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rn. 297 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesjenj Mittwoch. ( . Dezember (9(8

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 18. Dezember 1918.

** Tank. Am 16. Dezember hat das Armee-Oberkommando dem Herrn Oberbürgermeister den Tank der 1. Armee ausgesprock-en für den außerordnttlich herzlichen Empfang und die fürsor§?nde Aufnahnw, die die l)eimkehrenden Truppen bei der Barülkerung der Stadt gefunden haben.

** Tie Erlaubnis zur Verlängerung der Polizeistunde erteilt nicht der Arbeiter- und Soldatenrat. sondern das Palizeiamt. Tie Erlaubnis kann wegen der hcrrsckpenden Kokken knapp heit natürlich nur in dringenden Fällen erteilt werden. Tie Anträge sind dem Polizeiamt rechtzeitig, vorzulegen.

** Tie Deutsche Vol ks Partei (früher National liberale «Partei) hält heute abend, 81/4 Uhr, im Stadttheater eine öffent­lich e B e r s a m m l u n g ab.

** In Gefangenschaft. Ter Grenadier Karl Keller von hier, der seit dem 14. Oktober vermißt Wird, hat hierher ge­meldet, daß er sich in amerikanischer Gefangenschaft befindet.

** Pferd «-Versteigerung. Tie für nächsten Dow- Inerskrg den 19. ds. Mts. in Grünberg angesetzte Pferde- Versteigernng fällt aus. Sie wird in Gießen in der alten Kaserne abgehalten. Beginn vormittags 9 Uhr. (Vergl. Bekannt­machung.) t

** An die erwerbst ätigen Frauen und Mäd­chen richtet der Staatskonrmissar für die wirtschaftliche Demobil- müchung in Hessen nachstehenden A'nfrnf: Bier Fahre lang 'habt Ihr mit Eurer Arbeitskraft dem Vaterlande treu ;zedient. Sein Tank ist Euch für alle Zeiten gewiß. Ihr habt in vielen, Fällen die eigentliche sFvauenarbett, vor allem in Haus- und Landwirtschaft, verlassen, um hem Ruf des Vaterlandes ent­sprechend, Männevarbeit zu jtun. Itn diesen Tagen kamen die Truppen zurück, die Einstellung der Rüsttmgsbetriebe steht bevor. Erstes Gebot firr die Heimat ist, Arbeit für die Heimkehrenden zu beschaffen, dafür zu sorgen, daß reder Krieger an seinen alten Platz zurückkehren kann. ^Deshalb fordert heute die Pflicht von jeder Frau welchen Berus sie auch haben mag. ihren Platz den heim kehrenden irnd den aus Rüstmrgsbettieben zurücktommeir- den Männern ernzuräumen. Haben die Frauen zu Beginn und während des Krieges ihre Pfticht erkannt, so erwartet^die Heimat von ihnen, daß sie es auch heute tun. In allen Städten und Kreisen werden die kArbeitsn-ackziweise bestrebt sein, Euch, falls Erwerbstätigkeit für Euch nötig ist, andere Arbeit zu vermitteln.

Letzte Nachrichten.

Die Kelchskonserenz der Arbeiter- und Soldatenräte.

Berlin, 17. Dez. > (Siehe Bericht auf der ersten Seite!) Barth fortsahrend: Wir müssen in Warschau und Moskau alles tun, um zu einer Klarstellung zu kommen. Wir dürfen sunseve Brüder nickst dem russisck>en Winter überliefern. Sie müssen restlos zurückgeführt werden. Landsberg kommt immer mit der Rationalen Ehre. Diese harf aber nicht mitsprechen. Der Grenz­schutz ist doch nicht aufrecht zu erhalten. Ter Grenzschutz im Osten ist eine Kleinigkeit gegen das verbrecherische Treiben der Militär­kamarilla im Westen. Landsberg wie Ebert wollen den Grenzschutz im Westen. Mer von einem Grenzschutz im Westen spricht, be­geht ein Verbrechen am deutschen Volke. Wir verlangen, daß der Wille der Volksbeauftragchen durchgeführt wird. Wer dem nicht folgt, muß nicht mir weggejagt, sondern eingesteckt werden. Die Besetzung der Westprovinzen kostet uns im Jahre 3 l / 2 4 Mil­

liarden Mark. Nimmt die Entente uns auch noch Oberschlesien, und das Ruhrgebiet, so sind wir evlÄstgt. Deshalb Schluß mit «der Militärvomarilla. Die Offiziere haben Verordnungen erlaffen, die sich von denen vor vier Jahren um kein Iota unterscheiden.

Volksbeauftragter Ebert: B^rthhätte als Kollege die Pfticht

gehabt, uns von seinen Angriffen zu unterrichten. (Sehr rrchttg. Unruhe.) Was er vorgctragen hat sind Fragen, die einmütig rm Kabinett erledigt sind, teils noch schwebend. Dazu, gehört vor allen Dingen die Rückführung unserer Osttruppen. Wir haben von Mnßrng an die sckmelltbe Heimführung unserer Truppen betrieben. (Sehr richtig.) Ein genügender Baünschutz mußte ^gefordert wer­den, ebenso Sicherung unserer MunitionsvEräte. Tie Schwierig­keiten sind sehr groß. Die Schilderungen aus dem Open find ernstlich übertrieben. Mles ist ernstlich geprüft worden, -^os Kabinett war sich einig darüber, daß ein Grenzschutz un Osten absolut notwendig 'war. vTie 3Ärhandllmgen mit der Obersten Heeresleitung wegen des 'Grenzschutzes im Westen sind >u>ch nicht abgesckstossen. Die Notwendigkeit eines Grenzschutzes wird cmmer wieder betont. Barth kennt alle Schwierigkeiten dürfte er in dieser Situation solche lAngriffe erheben? (Lebhafte Neinruse. Urrriche.) So kann man nicht zusamnienarbeiten. Lo wird die S-ach nickst gefördert. Wir muffen uns Vorbehalten, wenn nicht Sicherheiten geschaffen werden, »ob wir überhaupt noch rn der Lag? sind, imser Amt Wetter zu ftihren. (Lebhafter Beifall. Hände­klatschen. Hochrufe. Dauernde Unruhe.)

Tie weitere Aussprache über diesen Punkt wird nach einer erregten Gescbäftsordrurnysaussprach abgesetzt.

Seiner t tettt das Ergebnis der Besprechung der Fraktion hinsichtlich der künftigen GeschäMstrndhabnng mit, namentlich bctr. die Wortmeldung und die Einbringung von Anträgen.

Jnzwisckien rücken etwa 30 Soldaten mit Plakaten, die ihre Formationen angeben, in den Saal ein. Ter Sprecher gibt die Forde rangen der Gardetruppen bekannt: Ein­setzung eines Obersten Soldatenrates, zusammengesetzt aus gewählten Mitgliedern aller deutschen Soldatenräte, die die Kommandogewalt ansüben über alle Truppen'des Heeres analog der Marttve. lBravo.) Tie Rangal^eick^n sind verboten: die Offi­ziere sind zu entlvaffnen. (Bravo.) Das Verbot der Rangab­zeichen aller Dienstgrade) sobald die heimM/renden Truppen in der Kaserne ihre Waffen uiedergelegt l>aben. Für die Trs^pilrn sind die Soldaten verantwortlich. Ich bitte, diesen Antrag wfvrt zu erl^igen.

Sceger: Wir nehmen diese Anträge entgegen und werden sie zur Diskussion stellen. (Rufe: Sofort.)

Ein Soldatenrat erklärt daß die Anträge zur Beratung kom­men würden. Heute sei es aver nicht mehr möglich. (Lärm.) Haben Sie Berttauen zu uns. (Es entsteht immer größere Unruhe im Hause, die>zu ungeheurem Lärm sich, steigert, als Ledebour das Wort nimmt, um sofortig? Erledigung der Anträge zu fordern. Tie Mitglieder der sozialistischen M ehrhei t s Par­tei schicken sich an, unter Protestden Saal zu ver­lassen. (Erneuter Lärm.) Haase mahnt zur Ruhe. Er bean­tragt, die heutige Sitzung zu vertagen und morgen an erster Stelle diese Anttäge zu beraten. Ohne Aussprache sei die Annahme der Anträge unmöglich Tie Soldaten könnten versichert sein, daß ihre Reche vollkommen gewahrt würden.(

Tas Hans beschließt unter tosendem Lärm die ^rtagung. Ter Lärm IMt noch mehr als eine Viertelstunde an.

Nächte Sitzung Mittwoch 9 Uhr vormittags.

Schluß nach- 6 Uhr.

Rückkichr der Truppen aus dem Ostrn.

Berli n. 17. Dez. (WTB.) Ein Transport von 625 MAitär- Personen ans Konstanttnopel, darunter 54 Offiziere und außer dem 34 Kranken- und Soldatenheimschwestern, sind nach einer Flchrt von 37s Wochen heute wohlbehalten in Berlin erngetrof- fen . Die Fahrt durch die Ukraine ist ohne Störungen verlaufen. Zwei weitere Transporte von zusammen rund 1000 Köpfen, die gleichzeitig von Konstantmbpel abgegangen sind, werden vor- aussickstlich in den näckjjsten Tagen eintreffen. Nach dem Berich der Angekommenen. die am .22. November Kvnstantrnopel verließen, bot die Stadt ein ruhiges Bild. Das Verhalten der fremden Truppen war korrekt, \

Berlin, 17. Dez. Ueber die Gefährdungder von der Ostfront abziehenden deutschen Truppen durch die

Sowjet-Republik gehen uns Wetter folgende amtliche Mtt- tettungen zu. wodurch die Darstellmry der russischen Regierung über das angeblickL fteundschaftlich Verhallen ihrer Truppen gegm die unserigen in ein bezeichnendes Licht gerückt toerden. In Minsk kam es in folge des vorzettigen Einrückens der Sowjettruppen zu Zusammenstößen. Auf den Bahnhöfen wurden die Räumungszüge feslg. halten. di? deutsch Bahnl-ofsbesatzung tvurde durch planmäßi­gen Ueberfall sein stark überlegener Sonstettruppen. die entgegen der ausdrücklichen Verabredung mit der Bahn während der Nach heran geführt worden waren und um mehrere Stunden verfrüht cirtrücf&en, umringt und durch die Uebermacht zur Eittwaffumtg g?z>vungen. Zerstörungen per Bahn waren unsererseits unterlassen, weil die Bahn laut Vereinbarung mtt den russischn Vertretern für die Abbeförderimg der Kriegsgefangenen benutzbar bleiben mußte. Deutsch Eisenbahnertruppen sind nicht nur entwaffnet, sondern vollständig ausgeplündert worden. Sic haben den größten Teil ihrer Pferde unb Fahrzeuge zurücklassen müssen und ihr Privateigentum verloren. Die deutsch dtegierung erhob gegen das Verhalten der russischn Truppen bei der Sowjet-Regierung aufs neue energischen Einspruch.

Die Rückkehr der deutschen Truvven aus Finnland.

Helsingfors, 17. Dez. (WTB.) Heute sind der Rest der deutschen Truppen und der Stab des Generals v. d. Go l tz auf zwei großen Ueberseedampsern abgereist. Bei der ALreffe versammelte sich eine unübersehbare Volksmenge und brachte be­geisterte Kundgebungen für die deutschen Truppen und für Deutsch land aus.

Die Franzosen in Metz.

Bern^17. Dez. Eine Bekanntmachung des Mürtär-Gouver- neurs von Metz besagt, daß gewisse Deutsche, die im Lande ge­blieben sind, eine Haltung eimrehmen. die dein französischen Be­hörden nickst passe. Amtlich französische Mitteilungen sollen heute zerrissen worden sein. Wenn Deutsch^dabei er­tappt würden, könnte jeder französisch Bürger oder Soldat sie verhaften und der Polizei übergeben. Nach weiteren Mttteillmgav desProgres de Lyon" erhielten auch die Metzer Forts wtb die militärischen Anlagen französisch Namen.

Berliner Ausftände.

Berlin, 17. Dez.Berliner Lokalanz"Tage­blatt" undVossische Zeitung" find nichterschienen, wie es heißt, wegen Streiks.

Amtlicher Teil.

Be tr.: Zurückbringung der Kriegsgefangenen.

An den Oberbürgermeister zu Gießen, die Bürgermeistereien der Landgemeinden de§ Kreises, das Polizeiamt Gießen und die Gendarmerie des Kreises.

Wir sehen Jcher Feststellung und Aeußerung binnen 3 Tagen darüber entgegen,

1. daß die in Ihrem Bereich beftndlichn russischen Kriegs» gefangenen des Lagers Worms durch die Arbeitgeber und Hilsswachleute in das Lager Gießen zurückgebrackst worden sind. Tie Arbeitgeber und Hilfswachleute sind von dieser Anordnung sofort zu verständigen;

2. daß sich in Ihrem Bezirk keine Kriegsgefangenen mehr be­finden, die dem Lager Gießen, Darmstadt oder Meschede an-

hören. Gegebenenfalls sind die Arbeitgeber zur sofortigen, ringung der Kriegsgefangenen in das Lager Gießen anzu halten.

Kriegsgefangene, die Gesuch um Aufnahme in die deutsch Staatsangehörigkett eingereiht haben, also an ihrer Stelle verbleiben wollen, sind mit Namen aufzuführen.

Tie Polizeiorgane wollen die Bürgermeistereien bei Durch­führung dieser Feststellung unterstützen.

Gießen, den 16. Dezember 1918.

Kreisamt Gießen.

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