Ausgabe 
12.5.1916 Zweites Blatt
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gcflnrt, di« Bersamnrlung, an di« damals der Aufnrhr sich an-

Ichwtz. sei grundlos aufgelöst worden; das mildere die Ver­fügung. Aber an der rechtlichen Frage ändert es nichts. Unter- ftlchungen der Art, ob die Teilnahme eines Abgeordneten an den Verl>anolungen erwünscht ser. würde der Abgeordnete Bennigsen fmt unter ferner Würde gehalten haben.

Nun der besondere Fall Liebknecht. Ich sehe da- von ad. zu untersuchen, ob und inwiefern Liebknecht sich strafbar gemacht hat. Ich stehe hier nicht als Jurist, sondern als Par- lomcnloricr. Tic Person Liebknechts ist mir vollständig gleich- Ich habe weder den Beruf, noch die Neigung, ihn zu ver- verteidige ausschließlich ein Recht des Reichstags, nicht über Liebknecht zu Gericht zu sitzen. Da­zu find die von der Militärstrafgerichtsordnung gestellten Richter verufeu Ihnen soll der Rechtsfall Liebknecht durch unseren An- ttttg nicht entzogen werden. Der Reichstag hat lediglich nach poli- n<Ä $. l"^cstischen Gesichtspunkten den Antrag zu be­urteilen. Nur eine Ausnahme will ich gelten lasten. Wäre es offenbar, daß die Anklage eine Scheinanklage r st, eine tendenziöse Anklage, die erhoben ist, um einen Parlamen- Mrier sein parlamentarisches Wirken unmöglich zu machen, dann wurde der Reichstag auch in eine rechtliche Würdigung der Taten erntreten müsten.

® V2 1° 1 $ T . ? a 1 1 liegt hier nicht vor. Infolge- besten idEjeibet di« puristische Beurteilung vollkommen aus. Für «NS kommt es mrr darauf an: was frommt dem Reiche und dem Reichstag? Der Reichstag darf ein Recht, das er beinabe 50 Jahre eifersüchtig gewahrt hat, nicht preisgeben. Hier muß'es heißem widerstehe dem Anfänge! Verletzt man einen Grundsatz einmal, 19 * u . m Zweiten und dritten Mal viel leichter

nech. Man hat auf die Schwere der Zeit hingewiesen. Damit s<^fft man einen Präzedenzfall, der gerade in Zeiten lchwerster Parteikämpfe der Ausgangspunkt einer fort- geatzten Durchlöcherung des Jmmunitätsprinzips werden kann. Gerade, m solchen Zeiten ist die Wahrung des Jmmunitätsprin- gips besonders wichtig. In solchen Zeiten ist es leicht möglich, daß von der Regierung abhängige Staatsan wälte auf den Gedanken kommen, die Häupter der Opposition durch Anschuldi- gurigen unschädlich zu machen.

Der Abgeordnete Liebknecht will durch einen Appell an die Masten eine Regierung zum Frieden zwingen, die beztiib wiederholt ihre F r i e d e n s b e r e i tschaft vor £lfcr Öffentlichkeit ausgesprochen hat. Wür­den Sre auch die Auslieferung eines Mannes verlangen, der es umgekehrt unternommen hätte, die Regierung zur Anwen- düng einer Methode der Kriegführung zu zwin­gen, die zur Verlängerung und Verschärfung des Krieges und zu einer erheblichen Verschlechterung der Lage Deutschlands führen müßte?

# Liegt nun die Annahme unseres Antrages im Jntereste des Reiches? Ich nehme ohne weiteres an: Die Gründe der Mehr- heit der Geschäftsordnungskommission zur Ablehnung unseres Antrages sind die wahren Gründe. Aber Ihre Stellung­nahme kann und wird mißdeutet werden. Unsere Stellungnahme ist irgendeiner Entstellung nicht fähig. Für uns ist der Krieg ein Kampf um die Heimat. Wir sehnen einen Frieden herbei, der nicht den Keim neuer Kriege in sich birgt. Wäre dem nicht so, so wäre das deutsche Volk kein Kulturvolk. S ol a n g e w i r aber einen solchen Frieden nicht erzwingen können, wollen wir unser Land weiter vertei­digen, um es zu erhalten und zu sichern. Diese Stimmung des deutschen Volkes kann durch ein Blatt Papier nicht erschüttert werden. Ist es ha klug, den Anschein zu er­wecken, der Deutsche Reichstag meste einer aufgeregten Agitation irgendwelche politische Bedeutung bei? Wie grotesk ist diese ganze Unternehmung! Wie kann sich jemand einbilden, durch eine Demonstration auf dem Potsdamer Platz, durch ein Flug­blatt in die hohe Politik, in die Geschicke der Welt eingreisen zu können?

__ Wenn wir der krankhaften Nervosität, von der dieses ganze Vorgehen, von der jede Zeile des Flugblattes Zeugnis ablegt, unsere klare nüchterne Ruhe entzegenstelleu, dann dienen wir dem Reiche am allerbesten. Wenn wir sagen, Ivirftennen unser- Volk, wir sind seiner sicher, wir können eine in ihrer Ausführung so unreife Unternehmung eines einzelnen ertragen und ver­tragen, sie macht auf uns 'Jo wenig Eindruck, daß wir nicht daran denken, ihr gogcniiber einen 60 Jahre geübten Brauch aufzugeben, dann würde dos eine eindrucksvolle Kundgebung sein, die nirgend­wo mißdeutet werden könnte. (Beifall bei den S^.)

der Abgeordnete Liebknecht ist damit des Landesverrats überführt (Hort, Hort! und Lachen bei den Soz.)

Liebknecht hat aber gar nicht erklärt, mit den Gesinnungs­genosten zusammenzuarbeiten, sondern nur in demselben Sinne wie seine Gesinnungsgenossen im Auslande tätig zu sein. Liebknecht will nur den Frieden herbeiführen, ein Ziel, das auch unsere Regierung, wie sie in der Note an Amerika erklärt, schon zweimal angestrebt hat. Wer aber so handelt, begeht keinen Landesverrat, sondern erwirbt sich ein Verdienit um sein Vaterland. Sie dürfen sich bei Ihrem Urteil mcht von Zorn oder Groll gegen Liebknecht leiten lasten, sondern musien versuchen, seine Gedankengänge zu verstehen. Wer die Szenen bei der letzten Rede Liebknechts im Reichstage miterlvbt hat, begreift, daß hier die Leidenschaften als schlechte Berater mit­wirkten.

Das Warft Klastenkampf wurde hier so ausgesprochen, daß man eine Gänsehaut hätte bekommen können. (Heiterkeit.) Aus

Reichstag sind eine Menge von Belegen dafür beizubringen, daß ahn. lche Gedanken hier ausgesprochen worden sind, wie sie der Ausruf enthält. Redner führt einige Stellen an. Die Vorwürfe werden nicht ausbleiben, daß man einen politischen Gegner aus- schalten will. Eine Ausnahme von der bisherigen Praxis hätte man nur machen dürfen, wenn es sich um ein gemeines iqfteres Sßerbrcc^eji handeln würde und durch schnelles Eingreifen die Verdunkelung des Tatbestandes zu verbüten wäre. Aus der petzt erschienenen Geschichte des Kulturk > '4 i m Deut-

ic^en Reich ist zu entnehmen, wie schwere Vorwür in bezug

auf nationale Unzuverlässigkeit auchden Ultramontanen gemacht hat. Unserer Partei hat man ja auch vor dem Krieg die schwersten Vorwürfe gemacht, jetzt sind sie Gott sei Dank ver­stummt. Am 11. März 1916 hat der Abgeordnete Stresemann sogar gesagt, als er angegriffen wurde, man sollte den Vorwurf, daß man tm Jntereste des Auslandes handle, gegen einen ftogeordneten überhaupt nicht erheben. Davon eine Aus- nähme zu machen, hat keiner das Recht. (Zustimmung b. d. Soz.)

, großem Mut hat der Abgeordnete Lieb-

rnecht die volle Verantwortung für das, was er tut. übernommen. Vom Reichs amt des Innern befindet sich ein an die Kom­mandantur gerichtetes Schreiben bei den Akten, worin es heißt: Ich zweifle nicht daran, daß dieser Antrag (der sozialdemokratischen Fraktion) abgelehnt werden wird, halte es aber, um dies Ergebnis zu erzielen, für unerläßlich, daß dem Reichstag sobald als möglich me Unterlagen des Strafverfahrens mitgcteitt werden, damit er sich ein selbständicies Urteil filW Ken ftaYmrt w 'a

Ein Antrag auf namentliche Abstimmung wird genügend unterstützt.

Abg. Hause (Soz. A.-G.):

Die Immunität der Reichstagsabgeordneten besieht auch gegenüber Militärbehörden. Das Jntereste des Parlaments steht hoher als die Durchführung von Strafverfahren. Es ist eine Anmaßung, seine Zustimmung zur Strafverfolgung davon ab­hängig machen zu wollen, welchen Wert die Mitarbeit eines Abge- otbneien für den Reichstag hat. Von dem Verbrechen des Landesverrats kann bei dem Abgeordneten Liebknecht gar keine Rede fein. Das geht aus der bisherigen Rechtsprechung zweifellos hervor. Das Generalkommando ist zunächst auch gar nicht ans den Gedanken des Landesverrats gekommen. Dieser ist erst von dem Berliner Polizeipräsidenten Herrn von Jagow in die Akten hineingeworfen worden. (Hort, hört!) Er stutzt diesen Gedanken aber nicht auf das Flugblatt, sondern er sagt: der Abgeordnete Liebknecht erklärt auch, daß er mit seinen Gesinnungsfreunden im feindlichen Lande zusammenarbeitet, um den Weltkrieg sobald als möglich zu beenden, und fährt dann fort:

M em selbständiges Urteil über den Inhalt der Akten bilden kann wort, Hort! und Unruhe.) Kein Beamter des Reiches hat das Recht, das Urteil des Reichstages vorwegzunehmen. DaS wirft ein recht ungünstiges Licht auf die ganze Sache. (Unruhe). Wenn petzt von der Norm abgegangen wird, so tritt an deren Stelle die Willkür, die immer schlimme Folgen hat.

Abg. tum Laszewßki (Pole):

Die polnische Fraktion stimmt, nicht dem Abgeordneten Lieb­knecht zuliebe, am allerwenigsten, um ihn in Schutz zu nehmen, sondern ohne Ansehen der- Person, aus rein prinzipiellen Gründen 6 e 6 e n d e n A u s s ch u ß a n t r a g. Wir sind von jeher gegen pedes Ausnahmegesetz und gegen jede Ausnahmebehandlung ge­wesen und wollen keine schwankende Praxis eingeführt sehen. (Beifall bei den Soz. und den Polen.)

Damit schließt die Aussprache.

In namentlicher Abstimmung wird der Antrag des Geschaftsordnungsausschusses mit 229 gegen 111 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen a »genommen. (Lärm und lebhafte Pfuirufe der Soz. Ironische Pfuirufe auf der Rechten. Erneute Pfuirufe der Soz.)

Präsident Dr. Kaempf ruft den Abg. Rühle (Wild) zur Ord­nung. (Rufe der Soz.: Wir alle haben Pfui gerufen! Abg. Vogtherr (Soz. A.-G.) ruftSchande für den Reichstag!" und erhält gleichfalls einen Ordnungsruf.

Ne Gewerfschastsiimelle ;um vereiasgesetz.

Erste Lesung. (Zweiter Tag.)

Abg. Dr. Oertel (Kons.):

Wir lehnen die Vorlage ab, wollen uns aber zunächst einer Ausschußberatung nicht widerfetzen. Das Ve-reinsgesetz ist ein Kind der inzwischen überwundenen Blockpolitik. Maine Partei lehnt es ab, in der Novelle den Willen des Ges^ebers zum Aus­druck gebracht zu sehen. Ware ich damals im Reir^tag gewesen, würde ich mich der Vaterschaft wahrscheinlich nicht mitschuldig gemacht haben. Das Verhalten der Regierung dieser Novelle gegenüber war sehr wechselvoll. Zunächst hieß eS, eine Aerrderung könne erst im Frieden erfolgen. Das halten wir auch heute noch für richtig. Schließlich gab sie dem Drängen des Herrn Scheidemann nach und versprach, die Vorlage noch in dieser Tagung zu bringen.

Nach Legiens Ausführungen imVorwärts" ist dies ein Sonder ge setz zugunsten der Gewerkschaften. Es hat sich allerdings ein Mäntelchen umgehängt. Die Forderung des deutschen Landwirtschaftsrates enthält nichts Anfechtbares. Er ist zur Vertretung der Landwirtschaft berufen und will die in ihr herrschenden feindlichen Verhältnisse nicht getrübt sehen. Auf dem Land sind die Arbeitnehmer oft Arbeitgeber. Beide arbeiten unter dem gleichen Geschick. Eine landwirtschaftlicheArbeitS- ernstellung Ware von großer Gefahr. Das preußische Gesetz, daS dre Verabredung dazu verbietet, ist segensreich. Es wird durch den petzigen Gesetzentwurf nicht berührt, sondern es bleibt be­steh e n. Der BegriffWirtschafts- und sozialpolitisch" ist dehnbar. Ich mochte einen Preis darauf setzen, daß man diereine" Politik

davon nicht ganz trennen kann. Nach dcm Entwurf können Jugendliche unter 18 Jahren Gewerkschaften angehören und Versammlungen beiwohnen. Zeitungsjungen von 12, Kegelpungen von 14 Jahren können sich jetzt öffentlich über die Notwendigkeit des Frauenwahlrechts aussprechen. (Heiterkeit.)

Der Reichskanzler hat sich früher selbst gegen die Teilnahme pugendlicher Personen an der Politik ausgesprochen. Auch der Abgeordnete Kerschensteiner, ein hervorragender Kenner der Ju­gendseele, hat. in einer jetzt veröffentlichten Zuschrift an eine hoch­stehende Persönlichkeit die Zulassung jugendlicher Personen für verhängnisvoll erklärt. Auch ich trage die Jugend an meinem Herzen, ^bellen Sie sich auf den Standpunkt des Statsfakre- tars von 1908. (Beifall.)

Ministerialdirektor Dr. Lewald:

Der Vorredner ist lautlos an meiner gestrigen Feststellung vorubergegangen, daß durch den vorliegenden Gesetzentwurf an dem bestehenden Zustand nichts geändert wird. Damit entfallen alle von ihm erhobenen Vorwürfe. Der Gesetzentwurf ist nur eine Sicherung gegen unsichere hin und her schwankende Praxis der Rechtsprechung. Gerade auch dem Landarbeiterverband können punge Leute unter 18 Jahren angehören. Leute von 18 bis 20 Zähren sind doch auch jugendlich, können sich aber organisieren. Für diese Bestimmung hat der Vorredner seinerzeit auch ge- stimmt. (Zuruf des Abgeordneten Grafen Westarp (kons).: Ge­zwungenerweise!) Gewiß, das Vereinswesen ist eine libe- rate Errungenschaft. Ein konservativer Abgeordneter hat einmal ge,agt: DaS Vereinsrecht' ist die Schere, mit der die konftitu- tionelle Delila dem Simson der Monarchie die Locken beschneidet, um die Minister den demokratischen Philistern wehrlos in die Hände zu geben. Das war der Abg. v. Bißmarck-Schonhausen.

Ich weiß nicht, wie die Locken des Abgeordneten Oertel gefallen sind. (Heiterkeit.) Jedenfalls liegt in dem Ge­setzentwurf keine Erweiterung des bestehenden Vereinsrechts, er verhütet nur die ungleichmäßige zu einer Rechtsunsicherheft füh­rende Handhabung.

Abg. Junck (Natl.):

Die Politik ist die Kunst des Möglichen. Anregungen und Verbesserungsvorschlägen, die im Ausschuß an uns herantreten, werden wir uns nicht verschließen. Die Ausfüh­rungen des Abgeordneten Müller-Meiningen habe ich so aufgefaßt, daß wir uns bemühen sollten, dem Gesetz eine bessere Fas- I u n g zu geben. Wir sind ebenso, wie ich es von seiner Fraktion me ' f c f*® tt i f I o f f e n, das Gesetz z u machen. Auch neuen Wünschen wollen wir nicht von vornherein un- S^^anglich sein. So haben B. bie Staatsarbei ter, die an sich, wie das von der Regierung ausdrücklich festgestellt worben ist, unter das Gesetz fallen, mancherlei Wünsche. Was sie vor allem bedrückt, ist, daß die reichsgesetzliche Dereinsfreiheit durch einzelstaatliche Bestimmungen eingeschränkt wird. Sollte es im Ausschuß unmöglich sein, hier ein Stück vorwärts zu gehen, so wurden wir sehr gern den Staatsarbeitern, die sich ja selbst in die­ser Beziehung außerordentlich vernünftig bescheiden, etwas ent­gegenzukommen. Das WortVereinsgesetz" wird vielfach als Stichwort für allerlei Wünsche aufgefaßt, die Bedeutung des Ge- setzeS wird weit überschätzt.

Das Gesetz ist ein Polizeigeseh und berührt das materielle Koalitionsrecht nicht. Auch die Novelle ist im wesent­lichen polizeilicher Natur. Sie beseitigt nur einige Fesseln, die man ftüher zu beseitigen sich nicht entschließen konnte. Der eigentliche Wille des Gesetzgebers soll der Recht­sprechung gegenüber durchgesetzt werden. Dieser Wille ist über­einstimmend im Reichstag und BundeSrak. Man darf das Gesetz nicht mit dem § 3 des preußischen Gesetzes von 1854 beschweren, sonst könne es vielleicht scheitern. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Landarbeiter wird hier berührt: wie soll dadurch das gute Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf dem Lande gestört werden! Die Ausführungen des Abgeordneten Dr. -Oertel rennen offene Türen ein. Die bloße Beseitigung der Schranken eines Polizeigesetzes kann mcht zu einer Vergiftung der Seele der Jugend führen.

Eine solche Möglichkeit besteht noch in tausenden anderen Fällen, ich erinnere nur an die Fabriksäle. Wir erwarten von der Vernunft der Gewerkschaften.selbst, daß sie ihre Tätigkeit nicht dadurch mihkreditieren, daß sie nun unreife Burschen ohne Not in die Bewegung hineinbringen. Daran kann ihnen doch selbst nichts gelegen fein. Aber diese jungen Leute rnüGeu Ge­legenheit haben, mitzuberaten in dem Rahmen, in welchem sie selbständig Arbeftsvertrüge nach »nfetm bürgerlichen Recht ab» schließen können. Darunter leiden sie aber gäviß an tijza. Seele keinen Schaden. Wir müssen brechen mit dem Mißtrauen gegen die Gewerkschaften, wie es früher bestand. Wir wollen den Geist von 1914, der auch ans diesem Gesetz spricht, nüht vergessen, wir wollen damit Ernst machen. (Beifall.)

Abg. Stubbendorf (Deutsche Fraktion):

Unsere Landarbeiter dürfen nicht schlechter gestellt werden als die anderen. Wir find bereit, im Ausschüsse mitguarbette» und hoffen, daß etwas Ersprießliches heran Stammt.

Abg. v. TrampszhnSki Mole)

bringt Beschweichen über die Handhabung des VeremSgefeheS vor. Der Sprachenparagraph muß beseitigt werden.

Das Haus vertagt die Weiterberatung auf Freitag,

3 Uhr, pünktlich, vorher Anfrage des Abg. Herzfeld (Soz.) über deti deutsch-türkischen Vertrag, dann Etats des Reichs­tags, ReichSschatzamtS und Allg. Pensionsfonds.

Schluß 6^ Uhr.

Zm deutschen Belgien.

Bon lmferem Brüsseler Mitarbeiter.

Brüssel, 3. Mai.

Wenn ein Neutraler die französische und englische Presse liest vhne tiefere Kenntnis dessen, was sich in Europa jetzt abspielt» ronme er tatsächlich glauben, daß die Enterfte für die Kultur gegen dre Barbavelkämpft. Namentlich die große Pariser Boulevard- dresen Eindruck täglich hervorzurufen, aber sie ivendet dabei Mittel an, die der Nation, die die große französische Revolu twn gemacht hat, geradezu unwürdig sind. Es gibt heute wohl «JF gebildeten Deutschen, der es wagen würde, die fran-- :Wftsche Kultur, die doch tlttsächlich vorhanden ist, und das Verdienst, das dre französisclxe Nation um die Fortentwickl'unF Europas in den letzten Jahrzehnten batte, m schmälern oder gar zu beschimpfen, ^zn reiner großen deutschen Zeitung wird man gehässige Worte llesen können, am wenigsten aber wird man von den Franzosen, dre nun einmal unsere Feinde sind, in despektierlicher Art und Werse sprechen; im Gegenteil, wir erkennen die Tapferkeit ihrer HoDaten und rückhaltlos alles das an, was Frankreich für die Welt geleistet hat. Die verschiedenen großen Zeitungen, deren ; Na men mit dem Ansehen der französischen Republik verknüpft sind, .folgen -dresem Beispiele nicht, und man kann es wohl sagen: eines der widMvärttgsten Organe ist heute derFigaro", jener Figaro, der dre Vornehmheit gepachtet haben wftl, und in dessen Spalten Dre größten Geister.der dritten Republik geschrieben haben. Einige 'Beispiele unter vielen mögen erläutern, wie tief heute das Organ derUnsterblichen" gefunverr ist:

In der Nummer vom 28. April schreibt kein Geringerer wie 'Emile Bergerat eineir Artikel, der die Ueberschrift führt:Ans den ^Boulevards". Es handelt sich da um zweiPoilns", die ein alter Boulevardrer^ trifft und mit denen er sich über den Krieg unter­hält. Es enftvinnt sich nun eine Unterhaltung etwa folgenden In­halts: Dtt Eine sagt zum andern:Ich muß dir doch eine Ge­schichte erzählen: Erinnerst du dich an meinen getreuen Armand, meinen bretonischen Kammerdiener, der mich auf allen meinen Autofahrten begleitete?Was ist er geworden, der brave JungeL" ,,Emgezvgen."Bei welcher Waffe?Du wirst ft^en. Wir ihvben da jüngst einen kleinen Wald umstellt und ettoa 3G Gefangene gemacht. Mein Bruder, der Offizier ist, hatte mir den Auftrag gegeben, sie ihm zuzuführen. Während ich sie führte, hörte ich auf einmal einen von ihnen meinen Namen nen­ne:?. ich drehte mich um und ging aus ihn zu, und wer denkst du, r ' war, mein treuer Armand, oder vielmehr Hermann. Denn ! i rctoite war ein Deutscher, woraus hervorgeht, daß der!

Kerl mich seit vier Jahren ausspioni-erte. Ich hätte ihm den Kopf

ernschlagen können."Haft du es getan?"Mein Lieber, die sind unverwüftlich. Was meinst du, was er gesagt hat?Wenn der gnädige Herr will, so werde ich nach dem .Kriege mit Ver­gnügen in seine Dienste zurückkehren. Der gnädige Herr waren! immer gut zu mir!" Ich habe mit einem Fußtritt der Unterredung ein Ende bereitet; denn der Kerl wollte sogar fragen, wie es meiner Mutter geht. Eine schmutzige Rasse."

Und dazu paßt das, was im Figaro vom 29. April Alexandre Depp seinen Lesern erzählt. Danach soll vor einigen Tagen im Schloß zu Potsdam bei der deutschen Kronprirrzessin eine Wiege angekommen sein für den jüngsten Sproß des HohenzoNernhauses, dre sich die kämpfenden Soldaten von Verdun erlaubten, der ge­liebten Prinzessin zu übersenden, und diese Wiege sei rot an ge­strichen gewesen und zwar mit dem Blut gefallener Franzosen.

Das erzählt dieser Schurke in einem zivei Spalten langen Ar­tikel seinen Lesern, die es jedenfalls auch glauben. Einer der Leiter des Blattes ist Alfred Capus, den man in Deutschland vor dem Kriege auf chlen Bühnen gespiett hat, der andere heißt de Hers, der als zwefter Chefredakteur des Blattes zeichnet, und in dessen Adern deutsches Blut rollt. Wie tief muß ein Volk gesunken sein, das ein derartiges Presseerzeugnis während des Krieges als eine gloire de la France" bezeichnet. Da braucht man sich gar nicht zu ivundern über das, was die belgischen Flüchtlingsblätter sich alles leisten und was kleine französische Provinzialzeitungen wie z. B. derNouvelliste de Lyon", abdrncken. In dem letzteren Blättchen finden wir einen Artikel aus Mailand, darin erzählt der italienische Rennfahrer namens Olivieri, den der Krieg in Belgien überrascht hat, von seinen. Erfahrungen in Belgien. Lassen wir den ALann reden:

Das Elend in Belgien ist sckwecklich, die Kartoffeln iverden zu einem Franken das .Kilo verkauft. Fett kostet 2025 Franken das Kilo, die Kartofselschalen werden zu einer Art Pulver vermah­len und dieses wird dem Mehl beigegeben, aus dem man Brot macht. Kein Wunder, daß das Brot nach ein oder zivei Tagen ganz ungeheuer stinkt; Fleisch findet man in Belgien fast nicht, die'bel­gischen Metzgereien sind fast alle geschlossen, und das Schlachten von Vieh ist ausschließlich das Monopol der deutschen Militärbe­hörde. Die Kinder kommen aus Mangel an Milch um, und Seife gibt es überhairpt nicht mehr." Auf die Frage, wie die deutschen Soldaten leben, antwortete dieser Rennfahrer:Ja, sie ziehen ich so gut sie können aus der Affäre; auch für sie ist das Leben hart, aber sie leben immerhin noch, besser als ihre in Deutschland zurückgebliebenen Familien. Die Briefe, die sie von ihren Frauen und Kindern erhalten, sind nichts als Schmarzensrufe. Sie möch­

ten gerne alles mögliche nach Deutschland schicken, aber der Gouver­neur hat es ihnen verboten, damit die belgiscl-e Bevölkerung nicht sehe, daß man in Deutschland schlechter lebe als in Belgien. In den Schuten, so-erzählt dieser Italiener ohne zu stocken weiter, ist dre deutsche Sprache obligatorisch. Tie vlamischen Lehrer lassen die Kindel: an treten, und deutsche Offiziere erscheinen dann, um sie zu kontrollieren. Unter ihrer Aufficht müssen die Kinder dann turnerische Uebungen machen, und während sie im Kreise herum-, laufen, müssen sie schreien:Nach Paris! Auf, auf!!" Jüngst sollen nun dre Kruder den überwachenden Ofsizier dadurch gefoppt haben, daß sie statt vorwärts rückwärts liefen. Und was meinen Sre, was dreser barbarische Ofsizier getan hat? Er hat den Degen gezogen und wäre beinahe versucht gewesen, den kleinen intelligen­ten Belgrern ein Leid anzutun.

. ~, Dieser Unsinn wird in Frankreich verzapft, geht

durch dre ganze Presse und wird geglaubt. Und nun behaupte einer iwch, daß an ftanzösrschem Geiste nach diesem großen Kriege die Welt genesen könne. Es gibt deren viele, die das behaupten, und» die namentlich die überseeischen Neuttalen mit Artikeln überschwem­men, um ihnen klar zu machen, auf ivelcher tiefen .Kulturstufe Deutschland steht. DasXXiöme Siöcle", Organ der belgisckien Regierung, gibt in seiner Nummer vom 30. '-lpril einem Artikel Raum, der in inner Zeitung von Buenos AiresCri de Belgiaue" von einem gewissen Baron Hubert Beyens geschrieben ist. Dieser Baron ist offenbar ein Verwandter des jetzigen belgischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten. Er kann auf seine Leistungen ganz besonders stolz sein! Er behauptete da, es sei unmöglich, daß dre Belgier innerhalb weniger Jahre alles das vergessen hätten, was srch während des Krieges ab gespiett habe; es nrüsse ein Haß gegen die Deutschen Zurückbleiben, der Generationen überdauere. Die Deutschen seien Halbbarbaren, und sie hätten jetzt in diesem Kriege bewiesen, daß man sie nirgends nötig habe. Die belgisäi-e Jndusttie könne ohne die Deutschen existieren. Diese hätten weder dre Wissenschaften, noch die Künste, noch sonst irgend einen Zweig der menschlichen Tättgkeit befruchtet. Nun läßt sich natürlich nicht fcststellen, welchen Eindruck derarfige Artikel jenseits des Ozeans machen, umsomehr, als wir ja keine Möglichkeit haben, mit ähn­licher Münze aufzuwarten. Das liegt dem Deutschen nicht, und wie bereits betont, sind glücklicherweise unsere deutschen Zeitungen mcht soweit gesunken, wie die großen französischen Blätter, die ihre Spezialität seit einigen Monaten lfarrptsächlich darin suchen, den Kaiser und den Kronprinzen in den unflätigsten Karikaturen zu beschimpfen. Was man auf diesem Gebiete erlebt hat, könnte unmöglich von den ivildesten Bölkerstämm-en in Zentral-Afrika überboten werden. (Zensiert Berlin.)