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6.7.1916 Zweites Blatt
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Kr. 156 Zweites

Erfthemt ÄUkch mit Ausnahme deS Sonntags.

Di«Sfefcott FamiNenbläLler" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreirblatt fltr den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Blatt

166. Jahrgang

G

Seneral-Anzeiger für Gberhchen

Donnerstag, 6. Juli 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcherr Universitäts -Buch- und Steindruckerei.

R. Lange. Gießen.

Schrfftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schuld stratze 7. Geschäftsstelle u.Verlag:S-^ö1,Schrick leitung: S^zZ-112. Adresse für Drahtnachrtchten.' Anzeiger Gießen.

Der Krieg zu Lande in den Monaten Mai und Juni.

WlsdemG roßen £>« liiflt qua r tic c hritb uns geschrieben:

Irr den beiden letzten Monaten hat die allgemeine Kriegslage >rn beständiger Steigerung eine derartige Verschärfung erfahren, jba&zbic Wende dom Juni zi:m Juli weniger als je zu einem z-u- sammenfa ff enden Rückblick geeignet erscheinen möchte.

.Trotzdem soll der Versuch eines solchen in den nachstehenden Zeiten unternommen werden. .Es ist ja nicht daS erstemal, daß im&~eüi vollkommener Umschwung der Lage zu imseren Ungunsten lange vor beirr Einsetzen der Ereignisse, die ihn herbeisühren sollten, von der gesamten Presse unserer Gegner angekündigl worden ist.

Weder diese Ankündigungen rvoch die ihnen folgenden Taten fwfcm es je vermocht, uns die Ruhe zu nehmen, die auch der Gruudtou der nachstehenden Betrauungen sein darf.

I.

Wersen wir Mnächst einen fluchtigen Blick aus jene Schauplätze des weitverzweigten Kriegsgeschehens, die in einer Verhältnis- mätzgen Ruhe zu verharren scheinen.

Warn die Wirgünqe aus dem Balkan zurzeit einen der BrrnÄpunkde deS fieberhaften Anteils, man kann sagen der ganzen Wett darstckben, so hat das weniger in militärischen Vorgängen liSriaai Grirnd, alS in politischen. Zwar scheint der Wtransport Äer neu Msaurmengestcllten serbischen Armecreste nach Saloniki beerdigt zu sein, aber zu ernstlichen Zusammerrstößen ist es auf .Ler'urazÄVnischxn Front noch immer nicht gekommen. Immerhin ift eine Ajeränderuug der Lage dadurch eingetreten, daß die Bul- gwceu am 26. Mai sich in den Besitz des Rupelpasses gesetzt und Erna taktisch günstigere Stellung vorwärts dieses Passes ausgebaut 'Haben. Diese Vorgänge haben der Entente den Vorwand zu einer schr-oisen Verschärfung der Bedrückung! hergeben müssen, welche -seit Monaten aus dem Grüechenvolkc lastet. Griechenland ist durch seme geographische Lage und seine» Armut an natürlichen Hilfs­quellen jedem Zugriff eines Stärkeren ausgesetzt. Tie beispiellose BrÄalrtät, mit der die Entettte diese Zwangslage des Hellenentums ausgenutzt hat, um sich in die innersten Angelegenheiten des wehr­losen ÄucheS einzuzwängen und Monarchie und Volk zu willen- losen -Spielzeugen ihrer Ziele zu pressen, steht in seltsackem Gegen­sätze zu her Erstarrung jedes militärischen Betätigungsdranges, die nun schon feit mehr denn einem halben Jahre das mit so viel Geschäftigkeit und Lärm zusannnengebrachtc Ententeheer an die unmittelbare Umgegend des zwangsweise besetzten neutralen Sa- lonüi fesselt.

Mch auf den vorderasiatischen Kriegsschau­plätzen scheint die in früheren Abschnitten unserer Betrachtung so lebhaft gesteigerte Regsamkeit mtferer Feinde nachgelassen zu haben. Ter Fall Knt-el-Amcrras hat weder den Engländern noch den Russen Anlaß gegeben, in durchgeführten Unternehmungen größeren Stils für den bedeutungsvollen Erfolg der türkischen Waffen einen Ausgleich zu schaffen. Die Angriffe der Russen in Gegend KasriSchrrin sind zum Stehen gebracht, ein lange vor­bereiteter Angriff russischer Kräfte hat am.3. und 4. Juni mit einer Entscheidenden Niederlage der Angreifer geendet. In Ar­menien vollends ist das vor nicht allzulanger Zeit noch so energische und sieggekröntc Vordringen russischer Streitkräfte zunächst zum Stehen gekommen, und dann haben die Tütken auf der ganzen Front die Russen zurückgedrängt. Sie stehen mit stärkeren Kräften bereit, den Vormarsch noch Nordpersien fortzusetzen.

Ebensowenig haben sich die Italiener entschließen können, die Enge ihrer Umstellung bei Valona durch den geringsten Vorstoß auszuweiten.

II.

Von den entfernteren Kriegsschauplätzen hat sich sonach d-ie kriegerische Regsamkeit unserer Gegner immer mehr hinwegge- zogeu, UM, den Pariser Beschlüssen entsprechend, dieEinheit der Front" nachhaltiger auf den inneren Ring konzentrieren zu tonneu. Hier versucht der Feind, die Mittelmächte unter Zuhilfenahme einer rücksichtslosen Anspannung der nach der Ausfassung aller unparteiischen Beurteiler völkerrechtswidrigen Mitblockade der Neu­tralen. immer enger zu umschließen und sich in Ruhe auf eine gemeinsame große Offensive vorzubereiten. Aber dazu haben die Mittelmächte ihren Feinden nicht Zeit gelassen.

Einer der beiden Vorstöße der Mittelmächte ist bereits seit geraumer Zeit im Gange: der Angriff gegen die französischen Stellungen auf beiden Maasufern um Verdun. Er hat einen machtvollen, alle feindlichen Gegenanstrengungen Schritt für Schritt niederwucht enden Fortgang genommen. Da dies ge­waltige Schauspiel der Schlacht an der Maas, für beide Kämpfer gleich ehrenvoll, danerud die hingerissene Teilnahme der Welt in Atem hält, brauchen hier nur die großen Grundlinien nachgezogen zu werden. Tie Einzelheiten sind ia in frischer Erinnerung.

Das wechselvolle Ringen auf dem linken Maasufer nahm während des ganzen Maimonats ohne Ermatten seinen Fortgang.

Es galt,'die nach der Einvachne des Waldes von^Avocourt zwischen diesem und demToten Mann" entstandenesackstellung" aus­zuräumen. Tiefes Ziel ist in schrittweisen, durch klemere Rück- schlüge nur vorübergehend gehemmten Vorarbeiten ohne Rast er­reicht worden. Abschnittsweise wurden.die nördlichen, die west­lichen. zuletzt am 21. Mai die ösllicheu'Ausläufer der Hohe 304 gestürmt. _ Oeftlich desToten Mannes" ist am 23. Mai die Trümmerstätte, die einstmals das Tors Eumieres war, gestürmt worden. Tie au diesem Tage noch gescheiterte Eroberung der Caurettes-Höhe und des ganzen Geländes von der Südkuppe des Toten Mannes" bis zur Südspitze von Eumieres konnte bis Ende Mai erzwungen werden. Auch in diesem Abschnitt brachte der Juni häufige und gleichermaßen erfolglose Gegenstöße.

Seit der Maimitte versuchten die Franzosen mit verzweifelter Anstrengung, den Schwerpunkt der Maaskämpfe auf das rechte Ufer hinübe.rzuveißen. Nach einer riesigen Artillerievorbereitung, holten sie zu einem wuchtigen Schlage gegen Fort Douaumont aus. Es gelang ihnen, am 22. Mai bis an die Kehle des Forts vor­zustoßen. Ta setzte der Gegenangrin ein: schon der 24. Mai brachte den Franzosen eine schwere Niederlage. In glänzendem fortgesetzten. Angriff eroberten die Deutschen die ihnen entrissenen Stellungen zurück, drangen weit über sie hinaus, brachten am 1. Juni den ganzen Cailletttwald in ihre Hand. In den folgenden Tagen wurde das Torf Damloup und endlich auch das Fort Vaux er­stürmt und fest in unsere Hand gebracht. Seine tapfere Besatzung, die sich in den unteren Gewölben gehalten hatte, mußte am 7. Juni kapitulieren. Am 8. Juni setzte ein neuer Vorstoß ein, der zunächst ein starkes feindliches Feldwerk der Feste Vaur, dann in ständigem Fortschrerten die Stellungen westlich und südlich der Thiaumont-Ferme und endlich am 23. Juni das .Panzerwerk Thiaumont selbst und den größten Teil des Torfes Fleury in unsere Hand brachte, den Zentralpunkt und den linken Flügelpunkt der zweiten französischen Hauptstellung. Me diese Errungen­schaften mußten und konnten gegen wütende französische Gegen­angriffe gehalten werden, zuletzt noch am 26. und 27. Juni gegen einen Stoß größten Maßstabes auf der ganzen Fvontbreite des Abschnittes ThiaumontFleury. Die Kämpfe dieser zwei Tage rechnen zu den schwersten und für die Franzosen verlustreichsten des ganzen Krieges. Unerbittlich nimmt hier der Zermürbungs- prozeß an Frankreichs Heeren seinen Fortgang.

Rriegsdriefe as§ dem Weste«.

Don urrserm Kriegsbericht ersttttter.

Odr-erechkigper Nachdruck, auch ansArgÄvrise, verboten)

Gute Prise!

Großes Hauptquartier, im Juni.

In der Nacht vom 22. zum 23. Juni wurde, wie schon amtlich gemeldet worden ist, der englische DampferBrussels" von einem deutschen Patrouillenboote angehalten und samt Ladung und Passa­gieren nach Zeebrügge eingebracht. Es war morgens gegen 2 Uhr 20 Minuten, als von dem deutschen Schiffe in der Nähe des Nor- thinderfeuerschisies &n auffallendes Fahrzeug gesichtet wurde. Es schien ganz schwarz zu sein, hatte Seitenlichter, offenbar um für einen Segler gehalten zu werden, während man doch deutlich den Rauch eines Dampfers erkennen konnte. Das deutsche Fahrzeug näherte sich dem verrnnmmten Fremdling, befahl ihm, zu stoppen, fuhr längsschiff heran und entsandte ein Prisenkommandv an Bord.

Als der Kapitän des der englischen Great Eastern Railivap Companp gehörigen DampfersBrussels" erkannte, daß der bös­lich und fließend sprechende Offizier, der ihn zu der guten See beglückwünschte und den er für einen Landsmann gehalten hatte, in Wirklichkeit einer von dendamned Germans" war, konnte er schon keinen Hilferuf mehr ertönen lassen, denn die Funken­station war bereits von der Prisenmannschaft besetzt. Diese hatte auch dafür gesorgt, daß jede Gegenwehr vergeblich gewesen wäre, und so blieb nichts anderes übrig, als den höflichen, aber be­stimmten Anordnungen der Teutsc^n Folge zu leisten. Diese ver­langten, daß die englische Besatzung in das deutsche Patrouillen­boot hinüberstieg, ebenso ein großer Teil der Maschinenbedienung, und daß ihnen das Schiff nach dem deutschen Kriegshafen Zeebrügge folgte. Ter Kapitän, Herr Charles Frvatt, nrußte an Bord bleibeil. Tie deutsche Prisenmannschaft machte sich sofort mit den technischen Einrichtungen des Schiffes bekannt, und nach einigen Schwierig­keiten sprang die Maschine an. Als Kohlentrimmer und Heizer wurden ein paar Russen angestellt, die man unter den Passagieren fand, deren Zusammensetzung überhaupt, wie wir noch später hören werden, interessant war. In verhältnismäßig kurzer Zeit gehorchle die fremde Maschine den deutschen Führern. Länger hätte man auch nicht mehr zaudern dürfen, denn man hatte Anzeichen, daß englische Kriegsschiffe in der Nähe waren. Während das deutsche Torpedoboot vorausfuhr, gelang.es allmählich, die Geschwindig­keit des 'Engländers sehr zu steigern, so daß die Gefahr, dem eng­lischen Zerstörer zu begegnen, welcher dieBrussels" in Empfang

nehmen sollte, immer geringer wurde. ^Einmal kam ein englisches Kriegsschiff auch ganz von Ferne in rffcht, das verzweifelt nach dem Verbleib derBrussels" funkte. Ta drehte man aber Back­bord ab und fühl: möglichst och:e Rauch, weil mau aus diese Be-' gcgnung keinen Wert legte. Bei beginnendem Tage passierte man das Schouwenbankfeuerschiss, in dessen Nähe man d-m Vsißntger Passagierdampscr begegnete. Tie alten holländischen Seebären mögen recht crftanitte Augen gemacht habe.il, als sie den Engländer mit solcher Beschleunigung und solcher Begleitung Zeebrügge er­streben sahen.

Beim Eintritt in die deutschen Kriegsgewässer wurde aus der Brussels" die deutsche Flagge gehißt, und der Kapitän mußte es sich gefallen lassen, in einem unter Deck befindlichen Raume ein- gcschlossen zu werden, von dem aus er nichts von den deutschen Kriegsrüstungeil beobachten konnte. Unr einhalb acht Uhr morgens l<ef der gute Failg, fröhlich begrüßt von unseren Blaujacken, im Hafen von Zeebrügge ein.

Ter Fang hatte sich in der Tat gelohnt. DieBrussels", ein 1400 Tonnen-Tainpfer, 11 Jahre alt, tat rcgelniäßig Paketpost dienst zwischen Rotterdam und Harwich. Um bei Nacht möglichst unsichtbar zu sein, ivar das Schiff von oben bis unten schwarz ge­färbt, auch die Boote, die Rettungsringe und die Tackelage. Ebenso war jeder glänzende Gegenstand bis zur kleinsten Schraube ge­schwärzt. Gewitzigt durch manche Lehre der Kriegszeit, hatten die Eigentümer das schiss mit einer Unzahl voll. Rettungsringen lind Schwimmwesten ausgestattet. Es hatte 24 Russen au Bord, deneu es int Laute der Zeit gelungen war, aus der detttschen Kriegsge­fangenschaft zu entweicki-en und die ^holländische Grenze zu über­schreiten. Sie hofftell, über England wieder nach Rußland zu ge­langen. Einer von ihnen hatte, als das Schiff von den Deutschen angehalten wurdq, eine Menge von-Briefen sehr bemerkenswerten Inhalts in einen Ventilator versteckt. Unter den 112 übrigen Passagieren cs hätte nicht viel gefehlt, so hätte sich der sranzö- fische Gesandte im Haag unter ihnen befunden waren eine An­zahl von belgischen Frauen und Kindern, die, mit regelrechten Pässen versehen, über Holland nach Engl-rud zu ihren Männern batten reiseil wollen. Diese Familien wurden sehr höflich be­handelt und verbrachten die Fahrt, nach Zeebrügge im Speiscsaale 1. Klasse, wo sich die Kinder ganz fröhlich mit den mitgenommenen Spielsachen die Zeit vertrieben. Sofort nach der Ankunft in Zee­brügge wurde Sorge getragen für die Weiterbeförderung dieser Auswanderer, die inzwffchen wohl ihr Ziel erreicht haben dürften. Ausser ihnen wurde noch eine Anzahl heimlich ausgewanderte belgische Männer, die in England als Munitionsarbeiter beschäftigt werden sollten, festgesetzt. Ihnen hatte eine eigene Organisation, dieBtitish Governal Commission sor transport os Belgians to the United Kingdvm", zu der heimlichen Auswanderung verholzen.

Sehr wertvoll waren von der Fracht des Schiffes die für die Ernährung Englands bestimmten großen Maßen Nahrungsmfttel, insgesamt 390 Tonnen, darunter etwa 150 Tonnen Margarine und Butter, geivattige Massen Geflügel, Fische, Kalbfleisch, Krabben und Speck, ferner Leder und an Schweinefleisch 190 Tonneil, das beißt genug, um dreiviertel Million Menschen einen guten Schweinebrateil zu liefern.

Man kailn unseren wackeren blauen Jungens an der flandri­schen Küste die Helle Freude nachempfinden, die sie hatten, als es ihnen gelungen war, demmeerbeherrschenden" Lllbion diesen fetten Bissen dicht vor der Nase wegzuf'chnappen.

W. Scheu ermann, Kriegsberichterstatter.

* * *

Der dritte Schlachttag an der Somme.

Telegrmnm unseres Kriegsberichterstatters.^

Großes Hauptquartier, 4. Juli.

Nördlich des Aucrebaches verhielt sich der Feiwd ruhig, geschwächt von seinen furchtbaren Verlusten bei dem Angriff der vorhergehenden Tage. Es liegen dort vor dem Mschnitte eirier einzigen deutschen Division etwa 2500 tote Engländer. Südlich des Anerebaches erlitt der Feind gestern ebenfalls außerordentlich blutige Verluste bei seinen Vorstößen auf Tiepval, La Boiselle und das Gehölz von Mametz, die alle scheiterten, und zwar meist schon in unstrem Sperrfeuer. Tie französischen Angriffe aus das fest in unserer .Hand befindliche Dorf Hardecourt mußten vor diesem Halt machen. Das Dorf Flaucourt fvurde von uns geräumt, ohne daß die Franzosen es bemerkten. Sie setzten die Beschießung der verlassenen Ruinen bis in die Nacht mit unvermindertem Eifer fort, bis endlich Patrouillen be­merkten, daß die Deutschen abgezogen waren, worauf die Franzosen das Torf besetzten. Südlich der Somme gab es nur ergebnislose nächtliche Patrouillengefechte. An vielen Teilen des Offensivabschnittes dürften in den nächsten Tagen noch starke Angriffe bevorstehen.

W. S ch e u e r m a n n, Kriegsberichterstatter.

Aus Uhlands öriefwechsel.

Mit dem vmi. der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung.soeben ausgegebenen vierten Bande von Uhlands Briefwechsel ist dieses große, im Jahre 1911 begonnene Werk, welches nicht nur für die Biographie Uhlands, sondern für die ganze schwäbische und deittsche Literatur- und Geistesgeschichte des Zeitraums von hohem Wert ist, mitten im .Kriege zum glücklichen Abschluß gelangt. Es ist dem um die Uhland-Literatur vielfach verdientm Altmeister würt- tembergischer Geschichtskundc, Julius H a r t m a n n , der erst kürzlich sein achtzigstes Lebensjahr vollendet hat, vergönnt gewesen,, diele ihm vom Schwäbischen Schillervereine anverttaute bedeutende Ausgabe bis zu Ende durchzuführen. Auch der reichhaltige und höchst sorgfältig gearbeitete Schlußband der Werkes fördert -mancherlei Neues und Interessantes zur Kenntnis Uhlands und seiner Zeitgenossen zugute. So erfährt man aus einem Briefe, den H. F.. Maßmann am 5. Februar 1854 au das Ehepaar Uhland richtete, eine hübsche Einzelheit zu der Ablehnung des Ordens Pour le Merkte durch Uhland. W. v. Humboldt hatte nämlich Maßmann darüber folgendes erzählt:Denken Sie sich mal, lieber Maßmann, was mir Uhland für einen üblen Streich gespielt hat.- ich hatte gehofft, unseren für alles Edle so empfänglichen' König mal wieder vor allen Gutgesinnten De-utschlands im besten Sinne zu kompromittieren, nun »nacht »nir der gute Uhland solchen Querstrich, und zwar unter Voraussetzungen, die garnicht statthaben. Das ist ja gar kein Orden, und vonStandeserhöhung" ist dabei vollends nickt die Rede. Mit Mühe hatte ich alle Wähler unter einen Hut gebracht, und als ich zum König kani, und er -micki um die Wahl befragte, habe ich chm geairtivortet:Majestät, wir haben gewählt, aber ich befürchte, daß die getroffcn.e Wahl Ihnen nicht angenehm sein werde." Der König fragte rasch weiter: Wieso, lieber Hmnboldt?" Als ich Uhtand-manntc, erividcrte der König rasch:Im Gegenteil, lieber HunMldt, ich habe längst cm Uhland gedacht!" Und nun kämen die Absagebriefe! Zum Glück hatte der König noch nicht unterzeichnet. Als ich aber wiedcft zum Könige kam und die Hioospost Vorbringen mußte, war der König allerdings vertvundert und verstimnlt: doch ttaf ich das Rechte, indem ich sagte:Majestät, er hat ja die Münchener Eule (den Maximiliansorden) auch ausgeschlagen." Ta lachte der König auf, und ich hatte gewonnenes Spiel."

Ein schöner Beweis für die riefe Verehrung, die Hebbel dem Dichter Uhland zollte, findet sich in einem Briefe, den der nord­

deutsche Dichter im 'Januar 1858 an Uhland richtete. Vier- Monate vorher hatte er an Uhland ein Exemplar der Gesamt­ausgabe seiner Gedichte, diedem ersten Dichter der Gegenwart. Ludwig Uhland, in unwandelbarer Verehrung" gewidmet war, läbgesandt. Allein er befürchtete, die Sendung möchte ihr Ziel nicht erreicht haben, weswegen er schrieb:Ist das Buch richtig bei Ihnen eingetroffen, so ist alles in Ordnung. Es war mir Bedürfnis, Ihnen als Mann für die dem Jüngling von Ihnen zuteil ge­wordene Freundlichkeit noch cininai meinen Dank auszusprechen, und so innig mir ein kleines Lebeirszeichen von Ihnen »vvhlgetan haben würde, so weit bin ich davon entfernt. Ihnen abdringen zu wlülen, was nicht von selbst aus Ihrer Seele fließt. Auch ich bin ja inzwischeii fünfundvierzig Jahre alt geworden, und die ungeheuren Schicksale der Welt sind nicht an mir vorüb er gegaitgen., ohne dasjenige in mir zu reisen, »oas mein eigenes Schicksal, das mich auch eben nicht verzog, vielleicht noch unentwickelt ließ." Hebbel erzählt dann von einer unangenehmen Erfahrung mit der Post^und fährt fort:Diese Möglichkeit entschuldige die Anfra,^., ob Sie das Buch empfangen habeir: noch kann ick rellamiereu, und ich möchte in den Augen des Dichters, in beut ich den einzigen unsterblichen unserer Zeit erblicke, picht in dem Licht daslehen, als ob ich ihm Gedichte gewidmet und sie ihm rlicht einmal vorgelegt hätte. Gedenken Sie meiirer als eines Ihrer unwandelbarsten Anhänger und geincßeu Sie lange eines frischen, gesunden Greifen- Alters! Eben heute trifft der tote Feldrnarschall (Radetzky) hier ein (in Wim: er sey Ihr Vorbild!")

Aus den Dichtungen, in denen mehr oder »ninder namhafte Zeitgenossen Uhlands dem schiväbischen Dichter und Gelehrtere ihre Verehrung bezeugten, sei eine herausgegriffen. Der nieder­deutsche Dichter Klaus G r o t h richtete 1854 an Uhland folgen­des Gedicht:Es war nicht hochgeschwrmgeu / 'Das Lied, das Du gesungen, / Es war nicht tief gelehrt: / Es ist die schlichte Wahr­heit, / Es ist die milde Klarheit, / Womit der Mond, die Welt verklärt. ' O wollten die Poeten / Nicht inrmer gleich Propheten / Und Wundertäter sein! / Nicht Phrasen von dem Schiller / Urrd nicht vom Rückert Triller / Von Dir biderbe Treue leihn!"

D ' Annunzio i nt F t e b e r. Nach eurer für seine Ver­hältnisse langen Spanne des Schweigens lässt Gabrielle D'Annunzio der staunenden Welt der AUrr^etcken endlich »nieder eine seiiter .ReklamemrNeilunLen Natürlich haben die französischen

Blätter nichts Eiligeres zu tun, als sich mit Pathos und Leiden­schaft der neuesten Aeusserungen des göttlichen Dichter-Kriegers anzunehmen, und dasEcho de Paris" verkündet mit merklichem Stolz, daß es in der glücklichen Lage ist, die Worte, die D'Annuuzio anläßlich eines Besuches, den er in Venedig von Maurice Barrös crhiett, sprach, aufs genaueste »vrederzngeben.Am Ufer des großen Kanals," so erzählt Barres,liegt ein kleiner Palast, der den_ Besuchern der Lagunenstadt unter dem Namen Palazzino Rosso bekatrnt ist. Das Gebäude liegt am Ende eines schmalen Gartens, dessen^ Baumtvipsel über einer marmornen Einfassung schwanken. Es ist poetisch und nur gereckn, daß der große Dickler diesen wunderbaren Ort fand, um hier die ihm durch seine Ver­wundung verursachte»: Qualen z»» uberstehen und sich für neue Taten zu sammeln. D'Arrnunzio ist bleich, mager, und sein rechtes Auge ist durch eine schwarze Binde verdeckt. Mch wenigen Worten, erfahre ich, daß er »rach den mehrsacken Untersuchungen durch die Aerzte die Hoffttung verloren hat. »emals die verlorene Seh­kraft in vollem Maße »viederzugewirmen.Schrecklich ivar," ruft er au«,während drei Monaten im dunlleit Zimnter zu ver­harren, ohne Bewegung, den Visionen des Fiebers hing eg eben." Nach herzlichem Gespräch führt er itns in das erste Stockwerk, 'wo ein venezianisches Künstlerguartett seiner harrt, u»n ihn durch die Wiedergabe der von ihm über alles geliebten älteren, und modernen französischen Kammermusik zu erfreuen. Als das Konzert vorüber ist, erzählt er von den ^chwierigkeite»:, die er zu überwinden hatte, um das Volk zur Teilnahme am Kriege an- zufeuern, von den Qualen der Ungewißheit, von dem endlichen Triumph seiner gkühenden Propaganda, und er selbst vergletmt seine Tätigkeit, die das Volk außvacheit ließ, mit de»: historischen Reden der römiicken Tribunen im 13. Jahrhundert. Dann wird er plötzlich ganz Dichter und berichtet mir über seine Arbeiten, die er während des Fiebers im Dunkeln mit hastender, nur vom Geist des Poeten geführter Hand nieder sch rieb, es sind die Werte seiner schlaflosen Nächte, die Ausflüsse des ß eeev und des Deliriums, die ttefinnerften Erlebniffe »einer -de, Phantasie, di? er demnächst in einem sicherlich einzig dastehenden Buche unter dem TitelNoeturno" herausgeoen wird.Zum Aufenthalt im Dunkeln verurteilt," erklärt er mir,mußte ich gefühlsmäßig schreiben, ohne das Geschriebene zugleich erblicken zu können, und so sind diesk Schriften die BB nntnisse der Nacht geworden. Wem: dann am Morgen meine Toaster mir das Geschriebene vorlieft, bin ich selbst beim Anhören dieser Arbeiten äntiesst ergriffen! . .'*