Ausgabe 
28.12.1916 Zweites Blatt
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Nr. 504 Zweiter Statt

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Beilagen:Gietzener Zamsiienblatter" und KrcisMatt für den Kreis Gietzen".

Postscheckkonto: Zranksnrt am Main Nr. N686. Vankverkehr: Gewerbebank Gietzen.

M. Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhejjen

Donnerstag, 2?. Dezember Mb

Zwillingsrund.nucl und Benag: Brüht'jcheUuwerulälS-Buch-n.St iudr. ckereu R. Lauge, Gietzen.

Zchriftleitung. Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulst, aue 7. eschäf ^, leite u. Vertag: <z^&öL, Schriftteüung: 112.

Anschrift für Tr, ht iachrlchten:AnzeigerGieüen.

Aus Stadt und La»rd.

Gietzen, 26. Dezember 19btt.

Verwertung angefrorener und angefaulter slartoffeln. /

Bei der in diesem Jahve herrschenden Kartossellnappheit ist es von außervrdenllick/er Wichttgleit, alle dem Verderben ans ge­setzten Bestände möglichist schnell zu konservieren nnd sie ans diese Weise für die Zwecke «der menschlichen Ernährung Nutzbar z-u machen. Selbst bei sorgfältigster Aufbewahrung der Kartoffeln werden sich Verluste durch« Fäulnis nicht ganz vermeiden lassen, da sich auch unter scheinbar gesunden Kartoffeln immer noch wenig widerstands­fähige Knollen befinden, die leicht «erkranken und alsdann die ganzen Lagerbestände gefährden. Fehlt es an geeignetem Aufbewahrungs­raum wie dies besonders in großen Städten 'häufig der Fall ist oder tvird die Einlagerung von Leuten vorgenommen, denen die nötige Fachkenntnis mangelt, so können die Abgänge infolge Erkrankung oder Fäulnis unter Umständen einen erschreckenden Umfang annehmen. Das einzig wirksame Mittel, der­artige Verluste zu vermeiden oder wenigstens aus das geringst- mvglichste Maß hevabz.udrücken,. besteht in der wiederholten D u r >ch - sicht der B e st ä n d e und chrs Ajussuchen aller vorhandener schadhafter in D kranker Kartoffeln.

Beionders den Stadtverwaltungen, die oftmals bedeutende Kartoffelmengen unter uirgünstigen Verhältnissen aufzubewahren gezwungen sind, kann .nur immer wieder auf das dringlichste nichegelegt werden, ihre Bestände in regelmäßigen Zeitbestänoen sorgfältig prüfen zu lassen.

Die aus sortierten (angefrorenen und ange­faulten) Kartoffeln sind keineswegs wertlos. Grundsätzlich, falsch ist insbesondere die Ansicht, daß sich angesaulte Kartoffeln nur verfüttern lassen. Es ist eine zwingende Notwendig­keit, weiteste Kreise darüber zu unterrichten, daß derartige für menschliche Ernährung nicht mehr verwendbare Kartoffeln sehr «gut durch Trocknen konserviert werden können. Es ist leider viel zu wenig bekannt, daß sich, selbst aus stark angefaultcn Kartoffeln noch vorzügliche, in jeder Beziehung einwandfreie Kartoffel- flvcken lherstellen lassen, die sowohl als Brotstreckungsmaterial als auch zu Futterzioecken Verwendung finden können. Tie kranke und angesaulte Substanz der Kartoffel wird bei der Verarbeitung ausgewaschen Und nur die noch vorhandenen gesunden Teile der Knollen werden getrocknet. Das auf diese Weise gewonnene Produkt ist demjenigen aus gefunden Kartoffeln hergestellten Fabrikat voll- st mdig gl eickwertig. Es ist von reiner «weißer Farbe, von vor­trefflichem Geruch und Geschmack und von unbegrenzter Haltbar­keit. Um nun die gefährdeten Kartoffeln vor dem völligen Verderben zu schützen, so wird dringend empfohlen, diese restlos schnellstens den Kar- toffeltrockenereieNzuzuführen. Ta die Fabriken jedoch «nur größere Mengen verarbeiten können, so empfiehlt es sich, seitens der größeren Gemeinden\ Stadtverwaltungen Sammel- stcktlen dieser schlecht haltbaren Kartoffeln einzurichten, die die Kartoffeln an leistungsfähige .Trocknercien werterzugeben haben. Die so erzeugte Trockemvare kann den Lieferanten mit Genehmi- gmrg derTeka, Berlin", zurückgegeben werden. Die Trocknungs­kosten sind verhältnismäßig gering Und machen sich in allen Fällen bezahlt. Außerdem werden dem Vaterlands wertvolle Nährstoffe erhalten, die sonst ohne tveiteres verderben würden. Es ist daher Pflicht eines jeden einzelnen, welcher angefrorene oder angesaulte Kartoffeln in Gewahrsam hat, dieselben zunächst den Gemeinden bezw. Stadtverwaltungen zur Verfügung zu stellen, damit diese ihrerseits wieder die Weitergabe an die Trocknereien veranlassen.

*

* Amtliche Personalnachrichten. Der Groß­herzog hat dem Oberhosmeitzer der Grotzherzogin. Kammerherrn Dr. Hugo Frhr. von L e o n h a r d i zu Darmstadt, das Hos- dienst-Ehrenzeichen für 25 Dienstjahre in Gold verliehen. - Der Groß Herzog hat dem Oberbriesträger Philipp Sei pp el in Reichelsheim lOdenw.) das Allgemeine Ehrenzeichen mit der In­schriftFür langjährige treue Dienste" verliehen.

** Auszeichnungen. Musketier Leonhard Müller aus Gießen, Schallmetztruppe 56, früher Jni.-Rcft. 222, 4. Komp., erhielt

das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Seeioldat Heinrich Lather vom Marine-Fnf.-Rgt. 8 erhielt wegen lächeren Verhaltens vor dem Feinde die Hessische Tacherkeitsmedcnlle.

** V o ni Reichs-Kursbuch erscheint Anfang Februar eine neue Ausgabe zum Preise von 2 Mk. 50 Pig. Bestellungen nehmen sämtliche Postanstalten und Buchhandlungen entgegen. ! Der Postbezug für mehrere aufeinanderfolgende Ausgaben ist zur Zeit al,sgehoben.

** Hessen ant Törzburger Paß. Wir erhalten eine Zuschrift aus dem Felde, die auf eine Notiz in unserem Blatte vom 20. November Bezug nimmt. Die Zuschrift macht dazu folgende näheren Angaben: Das 3. Bataillon unseres Res.-Jnf.-Regiments unter Führung des Herrn Hauptmanns Wehr heim, in dessen Verbände viele von Gießen und Umgegend stehen, beteiligte sich an diesen Kämpfen mit großem Erfolge. Besonders zeichnete sich hierbei die 9. Komp, unter Herrn Leutnant Petri (eines geborenen Gießeners) aus und fand dafür lt. Divisionsbefehl die volle Anerken­nung des Divisionskommandeurs. Der 9. Kompagnie war es gelungen, dem Feinde in den Rücken zu fallen, 7 Offiziere, 570 Mann zu Gefangenen zu machen, 6 leichte Geschütze, ein Gebirgsgeschütz, 4 Maschinengewehre, 1 Tragtierkolonne, viel Vieh, Geräte und Ausrüstungsstücke zu erbeuten. Für diese schöne Waffentat erhielt Leutnant Schröder das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Leutnant Petri wurde schon vor längerer Zeit mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Bon Angehörigen der Kompagnie erhielten ferner das Eiserne .Kreuz 2. Klasse: Unteroffizier Schreiber aus Rödgen bei Gießen, Unteroffizier Loh mann, Gefr. Börstel, die Musketiere Frese, H ah ne lt, Hilger, Licht, Arn- hold, Schwane deck, Reichert und die Krankenwärter Heck und Arnold. Am 7. Dezember hatte die Reserve- Division abermals einen schönen Erfolg; sie erbeutete allein an diesem Tage 12 Geschütze und ungezählte Bagage und machte 1 Stabsoffizier, 6 Offiziere uno 1950 Mann zu Ge­fangenen.

** Kartoffeln. Wir verweisen auf die Bekannt­machung des'Herrn Oberbürgermeisters im heutigen Blatte, aus der die vom 1. Januar ab geltenden Bestimmungen zu ersehen sind. Danach sind durch den Reichskanzler die Höchstsätze für Verbraucher für den Kopf und Tag auf 3/4 Pfund Kartoffeln uird für Kartoffelerzeuger für die Zeit vom 1. Januar bis 28. Februar 1917 auf 1 Pfund nnd vom 1. März bis 20. Juli 1917 auf Pfund Kartoffeln seiner eigenen Ernte für den Kopf und Tag festgesetzt. Um einen Ueberblick über den Stand der Kcrrtoffelversorgung zu gewinnen, war es erforderlich, die Kartoffel bezngs- scheine, die bis 1. Januar noch nicht vollständig mit Kar­toffeln beliefert sind, außer Wirksamkeit zu setzen. Gegen Ablieferung der Bezugsscheine werden von dem städtischen Lebensmittelamt Kartoffelmarken in entsprechender Höhe ausgegeben. Vom 1. Januar werden daher von den Kartoffelhändlern der Stadt Gießen Kartoffeln nur noch gegen Kartosfelmarken, die künftig nur noch 51/4 Pfund gelten, abgegeben. Wer mehr Kartoffeln besitzt, wie ihm nach diesen Bestimmungen zustehen, ist zur Aufbewahrung und pfleglichen Behandlung der Mehrmengen verpflichtet.

** Die Vers orgung der Kranken mit Zn satz­nah rungsmittel n. Wir verweisen auf die Bekannt­machung des Herrn Oberbürgermeisters ifm heutigen Blatte, in der im Anschluß an die Bekanntmachung vom 1. 12. 1916 folgendes bekanntgegeben wird. In Fällen, in denen die Prüfungsstelle dem Anträge eines Arztes auf Bewilligung von Zusatz-Lebensmitteln nicht oder nur teilweise ent­sprochen hat, findet auf schriftlichen, besonders begründeten Antrag dieses Arztes eine erneute Prüfung des Antrags

auf Bewilligung von Zusatz-Lebensmitteln durch die Prü­fungsstelle statt.^Die Entscheidung wird dem Arzte schriftlich mitgeteilt. Es wird darauf hingewiesen, daß künftig das Recht der Beschwerde gegen Entscheidungen der Prüsungs- ftelle nicht mehr dem Kranken selbst, sondern seinem Arzte, der den Antrag gestellt hat, zusteht.

Slarkenburg und Rhemhessen.

O Mainz, 27. Dez. In der letzten Stadtverordnetensitzung wurden den Beamten, die ein Gehalt bis über 6050 Mark haben, eine Teuerungszulage von einem Monatsgehalt, während den Beamten, Lehrern und Arbeitern eine laufende Teuernngs- zulage von b pCt. ihres Iahr eseinkom'mens und ein weiteres Prozent für jedes Kind bewilligt wurde. Tie Vorlage tat rückwirkende Kraft vom 1. Dezember. Durch die hohen Kohlenpreise ent­stehen beim Gas- und Elektrizitätswerk Mehrkosten von 4500 000 Mark. Nach einer Vorlage der Bürgermeisterei soll vom 1. Januar ab der Gas preis um 3 Pfg. pro Kubikmeter und 2 Psg. bei den Gasautomaten, bei dem elektrischen Strom uni 5 Pftz. pro Kilo­wattstunde erhöht werden. Die Sozialdemokraten sprachen gegen die Vorlage, sie wollen den Mehrbetrag durch Erhöhung der Um­lagen bestritten sehen. Nach längerer Debatte wurde mit großer Mehrheit die Erhöhung des Gas- und Strompreises in der vor­geschlagenen Weise genehmigt. Die Sozialdemo kracen stimmten dagegen. Für die Aufstellung eines Gasbehälters in Rüssels­heim wurden 46 000 Mark bewilligt.

Hessen-Nassau.

= Frankfurt a. M., 27. Dez. An den Kriegsspeisungen in den lKriegsküchen beteiligten sich im Monat November etwa 14 Pro­zent der Gesamtbe'oölkerung. Die Beteiligung der Kriegerfrauen ist um 3 Prozent auf 59 Prozent gestiegen. An den Kmderspeisungen nehmen jetzt täglich 8000 Kinder teil. Die Gesamtzahl der abgegebe­nen Portionen in sämtlichen Küchen betrug 391 727 oder täglich 15 669. Dazu kommen täglich 15 000 Gäste, die die Wohlfahrts­gesellschaft speist, nnd mehrere tausend Portionen im Nationalen Frauendienst, den Schulhorten usw«. Insgesamt beträgt Die Zahl der täglichen Mittagsportionen 35 000. Der Preis einer Portion stellte sich im November auf 38 Pfg. Die Kriegssürsorge beteiligte sich mit einem Zuschuß von 54 981 Mk., gegen den Vormonat eine erhebliche Steigerung. Die Güte der Speisen litt erheblich untev dem Kartoffelmangel.__

vermischte».

* Ein Jahr mit 15 Monaten oder 445 Tagten. Vor der Einführung des Julianischen Kalenders durch Julius Cäsar war in Rom eine große Unsicherheit im Kalenderwesst ein gerissen. Infolge der weniger bestimmten Zeitberechnung sielen die «einzelnen Monate beinahe um ein Vierteljahr zu früh, so Ärß römische Schriftsteller klagten, die Ernte falle längst nicht mehr in den Sommer nnd die Weinlese nicht in den Herbst. Als nun Cäsar in seiner Eigenschaft als Pontifex Maximus im Jahre 708. -nach Gründung Roms oder im Jahre 46 vor Christi Geburt daran csing, den Kalender zu verbessern, mußte er vor allem darauf bedacht sein, die Zeitspanne auszngleichen, die die Monate im Kalender gegen­über den Jahreszeiten vorausgeeilt waren. Das erreichte Julius« Cäsar dadurch, daß er gewissermaßen drei Schaltnronate einlegte. So >entstand ein Jahr mit 15 Monaten und 445 Tagen, dem man die .Bezeichnungdas letzte Jahr der Verwirrung" beigelegt hat. Wenn später auch der Jnlianische Kalender in den meisten Ländern durch« den Gregorianischen abgelöst worden ist, so bedeutete das Jahr mit den 445 Tagen doch« den Anfang einer wesentlich besseren Kalendereinteilung.

* Tim es-An zeigen. Junge Frau, 'mit den besten seeli­schen .Eigenschaften begabt, mit strahlender Laune, würde sich freuen, einen verwundeten Ossizier auszuheitern. Dame aus guter Ge­sellschaft, die sich vorzüglich aus die Behandlung von Pferden ver­steht und aucb Hunde zu pflegen weiß, sucht entsprechende Stellung in dem Stall eines Jagdbesitzers. Junge Offiziersfrau, deren! größter Wunsch nach dem Kauf einer entzückenden, mit chinesischen Mandarinenmustern gestickten Jacke geht, hofft aus diesem Wege von großherzigen Leuten Beihilfe zur Erfüllung dieses Wunsches zu erhalten.

Lin herodesspiel in Sad-Nauheim.

Niklas, Knecht Ruprecht, Weihnachtsmann, Christkind, die heiligen drei Könige, wie vertraut sind diese alten heiligen Ge­stalten unserer Phantasie seit den ersten Kindheitstagen. Und daß sie ko sehr mit unserem ganzen Geistes- und Gemütsleben ver­wuchsen, erklärt sich ja außerdem daraus, daß in ihnen jahthundert- nnd jahrtausendlange religiöse Volks Überlieferung lebendig blieb. Sogar aus dem uralten Hcidenglauben unserer Vorfahren sind die FcL»en in die christliche Lehre herübergesponnen und eingelvoben worden. Kein Münder, daß beim Klange solcher Namen die innersten Snten des MenschenHerzens mit allen Ober- und Unter- tönen anklingen.

Die mittelalterlichen Passionsspiele Machten die heiligen Ge­stalte . beim feiertäglichen Gottesdienst auch den Augen der gläu­bigen Gemeinde sichtbar. Daraus erwuchs dann wohl die Freude am Schauspiel überhaupt. Und so ergriff die lateinische Vagan­tenpoesie ebenso wie das deutsche Volksspiel die gleichen Stoffe, um sie für ihre Zwecke zu gestalten.

Die Jugend treibt ja heute noch gern allerlei Mummenschanz am Mklas-, drei Königs- oder Ostertag. Und hierin lebt itod) mancher Rest jener mittelalterlichen Spiele fort. So schÜdert auch Gustav Frey tag in denBrüdern vom deutschen Hause" ein der­artiges Spiel auf Gruno seiner eigenen Jugendeindrücke. Jnzivi- schen ist die Wipenschafr tiefer in den Gegenstand ein gedrungen. 1853 erschien Karl WeinholdsWeibnachts,piele und -lieder ans Süddeutschland und Schlesien" und darauf baute eine ununter­brochene weitere Forschung ans. 1901 stellte Friedrich Vogt in seinem BuchDie schlesischen Weihnachtsspiele" «Verlag Teub- ner) eine ganze Anzahl jener alten Spiele wieder her, so gut es aus den Bruchstücken der Bolksüberlieferung ging. Ten Liedern gab er auch nach Möglichkeit alte echte Melodien mit. Und so ent­standen ausführbare Spiele, die man sehr wohl als getreues Bild jener mittelalterlichen Darstellungen aus dem! 11. bis 16. Jahr- huichert wird gelten lassen können.

Friedrich Vogt wollte damft, lvie er in der Vorrede auseinan- dersetzt, nicht nur der Wissenschaft, sondern auch den, Leben! dienen. Und in jder Tat sind seine Spiele schon mancherorts uneder versucht worden. So wollts denn auch der Bad-Nauheimer Wandervogel einmal mit chnen wagen. Nnd er hat damit den besten Erfolg gehabt. Das könnte wohl zur Fortsetzung ähnlicher ZZersuche ermuntern.

Es wurdeDas schlesische Herodessp iel" aus dem 4. Kapitel des genannten Buches von Bogt gewählt, weil seine Rollenverteilung den Mitgliedern der Wcmdervogelgruppe am besten lag. Die Kostümfrage lourde mit den einfachsten Nditteln gelöst. Die lieiligen orei Könige hingen sich ein paar große Tücher um linb banden kleinere als Turbane um den Kopf, der Engel fam mit ein paar Weihnachtssilbcrslittern im Haar und auf dem weißen Kleidchen Und trug den Stern aus Goldpapier, Herodes hatte Krone imd Szepter aus Papier und im übrigen ebenso wie seine ' zwei Diener ein tuimt* Wams an gezogen. Der Kaftan für'deck Gelehrken (es mußte jealr voryeschriebenen 2 genügen'i

war auch nicht schwer herzustellen. Joses trug den blauen Bauern- kittel Und Maria ein weißes Kopftuch. Das Christkind in der Krippe wurde durch eine Puppe dargestellt. Der Tod zum Schluß kam in einem schwarzen Cape mit einem schwarzen Tuch vor dam Gesicht.

Gerade so einfach gings mit den Kulissen. Zwei spanische Wände standen als Hintergrund nebeneinander. Davor bauten die Diener des Herodes denDhron" aliifl, d. h. sie schoben den) alten roten Sessel hin, der den Thron nmrkierte. Da konnte dei< König denn stolz seine Betrachtungen anstellen über seine Herrfcher- macht Und -große, bis ihn ein Knall erschreckt. Nun will ev wissen, was das gewesen sei, und schickt seine Diener in Waffen und Wehr:

Bringt mir sogleich diesen Knall daher!" Das ist die Einlei­tung zum Auftreteu der drei Könige. Mit ihren Lauten begleitend sftigen sie zur Begrüßung:

Wir treten daher ohn' allen Spott,

Ein schön' guten Abend den geb euch Gott.

Wir i"inb gezogen in großer Eil In 13 Taigen vierhundert Meil'."

Der eine bezeugt durch lein berußtes Gesicht seine Herkunft aus dem Mohrenlande. Die Schuld an seiner Schwaige aber gibt er in harmlosem Spaß seiner Kindermagd:

Hätt' sie mich gewaschen mit einem Schwamm,

War' ich weiß wie ein Lamm.

Sie aber h«at mich gewaschen mit einem Lappen,

Trum bin ich jetzt schwarz wie ein Rappen."

Der Schriftgelehrte wiro jetzt trotz seiner Angst vor den König geholt undl entdeckt in seinem dicken Schweinslederband die Prophe­zeiung von Bethlehem. Der Engel singt, während die Könige feier­lich abziehen, von dem heiligen Ereignis:

Wohl zwischen zlvei Bergen da wehet ein Wind,

Da wieget Maria ihr liebes Kind,

Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,

Ein Engel reicht ihr das Wiegenband."

Nun muH zum 2. Akt der Thron des Herodes beisefte gestellt wer­den. Der Engel, diesmal mit dem Stern, führt die Könige dann wieder herein, die zwei spanischen Wände tverden etwas nach links und rechts auseinandergerückt und so sieht man in der Mitte drü Krippe aufgebaut. Davor, links und rechts knieend, singen die Könige ihr Lied:

Wir, komjmen, 0 König, als deine Vasallen,

Wir haben das Leben von dir.

Nach deiner Verordnung, nach deinem Gefallen Erzeigen wir unser Gebühr.

Gott und> Mensch zugleich.

Dein ist unser Reich,

Die Schuldigkeit legen wir ab."

Und dmit legen sie ihre Gaben nieder. Der Engel aber warnt jetzt sie und das heilige Elterupaar vor dem bösen Herodes.

Zum 3. Akt werden die spanischen Wände nneder znsammen- geschoben und der Thron des Herodes davorgestellt. Nun läßt der Tyrann den Blutbefehl gegen die unschuldigen Kindlein ra Bethle­

hem ergehen, der aber selbst bei dem einen der Diener aus ent­rüsteten Widerstand stößt. Tann kommen die Gewissensgualen über box König, dem der schuldlose ai?me Schäfer Thomas als moralisches Gegenbeispiel gegenüber gestellt wird. Jin Traum kündigt der Engel das Strafgericht an:

Herodes, Herodes, was hast du getan.

Daß du unschuldiger Kindlein so viel hast morden lau. Gott der wird dich strafen mit Durst und Hnngersvein. Herodes, Herodes, verloren mußt du sein."

Zum Schluß erscheint dann der Tod, um das Strafgericht vollziehn:

Ich bin der Held der ganzen Welt,

Streite nicht für Gut noch Geld,

Sondern nach Gerechtigkeit.

Zu dieser bin bereft ich allezeft.

Ich komme vor deinen Königsthron,

Ich bin geschickt von Gottes Sohn.

Betracht mich recht, ich bin der Tod."

Vergebens sträubt sich Herodes in Höllenangst:

Nun ist die Stunde da.

Der Tod er klopfet an.

Den Pfeil schon setzt er an.

Pfeil in das Herz hinein!

Fort mir dir in die Hölleupein!

Und zur größten Befriedigung des empörten Gerechtigkeitsgefühls führt so der schwarze Tod den gekrönten Kindermörder der ewigen Qual zu.

Schon der kurze Umriß zeigt, wieviel Vollsttivftiches in so einem Stück lebendig ist. Auch dieunausgeglichene Mischung von Scherz und Ernst" gehört dazu. Die Vertrautheit mit dem Stoff und dazu seine religiöse Bedeutung erleichtern der Phantasie des Zuschauers die künstleriiche Illusion. Eben deshalb kommt man hier mit so bescheidenen äußeren Mitteln aus. Das Sinnbildliche, das ja das Wesen aller Kunst ausmacht, kommt zu seinem vollsten Recht. Dementsprecheno war die Wirkung der beiden Aufführun­gen, der einen vor den Eltern und.Freunden der Bad-Nauheimeü Wandervögel, der andern bei der Weihnachtsfeier in dem als Lazarett «dienendenEuropäischen Hof". Heiteres Lachen und ernste Rührung ging unmittelbar von der kleinen Darstellung aus. Dem historisch gebildeten Zusck)auer aber kam noch die Freude an der Wiederbelebung lang vergangener alter Zeiten hinzu. Und gerade weil wir Deutsche mehr als alle andern Nationen an sv schweren Unterbrechungen unsrer eigenen Kulturentwicklung durch ftemde Verschüttungen leiden mußten, erscheint es wohl dankens­wert, derarttge abgerissene, von Pietäts- wie Gegenwartswerten erfüllte Zusammenhänge wiÄrerherzu stellen. Die allerreinste Freude aber iverden die Spieler selber gehabt haben, denen gewiß die vvlksliedähnlichen Singweisen des alten ftommen Spiels noch lange in Ohr und Herz nach klingen werden.

Prof. vr. Reinhard Strecker.