichts mehr. Der Schweiß rann ihn: über die Stirne, aber er sah nichts mehr . . . zugleich fühlte er, wie unter ihn: fieberhaft gearbeitet wurde, alle wußten, daß es der: letzten Kampf galt, alle Kräfte waren in eine einzige Kraft verwandelt, aller Wille rvar einen: einzigen Willen gebeugt, alle keuchten in: selben Atem, alle Herzen hämmerten in: selben Schlag . . ,


