Hr.3£6 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Dienstag. 3t. Dezember (9(8
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Ans Stadt nrrd Land.
Gießen, den 31. Dezember 1918.
** Amtliche Personal:: a chri chten. Am 24. d. M. wurde der Kanzleigelülse bei dem Gen-eralstaatsannmlt Friedrich Schell zu Darmstadt zarm Kanzleigehilfen der dem Erbschas's- steueramt crnauut. — Ernauitt tm?rde am 18. Dezeinber der 'Anwärter für das landwirtfcha, llicl)e Lehrfach Dr. Leoirhard Schul Qis Heppenhüin a. B. mit Wirkung vom 1. Jcnmar 1919 au zum Lalchu-irtsck)afisiehrer an der LandivirtschastfictM Wiuterschulc zu Heppenhem: a. B. ^
** Aus dem M il i t ä r w o cheubla t t. Ritter v. Marx, Lt bei der Ers.-Esk. des Drag.-Regt. Nr. 24, auf sein Gesuch um Verabschiodimg zu den Reserveoffizieren d. Regts. üb-ergefüh-rt. v Lavergne Pcguilhen, Hauptmann z. D. und BezirksoffizieL beim Landlvehrbezirk Morins, der Mschied mit seiner Pension bewilligt, zugleich bei den Offizieren der Garde-Landlochr 1. Ausgeb. des 4. Garde-Feldart -Reg!s. migeftellt. Koch, Lt. d. Res. 'Mannheim), beim 2. Lcrndst.-Juf.-Ers.-Batl. Tarmstadt (XVIIl. 36), der Abschied mit der gesetzlichen Pension und der Erlaubnis zum Tragen der Uifiform der Reserveoffiziere des Füs.-Regts. Nr. 90 beivilligt. vr. Hefter, St.- u. Bat.-Arzt d. 2. Bat. Jnf.-Regts Nr. 118. bisher b. Fest.-Laz. Mainz d. Ab sch. mit d. gesetzl. Pens, bewilligt.
** Alle Empfänger vau laufenden Militär- Versorgungsgebühruissen R erijatet für Januar nochmals freu Betrag i,hrer Rente einschließlich des Rentenzuschlages als einntülige Teuerungszulage ausgezahlt. ?llle Empfänger van R-Rentei: wollen sich daher am 3. Januar an den bekannten Zahlstellen des Postamts in der Bahühofftrastc oder bei.den Post- agentuven der Landorte zur Empstmgimhme der Teuerungszulage etnfiudcn.
** T i^ Frauen und dieDemokratie. Tie öfferrtliche Wablerversaminlung, zu der gestern abend im Hotel GroUierzog die Frauengruppe der Deutschen demokratischer Partei eingeladen hatte, war so überaus zahlreich besucht, dag schon vor 8 Uhr der Saal dicht besetzt war Der Nebensaal wird geöffnet, der Haus gang füllt sich, die Tvepp^wird besetzt, auf der Straße sammelt sich die Menge. Ta versag! das elektrische Licht. Es wirb eine Parallelversammlung im Hot<ck Schütz ai? beraumt. Das Gas wird angezündet-, ab^r auch diese Beleuchtung versagt. Eine Frau, die ohnmächtig w:rd, wird lfinausgeführt. Am Vorstands fisch erscheinen zwei Wachskerzen, später auch eine Petroleumlampe, die den Raum recht notdürftig und sehr spärlich erhelle?:, aber alles bleibt in guter Ruhe und schönster Ordnung. Es entsteht Gasgeruch, die Hahne?: werden nachgesehen, die Fenster geöffnet. Auch das geht gut und ruhig ab. Frau Schneider eröffnet die Versammlung, begrüßt die Erschiene:«:: und erörtert in kurzen Worte?: oie 'Aufgabe des Vereins der Frauengr?rp>pe der Deittschen dxmottatischen Partei. Frau Professor B o u s s e t sprach ?ru>: über die Frauen u?:d die Demokratie. Ankuüpfe?:d au die Freiheitsbestrebungm des Jahres 1848, entrollte sie in beredter Weise ein Bild der Arbeit und des Strebe?:s der deutschen Frauen um die rechtliche, soziale und politische Gleichstellung der Frau n:it dem Mann. Kmrservafivv und diationatliüerale hüben immer die Frauen so oder? m gen abgeleh?:t mit dein Wette: „Die Frau gehört ins Harrst Die Konservafiven be- so?tders hätten iin preußische?: Herrenhaus, toie im Abgeordneten- l-aus alle berechtigten Wülffche der Frauenvereine auf Betätigu::g iin öffentlichen Leben zurückgelviesen, selbst Fvanenvereine hätten sich dagegen ausgesprochen. Nur die Sozialdemokratie habe die jBevechligung der Wünsche anerkamtt und die Erfüllung versprochen. Auch die Demokraten haben die Gleichiberechfig?u:g der Frau mit dem Manne erstrebt, von den Nationalliberaleu mir der Prinz von Schönaich-Carolath. der nun auch zu den Denw- Waten übergegangen sei. (Die Frauen seien aber ge ge:: eine! Klassenherrschaft, und daher sei ihr Platz im Verein der Deuficl'en idenwkvotischen Partei und nicht bei der Sozialdemokratie. Des weiteren spricht sich die Rediverin für die Einheitsschule airs, ft: der alle Kinder etwa 6 Jahie lang gemeinsam, in kleineres
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schule unterrichtet mrb erzogen toerden sollten; der Religionsunterricht nrüsse bei einer Trennung von Kirche und Staat jedenfalls weiter in der Schule erteilt werden. Die Frauen seien ihrer friedlichen :rnd frickferfigen Gesinnung nach für den Völkermord Mp die Schiedsgerichte, damit ein zukünftiger Krieg für iurmer vermieden und ausgeschlossen sei. Herr Professor Dr. Eck k?:üpste . in seinen begeisternden Darlegungen an das Wort Goethes irT Hermann und Dorothea an: „Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung; denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, zu der verdienten O^lvall.die doch ihr iin Hause gehöret." Im Zeitalter der Naturtmssenschasten und der Technik, »vo -das Haus die vielen Bedarfsartikel des tägliche:: Lebens nicht mehr selbst herstelle, haben sich in der Frauenwelt zwei große Gruppen gebildet, die Frauen und Mädchen aus dem Arbeierstande gehen zur Jiwnstrie und n: die Fabriken, wo sie Gelegenheit haben, inehr Geld zu ver- die?:en als bei der häuslichen Arbeit, wo sie auch Gelegeich e st haben, sich politisch zu unterrichten, um sich für das öfsentlUxe Leben vor zu bereiten; die Töchter der gebildeten Stände ioählen Berufe, die fr?"il)er nur den Märnrern zugänglich waren, ?:nd cmp- sfi:den dabei ebenfalls das Bedürftns, sich politisch zu betäfige::. ?m? so der Allgemeinheit zu dienen. Die Fraue?:ftage müsse rechtlich
durch Gesetze geregelt lverden, darum müßten die Frauen jetzt, nachdem sie das akfive und passive Wahlrecht erhalten Alben, sich an der Geseygebnng beteilige?:. Ihr Platz sei im neuen Staat bei der Demokratie, die seit 1848 die Itechte der Frau stets vertrete??) habe. Eine solche Umwälzung wie die heurige sei in der Geschichte noch nienials dageiriesen, die Parteien rechts seien ?:ur not- gcdruuge?: für die Rechte der Frau imb für den Volksstaat, eine solche Revolution sei nicht ganz of>ite Gewalt zu machen, man dürfe trotz der bedanerfiche?: Ausschreitungen in Berlin die Liebe zum Volk nicht a:w den? Herzen verlieren, das Volk müsse seine Geschicke selbst leiten, und dabei mitzunnrken seien die Frauen jetzt berufen und in vorzüglick-er Weise auch geeignet. Mit einem narn:e?? Appell an die Frauen, die mit größter Aufmerksamkeit auch die sein Redner gefolgt tvaren, zur tätigen Mitarbeit bei den Wahlen schloß die Vorsitzende die Versammluinr, nachdem sie noch einige geschäftliche Mitteilungen gemacht hatte. — In der Nebe??- versa?nmlung i?n Hotel Schütz sprach zuerst Herr Prof. Dr. Bonsset, der das Programm der Deutschen demokratischen Partei entwickelte; sodann hielt mich hier unter lebhafter Zustim- ?nung Frau Prof. Bousset ihren Vortrag über die Frauen und die Demokratie. — Vielfack)em Wunsch entsprechend ivird die Versa?n?nlung im Hotel Großherzog am Mittwoch den
1. Jan??ar, abends 8V4 Uhr, mit Frau M. Bousset und Herr?: Prof. Eck als Redner noch einmal stattffiwen. (Siebe Allzeige!)
** Handwerkervcrsammlung. Am letzten Freitag fand im Gewerbehaus ^.ihier eine stark besuchte Handn'-wker-' Versammlung statt,-die sich mit dem Zusa?n'menschluß des Ha?:d°- werks, der Errichtung einer Zentralgeschäfts,telle sowie der Stellungnahme .zu wichtigen Tagesfragen beschäffigte. Nach einem einleiteirden Referat des Vorsitzenden des Ortsgeroerbevereins Prof. Dr. Kraus?nüller fand eine rege Aussprache statt, ii: welcher die Nottoendigkeit betont wurde, das Haivdnoerk noch mehr wie seither zusa?nmenziuschließen. Es wurde eine aus sieben Perso?:en bestehende Kominisjion gewählt, die sich weiter mit der An-- gelegenheit beschäftigen soll.
** Po st verkehr mit bei: besetz ten Gebieten. Neu- jahrsglücknmnschkarten nach dem bejetzten Gebiete einschließlich der Brückenköpfe Köln, Mainz und Koblenz, dürfen nicht versandt werden.
** Einschränkung de r^ Bierabgabe. Wie m:s mitgeteilt wird, ist infolge oes Trnpaond?:rchmarsches eine Em- schränkung der Bierabgabe an die Wirte ?wfig geworde?:. Die geringe Gerstenabgabe macht es den Brauereien unmöglich, die geforderte-,? Viermengen herzustelle?:; ei?:e uneingeschränkte Abgabe nmrde bald eine bstwlose Zeit zur Folge haben.
** Eiurei chung der Reichs m 0 na t sm eldeka r t en für nreld-epfflichtige V e r b r a u che r von Kohle, Koks ??nd Briketts in: Dazeniber '1918. Mt NÄsicht auf den durch die Schwierig- keiten: des Postlva ketverkehrs erl>eölich verzögerte?: Eingang der Reichsnroi:atsnuldekarteu für Tez.ember lnn den Wirtschastsstellen usw. hat der Reichskorunfissar fi'ir die Kohlenverteil?lng. die Meldeftist in: Tez-nnber ausnahmsweise u?n 10 Tage verläirgert. Tie Meldepflicht gilt «m Sim:e des § 1 Ziffer 1 der Bekaintt- mackmug vom 6. NovelNber 1918 (Neichsanzeiger Nr. 272) als ,Mnktlick)" erfüllt, wenn der Verbrauckier den Betfiminunge?: dieser Bekanufinachung bis zu??: 15. Dezeinber nachge ko Minen fft.
Lingc'arzSt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redattwn dem Publikum gegenüber keinerlei
LeramworLung.)
Gießen. 30. Dezember 1918.
Herrenlose Pferde.
Schon seft einiger Zeit wird beobachtet, daß herrenlose Pferde im Wali^ umherirven. So sah ich a?:ch gestern am alten Anmröder Weg wieder zwer solch arme Tiere, gairz durchnäßt, matt und abgemagert: das eine hatte ein sehr dick angeschwollenes Bein, so daß es sich kaum fortbewege?: konnte. Kann für diese armen, bejammernswerten Geschöpfe, die alle Mühsale des Krieges mft- aenracht haben, keine Unterchinft und Flitter beschafft iverden? Die tranken T:ere müßten auf schnellfte Art getötet werden, nicht fbäfc fie langsam und gualvoll zugrunde gehen müssen. Hier müßte doch wirklich bald Abhilfe gesck-affen wnden. H. D.
Bissige Hunde.
Seit efiriger Zeit treilren zivei deutsche Schäferhirnde ihr Un- wesei: i?: der Näh? der städfi'chen Bleichen a?:f dem Inrplatz, indem sie jeden Passanten anfalle:: wrd auf das gefährlichste belästigen. Wiederholt wurde?: ahiningslos da hingel)e-.che Kinder von diesen' Bestien m:gesallen und übel zugerichwt, so daß das Passieren dieser Strecke für Kiitder eine Gefahr bedeurtet. Es wäre gn der Zeit, wenn hier die Polizei oinschreiten würde und sich, dieser Sache annähnre. X.
Letzte Nachrichten.
Da? Steuerprogramm der neuen Regierung.
Berlin, 30. Dez. (WB.) Der Weltkrieg hat dem deutschen Volke iru.g7l)eurc Laste?: auferlegt. Sie können nur getragen iverden, wenn sie gerecht verteilt werde?r Deshalb sind Vermögen und Einkommen in jeder Form erheblich schärfer als bisher heran
znziehen. Ein durchgirifender Ausbau,der direkten Steueri§ n:uß die Grundlage des neuen Steuerwesens bilde:: und ungesäumt: in Angriff geiro?ume?r werden. Zu diese in Zweck hat der Rat derVolksbeauftragten im Eiuvernehinen mit emStaatssekretär des R e i ch s s ch a tz a m t s folgendes beschl- s e ::
1. Zimächst: solle:: die Kriegsgewinne e?.> gezogen werden Und zwar in Form 1. einer außerordentliche?: p.'fiegsabgaüo für das Rechrmugsjahr 1919, loodurch sich die durch Grfetz vom 26. Juli 1918 eingeführte Abgabe vom Mehreinkommc?: und vvur Bernwgen bei Einzelpersonen auf ein weiteres Jahr erstreckt undt die Erhebung der Abgabe von dein Mehrgewinn der Gerckschasien für das fü?:fte Krieg.geschäftsjahr fortgesetzt wrd, nachdem durch Verordnung vom 15.9öol>.?nber 1918 bereits die Bilou?^ ei?rer Kriegssteuerrücklage in Höhe von 80 Prozent der MehrgewinnL gegenüber bisher 60 Prozent vor ge schrieben lovrden ist: 2. ei: rer außerordentlichen Abgabe vom Vermögenszuwachs, ivodurch die wüb'vend der gefaulte?: Tauer des Krieges entstandene Var-; mögensver'mehrung dergestalt erfaßt ?oerde?: soll, daß sie unter Sclionnirg kleiner Beträge in vollem Umfange wieder der Allge- meinhfit zugesührt wird. Tie bereits ans Grn?rd des Kifiegsfeeuer- gesetzes von: 21. Juni 1916 g^ahlte Steuer wrd a?r gere chnet.
2. Von dein nach Einziehüng der Kriegsge,vi>ii:e verblicbeeren; Vernröge?: soll eine gros-e allgemeine Vern:ögensabgabe erhöbe?: werden, die :?:, starker Progresfim: ansteigen, ledoch die Gre?:zeu der v-olksrvirtschafilichen Leistungsfähgkeit nicht überschreite::, Familiensta?ch,, Alter, Erlverbssäh'gkeit ?rnd stcuerpflich- tiges Einkoinmen berücksichtigen, zum mineesten in der Art ihrer Erhebung den verschiedenen Gattungen der Vermöge?:sanlage Rechnung tragen wird. Tie 'Veranlagung muß an einein bestiinmtent Stichtag erfolgen; u?n jedoch die hiermit verbundenen unvermeide lichen Zusällig-keitei: miszngleichen, insbesondere das sich iwch ?ui- trägficb, bilde??de ueue Verinöge?: :?: entsprechender Weist zu belasten, soll i?n Anschluß an die Vermögensabgabe der Ausbau der Besitz st euer erfolgen.
3. Die h o Heu E: u k 0 m m e n sollen stärker belastet werden, indem die Ncichseinkomn:>e?:steuer rmt loeiter gefiährter Progression mrirdestensb für diese Einckommensteuerstufen eingefüh. t wird.
4. Tie einzelne?: Einkommensquelle:: sollen in er- weibertem Umfang der Besteuerung erschlossen und dem Reiche zugänglich gemacht werden. Eine K a p i t a l e r t r a g s st c n e r soll die Erträgnisse des Kapitals lCoupo?:s, Dividenden, Hypothekenzinsen ^ usw.), eine B e t r i e b s e rt r a g s st e u e r. die eineit gewisse?: Mindestbetrag übersteigenden Geioinne geschäftlicher Un- ternehmnngen erfassen.
5. Die Erbschaftssteuer soll unter Wfiterführung der Progression stark erhöht werden; sie soll mrf Mkömmlinge und El>egat!en ausgedehnt lverden. Für die Höhe des Abgabesatzes- soll nicht nur der Betrag der Erbschrft, sondern auch die Ver» mögn'slage der Erben berücksichfigt werden.
6. Eine besondere Borord??ung soll dafür sorgen, daß die zu erlassenden Gesetze auch wirksam, gleichmäßig und gerecht a n s-v geführt werde??. Die Bera??'lag:mg soll überall in die Hände f i n an z te chui s ch besonders vorgebildeter Personen gelegt werden. Sviveit nicht schon die neu zu belebende Steuermoral zu einer wahvheitsgemäßeu Einschätzung führt, soll sie durch staatliche Zwangsmittel unbedingt gesichert werden.
Tie El:twürse zu 1 tEinziehung der Kriegsqe.-vinnch sind bereits Terfi^geistellt: ihre Veröffentlichung ist angeordnet. Amch di' übngen ^Nastnak/meu 7nrd in Airgriff geno-"n:en imb 'jiffleir io schnell wie möglich z:?m 'Abschluß gebrächt we^e?:.
Tie Reichsregierung: Ebert, Scheidemann.
Staatssekretär des Rcichsschatzamts Schiff er.
Forderungen der süddeutschen Staaten.
Stuttgart, 30. Dez. ?(WDB.) In verschiedenen AuK- spvack^en der Regierungen von Bayern, Württemberg, Dadenr? und Hessen, die <:m 27. und 28. Dezeinber in Stuttgart statte gefunden haben, ist einmüfig beschlossen worden, küuffig gemein^ sam hinznwirkeu «xxtf: 1. Neueinrichtung des Deutschen Reiches! ans bundesstaatlicher Grundlage, 2. Schaffung einer aktivussähigen Reichsregierring :md einer 'Nationalversammlung. 3. . schleunigste Herbeiführung des Friedens (für das Deutsche Reich.
Stuttgart, 30. Dez. (WTB.) Tie am 27. Dezember in! Stuttgart versammelten Vertreter (der Regierungen der süddeutschen Staaten -Bayern, Württemberg, Baden und Hessen, siichi dahin übereingekommen, in den Fragen des Lebensmittel-- bezuges aus dem Auslande ein gemeinsames Vorgehen anzusttel>en. Sie Müssen im Interesse ihrer Bevölkerung verlangen, daß .ihnen .Gelegenheit gegeben wird, an heu bevorstehenden Verhandlungen i?n:t Amerika von Anfang an durch eiire gemeinschaftliche Vertretung innerhalb des Reiches teilzunchmen :?nd durch ihre eigenen Einrichtu!:gei^ au der Einftihr von Lebensmitteln, Rohstoffen nsw., sobald eine solche inöglich ist, nach noch zu treffende?: Vereiicharungen unmittelbar beteiligt zu werden.
Sie erklären, daß die Vorgänge im Ruhrkohlengebiek die .schwersten .Beftirchtungen für die K 0 h l e n v e r s 0 r g u n gl und damit die W-eiterführung des Wirtschaftslebens Süddcntt'ch« lands be: ihren Regierungen ertveckeu. Sie halten es daher fi'ir unerläßliche Pflicht der Reichs- und preußischen Regierung, dort alsbald fi'ir die Wiederherstellung geordneter Zustände zu sorgen, imd ersuchen die Reichsregicrung, über die ergriffenen Maßnahmen die süddeutschen Regierungen sofort zu unterricht^:.
As wiikiiittiMk Abenlkütt dts Scmi Kalahüd Jencs.
Romen von A. H. Adams.
(Nack^druck verboten.) (42
(Fortsetzung.)
„O ja, das Ende wird kommen — bald genug; dasselbe Ende für uns alle," fügte sie ernsthaft hinzu. „Es ist kein Zweifel, daß das Ende kommen wird."
„Fräuleiir Sibyl," sagte er, iirdem er sich vo-rberrgte, „was haben Sie? Gaai^ gewiß könnten Sie mir so viel Vertrauen schenken, es mir zu sagen."
Sie schaute ihn wieder in ihrer halb erstaunten, er- wag-eiwen Art an. „Fa." sagte sie endlich, indem sie ihre schlanke Ha::d erhob u?td sie achtlos ins Wasser fallen liest. Vo?r ihren Finger:: zog ein silberner Streif wie ein Strom voi: Phosphorlicht sachte dahin. „Ja, ich kann es Ihnen sagen. Sie sind die einzige Person auf der ga?:zen Wett, der ich es sagen kann. Wer Sie dürfen es Ihrer Frau nicht erzähle?:."
Galahad versprach es voll Eifer. Er rückte um einen Sitz näher heran. „Ja?" ermutigte er sie sauft.
,/Jch must^sterben," brachte sie kalt l)eraus.
„Das müssen wir alle," sagte er, gezwungen lachend, obgleich ihm eine eisige Furcht ans .Herz kroch. Sie war ihm immer so zerbrechlich, so zart erschienen.
„Aber sehe bald — in einer Woche spätestens."
„Sie 7 4 stammelte er schreckensb.eich. obgleich sein Herz chn sagte, daß es gerade dies war, was er tvährend dev
E riken Zeit zu hören gefürchtet hatte. „Gie — müssen -tbe?:!" sagte er mit einem Ausdruck des Entsetzens in u Augen.
erschien ihm so ftrrchltbxrr, so bchammernswert, so sinnlos. Er weigerte sich es in sich anfzunehrnen.
„Ach nein," sagte er, um das schreckliche Schweigei: zu dvechen,. ,.9tein. das ist eine törichte, krankhafte Einbildung voi: Ihnen, Sibyl. Wie tonnen Sie so ettoas sagen? Sie sind cheute abend aufgeregt. Das ist undenkbar, undenkbar .." Jämmerlich brach er ab. Er war ihrem traurigen^
überzeugten Blicke begegnet. Es schi-ei: ihm, al^s ob- sie ans ihn schaute mit dem großen, unbewegten Mitleiden eines weisen Engels, der sich ivundert über die Blindheit eines sterblichen Wesens. In ihr >oar jei:e schreckliche Geüvistheit, die jenseits aller Furcht steht.
„O ja," sagte sie, mehr im: seine Zweifel zu beri:higen, als um ihn aufznklären. „Ich weiß es. Vor zlvei Wochen wurde:: mir gerade noch drei Wochen zu leben gegeben — drei 'Wochen höchstens! Und zwei davon sind verftossen. Zwei davor: sind schon tot."
„Aber das ist ja irnfinnig. Wie köinren Sie das so sicher (wisse:: ?"• Doch während er sprach, fühlte er sich beinahe krank im Gefühl der Gewißheit.
„Hören Sie," sagte sie, sich nach! vorn beugend ivnb ihre nasse, toeiche Hartd, die nicht bluten loollte, empor- ziehend. Und dann in der Einsamkeit a::f dem Wasser, unter dem Schweigen des Hinnnels berichtete sie ihn:.
„Ich weiß nicht, wie es am fing, nur, daß ich mich ganz wohl fühlle his bor ungefähr einem Jahre. Da boganr: ich abzumagern und blaß zu werden und ftihlte mich manchmal sehr milde. Aber das ging lange Zeit so weiter, ehe wir dara:: dachien, daß es etwas Erilsthaftes sein könnte. Dcrnn schickte Vater zu ei?:e?n Arzt. Der Arzt kam, untersuchte mich, gab mir Arznei und sagte mir, daß ich mich nicht auf- regei: solle, anrh nicht ausgehen, iroch mich ernrüden. Ich mußte nahrhafte Speisen m mir nehmen und in: Freien schlafen. Er empfahl eine Seereise, aber Vater loollte mich danials nicht fortlassen, ur:d ich tväre a:tch nicht gegangen. Ich wollte ihn nicht verlassen, er hat niemaiw als mich Aber die Sclfioäche nahm zu, und manchnal war ich so müde, daß ich Igezwn:rgen war, mehrere Tage lang zu Bett zu bleiben. U:ü> dann kam der Arzt regelmäßig, und es kam mir vor, als ob er ernst ansjsä'hv, und Vater wurde zärtlich gegen mich Ma?:chunal t?xtr er sehr streng zu mir gewesen — 0 , ich weiß, er liebte mich immer — aber als ich krank wurde, 'war er ein ganz andrer Vater! Er verzichtete sogar auf sein Golfspiel, tmr, um bei mir im Garten unsres alten Hauses sitzen zu können und mir etwas vorzulesen. Oder, wenn ich zu krai:k tvar, um aufsteben zu können, pflegte er hereiidkvmnwn und mir von der
großen Reise um die ganze Welt zu erzählen, die er mit mir machen wo'le, sobald ich gesuifi) sei . . . lind jetzt — "
Mit einem krampfhaften Zusammenfahren suchte sie sich zu fassen, so daß Galahad in: Gri?nm über die Grausamkeit des Lebens hätte aufschreien mögen.
„Dann kam ihm de:- Gedanke, daß unser altes Hans zu geräuschvoll für mich sei und der Garten nicht abgeschlossen genug — so ka::fte er dies Haus — nur für mich Und ich konnte während all der Zeit nicht verstehen, warum er sich plötzlich so verändert hatte, es war, als könne er es, pichl ertragen, tvenn ich nicht unter seinen Angen war. Mutter erzählte mir, kurz ehe sie starb, daß er sich immer einen Sohn gewünscht habe und daß er sehr enttäuscht gewesen sei, weil ich ein Mädchen war. Aber das gilt nur für die Oberftäche seines Wesens, im tiefsten Jmrern l>at er mich immer geliebt; nur scheute er firi) immer davor, es zip zeige::. O, diese letzten wenigen Wochen halien mir seine Liebe gezeigt. Vielleicht würde ich sie in Wahrheit nie erfahren haben, wenn es nicht — destveg-en gewesen wäre. Er war so hart toegen Horaee. Er sagte mir sehr streng, daß ich für die Liebe noch zu jung sei, es sei nur ei?:e kindische Verble::di:ng, die vorübergel-en würde. Deshalb verbot er ?nir, mit ihm zusannnenznkonnnen. Zlls ob ich es nicht besser gewußt hätte! Ich war erwachsen in dem Augenblick, als Horaee mich küßte. So kam mir Vater da- n:als entsetzlich vor.
Aber es lvar nur seine Liebe zu mir. Ich bekam es ssxiter heraus, daß er mit dem Doktor gesprocl)«?: hatte über das, toas er so leichthin mti) halb im Spaße meine „Liebesgeschichte" nam:te. Der Doktor war plötzlich sel)r ernst geworden. Er sagte, daß ich vor aller: Dinge?: vor jeglicl)er Auslegung behütet lverden müsse; er könne es nicht aus sich Trehmeu, mich irger:deine EKffahr laufen zu lassen. Als ob ich Horaee aufgegebei: hätte, urkd meint es mein Tod ge- wefeu wäre!"
Ulw Galahad verstand den plötzlich llndenschaftlich gewordenen Klanc, in ihrer Sttmme. Für sie war, wie er sab, die Liebe wirklrch das Leben.
(Fottsctzm:g folgt.)


