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Universität und schließlich das Staatsexamen. Natürlich., Aber eines Tages würde er wieder über die Heide kommen, bei 'seinem Onkel anklopfen und um Mine anhalten. Selbstverständlich.

Gesprochen hatte er ja allerdings mit ihr noch nicht darüber Zuerst hatte er es von einem Tage zum andern hinaus geschoben! und zuletzt endgültig auf den Tag seiner Abreise festgesetzt, der nun unverrückbar vor der Türe stand.

Er malte sich aus, wie es sein würde.

Einen Kniefall machte ja heute kein Mensch mehr. Das war abgeschmackt und albern, und kam nur in alten, verlogenen Familienblattromanen vor, Nein, er würde sie bei der Hand nehmen, ungezwungen, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, und sagen sagen ja, zum Henker, was sagte inan denn in einem solchen Falle, ohne sich lächerlich zu machen?

Aber vielleicht würde es so gehen:Mine," würde er sagen, du wirst bemerkt haben, wenn du nur halbwegs ein Auge dafür hast und ich weiß, daß du ein Auge dafiir hast daß ich nun, daß ich daß mit mir eine gewaltige Veränderung vor sich gegangen ist, seitdem ich hier Lei Euch bin. Das Rätsel hat eine sehr einfache Lösung (die Wendung gefiel ihm besonders) eine Lösung, die dich nicht allzu sehr überraschen wird ich liebe dich!"

Alles ändere würde sich finden, wenn er nur erst einmal so weit war.

Einfacher war es ja schließlich, wenn er etwa ein Gedicht schrieb, das er ihr ins Gesangbuch stechen oder ihr während der Predigt über die Schulter in den Schoß werfen konnte, tvenn er iworgen früh wieder hinter ihr im Pfarrstuhl saß. Das mußte ganz gut gehen, wenn man den richtigen Moment abpaßte: Sobald Onkel Otto bei seiner Predigt einmal unvermutet die beschwörend er­hobene Hand mit plötzlichem Klatschen auf die Bibel herabfallen ließ, oder wenn wie am letzten Sonntpg eine der Schwalben, die itn Pfarrhlause nisteten, durch die offene Kirchtüre hereinkam und mit elegantem Flug um! Kjanzel, Altar und Empore strich, daß man ihr unwillkürlich mit dent Auge folgte. Selbst die Heide- banern, die in ihren schwarzen Abendmahlsröcken in ihrem Kirch- stühlen saßen, die braunen Gesichter ernst und andächtig auf die Kanzel gerichtet, fest und unbeweglich, wie aus Holz geschnitzt, hatten sich nach der Schwalbe umgesehen, wie. sie mit fröhlichem zirr zit durch das Schiff der Kirche gestrichen war. Es war eigentlich zu ulkig gewesen.

Lächelnd ließ er sich den feinen, Weichen Heidesand durch die Finger laufen.

Er malte sich die Szene genau aus. Er würde das Gedicht zu dem winzigsten Umfang zusammenfalten, der sich nur Herstellen lreß und es ihr so in den Schoß werfen, daß sie es gleich (mit ber Hand bedecken konnte, ohne einen Augenblick ihre Augen von dem Vater abzuwenden, der von der Kamel herab jede BeioegUng verfolgen konnte, die man unten machte. Vielleicht würde sie dann am Schlüsse, tvenn das letzte Lied kam und Onkel Otto die Kanzel verließ, heimlich das Papier aiiseinanderfalten und lesen. Dann wüßte sie alles, und er hatte es nachher einfacher, wenn er sich Mit ihr über die Zukunst besprach.

Ach, es gab ja kein Mädchen, das so schön war, wie Mine, War der Name nicht ,chon köstlich? Wie aus einem Gedicht von Lckienn-on. Bei Liliencron gab es ja häufig Mädel, die ein­fach Mme hießen, oder Trine, oder gar Stine. Warum auch nicht? Mußten denn die Mädel alle Wanda oder Charitas oder Hilde­gard heißen? He? Oder Mice, oder Annemarie, wie seine Mäd- chenbekanntschaften in der Stadt hießen? Die mit ihren hoch- trabenden Namen und gerümpften Näschen, die sollten sich mal neben Mme stellen! Da würde man schon sehen, wem der Preis zukam. Und wenn ste auch zehnmal die Tochter eines Landpastors und ferne Cousine war: Heiraten tat er sie doch einmal! Slllen! -Um ^.rotz! Was ging es überhaupt andere an, wenn sie sich liebten? Mochten die reden, was sie wollten!

m,. Am anderen Morgen war das Wetter wiirdig und kühl. Wahrend der Nacht war Regen niedergegangen, und unter dem Dimmel flogen graue, zerfetzte Wolken, wie vom Winde ent­führte, zerrissene Segel. /

Heinz hatte es gründlich verschlafen. Er ertvachte erst, als es auf dem Tum bereits läutete. Er hatte noch eben Zeit, sich yasttg amukleiden und fertig zu machen, alsdas Gebimmel", füllte, von neuem einsetzte. Und nun war es die allerhöchste Zeit, hinüberzugehen.

Trotzdem er mit hungrigem Magen davonstürzte, kam er zu spat. Die Töne der Orgel töilten ihm bereits entgegen, als er über den regennassen Kirchhof schritt. Er hätte auch jetzt noch feinen Platz aufsuchen können, aber er wollte nicht unter der Aufmerksamkeit der ganzen Gemeinde und Mines vorwurfsvoll auf ihn gerichteten Augen als letzter sich durch die Bänke zwängen und zog es darum vor, durch den Turin ans die Empore zu klettern. Sehen konnte er da Mine allerdings lange nicht so gut. Aber von dort mußte sich das Gedicht ganz ausgezeichnet herunter­werfen-lassen. Ueberbaupt eine geniale Idee! Daß er darauf Nicht schon früher gekommen !var! Die Empore schnitt gerade,

S it dem Pfarrstuhl ab, und wenn er den 'Eckplatz eroberte, mußte geradezu vorzüglich gehen!

^.' Richtig. Der Platz war leer Er drilckte sich, hinter dem Sitze des Kantors an der Orgel vorbei, der sich, die Hornbrille auf

der Nasenspitze, eben so weit beim Spielen zurnckbog, daß er ihn lnse mit den Schultern streifte. i

. er sein Gebet sprach, schielte er hinter dem Hut

nach unten, wo Mine saß.

Und traute seinen Augen nicht.

Denn auf dem Platze hinter ihr, den er bisher an jedem eingenommen hatte, saß heute ein Unbekannter, ein städtisch gekleideter Herr, mit dunklem, gescheitelten! Haar und einem Zwicker, das Gesangbuch in der behandschuhten Rechten.

5 m altes in der Welt wer war denn das? Ob das der Besuch war, der sich neulich angesagt hatte?

^a nun war es jedenfalls mit dem Gedichte nichts. Das war doch zu gefährlich. Der Mensch da unten mußte ja ohne Frage das Papier sehen, wenn es direkt vor seinen Augen herab- sauen sollte, selbst wenn er einen besonders günstigen Augen­blick erwischte.

der Predigt hörte er nicht ein Wort, twtzdem er, Aufmerksamkeit heuchelnd, zur Kanzel sah, wo Onkel Otto im schwarzen Talar, mtt leise sich bewegenden weißen Beffchen stand, und Mit seiner Stimme in die stille, kleine Kirche hineinsprach, laut und wuchtig, als habe er Schtoerhörige vor sich. Von den hohen Fenstern fiel das Licht der Sonne, das eben wieder durch die Wolken brach, auf die alten, nachgedunkelten Bilder an den -Wanden und erfüllte sie mit merkwürdigem Leben, glitt über die Brüstung der Empore und stand daiin mit ruhigem Schern, rn schräg gestellter, schimmernder Säule auf dem fliesen­bedeckten Fußboden. Ern Hahn krähte vom Pfarrhof her in die sonnendurchflutete Stille. Aber die Kirchentür war heute ge-, schlossen und von den Schwalben, die draußen zwitschernd um den alten Turm vor die Fenster der Kirche schossen, konnte keine hinein und Hemz die Langeweile und den Aerger vertreiben, den er über den Eindringling da unten empfand.

Bei Tisch stellte Onkel ihn dem Fremden vor: '

^Veinz Kracht, mein Neffe Herr Kaiididat Dr. Baum."

Schweigend löffelte Heinz seine Suppe, während sich die anderen lebhaft unterhielten. Ter Herr Dr. Baum wußte so viel zu erzählen und zu fragen und zu Plauderei, daß man aus dem Lachen und Antwortgeben garnicht herauskam.

Na ja, natürlich, das hatte er ja vorausgesehen. Der Herr Kandidat war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und er war eme Null heute. >

Nein, er wollte sich lieber gar keine Mühe geben und blieb wortkarg mid m sich gekehrt. -

Gleich nach der Mahlzeit stieg er auf sein Zimmer. Ter Onkel bat ihn, zu bleiben, aberer wolle nicht stören", antwortete er mtt ironischem Lächeln, wobei er sich wie ein Held vorkam, und empfahl sich.

Etwas verwundert sahen ihm die anderen nach. '

Mochten sie denken, was sie wollten, ihm war es egal, völlig egal.

Aufgeregt ging er eine Zeit lang im Zimmer auf und ab, von emem kindischen Trotz befallen, von einer förmlichen Wut, irgend etwas zu ersinnen, wodurch er ihnen beweisen konnte, wie egal ihm alles war, aber völlig egal!

Am einfachsten reiste er überhaupt jetzt gleich ab.

. Vielleicht würde man doch hinterher eine Ahnung bekommen, wie ste ihn gequält hatten heute. Ja, einfach gequält, es gab knn anderes Wort dafür.

Eine Stunde später stand er im Wohnzimmer, um sich zu verabschieden.

Nanu?" sagte der Onkel, der eben sein Mittagsschläfchen gemacht hatte und noch nicht recht umgänglich wieder war: rAun schon? Ich memte. Tu wolltest mit dem Abendzuge? Jetzt allein über die Heide laufen? Und ohne Geleit? Warte doch, Mine und Kandidat Baum bringen Dich liachher gern ein wenig hin. Da wird der Weg niast lang." 1 Der Kaiididat und immer wieder der Kandidat 1 -Nwr, ich habe es ande^ überlegt," sagte er.' Es sei ja auch gültig. Tie paar Stunden, die er iwch bleiben könne « er denn nicht wenigstens erst die Kaffeestunde ab'warten wolle?

.Nein, er fürchte, den Abcndzug dann nicht mehr zu erreichen. Jahrst^' ^ ann ^fohlen! Und auf Wiedersehn im nächsten

Ob Mine im Garten sei?

Nein, sie sei mit dein Kandidaten vorhin in die Heide ge­gangen, um ihm das Hühnengrab zu zeigen. Vielleicht begegnete er den beiden noch? Weiin er die Augen offen halte, könne er sie M mcht verfehlen.

Als Jcr in den Garten hinauskam, reute es ihii doch, so eilig rufgebrochen zu sein. Es war eine regelrechte Dummheit gewesen, lch selbst eigensinnig um die Nachmittagsstunden zu bringen. Aber der Tag, der liichts als Enttäuschungen gebracht hatte, war doch einmal unrettbar verdorben. Mer vielleicht war es auch Mine am liebsten, wenn sie ihii nicht Mehr sah.

Er redete sich in eine wahre Märtyrerstimmung hinein, kam ich wie ein Ausgestoßener vor und ncktnschte nichts sehnlicher, als unbemerkt davonzukommen. Vielleicht würde es ihr dann am ehesten aufgehen, wie er heute um sie gelitten hatte.

Plötzlich sah er die beiden drüben über die Heide kommen.