ttr. 1b Zweiter Blatt Eießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Samstag. (9. Zannar (9(8
Reichsgrllnöungsfeier der Vaterlandspartei in Gießen.
G i e & e u, 18. Januar.
flirr Feier der Reichsgründung hatte der Ortsverein Gießen der Deutschen Vaterlandspartet seine Mitglieder sowie Gesinnungsgenossen in beit großen Saal des Fürstenhofes eiw- geladeit. Eingeleitet wurde die Feier durch verschiedene Orchester- vorrräge, vaterländische Gesänge und Dichtungen, die infolge tadelloser Darbietung ihre Wirkung nicht verfehlten und die Air- wesenden m die der Bederttung des Tages entsprechende Stimmung versetzten. Pfarrer Kübel aus Frankfurt a. M. hatte die Festrede übernommen, die sich cm die drei Zahleit 1701 — 1871 — 1918 an schloß. Aus der Fülle der dargebotenen Gedanken sei hier mit- geteilt: Der 18. Januar des Jahres 1701, <m dem in Königsberg die Krönung des ersten preußischen Königs, Friedrichs I., vollzogen wurde, war kein weltgeschichtlicher Tag. Das damalige Königreich Preußen umfaßte kaum den vierten Teil des heutigen Königreichs. Verschiedene Gründe ibewogen Friedrich, sich die Königskrone aufzusetzen und dadurch als selbständiger Fürst neben den Kaiser zu treten. Der Grund zu der späteren weltgeschichtlichen Entwicklung war gelegt. Deutschland mußte erst hinabsteigen, die Scheidung zwischen Oesterreich und^ Preußen mußte vollzogen werden, ehe eine Einigung seiner Stämme erfolgen konnte. Das Jahr 1/701 ist ferner. geschichtlich weiter bedeutend als Anfang des 12 Jahre dauernden spanischen Erbfolgekrieges, der durch ferne Mächtegruppierung an den fetzigen Weltkrieg erinuert und schließlich dadurch beigelegt wrrrde, daß England seinen Bundesgenossen, den Deutschen Kaisers, verließ imd in dem, folgenden Frieden für sich ungeheure Vorteile erzielte. Im Osten reißt der tatkräftige Pieter der Große die Mauern nieder, die sein Volk von den westlichen Mächten Europas trennten, er^ obert die Oftseeprovinzen, nimmt Riga weg, baut Petersburg und lenkt den Mick seines Volkes auf Konstantinopcl. Der einzige, der die gefährliche Lage richtig erkannte, war Karl XII.. von Schweden, der feilte Kraft indessen überschätzte und dessen tragisches Ende unS mit Bedauern erfüllt. Deutschland erkannte seine Zeit nicht. Die durch den Großen Kurfürsten begonnenen spärlichen Anfänge einer Ueberseepolittk ließ man ganz fallen. Schwere Zeiten kamen dann über- Preußen und gantz Deutschland zur Zeit des Siebenjährigen Krieges. Bei der ungeheuren Uebermacht, die sich gegen Friedrich verbunden hatte, galt es als ausgemacht, daß Preußen eine «Beute seiner Neider und Feinde werden müsse. Sechs Jahre 'hausten die Russen dam-als in Ostpreußen, die Franzosen drangen bis Roßbach vor. Aber Friedrich hielt sich doch. Die Vorteile aber heimste wieder England ein, das Kanada und so manches andere in die Tasche steckte. Dann kam das Besreiungsjahr 1813. Nachdem Napoleon über den Rhein gejagt worden war, sind keine fremdtn Heere mehr über Deutschlands Grenzen vorgedrungen. Deutschland war befreit, aber nicht geeint. Aus dem Wiener^ Kongreß gingen 39 einzelne deutsche Staaten hervor. Das geschlagene Frankreich wurde aus seine Grenzen von 1792 gesetzt und behielt Elsaß-Lothringen: also ein starkes Frankreich, aber ein schrvaches Preußen war die Losung. England vermehrte seinen Kolonialbesitz. Der 18. Jairuar 1871 brachte dem deutschen Volk -endlich die so langersehnte Einigung. Nicht die deutschen Völker handelten allein, es ist vielmehr das Werk von Fürsten und Volk zusammen, und dieses Werk hat sich glänzcmd bewährt. Das beweist der jetzige große Krieg. Die Radikalen utrd Phantasten von damals waren geradeso wie heute gegen jede Annexion. Unser gutes Schwert niar der einzige Ver> sechter unseres Rechtes. 'Das Glück blieb uns treu. Eine einzige Schlappe hatte den ganzen Erfolg in Frage gestellt und unsera Neider auf den Plar/i «enren Das uns 200 Jahre vorher geraubte Elsaß-Lothringen rmt Lrtraßburg und Metz wurde deutsch, und niemand in England >prach damals von einem Raube. Doch Moltke hatte recht, wenn er sagte: Innerhalb 50 Jahren werden, wir unfern Besitz, unsere Ehre, unsere Wirtschaft und Zukunft verteidigen müssen.'Unser-Heer und Volk hat Ungeheures erlebt und Ungeheures erreicht. 'l>fun dürfen wir uns den Siegespreis nicht aus den Händen winden lassen. Es ist nicht unsere Absicht, uns aus Kriegsziele festzulegen, aber das ist die Ansicht unserer ganzen Marine: Eine 'bedingungslose Zurückgabe Belgiens wäre Verrat gegen uns und unsere Zukunft. Lassen wir uns nicht von den Besiegten -don Frieden diktieren, indem wir einen Ver- zichtfrieden schließen, den ein Tell der deutschen Presse ständig predigt. Vertrauen wir aiif unsere Führer, die uns noch nie bo
logen haben. Der gute Geist unseres Volkes verläßt uns nicht, wenn wir in letzter Stunde das erkämpfen, was für unS Lebensnotwendigkeit ist und unsere Zukunft sichert. Nur eine kleine Weile noch, und wir werden mit dem Dichter sagen können: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland."
Nach dem Liede ,JD Deutschland, hoch in Ehren!" nahm der Vorsitzende, Professor Opitz, Veranlassung, in einem Schlußwort den Anwesenden für ihr zahlreiches Erscheinen, den Mitwirken den: für ihre Darbietungen zu danken, allen aber nochmals zuzurufen, nicht locker lassen, damit wir keinen englischen, sondern einen deutschen Frieden erhalten. Der jgcmeinschastliche Gesang: „Deutschland, Deutschland über alle.'" schloß die eindrucksvolle Feier.
Die von dem Vorsitzenden vorgeschlagenen Entschließungen cm unseren Landessürsten, Großherzog Ernst Ludwig, den Reichskanzler, sowie die Erste ünd Zweite hessische Ständekammer, welchen sich eine Resolution des Ausschusses der Studenten der Gießener Universität cmschloß, fanden einstimmige Annahme.
Diese Entschließungen lauten:
An Seine Königliche Hoheit den Großherzog.
„Euer Königlichen Hoheit huldigen die heute zur Feier der Reichsgründung in ernster Schicksalsstuirde versammelten Mitglieder der Deutschen Paterlandspartei in Gießen ehrfurchtsvoll. Wir wissen uns eins mit Ew. König!. Hoheit in dem stahlharten Willen, gegen die Feinde, vor allem England, uns durchzusetzen urrd keinen Frieden anzunehmen, der uns nicht vor neuen raube-, rischen Uebersällen wirllich sichert und Ersatz au Land, Werten und Geld für die ungeheuren uns zugesügteu Verluste bringt. Wir bitten Ew .König!. Hoheit ehrerbietigst, gleich den Königen von Bayern und Sachsen die feste Siegeszuversicht der Hesselt öffentlich zum Ausdruck zu bringen, und die Bundesratsbevollmächtigten altzuweisen, ben Reichskanzler in seinem kraftvollen Auftreten gegen die Feürde und in dem innigen Anschluß an unsere glorreichen Volkshclden Hiitücnburg und Ludendorsf gegen alle Widersprüche tatkräftig zu unterstützen."
Deutsche Vaterlandspardei, Landesverein Oberhessen.
An den Reichskanzler v. Hertting.
„Wir vertrauen der Reichsleitung, daß sie in engster Ueber- emstimmung mit der Heeresleitung die Gunst der Kriegslage im Osten und int Westen kraftvoll ausnützen roicb. Ter Haupt,'ei nd bleibt England, das mir durch tmseren vollständigen Sieg gezlvun- gen werden kann, die dem deutschen Bottie für seine Kriegs- und Friedensleistungen gebührende Stellung anzuerkenneu. Nicht Verträge, nur tatsächliche M.achterlveiterttng vor allem durch Oberhoheit über Belgien, Einverleibung von Briey und Longwy siche nt den schver erkämpften Frieden. Deshalb keine heimlichen Berl^andlun- gen mit den Westmäch^en, ehe sie den deutschen Sieg voll anerkannt haben. Unsere großen Heerführer verbürgen uns den Sieg, hinter ikm-en steht in unwandelbarer Treue ganz Tentschand."
Deutsck-e Vaterlandspartei, Landes verein Oberhessen.
An die Erste Hessische sotändekammer.
„'Zftkr Feier der Gründung des Deutschen Reiches i Ernstester Schichalsstunde zahlreich versammelte Hessen bitten ehrerbietigst die hohe Erste Kammer, sie lvolle den festen Siegeswillen dcr Hesserr maclstvoll zum Ausdruck brirtgen und dahin dürfen, daß durch kräftiges Auftreten gegen unsere Feinde der Krieg verkürzt und in inniger Uebereinstimnrung mit der Obersten Heeresleitung ein Friede geschlliossen werde, der Deutschlcrtd Machtet Weiterung in Ost tmd West, Entschädigitngen für die erlittenen Verluste bringt und möglichst gegen .Wiederholungen pes räuberischen Ueberfalls von 1914 sichert.
Deutsche Vaterlandspartei, Landesverefn Oberhessen.
An die Zweite Hessische Ständekammer.
„Die hohe Zweite Kammer bitten die zur Feier der Gründung des Deutschen Reiches versammelten Mitglieder der Deutschen Vaterlaudspvrtei in Gießen ehrerbietig, sie wolle tljnren mächtigen Einfluß geltend machen zur Unterstützung eines kraftvollen Auf- tretens der Reichsleitung gegenüber den Feinden und voller Aus- Nutzung der Gunst der militärischen Lage. Auch wir Hessen fordern für Deutschland den Preis seiner heldenhaften Anstrengungen und können nur einen Frieden annehmen, der ganz den Forderungen« Hindenburgs und Ludendorsss entspricht "
Deutsche Barerlandsparlei, Landesve rein Oberoe ssen.
Hochwasser.
js M a r bu r g, 18. Jan. Die Hochflut erreichte vorvergangene Nacht gegen 12 Uhr ihren Höhepunkt. In der Vorstadt Weiden
hausen, ebenso in vielen anderen Dalftraßen ergossen sich> die Fluten in die Keller und in die ebener Erde gelegenen Wohnungen und die Einwohner hatten Mühe:, ihre Sachen tu Sicherheit zu bringen. Noch gestern mittag ivaran ntauche Straßen nur mit Wagen zu passieren. Jln vielen Ortschaften itördlich mtd südlich der Stadt, ebenso im Ohmtal bei Kirchhain ist es nicht besser, manche Dörfer sind völlig vom Verkehr ab geschnitten. -Das Wasser kam so rasch, daß hier urtb da das Vieh nicht mehr in Sicherheit gebracht werden komtte. Bei Friedensdors stürzte die Brücke ein. Seit dem Jahre 1867 hat die hiesig Gegend so kein Hochwasser gehabt. Seit gestern mittag ist nur: wieder Schneefall eingetreten.
ch Bingen, 18. Jan. In D i e t e r s h e i m muß man bis «aut das Jahr 1814 zurückgehen, ehe man ein gleiches Hochwaffer- jahr findet. Diie Flut stjstig so schnell und in so bedeutender Weife, daß viele Einwohner sich nicht mchr rechtzeitig flüchten konnten» und gerade noch den Speich'.c des jHauses als Schutz benutzerß konnten. Die Lebens milttel, die sichet dem Kellern befanden, sind! großenteils zugrunde gegangen. Rasch wurde auch der obere Teil des Ortes von btt Hochflut heimgesucht, und schließlich gestal - teten ftch die Djinge so, ,daß die Einwohner nur noch durch militärische und andere Hilfe -herauSgeürächt werdert Knuten. Das Binger Militär führte mit Autos Nachen der Bürger Schiffer heran und die Binger Schiffer griffen ju, um die Leute zu retten. Vor altert wurden die auf dem Speicher wie überhaupt^ die in Not sich befindenden Leute gerettet. Ein Pionierkommmrdo, das von Bingen aus erbeten mooden nftr, längte an und nahm) die Pump- und Aiusräunrungsarbeiten aus. Dietersheim wurdet durch dieses Wttsserunglück furchtbar betroffen. Auch das aus der anderert Seite der Nähe gelegene Münster wurde durch das Hochtvasser heimgesucht. Das Wasser stand bis an den „Stttmpfen Turm", der an der Ländstvaße sich erhebt. Die „Lache" war gättzlich rntter Wasser. Meterhoch stand das Wasser in den Häusern unt» lWohnrämnen und das Bieh konnte kaum hevausgebracht iverden. Die Mannschaftert^ enter Eisenbahnbau-Kvrnpagnie leisteten tatkräftige, wirksame Hilfe. Auch der uuteve Teil von Sarmsheim wurde unter Wasser gefetzt. Die Häuser mirrbeit sämtlich hcimrge- sucht uu.d überschwemmt. Von der T r o l l m ü h l e aus ist die Nahe über das User getreten. Sie sieht aus, wie ein großer tveiter See, zumal das rechte User,weithin überschwemmt ist. — Landeinwärts, wo die Ufer tiefer als der Fluß liegen/ ist die Ueberschwem- mung weithin festzustellen. In Kreuznach ist die Ueberschwerw- nrung in den Straßen festzust'ellen, wv das Waffer — die Nahe fließt bekannllich mitten^ durch die Stadt -— aus den Kanäle^ herausgeguollen ist. Die unmittelbar an der stiahe gelegenen Straßen und Häuser sind überschwemmt. Eirt Haus, das einem Mechaniker gehört, ist eingestürzt. Das Militär hat auch in Kreuznach tüchtig zugeg rissen, um den Schaden gutzu machen. Jür Hinterland sind einige Dammbrüche imd Dcnnmrutt'chungen vorge^ kommen. — Durch den schiveren Sturm gestern wurde auch der Trajekwerkehr zwischert Dingen und Rüdesheim gestört. Das Boot kam nicht vorwärts, da es gsgqn die Gewalt des Sturmes nicht anzukämpfen vemochte. Es drehte sich verschiedentlich rundhermü.
ch. Vom itte l r Hein, 18. Jän. In Vallendar hat die gewalttge Strömurtg des Rheines 1000 Fäffer mit Marnrelade in den Rheftt gettäebe 2 t. Jedes Faß hall 15 Zentner Marmebrde. ist also ein riesiger Schaden entstanden. Weitere Fäffer liegen noch int Wasser und können nicht herausgebvacht werden.
ch. Bonder Mosel, 18. Jan. Tie Mosel hat imterhalb tae* Niger Sttmdeit eine Höhe erreicht, wie schon llntge nicht mehr, denn sie stteg bei Trier schon über 5,60 Bieter. Tie Kribben und sonstige Älauern sind innerhalb kurzer Zeit verschwunden, die Fährst mußten den Betrieb einstellen: mit frrrdkkrrec Wucht schießen die schweren lehmgelben Fluten dahin. Die Keller wurden allettthcrlben geräumt. Tie tie'er geleg-enen Orte und Telle von Orten itsurberr überschwemmt. Bei Bernkastel wurde der Bahndamm der Aloseltalbahn durch die rasenden Fluten untenvühlt und zum Einsturz gebracht, und zwar auf eine Strecke von 200 Meter. Tie tieferen Landstrecken. sind weithin unter Wasser gesetzt und überschwemmt. Tie Seitentäler der Mosel bringen riesige Wassermengen In Alf wurden die Sturmglocken geläutet, als das Hochvaffer heran kam.
Kopfsstitner
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i s.raschen j. varzügl WrknBfl. Erhältl. is Aoetheireo


