Kr. 276 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag. 23. November $18
Aus Stadt ernd
Gießen, den 23. November 1918. Wenn sie Heimkehrer,.
Wenn sie heimtehren:
Nicht mit Jubel lvvllen mir sie ehren.
Nicht mit Jauchzen ihnen b<mfeit —
Nur Fahlien l>öch, um die sich Tcnmenzweigc ranken,
Ein freies Äuge, das nicht lauge sucht und fragt.
Ein stummer HLiidedruck, der alles sagt:
So wollen nur empfang«: sie und ehren,
Wemr sic hei Ehren.
Sic sollen unter Kranz und Blumenwinden Dic deutsche Heimat treu und stolz rroch finden,
Und jeder Wimpel, jede Fahne soll es ihnen sagen:
„Ihr braucht, ihr sollt den Blick nicht Niederschlagen!"
Wer so wie ihr der Heimat Herd Mhütet, '
Wer jo wie ihr gestmrden hat, loo Not und Tod gewütet Und cnrs<?-:harrr im ungleich schtver«: Ringen —
Tas ist ein Held, und Helden sind nicht zu bezwingen!
Wenn sie hcimüchren.
Mit linden Händen woll'n lvir chnen wehren GcdaEn. Sorgen, die sich rasch und heimlich spinnen.
Und all:s schwere, düstre Sinnen.
Dann nwllen allen ihnen wir es sagen:
. Die Heimat steht bereit nach schonen Tagen!"--
Sie kommen — und sie kommen hoch in Ehren,
Wenn sie heimkchren ....
1 Curt Reinhard Dich.
«-
** Als vermißt gemeldete Kriegsteilnehmer haben ans eng<isck-er Gestmyenschaft geschrieben, nämlich der Schütze Wilhelm Hvhmeier von hier, im aktiv. Inf.-Regt. Nr. 65, 8. Komp und der seit 23. August vermißte Wehrmanu Heinrich Pfeil, R-cs.-Hns.-Regt. 87, 5. Komp. — Musketier Karl Baiser, Sohn des BaLnarÄetters Ph. Baiser, vom Ins.- Ragt. M, 2. Komp., wstck-cr seit 8. OAober als vermißt gemeldet war, hat jetzt aus französischer Gestmymichaft geschrieben.
** Dic Rückführung von Gefangenen. Die E in- ivokmer von Belgien. Frankreich, Luxemburg und Glsaß-Lothringen müssen nach dem MaffenAtlstandsvertrag binnen 15 Tagen in ihre Heimat zurückgefül,»rl werden. T«es gilh auch für Geiseln, dlinHeklagte und Dcrur eltri smoie für alle Personen, die rn Unter- ssuchungs-. Straf-, Zivil- oder Sicherheitshaft sich befinden, wenn sie zu irgendeinem Zeitpunkte wahrend des Krieges ihren Wohnsitz in einem jener Gebsete hacken mtb nicht etwa freiwillig die^chrift- HcTse Erklärirng abgeben. daß sie ihre Rückführung nicht wünschen Dic Rücksührimg geschicht über das Gefangenenlager in Rastatt. Die StrafarNtnlien sind angewiesen, jene Persmren unverzüglich den Polizeiverwalmngen zur Ueberfüyrung zu übergeben. .Auch die Angehörigen feindlicher Staaten mit Einschluß der Kriegs gkfange- Nen dic sich in den Strafanstalten befugen, werden zurückgeiührt. Rußland und Rumänien rechnen dabei nicht zu den feindlichen Staaten.
** Einhaltung der Lebens mittelvorschrif- t c n. Dem Vernehmen nach ist bei der Bevölkerung, namentlich auf dem Lande, die Ansickst verbreitet, daß mtt dem Eintritt der neuen Regierungsform die bisherigen Lebensmittelvckrschriften außer Kraft getreten seien. Derartigen falsche Gerüchten ist auf das ent schiedenste entgegenyuarbeiten. Die Bevölkerung wird vielmehr erneut darauf hingckviesen, daß die genaue Einhaltung der Vorschriften, betr. Abgabe von Nahrungsmitteln nur gegen Karten,' Verfütterungsverboic ufw., im gegenwärtigen Augenblick mit versckärfter Genauigkeit durchgeführt werden müssen, wenn eine Stockimg der Lebensmittelversorgung in den wichtigsten Ver- brauchisgebieten vermieden werden soll. Wann die von den Entente- ländern in Aussicht gestellte Zufuhr von Lebensmitteln cin- treffen und zur Verteilung kommen kann, und wie groß diese Mengen bemessen sein werden, steht noch in keiner Weise fest. Nur dic strikte Anfrechberbaltung unstrrs Ernährungssys^ems u-rd der Beachtung der erlassenen Vorschriften kann das deutsche Volk vor der Hungwsnot beroahren.
** Kreistag des Kreises Gießen. Am 27. d. M. vormittags 10 Ul>r, findet im Sitzungssaal des Kveisamtsgc- bäudes eine Sitzung des Kreistags des Kreise Gießen statt. Auf d.w Tag^sortnnng stellen: Unter.mtzung von Familien in den Dienst eingttretc-ner Nicmnsckaftcn, Erlaß einer Satzung über die Erhebung von Gebühren bei der Bvmnstoffversorgung, Belämo- fung der Diph:h?rio-Epödemie im Kreise Gießen, Gehalt des Kreis- feuerwcchinspettors Dickore zu Gieß«:. Gehalt des Kreisobst bautechnikers Heberer, Geivalxung einmaliger Kriegsteuerungs- zulagen an die Kreisbcamten und -bediechteten, Wahl von Sack-ver- ständigm für im Kri-gssnll vorz^rnehmende Abschätzungen: Er- tveiterimg der bestelenden Kommission.
** Handelsschule. Tie Vogt'sche Privathandelsschule in Gicß-n, Goethestraße 32, ist im Frühj.rhr 1918 nach den Vor schriften der Bui-desvrlsvewrdnung vom 2. August 1917 um gestaltet worden. Sie bietet zunächst für Zöglinge mit Volksschul bildung die Möglichst, sich für den kaufmännischen Beruf ent weder in einem halbjährigen oder mit Erlernung einer Fvemd- sprackc in einem ganzjährigen Kursus vorzubereiten. Eine höhere Hw-d-lsAche (mit 2 Fremdsprachen) ist für Schüler mit Oberer LllchnnenchHavig bestimmt. Diese kommt auch den Bedürfnissen derchmigen jungen Leute beiderlei Geschlechts entgegen, die, ohne sich dem Konsrnannsbenlne widmen zu ivollen, gerne einen gründ lichen Einblick in das Wsen und die Gesetze des Handels und der Wirtschaft gLvbmen möchten. Näheres ist aus dem Inserat im Anzeigenteil zu ersehen.
** Stadt-Mädchenschule. Der Haushaltungsünterricht wird vom Mowag den 25. d. M. ab in der geioohnten Weis^ weitergeführt. Die Schülerinnen haben sich um 9 Uhr vormittags pünkilich im Schulhause Neustadt einzufinden.
** Verordnung über Arbeitsnachweise. Die Ar- beitsnackweise sollen neu geordnet werden. Es ist dafür bereits eine besondere Verordnung in Vorbereitung. Tie neuen Bestim mungen beabsichtigen insbesondere der herrsck>enden Zersplitterung zu steuern. Man will an das Bcstcl>ende anrnüp'en und die cin-
zeliren Nachweise immer mehr zusammerfassen. Im ern^lnen soll dies in den Gemeinden örtlich durchgeführt weiden. Die Nachloerie einer Stadt oder cttves rusammei'chängendcn Wirtschaftsgebiete ollen so einheitlich dieser Ausgabe dienen. Es soll möglichst vermieden werden, daß für dieselben Zwecke verschiedene Nachwech nebeneinander arbeiten. ^
** Der Oberhessische Kunstverein eröffnet am Sonntag eine Ausstellung von Werk«:, deren Motive meist aus Oierhessen und dem Vogelsbcrg entnommen sind. Die sehr reick> haltige Lljusstellung ist nicht nur von einheimischen, solidem auch voi Bowler, Berliner, Tarmstädter, Haniburger, Kaffeler, Karlsruher Frankfurter, Mainzer und Stuttgarter Künstlern beschickt. AuD sind die für die Gießener Kunstsammlung angekausteu Gemälde „TaviV von E. Erler-München, „Aus der Schlvalm" von W. Tbielmann und „Aus der Cliampagne" von W. Breetorius- München auf kurze Zeit der Ausstellung^ einverleibt. Tie Aus- stellung ist geöffnet Sonntags von 11—3 Uhr, Dienstags und Freitags von 11—1 Uhr. Ter Eintritt beträgt für Nichtmitglieder 50 Pfennig. . .
**OeffentlicheVorträgeüberPhhsiologie. Wr: machen nock>mals auf den morgen, Sonntag, nachm. 5Vi Uhr im Hörsaal des Physiologiscki«i Instituts, Se.ickenbergst-wße 15, ltatt findenden uneutgeltlichm Vortrag von Prof. Dr. B ü r k ne r über „Ha u 1 sinn esempfindungen, Geruch und Ge- ' ch m a ck 4 aufmerksam.
Vüchrrlisch.
Infolge des Papier- rmd Platzmangels können vorläufig die Büchern gän ge Nlrr verzeichnet werden. Eine Besprechung ist nur in deii allerseltensten Fällen möglich.
— Hessische Re so rma t i on s ge schi cht e in Einzel- darstellungm. a Zur Reformationsgesck^ickste Fritzlars. 1. Heft: Jost Runcke, von' Friedrich Hoffniann, Pfarrer zu Obermöllrich und Frcmniünster. Preis 2 Mk. M. Augustin, Berlagsbuch Handlung. Kassel.
— Tie Atomtheorie in ihr^r neuesten Entwicklung. Sechs Borträge von Tr. Leo Goaetz, Prof, an der Universücht München. Mit 30 Abbildungen. Preis 2,50 Mk. Verlag von I. Engelhorns Nachlf. in Stuttgart.
— Die Judasglocke. Schauspiel in vier Akten von Hans Knoblock... Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung, Nackfolger, Stuttgart rurd Berlin. Geheftet 2,50 Mk., gebunden 4,50 Mk.
— Das Zimmer des Wartens. Roman von Thaddäus Rittner. Berlin, Verlag UÜstein u. Co. Preis 4,50 Mk.
Beschlüsse des hessischen Arbei er-, Buuern- und Soldatrn-
rats.
Darm stobt, 22. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Der hessische Arbeiter-, Bauerii- und Svldate-rvat faßte in seiner heutig Vollversammlung den Beschuß, nachstehenden Funkspruch an alle süddeutschen und gleichgesinnten nvrddeittschcn Arbeiter-, Bauern-( und Soldatenräte zu senden: Der hessische Arbeiter-, Bauern- und Soldalenrat verlangt im Einveritändnis mit der hesnicheir Regierung von der Neic^regierung die umgehendste Einberufung der Nationalversammlung, die die alleist wirkliche Vertretung des deutschen Volkes dcrrstellt. Er lehnt einif Diktatur irgendwelcher Kaisen ab. Ter hessische Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat bittet die süddeutschen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte und die iwrddeutschen Arbeiter-,, Bauern- und Soldaten rate, die gleicher Gesinnung sind, gemeinsam mit dem hessischen Arbeiter-, Bauern- und Solüatenrat von der Reichsregiernng obiges zu verlangen. Der heffischc Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat ist der Aniicht, daß im Falle, wo die Reichsregietung die NatiorcalVersammlung nich baldiast eitibe-, rufen kaim und eine DikLrtur in Berlin aufkommen sollte, die! süddeutschen und Gie gleichgesinnten norddeutschen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte gemeinsam mit den Regierungen die Einberufung der Nationalversammlung in einer süddeutschen HaKptstadt veranlassen sollen.
fxfcvd mW SchießeTri in Berlin.
Berlin, 22. Nov. (WTB.) Am Donnerstag fand in der Müllenttaße eine stark befuck^ Versammlung statt, in oer Karl Liebknecht über dic Ausgaben der Itevolutton sprach, sich u. a. gegen die Einberufung der Nattonalversammlung wandte und für die Uebernahme der gesamten öfsaillichen Geivalt durch die Arbiter- und Sollateuräte einttnt. Nach dem Vortrag erzählte ein Soldat^ es seien noch mehrere Kameraden, die mit ihm hätten das Schloß stürmen helfen, später ebenso wie er verhaftet worden und seien im Polizeipräsidium noch in Haft. Ecki anderer Teilnehmer der Versamnitting forderte auf, nach dem Alexan- derplatz zu ziehen uno diese politiscl-en ^Gefangenen zu befreien. Dieser Aufforderung folgten mehrere hundert Personen. Währeiid eine Akbordnmtg im Polizeipräsidium mit dem dieiisttuenden Beamten verlMidelten, gab ein junger Mail einen Pistolenschuß ab. lvvdurch ein Soldat der Sicherheitswache getötet wurde. Darauf eröfincte die Wackle -ein heftiges Ge,vehrfeuer, und die Menge ergrifs die Flucht. Der garrze Vorfall ist unr so bebauerlick-er, als nicht nur ein Mann der Sicherhcits- wack)e sein Leben einbüßte. Er hätte auch vermieden iverd«ü köwvn, wenn man zunächst beim Polizeipräsidenten sich darüber l)l>uskunft geholt hätte, ob v-olrttsckie Gefangene sich überhaupt in dem Polizeigesängnis befänden: und das lvar nickst der Fall. Es wurden im Gegenteil nur solche Gefangenen gewaltsam befreit, .die wegen Diebstahls und Leberismittelschiebungen cingc- liefert waren. Die Freilassung solckxn Leute diertt aber nicht dazu, die Sicherheit in Berlin zu erhöhen.
Eine Lünde^versammlung der Ardcis-er- mw Soldatenräte
Badens.
Mannheim. 22. Nov. (W'TB.) Donnerstag rmd Freitag waren hier auf Einladung des Vollzugscrusschusses des Arbciter- sund Soldatenralcs Morrnheim die Delogierten der Arbei'ter- und Soldatenrätc ganz Badens zu einer Landesversammlung beisammen. Nach längerer Debatte wurde einstimmig
eine Resolution angom'mmen, in der es heißt: Die am 21. mchi 22. November im Bürgerausschußsual der Stadt Ntannh.'inl ta;7ende Versammlung der badisckstn Arbeiter- und Soldatenräte erllärl ich als Vorparlament der freien Volksrepublik. Dieses Vorparlament hat mindestens alle vier Wvckxm zu einer Vollutzung zu- sammenzutreten. Tie vorläufige badische Regierung i>t dem Vorparlament gegenüber für ihre .Handlungen verantwortlich. Die Wahlen zur badischen Nationalversanrmlmlg sollen an b;m von ver vorläufigen Regierung festgesetzten Termin (5. Januar 1919) stattfinden, sofern die ^Legierung ein geordnetes und wirklich demokratisches Wohlverfähren garantieren kann. Ferner i^itrbe folgende Resolution angenommen: Der Landesaiisschuß der Arbeiter- und Soldatenrätc Badens beschließt, bei der vorläufigen Regierung Badens tsahin zu ivirken, daß die deutsche versus- slunggebende Versammlung so bald wie möglich^ spätestens aber anfangs März, zusammenberufeii Ivird.
Das Schicksal der denlsck«en Kriegsgepingenen.
Berlin, 22. Nov. (WTB.) In weiten Bolkskrei,en werden Gerüchte verbreitet, ivonach. deutsche Kriegsgefangene ikmck Friodensschluß zum Wiederaufbau der durch den Kttieg zerstörten Gebiete Belgiens und Frankreichs verwendet werden sollen. Diese Gerüchte stützen sich auf dem _ Umstand, öaß Deutschland bereits beini Abschluß des Waffenstillstandes die feindlichen Kriegsgefangenen zurückgegeben hat, seine eigenen abev nicht erhält. Mle diese und ähnliche Mieldungen sind vollkommen f.mbogründet. Die deutsckM Waffenstillsdandskommission! hat vielmehr vor Unterzeichnung des Waffenstillsümidsabkommens gegenüber den ursprünglichen Vorschlägen Fochs zugunsten unseres Kriegsgefangenen folgendes erreicht:
1. Tie Heimbeförderung der deutschen Kriegsgefangenen, die in Holland uiid der Schweiz interniert sind, wird nste bisher tveücr^ gehen.
2. Alle zugunsten der Kriegsgefangenen während der Tauer des Krieges geschlossenen Verträge bezüglich Behaiidlung, Beköstigung, Beschäftigung der Kriegsgefangen«:, Sonntagsruhe usw. bleiben für die deutschen Kriegsgefangenen lutverändert in Kraft.
3. T-ie Znrückführung der deutschen Kriegsgefangenen in die Heimat wftd bei Abschluß des Präliminarfriedens geregelt.
Deutsche Waffenstillstands kommisffon:
Staatssekretär Erzberger, Vorsitzender.
Dos Programm Lloyd Georges.
Londoti, 21. Nov. (WTB.) Reuter. Lloyd George und Bonar Law erließm ein Manifest mit ihrem Wahlprogramm, das mit ihren letzten Reden übereinstimmt. Es wird darin zur weiteren Einigung aufgefordert. Ferner sprechen Lloyd Georgs und Bonar Law die Erwartung aus, daß der entscheidende Sieg, der Alliierten es möglich machen wird, die Rüstungen allmählich zu vermindern und die Arbeitskräfte rmd das Material für die Friedensarbeiten freiznmachen. Die Koalitions- regierung wird sich evnsthast bemichen, eineii Völkerbwid zui schaffen, der nicht nur die Gesellschaft vor den verhängnisvolles Folgen des Militarismus schützen, sondern auchdas Einvernehmen der assoziierten Völker fördern soll. Es wird nicht nöittg sein, dic/ Preise der Lebensmittel und des Rohmaterials durch neue Lasten! zu erhöhen. Den Kolonien werden Vorzugszölle gewährt werden. Soweit nötig, wird die Regierung die Jndültrien imterH stützen und sie vor unlauterem Wettbewerb durch den Verkauf ausländischer Waren unter dem Fabrikpreis schützen. Die wcitevey Ziele der Regierung werden sein: Sck)ttffung eines Unterhauses- das in direkter Fügung mit dem Volke steht, allmähliche Entlvick- lnng einer verantworttichen Regierung für Indien und dick Lösung der irischen Frage auf der Grundlage der_Selbst- regierung, wobei aber zwei Wege von vornherein ausgeschlossen^ sinh, nämlich die vollständige Abtrennung Jrlarids von der briti- scheii Rogierimg unter das Homerule Parlament.
Die K'rietzskosten Amerikas.
Washington, 21. Nov. (WTB.) Drahtlos^Tie gesam- ^ ten Kriegs kostepi der Vereinigten Staaten bisl zur Unterzeichnung des Wasfenstillstandes betragen Dollar 22 083 660 722.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Entlassungsanzüge.
1. Entlassung der Unterosfiftere urrd Marrnschaften mit mllitärischen Bekleidungsstücken.
a) Sämtliche zur Entlassung kommeriden Mannschaften sind in dem in ihrem Besitz befindliche nTien st anzug zu entlassen, da die rechtzeitige Beschaffung der Zivi-kleider unter den derzeittgen Verhältnissen unmöglich sein dürste. Tie Leute sind zu beldjrat, daß die Rücklieferung des Entlassmigs-- anzuges an das Bezirkskommando baldigst zu erfolgen hat. Bedürftige haben Gesuch? iim unentgettliche Belassung an das Beziicksd>mmando zu richten.
d) Für dic den Mannsck>aften mitgegebenen Bekleidungsstücke sind vom Ersa^-TrupPenteii NachSoeiswrgen in drei'ack>.w Aus- fertig mg mittels Turckffchlags auszuslellen . Die erste Ausfertigung verbleibt beim Truptenleil, die zweite wird in die Entlassungs- Papiere eing'heftet, während die dritte demjenigen Bezickskom- mando, zu,dem der Mann entlassen wird, unmittelbar zu übersenden ist.
o) Wegeii Rückgabe oder Belassimg des Entlassungsanzugesi haben die Bezirkskommandos das Erforderliche zu veranlasseii.
2. Beschaffmrg von Zivilanzügen.
Gesuche um Uebcrlassung von Zivilk.eiöern — unentgeltlich oder gegen Bezahlung — aus den von der Reichsbelleidii.ngsstelle überwiesenen Beständen sind ausschließlich an diejenigen Stellen zu richten, die von den einzelnen Kvmmunalverbänden (Landrats- ämtern iffw.) als zirr Empfangnahme solcher Anttägc berechtigt öffentlich bekannt gegeben loerden.
Tie zu Entlassenden sind zu belehren, daß die Versorgimg mik Zivilkleidern nur durch die örtlick)en Zivilbehörden crfo'gt und daß der Heeresverwaltung Zivilklcider nicht zur Verfügung steheii.
Im Auftrag? des Arbeiter- und Soldatcnratcs:
Tas stellv. General-Kommando.
§liS VüLLtlsüüie AtztütM Lcs ßmn ka.'ühü!» Jeitts.
Roman von A. H. Adams.
(Nachdruck verboten.) (13
(Fortsetzung.)
Gialahad ging auf Pantoffeln geräuschl-os den Gang hinab, sah das Schloß der hintenn Tür nach lind rüttelte cm ben Küchen fenstern; dann drehte er das Gas im Eßzimmer aus und stellte den Gasmesser ab; und auf seinem Weg zum Bett stand er besorgt einen Augenblick still, um an den' Türeu der zwei winzigen Zimmer, in denen die vier Mädchen schliefen, zu lauschen. Die beiden älteren, Käthie und Ruth, schliefen in dein einen, die beiden Jüngsten, Lizzie und Gracie, in dem andern. Aber-es war alles zufriedeu- stellend ruhig. Mit der 5)aud auf der Klinke setties eigenen Schlafzimmers blieb er jedoch wieder stehen. Durch das stille Haus war ein Laut^ fru ihm gadrmrgen — ein Schl"chzen. Wer weirrte da in der Nacht?
Auf den Zehen ging er wieder hinab urid horchte angstvoll vor dem Zimmer der älteren Mädchen. Deutlich kam von dort drinnen ein abgerissenes, schmerzerfülltes Schluchten. Eines seiner Mädck>en weinte vor sick) hin in der Einsamkeit der Nacht. Was mochte gesch?heu sein? Das 5perz des Bat.ers schmolz in einem machtvollen Strom des Mitleidens für sein armes Kind. Welche ,var es? Sick)erlich nicht Ruth, die immer so leichtherzig und fröhM war. Es mußte 5tüthie, die Aelteste, seiu. Sie war Verkäufern! ttt Snaiths großem Schpiittwarengejchüft in Ktt Street
Solch ein hübsck>es Mädchen war sie, erst nerrnzehn, die Zierde der Familie, und hatte ihr ganzes Lebensglück noch vor sich Und nun weinte sie brtterlich in der Muht. Der Vater stand zaudenid da. Sollte er miklopfen mrd fragen, was ihr fehle? Aber das ^oürde nur Ruth rmd vielleicht auch Enr aufwecken. Nein, er hatte keine Lust, seine Frau so spät aufzuwecken. Sie könnte wissen wollen, weshalb Galah^id selber jo spät noch auf sei. — Außerdem — so ging er mit sich selber zu Rate — Käthie bemühte sich, ihr SchluckMn zu unterdrücken. Ihr Kummer war ihr eigenes Geheimnis, oas nicht verletzt werden durfte, selbst nicht ourch ihren Vater. Er wollte am Morgen mtt Em reden, vielleicht würde das Mädchen seiner Mutter Vertrauen schenken. So überlegend, ftaitb der Vater vor der Tür, und nach und nach hörte das Schluchzen auf. Käthie, seine hübsche, unschuldige Käthie, hatte sich in den Schlaf geweint.
Wieder beruhigt, öffnete er leise seine eigene Schlaf- zimmertür. Seine Frau schlief. Er zündete ein Licht an uiid besck)attete es, um sie nicht aufzmoecken, putzte sich die Zähile und zog sich schiiell aus. Dairn ließ er seinen Blick in dem kleinen Zimmer umherschveifen; Kleidungsstücke lagen umhergestrcut, im Bette lag die plumpe Gestalt seiner Frau. Sie lag wie eine ungeschlachte Masse unter dem Deckbett und l>atte den Mund offen; ihr ergraneiides, dünn werdendes .Haar hing unordentlich umher, chr gefurckftes, müdes Antlitz ruhte in friedevollem Schlummer. Eure Hand lag auf der Decke. Er beruerkte zum ersten Male — denn letzt Mauen Alle leine. Siuue wach und gejchäi'ft. zu sein —,
wie hart ihre Finger rvaren, hart von endloser tzmusarbeit. Und plötzlich wurde es ihm klar, daß er, der Em aus Liebe geheiratet, sie zu nichts als seiner Haushälterin gemacht hatte. Das also lvar das Eiide all seiner Liebesschwüre: sie mußte sein Haus sauber halten und ihm sein Mittagessen kochen. Uiid es kam Galahad vor, als ob er Eni schüoeres! Unrecht getan hätte; er hatte jene einst so lveiche Hand hart uiid schuftelig loerden lassen und vielleicht auch ihre Seele verhärtet. Aber war er es denn, der diese schlimmen Dinge getan hatte? War es nicht das Leben v Aber er hatte dabei geholfen, er hatte dabei gel-olferi! Das sah er in sein Gelvisseii ein gegraben, deutlich lvie die Furck>en auf dieser Haich.
Darm bemerkte er mtt jener seltsamen Schärfe des Wahriiehmens, die ihm heute nacht eigen lvar. daß die Halid ferner Frau nicht offen dalag tote' die eiiies Kindes, sondern halb zusanimengekrampft, als ob sie im Traume noch immer den Besen hielte.
Sachte an das Bett treteiid, zog er mtt halbverschäm- tern Gesicht diese ermüdete Hxrno cm seine Lippen uiid küßte sie.
Durch die gairze plumpe Körpernrasse ging ein Sich- regen.
„Du, Gally!" sagte sie schläfrig. „Du kommst sehr spät."
„Ich bin auf der Bank Ml f ge halten worden," flüsterte er uiid löschte die Kerze mrs.
Es lvar die erste wirkliche Lüge, die er seiner Frau jemals gesagt hatte.
äFvrttctzuug folflQ ^ * i .


