Ausgabe 
8.7.1916 Zweites Blatt
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Ar. 158 ZWMes Blatt

Erscheint tSzAch mit «»»nähme bc5 Sonntags.

DieGietzener KemilirndlLtter" werden dem »AnzeigerE viermal wöchentlich beigelegt. das Areirblatt fSr de« Ureis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­tragen" erscheinen monatlich zweimal.

H 6 . Zahrgang

General-Anzeiger für Gberhejjen

Samstag, 8. Juli 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchei UniversilcilS - Buch- und Steindruckere:.

R. Lange, Gießen.

Schristleitung,Geschäftsstelle.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle n.Berlag:^O51,Schrift- leitung: d^112. Adresse für Drahtnachrichten.' Anzeiger Gießen.

Lord Grey.

London, 7. IE. (WTB.) Amtlick) wird bekannt gegeben, Daß (Lord Derb t) znm llitterferretä.r des 'Krieges, Lloyd George zum Kriegs minister ernannt und Sir Edward G r e y in den Leer stand erhoben wurde.

Die Ernemrung Greys zum Lorch ist von deutscher Veite insofern begrüßt worden, als derabscheuliche lLüggrer", wie ihn sein Landsmann, der Oxforder Professor 'Conydeare getarrft hat, mm aus dem britischen Unterhause ^verschwindet und nicht durch seineAufklärungen" solchen «unheilvollen Einfluß aus die öffentliche Meinung des Lau-- des ausüben könne. Das ist aber doch nur sehr bedingt "richtig und trifft gerade auf Gveys Persönlichkeit und seine .politische Technik am wenigsten zu. Grey hat weder seinen Marteigenossen noch der Opposition im Unterhaus jemals wichtig Rede gestanden und deshalb auch nie öffentlich in L-er Weise gewirkt, wie es andere Minister brauchen oder nvüssen. Er war immer, wenn man ihn fassen wollte, der doppelt Zugeknöpfte. Ein englischer Parlamentarier defi­nierte einmal seine Art zu sprech!m dahin, daß Greys Reden weit mehr dem streng gemessenen Urteils sprnch eines Rich­ters, afö der Rechenschastsablegnng eines verantwortlichen .Ministers gleichen. Deshalb gebe es auch so wenig Dis­kussion nach Grey scheu Erklärungen. Wenn Grey am Schlüsse angelangt sei, so habe jeder Hörer das Gefühl, daß die weitere Replik unnötig sei, und meist sei das ganze Haus so sehr von dem Wert der Mitteilungen erfüllt, daß der Vorsitzende nach Greys letzten Worten die Sitzung aufhebt. Mit seinen Unterhaus-Offenbarungen hat Grey die Volksstimmnng Englands nie hingerissen. -Will er Einfluß lüden, so bedient er sich der direkten Hilfe der Presse, wie man es ja während des Krieges wiederholt erlebte. Die Versetzung in das Obeichans wird also an 'Greys Stellung und Einfluß zunächst leider gar

nichts ändern, vielleicht sogar im Gegenteil eine kleine Stärkung Hervorrufen. Man möchte sagen:

.die Poerwürdcsteht" diesem Stockengländer, diesem hageren, eiskalten Egoisten mit der AdBrnase und dein Blick Zeines Kaubvogels, der kaum notdürftig französisch versteht, der keine ausländische Zeitung liest und dessen englischer Dün­kel ihn Zeit seines Lebens abgehalten hat, aus eigener An­schauung das Ausland kennen zu lernen. Die Greys sind Whigs itm alten Sinne des Wortes, d. h., sie sind zwar liberal", besitzen aber eine unglaubliche Verachtung für die unteren Stände und für deren Vertreter. Ein Vorfahr Ed­ward Greys war Privatsekretär der Königin Viktoria, ein anderer Grey, übrigens auch ein Lord, war bis 1911 Gou­verneur in Kanada. Edward Grey selbst erhielt im Jahre 1912 den Hosenbandorden, eine Auszeichnung, die seit fast 200 Jahren keinem Commoner zugesallen war. .Man sieht, es schwebt nur den Greyschcn Namen von jeher ein Hauch der Bevorzugung, und in diesem Sinne ist wohl auch dis neuere Ehrung für den uneingeschränkten Herrn von Dow­ning Street aufzufassen. Grey verliert durch sein Scheiden aus dem Unterhaus auch nicht etwa wertvolle politische Be­ziehungen und Informationsquellen. Er hat ja ein ganz anderes Arbeitssystem als die anderen Minister. Er verfügt über einen geheimen, von ihm selbst geschaffenen und nach wie vor abhängigen Nachrichtendienst, der ihm alle kollegiale Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Ressorts ersetzt. Die Auskünfte seiner heimlichen Agenten bestimmen seine Entschließung. Und die Wirksamkeit aller diplomati­schen Stellen geht immer nur von ihm aus, nie durch andere Hände. Dieses diktatorische System hat sich ja in England selbst so bitter gerächt. Grey pflegte mit der Zeit alles, was er den Abc^ordneien nicht sagen wollte,

zu umgehen. Wandte man sich außerhalb des Parlaments an ihn, so gab er, außerordentlich gewandt in der Form, scheinbar wertvolle Auskunft, während er in Wirklichkeit nur Allgemeinheiten mit so großem Ncachdrnck aussprach, daß sie im ersten Augenblick als überzeugende Weisheit erschienen, während der Hörer erst später sich darüber klar wurde, daß er nichts erfuhr', was er nicht bereits wußte. Mancher Landsmann kam so dahinter, daß Grey über das erlaubte Maß des Amtsgeheimnisses hinaus unaufrichtig war und an einem verhängnisvollen Geheimnis arbeitete. Als schon die Zündschnüre des Weltbrandes gelegt waren, prägten seine eigenen Kollegen im liberalen Kabinett die Formel: G. m. g-, das sollte heißen: Grey must ge. Grey ist aber weder damals noch im Sommer vorigen Jahres gegangen, als er sich wegen seines Augenleidens auf Krank­heitsurlaub zurnckzog. Jene geheimnisvolle Bevorzugung der Krone hielt ihn und -die Bevorzugung wird erst auf- hören, wenn auf dem flandrischen Schlachtfelde die Ent­scheidung gefallen ist. Diesem Zeitpunkt aber rückt die furchtbare Zeitgeschichte jetzt mit Riesenschritten naher.

Uriegsbriefe aus dem westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.^

Die englisch-französischen Angriffe an der Somme.

Großes Hauptquartier, 6. Juli 1916.

Während es an der Arrasfront gestern etwas stiller war, haben die feindlichen Angriffe an der Somme mit un­verminderter Heftigkeit angedauert. Zweimal wurden die Engländer bei Angriffen in der Gegend von Tiepval zurück­geworfen, und auch weiter südlich gelang ihnen nur die Wegnahme eines vorgeschobenen Grabenstückes östlich von La Boiselle. Zweimal griffen mich die Franzosen vergeblich den Trümmerhaufen an, den das Dörfchen Hem zwischen ihren Stellungen bei Curln und Fuilleres bildet. Vor einem starken "dritten Angrifse wurden die zerschossenen Manerrefte von uns geräumt. Es gelang den Franzosen, sich in dem wiederholt nmkämvsten Belloy zu behaupten, während der Kamps um Esttees noch im Gang ist. Dagegen wurden zwei starke französische Angriffe, die aus Flau­court hervorbrachen, glatt zurückgewiesen. Die Angriffs­front konnte somit auch gestern von, Feinde nicht verbrei­tert werden, dagegen hat sich der Sack, den er besetzt hat, an einigen Wellen ausgebuchtet und verlängert. Die Ver­bündeten hatten sich von dem eine Woche lang fortgesetz­ten Trommelfeuer die Wirkung versprochen, glatt und fast ohk-e Verluste unsere Front durchstoßen zu können. Es war ihnen auch gelungen, viele Graben der vordersten Stellung bijs tznr Unkenntlichkeit einzuebnen, aber die nach den Er­fahrungen früherer Offensiven gebauten Unterstände hielten, und ihre Besatzung leistete so heldenhafte Gegenwehr, daß die ersten Sturnrmassen des Feindes wie Schneewolken in dem wckhlgezielten Gewehr- und Maschirrengewehrfeuer zu- sanrmenschmolzen.

W. Scheu er mann, Kriegsberichterstatter.

Aus Stadt «nd Land.

Gießen, 8. Juli 1916.

Bottsspende

für die deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen.

Was in dem ungeheuren Krieg, den Mid und Mißgunst uns aufgezwungen, Liebe für unsere tapferen Kämpfer an der Front und zu Hmuse zu schaffen vermochte, das wirkt im Stillen segenbringend fort. Umsonrehr gilt es jetzt auch derer

zu gedenken, die unverschuldetes Unglück weit hinaus in Fein­desland verschleppte. Ihnen allen soll jetzt durch eine neue deutsche Opfersreudigkeit ihr schweres Los erleichtert werden, daß sie nach den traurigen Zeiten in den Hellen Tagen dos Sieges mit stolzer Freude sagen können: Unser Vaterland und unsere Landsleute hatten uns nicht vergessen, sie waren mit ihrer Hilfe und ihrem Herzen bei uns! Die unter dem Schutz der Kaiserin veranstaltete Sammlung am Samstag, den 8., und Sonntag, den 9. Juli, soll deshalb zwei patrio­tische Tage bringen, in denen j e d er , dem Deutschlands Ge­schick am Herzen liegt, sein Schcrslein opfern soll, damit durch einen großen Ertrag aus dieser V o l k s s P e n d e aus diesen zwei patriotischen Tagen auch wirklich einepatrio­tische Feier" werde.

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Irrige Befürchtungen der kleinen Schweinezüchter.

Für unseren Bestand an Schweinen und damit für eine wesent­liche Grundlage unserer Fleisch- und Fettversorgnng kommt die Aufzucht in kleineren landwirtschaftlichen Betrieben wie auch seitens der Industriearbeiter sehr wesentlich in Frage. Für diese kleinen Züchter liegt der Anreiz zur Zucht darin, daß sie ihre Fleisch­versorgung billiger beschaffen können, weil sie für gewöhnlich dis Abfälle ihres eigenen Haushaltes und benachbarter Haushaltungen, auch wildwachsende Futtermittel veno enden können. Es war zu befurchen, daß ein öausschlachrungsverbot die Neigung dieser Leute zur Schweinehaltung stark einschränken würde. Vom Ge­sichtspunkt der Gesamtheit gesehen, liegt hierin eine große Gefahr. Man hat dem durch Aufhebung des Hausschlachtverbotes Rech­nung getragen und gleichzeitig von seiten der zuständigen Be­hörden alles getan, was die Aufzucht fördern kann. Neuerdings wird trotzdem aus verschiedenen Gegenden des Reiches gemeldet^ daß die tleinen Züchter aus Besorgnis, das gemästete Vieh loürde ihnen nicht verbleiben, die Aufzucht aufgegeben haben, und zwar aus irriger Auffassung einer Erhebung, bei der die Zahl der Haushaltungsangehörigen und des ungefähren Gewichts der auf­gezogenen .Schweine anzugeben war. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß diese Erhebung keinesfalls irgend wie Anlaß sein kann, von der Aufzucht abzustehen; das Fleisch aus-den Hausschlachtungen wird den Eigentümern be­lassen werden, die Erhebung über die Zahl der Hcrushaltsange- hörigen und das ungefähre Gewicht der geschlachteten Schweine dient nicht als Grundlage für eine Beschlagnahme, sondern nur für die Anrechnung des hausgeschlachteten Fleisches auf die Fleisch­rationierung.

*

** Drückebergerische Zigeuner. Vor einigen Tagen wurden die hier zugezogenen Zigeuner bezüglich ihrer Militärpapierc revidiert. Hierbei stellte sich heraus^ daß zwei militärpflichtige Zigeuner Heinrich Herdorn und Peter Delis mit Ausmusteumlgsscheinen versehen waren, wonach Heidorn, weil nrtt Zuchthaus bestraft, vom Militärdienst ausgeschlossen und Delis bei der D-U-Muste- rung die Entscheidung dauernd untauglich erhalten hatte. Die Behörde war aber mißtrauisch und ließ die Sttafakten des ersteren einfordern, aus denen hervorging, daß der Zigeuner Et dem bestraften Heidorn rächt Lsrtifth war. Die Photographie und die Personalien stimmten nicht über­ein und die Tätowierungen, die bei dem Bestraften als besonderes Kennzeichen angegeben waren, fehlten bei dem Zigeuner völlig. Er gestand daraus, Nikolaus Schuhmacher zu heißen und sich noch nie zu einer Musterung gestellt zu haben. Peter Delis, der unterdessen von einem Arzt <nif ; die bei der D-U-Musterung angegebenen Fehler nachgeprüft: resp. untersucht wurde, hatte diese Fehler überhaupt nicht und so mußte es sich hier ebenfalls um eine andere Person handeln. Delis gab hieraus auch alsdald zu, Peter Rein­hardt Ar heißen. Beide wollten die falschen Papiere von Unbekannten erhalten haben. Zur Prüfung!, ob die nun­mehrigen Angaben richtig sind, wurden photographische Aufnahmen, Fingerabdrücke und genaue Pe^onalbesthrei- bungen der Zigeuner angeserttgt und der Köüigl. Polizei-

Sie Abendgesellschaften der Madame Schopenhauer.

Zum 150. Geburtstage von Johanna Schopenhauer, 9. Juli.

Es war mitten im Kriegs- und Schlachtenlärm, im Oktober 1806, zehn Tage vor der Schlacht vor Jena, als sich in Weimar die Nachricht verbreitete, eine fremde Dame mit ihrer Tochter, die sich in der Stadt ansiedeln wolle, sei eingettoffen. TieNeue", so erzählte man sich, war eine Hoftätin freilich nur eineaus­ländische": sie hieß Madame Johanna Schopenhauer, war eine Danzigerin und die Witwe eines Danzigcr, später nach Hamburg übergefiedelten Kaufmannes, der kürzlich infolge eines unglück­lichen Sturzes in der Blüte seiner Jahre gestorben war. Eine, günstige Zeit zur Uebersiedelung hatte die Madame Schopenhauer ja fteckich nicht gewählt,, und die Weimaraner vermuteten, sie werde ebenso schnell, wie sie gekommen war, vor den französischen Soldaten wieder Reißaus nehmen. Aber da kannten sie Johanna Scholpachau«: schlecht! Die damals vierzigjährige Witwe war ein entschlossenes, rüstig zugreifendes Persönchen, und nicht nur hatte sie bald chre Sachen in Sicherheit und für sich und ihre Tochter einen Baß in der Hand, sondern es begann sich auch alsbald in der allgemeinen Schrecknis dieser schweren Tage ihre Anwesenheit in der Stadt wohltätig bemerkbar zu machen. Sie widmete sich der Pflege der Verwundeten, sie nahm sich des völlig ausgeraubten vnd hilflosen Heinrich Meyer, des Vertrauten Goethes, wirksam an, fcirj, sie gab soviel Proben von Mut, Hilfsbereitschaft und tätiger Geschicklichkeit, daß sic sich mit einem Schlage in der thüringischen, Residenz allgemeine Beachtung und Achtung erwarb.

Mcüwme Schopenhauer hatte einen bestimmten Plan, mit dem sie nach Weimar gekommen war. Sie wollte einen Salon qrwnbail Sie wolltedie ersten Köpfe in Weimar und vielleicht in D«ckfchland" um ihren Teetisch versammeln. Und diesen Plan griff sie mit so viel Geschicklichkeit an, daß er ihr vollständig und iäer __ alle Erwartungen gelang. Schon die Oettlichkeit, die sie wählte, war sehr wohl geeignet: es war Herders alte Wohnung, 'deren unterstes Stockwerk, sie selten gemütlich und geschmackvoll ausstattete. Diese drei kleinen, in einer Folge belege neu Zimmer wmÄen durch warme Teppiche, seidene Fenstervorhänge, große Spiegel und schöne Malzagonimöbel von ihr zu anheimelnden, ttamichen Räumen gemacht. Und raut kam ihr die ganze Stinnnung dieser Tage aufs beste entgegen: alle Welt war verschüchtett, man fühlte das Bedürfnis, sich aneinander zu wärmen, miteinander über die böse Zeit hinmegzukommen. Was der Schopenhauer aber den vollen Erfolg sicherte, das war der Meisterstreich, daß sie Goethes Frau Christiane in ihrem Hause empfing. Kürzlich erst dem Dichter angeträut, waro Christiane bisher von der weima- rischen Gesellschaft tgnorrert und nicht anerkannt. Am 29. Oktober ivar es, daß sie im Hause der Schopenhauer zuerst als Frau/ von Goethe in der weimarischen Gesellschaft anftreten konnte und damit hatte die kluge .Hofrätin zugleich auch den Jupiter von Weimar, hatte sie Goethe an sich und ihr Haus gefesselt.

Von da an war der Sieg der Madame Schopenhauer in Weimar entschieden. Jeden Abend hatte die Hoftätin Wiste: am Donnerstag und Sonntag aber versammelte sich um sie ein Kreis, der, wie sie mit befriedigter Eitelkeit ihrem Sohne schrieb, in Deutschland wohl nirgends seinesgleichen hatte. Und darin war ihr kaum zu widersprechen. Tie Zimmer waren dann gefüllt von Männern und Frauen der guten Weimarer Gesellschaft, und während der Franzosenzeit zählten auch Bernadotte, General Ney und andere hohe Offiziere zu ihren Gästen. Ta war ferner der zierlich-altmodische Greis Wieland, da war Meyer, Goethes Kunst­berater, der geistreiche, von der Hausfrau besonders protegierte Fernow, der Freund, Schüler und Biograph des genialen Carstens, und kurz fast alle Mitglieder des literarischen Weimars. Aber der große Stern, der den Gesellschaften der Madame Schopenhauer die weite Berühmheit gab, das war und blieb natürlich Goethe, der regelmäßig bei der Hoftätin zu erscheinen pflegte, zuerst, wenn er einttat, sich immer etwas steif und kalt anstellte, aber nach .und nach bei Unterhaltung und Vorlesung, Gespräch und Neckerei aufzutauen pflegte und sich offenbar im Hause und unter den Gästen der Madame Schopenhauer gar wohl fühlte. Und das wahrlich nicht leichte Geschäft einer Wirttn verstand die Hoftätin vorzüglich! Ein gewandtes, recht angenehm anznsehendes Per­sönchen, stand sie hinter ihrer Teemaschine, hatte ftir jeden ein freundliches Wott, verstand mit bequemer Redseligkeit die Sachen leicht zu berühren nnd von einer zur andern überzugehen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drangen. Sie war belesen und bereist, sie hatte eine schnelle Auffassung nnd einen gewvTwten Ausdruck, und so gewann sie sich schnell eine große Beliebtheit.

Freilich keine allgemeine. Jnrmer hat es Personen gegeben, denen Johanna Schopenhauer, wie man zu sagen pflegt, gegen den Strich ging. Besonders das Ehepaar Humboldt h<ll sich von ihr geradezu abgestoßen gefühlt und später hat der berühmte Kriminalist Fenerbacb von ihr eine äußerst scharfe und absprechende Charakteristik entworfen. Die Kritiker tadelten an Johanna Schopenhauer ihre Oberflächlichkeit, ihre Schwatzhaftigkeit, ihr Prunken mit Blldung und Kenntnissen vor allem aber ihre Eitelkeit. Und toemt sonst an inchts, an diesem letzteren Vorwurf war gewiß viel walftes. Erteckeft war es in erster Lftri-c, die in lihr den Plan erzeugt hatte, in Weinwr eine Rotte zu spielen; und wer ihr in diesÄn Vorhaben zuwider war, gegen den kannte sie keine Rücksicht und Erbarmen. Das Hot vor allem ihr Sohn, der große Phllosoph, zu seinem bitteren Leidwesen erfahren müssen. Als er in Weftnar erschien rmd chr unbequem zu werden drohte, als er sie wegen ihres Verhältnisses zu ihremFreunde^ft einem Herrn von Gerste,rbergk, scharf zur Rede stellte: da kannte sie gegen ihn keine Rücksicht, das mütterliche Gefühl wurde von der Eitelkeit erstickt, und es ttat zwischen Mutter und Sohn jener Bruch ein, der nie mittler geheilt worden ist.

. Dreiundzwanzig Jahre lang hat Johanna Schopenhauer in Weimar gelebt und ihre Rolle gespielt. Sie hat sich in Diefct

Zeit einen wecken Ruf erworben. Sie sandte eine Reihe vo,t Romanen, Reiseschilderungen und ähnlichen Schriften in die Wttt, die beim Publikum recht fteundliche Aufnahme fanden; ihren: RomaneGabriele" hat tz>oethe selbst einen wohlwollenden Bericht gewidmet. Berühmter freilich,, als ihre gefällig lesbaren, jedoch innerlich gehaltsarmen lckerarischen Erzeugnisse, ist sie durch ihren Salon geblieben, der unter mannigsachm, Wechsel der weimarischen D-rnge sich dauernd in Flor gehalten hat. Als schlretzkich ihre Gesundheit sie nötigte, ein milderes Klima aufzusuchen, da hat e§ sie doch am Rheine, wohin sie übersiedelte, nicht lange gelitten. Thüringen war nun emmal ihr Zweckes Vaterland geworden und so kchtte sie berecks 1837 nach Jena zurück. Dott ist sie schon nach wenigen Monaten, am 16. Aprll 1836. verstorben.

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^Nfues von Mvritz v. Schwind. Im jüngsten Hefte der Mitteilungen der Gesttlschaft für vervielfältigende Kunst in W,en macht Emil Bettnger eine hübsche Entdeckung zum Werke Moritz v. Schwckid bekannt. In dem Besitze der jirngsten Tochter des Meisters, Frau p. Ravenstein in Karlsruhe, befinden sich sea>S Blätter, Schwrnds, etwa in Postkartenformat, die auf grauem Papier getuschte und wei»ß >erhöhte Szenen mittelalterlichen Ge­präges, durck>veg tragischen, heroischen und dramatischen Eharak- ters, darstellen. Beigeschriebene Zitatzahlen weisen darauf hin, daß die Motive der Darstellungen einer dichterischen Vorlage entjtammen, aber bisher war es nicht möglich) gewesen, diess herouszusftchen und damit den Sinn der Blätter zu enträtseln Nun yt es Beringer gelungen, die Vorlage zu entdecken. Es ist die Rudolphras", ein Heldengedicht des heute fast ganz vergessenen ru. seiner Zeit jedoch recht wohlan gesehenen deutsch-ungarischen Bischofs nnd Dichsters Ladislav v. Pyrker, zu der Schwind in den Karlsruher Blättern eine Reihe von Zeichnungen geliefert bat Pyrker ,tand mck dem Sckiwindschen Freundeskreise in gewissen Beziehungen: so hat Schubert Gtt>icb°te von ihm (Tic Allmacht , ver­tont und Grillparzer hat dem geisüichen Dichter persönlich nal>c gestanden Ta die erste Ausgabe derRirdolphias" im Jahre 1825 erschienen ist, so ist auch die Tatteruna der Schivindschcn Zeichnungen ermöglicht, deren Ursprung zweifellos in das ge­dachte Jahr oder jedenfalls etwa um diese Zeit fällt. Der Wert der Bermgerschcn Feststellung witt» dadurch erhöht, daß ^chwinds EnttiEfe zu Pyrkers Rudolphias zweifellos einen gewissen monu­mentalen Zug zeigen, der im Werke des .Künstlers bis dahin noch nicht ausgetreten ,var. Man darf daher die lleinen Blätter als die ersten Zeugnisse der Entwicklung Schwinds zum Momimentalstile betrachten. .

--- Frankfurt a.M., 7.Juli. Berliner Mitteilungen zu­folge steht Gertrud Eysoldt in Verhandlungen mit Wj>eimrat Zeiß wegen Eintritts cki den Verband der Frankfurter Bühne. Eben­falls soll Albert Steinrück dem hiesigen Theater für mehrere Bftmate der nächsten Spielzeit verpflichtet roerden