166. Jahrgang
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Erstes Blatt
Samstag, 4. November
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eneral-Anzeiger für Oderhessen
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sämtlich in Gießen.
<WTB.) Großes Hauptquartier, Z November. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Die Kampftätigkeit hielt sich im allgemeinen iu mäßigen Grenzen.
In einzelnen Abschnitten des Somme- zebietcS starkes Artillerieseuer. Die von uns enommeuen Häuser von Sailly gingen gestern rüh im Nahkamps wieder verloren. Feindliche Borstöße östlich von Gueudecourt und gegen den nördlichen Teil des St. Pierre Baast Waldes sind gescheitert.
DaS französische Feuer auf die Feste Banx flaute gegen Abend ab.
Oestlicher Kriegsschauplatz. Front des Generalseldmarschalls
Prinzen Leopold von Bayern.
Außergewöhnlich hohe Verluste erlitten die Russen bei ihren bis zu sieben Malen wiederholten vergeblichen Versuchen, uns die am 30. Oktober gestiirmten Stellungen westlich von Folw.KraSnolesie (links der Nara- jowka) wieder zu eotreißen.
Front deS Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.
An der siebenbürgischen Südsront wurden rumänische Angriffe durch Feuer oder im Bajouettkamps abgeschlagen. Südwestlich Pre- deal und südöstlich des Roten-Tnrm-PasseS stießen wir nach und nahmen über dreihundertfünfzig Rumänen gefangen.
Balkan-KriegSschaulpatz.
Keine Ereignisse von besonderer Bedeutung. Der 1. Generalquartiermcister Ludendorss.
Educrck Bernsbein, der die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft dertrnt, hat bekanntlich im Reichstag gesagt, das allgemeine Mißtrauen gegen Deutschland verhindere den Frieden und verlängere den Krieg. Wir haben dazu schon bemerkt, daß uns dies eine ganz verkehrte Auffassung zu sein scheint. Der Wunsch und Wille bei unseren Feinden, die auf ihre Uebermacht und ihre größeren Mittel vochen, unser Reich zu zerschlagen, hat an Leidenschaftlichkeit noch nicht viel eingebüßt. Und unser neuer Kriegsminister, Herr v. Stein, hat uns im Reichstag kundgetan, mit welchen Anstoengungen sie neue Mittel der Waffen- und Munitionstechnik aufgreifen, um uns zu Leibe zu gehen. Mißtrauen in diesem Falle würde schon eine germsse Geneigtheit zum Frieden zur Voraussetzung haben. Wir glauben, daß das Mißtrauen in dem Garten von leidenschaftlicher Besessenheit bei unseren Feinden nur ein unansehnliches Pflänzchen ist im Vergleich zu den üppigen Gewächsen von Haß und Rachsucht. Trotzdem, in den „Preußischen Jahrbüchern" meint Hans Delbrück, die Feinde in ihrer elenden Lage litten nur an mangelndem Vertrauen zu uns, um Frieden zu machen. Er zählt die Leiden und Gefahren auf, in denen England und Frankreich schwebten und erklärt, die gnoßen Vorteile, die demgegenüber Deutschland voraushabe, erschwerten bei unseren Gegnern das Aufkommen des Friedensgedankens.
Wir mögen mm noch so sehr versichern :md bei unserer Versicherung raxfj so gutgläubig sein, daß uns nichts ferner liegt, als der Ehrgeiz einer Weltherrschaft, daß wir ein durchaus friedliches Volk seien, und nichts fordern als was uns einigermaßen gegen neue Usberfälle sichere — die Völker glauben uns n i ch t, und dieser Unglaube ist es, welcher den Krieg ins Endlose zu verlängern droht. Gäbe es ein Mittel, den Gegnern, nanrentlich den westlichen Gegnern eine bessere und richtigere Meinung von unserem Charakter und unseren .Bestrebungen beizubringen, so wären wir unzweifelhaft dem Frieden sofort sehr viel näher. Ein solches Mittel aber gibt es nicht. Es bleibt nichts übrig, als dem deutschen Schwert zu vertrauen und weiter zu kämpfen, bis die Gegner einsehen, daß sie, um es bescheiden auszudrücken, uns als Großmacht bestehen lassen müssen und es der Zukunft überlassen, ob wir nicht doch bessere Brüder sind, als sie heute meinen und nicht nur selbst leben, sondern auch andere leben lassen wollen.
Delbrück gibt also wenigstens zu, daß es uns in diesen rauhen Zeiten nicht möglich ist, das Vertrauenspflänzchen unserer Gegner zu hegen uud zu stärken. Und doch, er rät uns einen gewissen Biedersinn an, wobei er der Greyschen Gesellschaft der Nationen^ sogar einen wohlwollenden Blick schenkt. Delbrück schreibt nämlich: „Erkennen wir also an, daß es unmöglich ist, den scharfen Zahn des Mißtrauens gegen unsere Herrschsucht mit der Wurzel auszureißen, so fragt es sich doch, ob nicht wenigstens eine gewisse A b st u m p - fu ng zu bewirken und dadurch der Hauptarbeit, die der Soldat zu vollziehen hat, eine gewisse Erleichterung und Abkürzung zu schaffen wäre. Deutschland steht in' dem Ruf, vor dem Kriege den Bestrebungen, die Streitigkeiten zwischen den Staaten auf dem Wege der Schiedsgerichte aus der
Welt zu schassen, wenig Wohlwollen gezeigt zu haben. Nicht mit Recht." Uno Delbrück fügt hinzu, es sei auch eine Vorstellung des utopischen Pazifismus, daß der selige Weltkrieg durch völkerrechtliche Abmachungen hätte vermieden werden können. Dann schreibt er aber in seinen „Jahrbüchern" weiter:
„So klar es ist, daß es unmöglich gewesen wäre, diesen Krieg durch irgendwelche internationale Organisation zu vermeiden, so ist damit doch noch nicht gesagt, daß nicht für die Zukunft eine internationale Organisation einen gewissen Nutzen schassen könne. 1914 wäre die Organisation nutzlos und wenn überhaupt wirksam, sür Deutschland und Oesterreich schädlich gewesen, weit sie der großserbischen Organisation und damit den russischen Kriegsabsichten Schutz und Deckung gewährt hatte. Wenn nun aber dieser Krieg so ausgehl, wie wir es wünschen und erwarte:;, so liegen die Dinge erheblich anders. Freilich glaube ich, daß die Bedrohung Deutschlands und seiner Bundesgenossen durch der; Vicrverband noch lange anhalten wird. Aber die Tcttsache, daß wir dem Ueberfall nicht nur stairdgehalten. sondern, wie wir uns am Eingang ktarge- macht, mit verstärkter Macht aus dem Kampf hervorgegangen sind, wird auf sehr lange Zeft beruhigend :mrken. Die großserbische/ von Rußland genährte Agitatton, um derentwillen der Krieg schließlich ausgebrochen ist, wird, wie auch immer die Balkanverhältnisse geordnet seien, erledigt sein. Andere Fragen, wo ein Schiedsgericht Lebensinteressen unserer Seite gefährden könnte, vermag mech Auge nicht zu entdecken.: überdies ivvllen ja auch die Pazifisten für solche Fälle eine Ausnahmeklausel zulassen. Wünschen die Anderen, wie sie es ja fortwährend aussprechen, den Zustand, wie er dereinst aus dem Friede:; hervorgelten wird, durch eine internationale Organisation zu befestigen, so sehe ich nicht, was Deutschland füö Gründe hätte, ihr zu imdersprechen. Die prinzipielle:; Fehler jedes überstaatlichen Organisinns, der Eingriff in die staatliche Souveränität, die ungenügend verbürgte Unparteilichkeit, die ungenügende Exekutive des Urteils bleiben bestehe:;, schließen aber praktische Abmachungen von relativer Haltbarkeit nicht aus."
Das nennt Delbrück „realpolitischen Pazifismus" im Gegensatz zu utopischem Pazifismus. Er scheint zu glauben, daß wir, England und Deutschland, einmal die Rollen vertauschen könnten. Grep, der bisher zweifellos einen stark gepfefferten realpolitischen Pazifismus getrieben hat, soll sich künftig der entsagungsvolleren Abart zuwenden, und wir Deutsche sollen uns einbilden, in der „Gesellschaft der Nationen" ein einflußreiches, gleichberechtigtes- Mitglied werden zu können: kraft unserer neuerworbenen Stellung, also auch durch Machtwort, denn Herr Delbrück wird doch wohl auch gemerkt haben, wie England und Amerika unter der gemeinsamen Tafel schon jetzt die leisen Fußstöße des Einverständnisses austauschen. Heute sieht die Welt noch nicht danach aus, als ob wir England mit Erfolg „überpazifizieren" könnten. Die Neutralen hören mehr auf das englische Konzert als lW das deutsche, und nur Hindenburgs Schlachten- muftk wird allenfalls ihre gesteigerte Aufmerksamkeit erwecken. Am besten ist es, wir lassen ^i'chenburg vorerst allein musizieren. Das Horn des realpoli ischen Pa ifismus könnte heute nur die Harmonie stören. Wenn der Pazifismus die beiden genannten Abarten in sich vereinigen soll, erscheint der ideale Gedanke schon arg verwässert. Denn es wird zu
gegeben, daß die reale Macht vor Recht geht, und der uto- e Pazifist wird der Dumme sein, falls er mit begrün- und gerechtfertigten Ansprüchen von der Familie der Volker überstimmt wird. Da sind Verhandlungen ohne heuchlerisches Maskenspiel nach deutschem Geschmack dock vorzu- ziehen!
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
Wien, 3.Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 3. November 1916.
Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresfront dc§ Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.
In der nördlichen Walachei griffen die Rumänen gestern an zahlreichen Stellen an: sie wurden überall zurückgeworfen. Dem Feinde nachstoßcnd gewannen unsere Truppen südöstlich des Veres Torony- (Roten-Turrn-) Passes und südwestlich von Predcal erneut Gelände.
An der siebenbürgischen Ostfront und in den Waldkarpathen war die Kampstätigkeit gering.
Heeresfront des Generalfeldmarschalls
Prinzen Leopold von Bayern.
An der Bystricza Solotwinska Vorfeldkämpfe An der Narajowka versuchten die Russen in sieben Massen stoßen die am 30. Oktober an unsere Verbündeten verlorenen Stellungen zurückzugewinnen. Alle Anstürme des Geg. ners brachen unter schwersten Verlusten zusammen. Südlich von Hulewicze am Stochod vertrieb ein Jagdkommando österreichischer Landwehr einen russischen Vorposten.
Italienischer Kriegsschauplatz.
An der Schlachtstont im K ü ste n l ä n d i s ch e n wurde auch gestern mit größter Erbitterung gekämpft. Unter un- geheurem Aufwand von Menschen und Munition fetzten die Italiener ihre Angriffe fort. Im Wippach-Tale waren unsere Stellungen am Panovitzer-Walde bei S o b e r und östtich Vertobja erneut das Ziel wütender Angriffe. Ueberall konnte der Gegner zurückgeworfen werden. Das Gyulaer Landwchr-Jnfanterie-Regiment Nr. 23 hielt zähe stand.
Auf der K a r st h o ch f l ä ch e wurde im Raume um Lok- vica ein neuer italienischer Massenstvß, der über die Höhe Pecinka und entlang der Straße nach Kostanjevica angesetzt war, unter schwersten Verlusten des Feindes zum Stehen gebracht. Zwei, hierbei bis zum Aeußersten ausharrende Batterien fielen, als Mann und Pferd überwältigt waren, in Feindeshand. Am südlichen Teile der Hochfläche brachen vor der Front des tapferen österreichischen Landsturm-Regiments Nr. 32 und der Infanterie-Regimenter Nr. 15 und Nr. 98 alle feftidlichen Angriffe zusammen. Die Zahl der gefangenen Italiener ist auf 2200 Mann gestiegen.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Nichts Neues.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. H ö fe r, Feldmarschalleutnant.
*
Ereignisse zur See.
2Tm 2. vormittags hat ein Seeflugzeuggeschwader die Semaphor-Station und Kohlenanlagen von Dieste und Radio-Station und Lagerhaus von Torre Portieello erfolgreich mit Bomben belegt. Abends griff ein Seeflugzeuggeschwader Bahnhofanlagen von Ronchi, die militärischen Anlagen von Selz, Doberdo, Staranzano und die Batterie Golanette an. Es wurden viele Treffer erzielt.
Flottenkommando.
Von der Comrrrefrorit.
L o n d o n, 3. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Der „Times wird aus dem britischen Hauptquartier gemeldet: Obwol sich das Wetter aufgeklärt hat, herrscht an der So Mine front noch immer große Nässe. Die Granattrichte verwandeln sich in W e i h e r, die L a u f g r ä b e n in B ä ch Größere Jnfanterieaktionen sind deshalb ausgeschlossen. Nr die Artillerie blieb die ganze Zeit in Tätigkeit.


