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Nr. 29 [ zweites vlatl

Eichener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Gberhchen> Mittwoch, N. Dezember ty>8

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 11. Dezember 1918.

** An alle in Deutschland ^-ebenden Frauen aus Amerika, Belgien, England, Frankreich und Italien. Ter Presse geht folgender Ausruf zu, den wir auch den hier lebenden Ausländerinnen zur Kenntnis bringen wollen:

Wir Unterzeichneten Amerikanerinnen, Engländerinnen, Fran­zösinnen und Italienerinnen, die wir in Deutschland unsern dauern», den Aufenthalt haben, fühlen uns in der Not unserer Herzen ge­drungen, den Regierungen der alliierten Staaten wlgende Bitte M unterbreiten: Tie Waffenstillsbandsbcdingningen, die Deutsch­land auferlegt worden sind, müssen, wenn sie peinlich beobachtet werden Zustände Hervorrufen, die der stolzeste Sieger am wenig­sten wollen kann. Die fortdauernde.Blockade, die Wegnahme der Transportmittel, die Belegung der Rheinlande mit feindlichen Truppen und die Beschlagnahme unserer wichtigsten Rohprodukte müssen notwendigerweise zu Hungersnot, Hungerseuchen und Hungertod zahlloser deutscher Volksgenossen .führen. Das kom­mende Elend, unter dem auch wir, die Töchter Eurer Länder, bitter werden leiden müssen, ist nicht anszudenken. Ihr habt der ganzen Welt verheißen, als Sieger bem Recht, der Gerechtig­keit und der Menschlichkeit eine Stätte auf Erden zu bereiten. Nun seid^hr die Sieger seid Ihr des Sieges würdig! Wir bitten die Regierungen unserer Heimatländer: seid mensä-lich und über­antwortet nicht ein Volk dem unsäglichsten Jammer, das sich über vier Jahre tapfer und heldenhaft gehalten hat! Bedenkt auch daß wir in Deutschland, unserem zweiten Heimatland. iväh- rend der Kriegszeit stets freundlich aufgehoben und ritterlich ge­borgen waren. Laßt nicht die Rachsucht den Adel Eures Sieges schänden! Scljafft dem deutschen Volk Erleickfterungen der Wasfen- stillstandsbed'.ugungen und seid gewiß, daß solcl>e Nachgiebigkeit Euch nicht als Schtväche, sondern als Größe gedeutet werden wird!

Lucy Thayer Gregory, aus Cambridge, ?Rassachusetts; Ann Fischer g.'b. Wäkeman, aus Birmingham; Emma Mehl- Horn geb. Besannen aus Glay bei Montböliard; Cecile 5krast geb. Grangie. aus (Lahors (D6p. Lot); Antonietta Soanferlabo Lüpke aus Cvnegliarv.

Damen, die fid> bei dieser Bestrebung beteiligen wollen, werden gebeten möglichst innerhalb drei Tagen ihre Namen der Redaktion desGicßener Anzeigers" oder Herrn Geh. Kirchienrat Professor D. Dr. Krüger mitzuteilen.

** Ernennung. Lehramtsrefereickar Joses H i p p l e r zu Bansheim wurde zum Lehramtsassesfor, Schreibgehilfe bei dem Amtsgericht Grlinberg Karl Rahn als Schreibgehilse bei dem Amtsgericht Gießen ernannt.

** Von der Un iversität. Die Zahl der für das Winter­semester 1918/19 an hi siger Univer HLt angem ldeten Studrerenbsn beträgt 1946 gegen 1409 im vorigen Seucc,rer.

** Deutschnationale Volkspartei. Man schreibt uns: Auch hier hat sich eine Ortsgruppe der Deutschnativnalen Vvlkspartei gebildet. Dieser Partei haben sich bekanntlich sämtliche Gruppen der Rechten des Reichstages entweder schon angeschlosfen, icker sind im Begriffe, es zu tun. Sie hat aber auch schon Zuzug aus liberoleit Kreisen, bcsmtders vom rechten Flügel der National­liberalen erhalten. Aicmeldungeu nimmt entgegen Oberpostsekretär Kvhlhast. Bückingstraße 2. Näheres siehe Anzeige.

** Der Verein selbständiger Schuhmacher hielt am Montag bei Gastwirt Laichinger eine gutbesachte Versamm- l ung ab. Nach einer Begrüßung der Erschienenen durch Schuh- rnachermeister Ehr. Weeg fand eine eingehende Besprechung des L e h r l i n g s w e. s e n s statt. Hierbei .wurde besonders zum Aus­druck gebracht daß zur Heranziehung eines tüchtigen Nachwuchses für das Schuhmachergewerbe unbedingt auch seitens des Meisters Opfer gebracht werden mstßtcn, damit die Eltern schon während der Lcchrzeit die Vorteile der Erlernung eines Handwerks erkennen würden. Dem Lehrvertrag sollen deshalb für die kommende Zeit folgende Richtlinien zugrunde gelegt werden: dreijährige Lehr­zeit, wenn möglich Gewährung von Kost und Logis, oder, soweit die nicht angängig, Zahlung einer Vergütung. die im ersten Jahre 100 Mk., im zweiten Jahre 250 Mk., im dritten Jahre 500 Mk. betragen soll. Im wetteren Verlaus der Verhandlungen hielt Berufsgenossenscliaftssckretär H. Kirchner-Gießen einen kur­zen Vortrag über die für den Handwerker nächtigsten Bestimmun­gen des neuen 1l m s a tz ste u e r g e s e tz es. In der Aussprache wurde besonders auf die Wichtigkeit der Anlage einer geordneten Buchführung hingewiestn und darauf aufmerksam qema.ä)t, daß die Geschäftsstelle des Ortsgewerbevereins Gießen die ordnungs­mäßige Führung der Bücher für Handwerker übernimmt. Auch die übrigen Punkte der Tagesordnung: Lederbeschaffung, Ver­öffentlichung der Richtpreise, Beibehaltung der Barzahlung be­sonders für Reparaturen, Zusammenkunft zu Ehren der aus dem Felde zurückgelehrten Berufskollegen, gaben Anlaß zu eingehender Ausspvache.

** T ruppendu rchM ärsche. Die 8. bayerische Reserve­division. die am Montag zum Teil durch Gießen zog, ist gestern mit dem letzten Teil hier durchgezogen und bezieht Unterkunft im Raume östlich von 'Staufenberg. Ter Divisionsstab beftndet sich in Großen-Buseck.

** P sketch per re. Laut Mitteilung des lchesigen Postamts können am 10., 11. und 12. Dezember gewöhnliche, Eil- und Wertpakete nicht angenommen werden. Die Meldung konnte nicht früher erfolgen, da sie verspätet hier eingeMurgen ist.

** Teuerungszulage für die Organisten in den -Landgemeinden. Das hessische Oberkonsistorium empfiehlt den evangelischen Kirchenvorständen, daß in den Gemeinden, in denen noch ein auf Grund des Gesetzes vom 28. Mai 1904, die Er­höhung des Orgcmistengehaltes betreffend, auf 150 Mark bzw. 200 Mk., lZw. auf einen den vorliegenden Verhältnissen Rechnung ttagenden Betrag festgesetztes Mindestgehalt gewährt wird, bis aus weiteres 50 Prozent dieses Gehaltes als Teue­rungszulage an den Organisten ausgezahlt werden. Ebenso wird empsvlflen, daß die Gemeinden, welche schon bisher ihre Organist-ergehälter über dosMnidestmaß festgesetzt, indes den gegen­wärtigen Teuerungsverhältnissen noch nicht Rechnung getragen

haben, ihren Organisten eine den Verhältnissen entsprechende Teue­rungszulage gewahren. Es ist erwünscht, daß die Wirkung dieser Zulage schon mtt dem 1. April 1918 beginnt. Wo dies nach dem Stand der Mittel ausgeschlossen ist, wird der 1. Oktober 1918 als Beginn für die Teuerungszulage empfohlen.

Landkreis Greßcn.

e. Tie Bezirks! ehrervereinc Grvßen-Linden und Gießen-Land haben sich auf einstimmigen Beschluß in einen Verein zusammengeschlossen, der den Namen Gießen- Land führt.

** Jnheid n, 10. Dez. Der seit 20. Oktober vermißte Müsketier Karl Schmidt, Reserve-Infanterie-Regiment 222, 2. Kompagnie schrieb seinen Angehörigen, daß er sich gesund und mwerwundet m englischer Gefangenschaft beftndet.

Kreis Büdingen.

e. Al ten st ad t, 9. Dez. Leider fiel noch in den letzten Tagen des Weltkrieges der früher hier bedienstete Lehrer Heinrich T h e i s. Leittnant d. Res., Jn5>aber des Eisernen Kreuzes 2. Kl., der Hessischen Tapferkeitsmedaille und des Kriegsehrenzeichens in Eisen. Erst im letzten Herbste tvurde er kricgsgetraut.

§ Herchenhain, 8. Dez. Gestern nachmittag 2 Uhr wurden unter einem großen Trcmergefolge die beiden Kinder der Ehe­leute Karl Winter II. lfter zu Grabe getragen. Die 18jährlge Lina Winter und der 14jährige Karl Winter starben nach kurzem schweren Kranksein wenige Stunden voneiimnder und ltnirben in ein Grab gebettet. Im vorigen Jahre starben in derselben Familie zwei Kinder an ber Ruhr.

e. Ulfa, 9. Dez. Der Gefreite Otto Ludwig wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. .Kl. ausgezeichnet, früher erhielt er bevetts die Hessische Tapferkeitsmedattle.

Starlenbnrn und Ntieinhessen.

= Mainz, 9. Dez. Nachdem schon am Sonntag die fran­zösische Militärmission hier eingetroffen war, haben heute nachmittag kurz nach 2 Uhr die ersten größeren Truppenverbände ihren Einzug in die Rhettrfestung gehalten. Kurz nach dem Einzug veranstaltete ein Infanterie-Regiment unter Fan scrrenkl äugen «einen Umzug durch die Hauptstraßen, von der Bevölkerung mit größter .Kühle und Reserviertheit begrüßt. Die letzten deutschen Truppen hatten.Mainz in der Nacht zum Sonntag unter herzlicher Ver- abschicdmrg von der Eiwvohnerschaft verlassen. Im ganzen rheinhessischen Gebiet, einschließlich Manrz, kam am Z-onntag die westeurvpäisckie Zett zur Ettiführung. Das Stadttheater ist sett gestern geschlossen.

Letzte Nachrichten.

Der Einzug der Garde in Berlin.

Berlin, 10. Dez. (WB.) Ucber den Einzug der Garde in Berlin meldet dieB. Z. a. M." u.a.: Mtt militärischer Pünktlichkeit setzte sich um 11 Ul/r die mtt Ruhm bedeckte Garde- Kavallerie-SchützendiVision in Bewegung. Brausendes Hoch und .Hurrarufen gmßen die Tapferen. Sämtliche Formationen mar­schieren zu Fuß, nur die Offiziere sind berttten. Jede einzelne Abteilung trägt eine große schloarz-weiß-rote Fahire, oben mtt Tannenreisern geschmückt. Am schvcrsten mitgenommen ist das Garde-Kürassierregiment, das in den letzten Kämpfen an der Aisne fast ganz anfgerreben wurde. Es blieben nur 48 Mann und zwei Offiziere. Tie Spitze des Zuges bildet das Bundesbataillon. in dem Abgesandte bayerischer, württembergischer, badischer und sächsischer Truppen die Einheit des soldatischen Geistes verkörpern. Es folgt der Tiviswnsstab des Generalleutnants von Hofmonn, dann der endlose Zug der Garde- und Leib-Kavallerie-Reg irnenter.

Volköbcanstragter Ebert

richtete am Brandenburger Tor an die einziehenden Gardetruppen folgende Ansprache:

Kameraden, Genossew, Bürger! Eure OpHer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat Euch überwunden. Erst als die Uebermacht der Gegner an Menschen und Material immer drückender tvurde, haben wir den Kampf aus- gogoben. und getreu Eurem Heldemmtte gegenüber war es eine Pflicht, nicht noch zwecklose Opfer von Euch zu fordern. Erhobenen Hauptes dürft Ihr zurückSchren. Nie haben Menschen Größeres geleistet und gelitten als Ihr. Namens des deutschen Volkes sage ich Euch tiefinuigen Tank! Nun liegt Deutschlands Einhett in Eurer Hand. Sorgt Ihr dafür, daß Deutschland beieinander bleibt, daß nicht das alte Kleinstaatenelend uns Ivieder überrennt, daß nicht die alte Zerrissenhett unsere Niederlage vervollständigt. Rettet Ihr die Einheit der deittschen Nation, die Ihr nun Bürger werdet der einen, der untrennbaren deutschen Republik. Und dann geht mit uns an den Wiederaufbau des Zerstörten. Arbeit ist die Religion des Sozialismus, arbeiten müssen wir mir aller Kraft, mit ganzer Hingabe, sollen wir nicht zugrunde gehen und ver­kommen, sollen wir nicht zum Bettelvolk herabsinken. Ein Reich der Zerstörung habt Ihr verlassen, die Pforte ireuen Schaffens tut sich vor Euch auf. Eure Tatkraft, Euer Mut, die draußen nie erlahmten, müssen uns zu neuem Friedensglück führen. Bald schlägt^die ersehnte Stunde des Friedens, bald wird die kon­stituierende Nationalversammlung die Freiheit und die Republik fest verankern durch den unantastbaren Willen des ganzen deutschen Volks. Uird so laßt mich Eure Treue zur Heimat, die uns allen gemeinsame Liebe zur Einheit Deutschlands, unsern Stolz auf die Freiheit und die große unteilbare deutsche Republik zusammensMießen in den Ruf:Unser deutsches Vater­land, die deutsche Freihett, der freie Volksstaat, Deutschland sie leben hoch !"

Ansprache des Führers der republikanischen Soldatenwehr.

Berlin 10. Dez. (WTB.) Bei dem Empfang der Garde richtete nach den Regierungsvertretern der Führer der republi­kanischen Soldatenwehr Feldwebel Suppe eine Ansprache an die Truppen, in der er sagte: Wir Unteroffiziere haben uns zusammengeschlossen, um der Regierung Ebert-Haase den Rücken

zu stärken gegen das terroristisch: Gebaren Liebknechts, der Spar- takusse, Deserteure und ähre Mitläufer. Bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung, die dein delttscl>en Volt' allein die polittschen Rechte, die Ordnung nach innen und die Sicherheit nach außen geben kann betrachtet! wir die Regierung Ebert-Haase als die einzig rechtmäßige und lehnen alle Arten von Nebenregierungen mit Entschiedenheit ab. Wir wollen, den endgültigen Frieden, den unsere Feinde nur mit der Vertretung des gesamten deutschen Volkes schließen werden. Darum schnelle Einberufung d e r N a- tionalversammlung, in der auch die Feldtruppen selbst­verständlich eine geordnete Vertretung haben müssen. Nur so rverdeu wir vor dem Einmarsch der Entente bewahrt. Ruhe, Ordnung und Sicherheit, dann kommt Ar beit und Brot Euch von selbst! Es gilt, mit der Regierung Ebert-Haase aufzubauen, nicht weiter zu zerstören!

Eine Unterredung mit Schcidemami.

J Am st erd am, 10. Dez. iWTB.) Nach einer Reutermeldung aus London hatte der Berichterstatter desDaily Expreß" in Berlin am 6. Dezember -eine Unteri-ednng mtt Schcibemann, worin dieser u. a. sagte, daß die deittschen Friedensbelegicrten von der jetzigen Regierung ernannt loerdeu würden, daß darüber aber noch keine Beratuug-en stattgefunden hätten. Auf die Frage, welche Bürgschaften Teutschl.rnd den Alliierten für die Festtgkeit der gegen­wärtigen Regierung geben werde, antwortete Scheidemann, die Bürg,chast dafür würde die möglichst baldige Einberufunc: der Nationalversammlung sein. Auf die Frage nach der Haltung der heutigen Negierung gegenüber dem Kaiser und der Forderung der Alliierten, daß er vor ein Gericht gestellt werden solle, antwortete Schndemann, die Frage der Errichtung eines ORrichtshofes. der über alle Persozren, denen die Schittd an dem AuSbruch des Ktieges beigemessen werde, aburtetten solle, werde jetzt besprochen. Tie Entscheidung müßte von der Nationalversamm­lung gefältt werden. Schndemanu sprach als seine Ansicht aus, daß der 5vcriser bereffs genug bestraft sei, daß aber sein Anteil an der Verursachung des Krieges deuttich festgestellt werden müßte.

Der Oberbürgermeister von Köln fordert Einberufung des Reichstags.

Kölm 10. Dez. Der Oberbürgerineister Adenauer richtete, une dieKöln. VoWztg." meldet, folgendes Telegramm an den Ireichstagspräsidenten F ehren buch: Im Namen der Metropole i>er nach untrüglichen Mitteilungen aufs schwerste gefährdeten Rheinlaridc bitte ich aufs dring-.mdste, den Reichstag zur Bestäti­gung der Negierung Ebert-Haase nachLimburg an der Lahn oder nach Koblenz sofort cinzubernfen. Eine zu Friedensver- handlungen fähige Regierung sofort herzustellen, ist die dringendste nationale Notwendigkeit. Nur auf diesem Wege ist ihre sofortige Schaffung möglich. Ein ähnliches Telegramm hat der Ober- bürgerinecster von Kvblenz geschickt.

TerVorwärts" gegen Adolf Hoffmann.

TerVorwärts" toendet sich in seiner gestrigen Mendausgrbe mit großer Schärfe gegen die Ajeußerimgen des uriabhmrgigen preu- ßischeir Ministers Adolf ,Hofsmann der erklärt hatte, hie kon­stituierende Nationalversammlung müßte, wenn sie nickxt in der Mehrheit sozialistisch wäre, nach russischem Muster mtt dem Bajonett au sein an dergejagtiw erden. DerVor­wärts" schreibt dazu: Wir müssen dazu erklären, daß wir nicht imisljande sind, ldie Aieußevungen des Ministers zu decken, wir müssen sie vielmehr preisgeben. Tie Nationalversammlung, die von allen mehr als 20 Jahren Deutscknen ohne Unterschied des Geschlechts gewählt werden soll, ist der Willensausöruck des Volkes, dem wir uns alle unterordnen. Wir betrachten jeden Versuch, sich gegen den Willen des Volkes aufzulehuen, als verbrecherisch u»rd halten die Anwendung jedes Mittels füx seine Abwehr für geboten. Wir halten die Auffassung des Ministers Adolf Hoffmann aber nicht nur für grundsätzlich verwerflich, sondern auch für dumm, (denn die Deutsckien sind keine Russen und sie dürfen nicht dulden, daß man ihre rechtsmäßig gewählte Vertretung mit dem Bajonett auseinanderjagt. Wir bedauerix aufs tteffte, daß ein Mitglied der gegenwärtigen Regierung eine solche Aeußerung tat und daß ein früherer Sozialdemokrat sein Programm so gründlich vergessen kann.

Die Räumungen im Osten.

Berlin, 11. Dez. (WTB.) Tie Räumungen im Osten werden fortgesetzt. Tie Heeresgruppe Mackensen hat BefeU. den Rückmarsch mit der Bahn und den Fußmarsch fort­zusetzen. Eine Reihe weiterer Formationen der Heeresgruppe ist in Deutschland eingetroffcn.

Die Sozinlisierung von Betrieben.

Danzig, 11. Dez. (WTB.) Wie kürzlich mitgetettt worden ist, hat der G/heime Kommerzienrat August V e n tz k e in Graudeuz feinen ganzen Betrieb zwecks Sozialisierung seiner Arbeitern schaft zur Verfirgung gestellt. Nach einer Meldcmg derDauziger Zeitung"^ haben nunmehr die Arbeiter beschllossen, dieses Angebot abzulehnen weil sie eine heradgehende Konj'mrktur befürchteir und es für besser halten, rvenn das Unternehmlen in einer starken Harrd bleibt.

Plüi derungen und Straßenkämpse in Aussig.

Prag, 10. Dez. Im Aussig kam es gestern nachmittag und abend zu umfangreichen Plünderungen. Große MensckLN- mengen drängten in die .Kaufläden ein und zerstörten und plün­derten. Polizei und Votkswehr waren völlig ohnmächtig gegen die lobende Masse. Gegen 8 Uhr abends zog der Soldatenvat Verstär­kungen heran, doch vermochten sie den Plünderungen keinen Einhalt zu tun. Es wurden Gewehre und Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt und bis in die Abendstunden stark gc- schiossen, wobei bisher 3 Tote und 5 Schwerverletzte zu verzeichnen sittd. Tie Zahl der Leichtverletzten ist »ehr groß. Bis 11 Uhr abends dauerten die Plünderungen noch an. Auch in dern benachbarten Schönwiesen kam es beretts nachmittags zu Aus­schreitungen, wobei das Militär von der Waffe Gebrauch machen mußte. Mehrere Personen wurden dabei verletzt.

Das wiiiiijtksiiine Sl&fntfnrr dcs $frrn MW Jones.

Roman von A. H. Adams.

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(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Em sah ihn in einem ganz neuen Lichte. Er, ihr Ehe­mann, hatte gez-eigt, was in ihmiwnr, er hatte seinen Gvgner Au Boden geschlagen. Des Weibes elvige Bewunde­rung männlicher stärke verklärte ihr hausbackenes Gesicht. Sie entsann sich, daß er einst, ehe sie verlobt waren, einen frechen Lüinmel, der sie auf der Straße angesprochen hatte, auf die Nase hieb. Das war der eigentliche Anfairg ihrer Be- ziehungeir zu Gally gewesen. Zufällig hatte sich Gally damals geirrt und den Unrechten Mann gezüchtigt das hatte tl)ii fünf Schilling gekostet. Aber daß er irgendeinen Menschen ihretwegen geprügelt hatte, das hatte sie mit glückMigen Schauern erfüllt. Galahad war ein Mann.

Obgleich sie seit ihrer Verheiratung keine Anzeichen solcher Berserkertwrt mehr au ihm tvahrgerwmmen hatte, so hegte sie doch in ihrem Herzen ein ganz unbegründetes, aber ebenso tveibliches Zutrauen zu seiner Streitbarkeit. Ihr Mann wußte sich sein Recht zu wahren. Gerade die Erinnerung an jenen seirrdlichen Zusammenstoß brachte sie darauf, begierig weiterzufragen:Du hast es um meinet­willen getan, oder wegen etwas, das er von mir gesagt hatte, ooer von einem der Mädchens'

Einen Augenblick Kang lvar Galahad versucht zu lüaen; ober er hatte darin so wenig Uebung.Nein," geftatto er ein, indem er das ganze rosige Zuttxruen seiner Frau ^erj.chmettrrte. ,Min, es war wegen etwas andevem."

Flink war sie auf der Fährte.Wegen einer andern Frau?" klopfte sie sehr erregt auf den Bttsch

Em, ich kann dir's jetzt nicht sagen," gestand er kläg­lich ein.Ich weiß nicht, was daraus entstehen wird etwas Schreckliches, fürchte ich. Und lvenn ich morgen ver­haftet werde und meine Stellung verliere und"

Er konnte nicht tveiter. Sibpl tvar fort, seine Stellung an der Bank wankte und nun auch noch Em! Seine Frau las sein ganzes Elend in seinen Gesichtszügen; eine Woge des Mitleids und des Mitgefühls schwemmte ihren weib­lichen Zorn hinweg. Er, ihr Mamr, ftarrd allein der Welt gegenüber, tvar in Schande gestürzt und hatte niemand, der an ihn glaichte. In diesem Augenblick begriff sie alles. Auf jeden Fall gehörte er ihr; ei? war stets ein guter Ehemann gewesen und nun brauchte er sie in seiner Not. Die mütterlichen Gefühle triumphierten. Sie ging aus ihn zu und faßte ihn beim Arm.

Armer Gally!" sagte sie.Ich bin da und stehe dir zur Seite. Du wirft sehen, es wird alles gut werden. Nun erzähle mir alles, unc> wir werden sehen, was zu machen

Aber ihr Gatte schüttelte nur stumm oen .Kopf.Du wirst es erfahren," stteß er endlich mühsam heraus.Jeder­mann wird es erfahren, jeder auf der Straße, jeder auf ber Bank. Aber ich kcnrn er dir jetzt wirklich nicht sagen."

Sie war enttäuscht und verletzt, aber ein wetterer Blick auf ihren entmutigten, gedemütigten und ausgestoße­nen Gally machte sie tvieder weich. Er würde es ihr später schon sagen, sie konnte es nach und nach aus ihm heraus- dringeu, aber er durste jetzt nicht gequäll und beunruhigt

werdeir. Sie mußte ihn mit ihrer Sorge umgeben, ihm zei­gen, daß wenigstens sie an der Seite ibres gesetzlich, ange- trauten Ehemannes stehen würde. In ihrer tüchtigen, mas­siv-nüchternen Art konnte Em prächtig sein.

Es wird schon alles gut gehen. Gally." sagte sie be- sänfttgend.Tie Dinge werden nicht mehr so trübe aus- sehen, wenn du erst einen Löffel Suppe iin Kagen hast. Noch da^u naß!" fügte sie hinzu, als ihre Hausfraüenan.gLn die kleine Wasserlache auf.dem Fußboden bemerkten, die aus seinen Stiefeln gesickert tvar.Bist du in den Hafen ge­fallen? Schnell, du wirst dir den Tod holen,'wenn du mit nassen Füßen da stehst! So ein Gedanke! Setz dich und zieh sofort die Stiefel ans! Und ich will dir im Augenblick eine Dasse heißen Tee bringen."

Halb führte sie, halb schob sie ihn zu einem Stuhl hin; und als sie an seiner niedergedrückten Gestalt hinabsll>aute und den stummen Blick der Dankbarkeit in seinen Augen auffing, da spürte sie ihre mütterlick)en Gefühle wiäer emporsbeigen, und chr Blick verschleierte sich. Er war eben nur ein Kind, ein Kind, das gehätschelt urw bemuttert werden mußte. Die Männer sind alle Kinder, wenn sie in Kummer geraten oder krank werden, und ihre Liebe zu ihm war längst in der weniger selbsffüchtigen mütter­lichen Sorge Mlfgeganaen. Daruin war sie in ihren Augen­blicken der Zuneigung dahin gekommen, ihn als Kind zu be­handeln, ihm das spärliche Haar zu streicheln, seinen Rock Lurechtzuzupfen und nachMsehen. ob seine Krawatte gerade sitze und sein Toast hübsch gebräurtt sei.

(Fortsetzung folgt.)