Ausgabe 
11.2.1916 Zweites Blatt
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123
 
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Hi. 35 Zweit« Matt

Erscheint tiyttch mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSiehrner ZamNienblatter" werden dem ^Anzetaer^ viermal wöchentlich beiqelegt, das KreUN«tt für de« Kreis Siehe«" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- tr«#«« 44 erscheinen monatlich zwennal.

M. Jahrgang

Seneral-Anzeiger fir Gberhejsen

ßreitag, 5ebmar sych

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Blich- und Steindruckerei.

R. Lange, Dieven.

Schrist 1 ellung,Geschästssielle u.Druckerei: Schll!» siraße?. GescKällsstelle u.'Lerlag:s«51, Schritt- leitung: d^112. Adresse lür Trahtnachnchten: Anzeiger Dieven.

Die Verschärfung des U-Boot-Krieges.

Atrslündische Blätter hatten es handelte sich dabei Qnsck^inend mn einen Fühler das Gerücht verbreitet, daß die deutsche Regierung einen Abbau des Unterseebootkrieges plane. Die heute in derNordd. ANg. Ztg." veröffentlichte Denkschrift über die Behandlung bewaffne­ter Kauffahrteischiffe beweist erfreulicherweise das Gegenteil, beweist, daß wir uns diese Waffe nicht nur nicht aus der Hand winden lassen, sondern sie vielmehr so anzuwenden entschlossen sind, wie wir es als nötig erachten, nur einer völkerrechtswidrigen Kriegsführung mit wirksamen Waffen zu begegnein Denn völkerrechtswidrig ist die von England eingeführte und von seinen Bundesgenossen getreulich nach-- gecchnrte Bewaffnung von Handelsschiffen, die schon in der Pariser Deklarattvn von 1856 als uristatthaft bezeichnet und in dem Haager Abkommen über dieUmwandlung von Musfahrteischifsen in Kriegsschiffe" erneut und ausdrück­lich untersagt wurde. Denn diese bewaffneten Handelsschiffe, die weder friedliche Kauffahrteischiffe noch Kriegssch fse sind, stellen lediglich einer: m-odernen Typus des Seeräubers dar, ein Fraukttreurschiffmade in England", eine Errungen­schaft jenerKultur", mit der nrarr unsdeutsche Bar­baren" bekämpfen will.

Die Denkschrift der deutschen Regierung liefert die un­umstößlichen, attenmäßig belegten Beweise für diese heim­tückische Art der Kriegführung, die Albions Verbündete von diesem übernommen haben. Es wird darirr dargelegt, wie schon anr 26. März- 1913 der damalige erste Lord der Admiralität, Winston Churchill, die Reedereien zur Be­waffnung einer Anzahl erstklassiger Liniendarnpfer aufge­fordert hatte,die dadurch aber nicht etwa, selbst den Cha­rakter von Hilsskreryzern annehmen sollten", 'wie im Ja- nnar 1914 von der britischen Admiralität eme Liste ver- öfferrtlicht wurde, wonach 29 Dampfer verschiedener eng­lischer Linien ,Heckgeschütze führten, wie dann bald nach Ausbruch des Krieges die tatsächlich erfolgte Bewaffnung englischer Liniendampfer festgestellt worden ist, und wie die Bewaffnung der Kauffahrteischiffe im Laufe des Krieges immer allgemeiner dnrchgesührt wurde. In der Denkschrift wird eine Zusammenstellung der bekannt gewordenen Fälle gegeben, in denen englische Kauffahrteischiffe nicht nur den deutschen Kriegsschiffen bewaffneten Widerstand entgegen­setzten, sondern ohne weiteres zum Angriff auf sie über- »gingen, wobei sie sich häufig auch noch falscher Flaggen bedienten. Es sei hier eingeschaltet, daß die heute noch heißnmstritteneL u s i t a n i a", soweit bekmint, den An­fang mit diesem Flaggenschwiirdel machte, also schon deshalb ihren Untergang redlich verdient h«at.

Das Doppelspiel, welches von dem perfider Albion hier­bei betrieben wird, ist in der Denkschrift treffend klaraelegt. Für ihre eigenen Kauffahrteischiffe nimmt die britische Re­gierung den Standpunkt ein, daß sie solange den Charakter von friedlichen Handelsschiffen behalten, als sie die Waffen nur zu Verteidi^ngszwecken sichren. Für bewaffnete Schiffe anderer Flaggen dagegen hat die englische Regierung in den Orders in Council vorn 5. August 1914 ausdrücklich den Grundsatz aufgestellt:Kriegsschiff soll einschließen bewaff­netes Schiff", d. h. also, daß jedes bewaffnete Handelsschiff als Kriegsschiff zu behandeln ist. Diesen letzteren Standpunkt akzeptiert die deutsche Regierung, und das muß doch eigent­lich England als gerecht anerkennen. Wenn die deutsche Re­gierung jetzt erklärt, daß sie jedes bewaffnete Kauf­fahrteischiff als Kriegsschiff anseh enund be­handeln wird, so folgt sie damit nur dern englischen Standpunkt.

Wenigstens dem einen, denn England hat mehrere Standpunkte, je nach Bedarf und je nachdem, ob etwas offen oder heimlich geschieht. Der Unionsregierung versicherte man, daß britische Kauffahrteischiffe niemals zu Angriffs­zwecken, sondern nur zur Verteidigung bewaffnet wären. Aber ans den in der Denkschrift wiedergegebeuen britischen Geheiinerlassen geht einwandsfre: hervor, daß jene Bewaff­

nung ausgesprochenen Angriffszweckei: dient. So wenn es fürnicht ratsam" erklärt wird,das Feuer auf eine größere Entfernung als 800 Jards (731 Meter) zu eröffnen, es sei denn, daß der Feind das Feuer bereits vorher eröffnet hat". Weiter in der Vorschrift, wonach das verfolgte Schiff, wenn es den: Kapitänaugenscheinlich" ist, daß ein Unter­seebootfeindliche Absichten" hat,zu seiner Verteidigung das Feuer eröffnen soll, auch wenn das Unterseeboot noch keine entschieden feindliche Handlung begangen hat". Hierzu ist zu bemerken, daß dieser Geheimerlaß vom 25. Februar 1915 datiert ist, also ans der Zeit vor der Torpedierung derLusitania" stammt.

Die deutsche Negierung handelt also nur folgerichtig und dem Völkerrecht entsprechend, wenn sie unsere Seestreitkräfte angewiesen hat, nach einer kurzen, aus Rücksicht auf die Neu­tralen festgesetzten Schonzeit alle bewaffneten Kauffahrtei­schiffe als Kriegführende zu behandeln. Worin diese Behand­lung besteht, darüber gibt §2 der deutschen Prisenordnung, die sich eng an die Londoner Deklaration anschließt, Aus­kunft:Leistet ein bewaffnetes feindliches Kauffahrteischiff bewaffneten Widerstand gegen prisenrechtliche Maßnahmen, so ist dieser mit allen Mitteln zu brechen. Die Verantwortung für jeden Schaden, den Schiff, Ladung und Passagiere dabei erleiden, trägt die feindliche Regierung."

Eine Erklärung Oesterreich-Ungarns über bewaffnete Handelsschiffe.

Wien, 10. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Das Ministerium des Aeußcrm hat unter dem heutigen Tage an die am hiesigen Hose beglaubigten diplomatischen. Vertreter der neutralen Mächte eine Zirkular-Verbalnote gerichtet, die in deutscher Uebersetzung lautet: Den Regierungen der neutralen Mächte ist es nicht un­bekannt, daß die britische Admiralität im Laufe des Jahres 1913 eine Anzahl großer englischer Liniendamvfer bewaffnen ließ. Wie der erste Lord der Admiralität am 26. März 1913 im Hause der Gemeinen erklärte, sollte die Bewaffnung der besagten Dampfer dieselben vor den Gefahren schützen, welche ihnen seitens der in .Hilfskreuzer umgewaudelten feindlichen Schiffe drohen und aus­schließlich zur Verteidigung dienen. Die in: jetzigen Kriege ge­machten Erfahrungen zeigen, daß eine beträchtliche Zahl eng­lischer Handelsschiffe von den an Bord installierten Geschützen gegen feindliche Kriegsschiffe Gebrauch machte, und zlvar nicht bloß in der Absicht, sich der legitimen Ausübung des Prisenrechts zu ent­ziehen, sondern auch um feindliche Kriegsschiffe an- zrrgreifen und zu vernichten. Wie ans der Denkschrift hervor- geht, welche die kaiserlich-deutsche Negierung am heutigen Tage den neutralen Staaten übermittelt, hat man an Bord englischer Damp­fer Instruktionen gefunden, die beweisen, daß die britische Regierung selbst ihwe .Handelsschiffe zu illegalen Akte,: an - stiftete und dies in vollem Widerspruch mit den Zuftcherungeu, die sie dem Staat sdcparlemerll in Washington etteilt hat. Dem Beispiele Großbritanniens sind im Laufe der Feüidselrgkeiten ferne Verbündeten, insbesondere Frankreich rmd Italien, ge­folgt. Ohne in eine Prüfung des von der großbellannffcheu Regie­rung erhobenen befremdenden Anspruches eintretett zrr wollen, nach den: die von dieser Jtegierung bcwaffrreten Liniendamp>er ihren in offensiv er! Charakter behalten, während ein v om Feinde bewaffnetes Handelsschiff von den britischen Seestreit kr ästen als .Hilfskreuzer betrachtet iverden soll, beschränkt sich die österreichisch­ungarische Regierung sestzustellen, daß jedes, zu welchem Zwecke immer es sei, mit Geschützen versehenes Kanffahrterschrsf bereits hierdurch- allein die Eigenschaft eines friedlichen Schiffes verliert. Bei dieser Sachlage ergeht an die österreichisch-ungarischen See- streitkräste der Befehl, derartige Schiffe als Kriegführende zu behandeln, ein Befehl, der indes erst Pom 29. .Februar 1916 ab zur Ausführung gelanaen wird. Diese Frist wird im Intereste der neutralen Mächte erteilt, damit sie in die Lage kommen, ihre Angehörigen vor der Gffach zu warnen, der sie sich, aussetzen würden, wenn sie ihre Person oder ihr Gut bewaffneten .Handels­schiffen der mit -Oesterreich-Ungarn kriegführenden Staaten an- verttauen, sowie auch diejenigen ihrer Angehörigen zu benach­richtigen, die sich etwa bereits an Bord von Schiffen der vorer­wähnten Art bcfinden. Das Ministerium des Aeußern beehtt sich, die Botschaft (Gesandtschaft) zu ersuchen. Vorstehendes auf tele­graphischem Wege zur Kenutnis ihrer Regierung zu bringen.

Die Berussausbiidung der jungen Mädchen.

Die Frage der Ausbildung unserer Töchter für einen Beruf ist bis dahin bei -einem große:: Teil der nicht ganz unbemittelten Bevölkerungsklasscn nicht sehr brennend ge­wesen, erst der Krieg hat hier wie in vielen anderen Dingen eine A-enderung herbeigeführt und die Frage in den Mittel­punkt des Interesses gestellt. Bis zum Krieg waren zwar die Aussichten, sich zu verheiraten, schon stetig gesunken infolge wachsender Ehescheu der Männer, an der die jungen Mädchen vielleicht nicht ganz schuldlos waren, und. infolge des starken Ueberschusses an weiblicher Bevölkerung, aber immerbin konnte ein junges Mädchen, das sonstige Vorzüge mit dem in d en An gen der Männer schwerwregenden Vorzug eines gewissen Vermögensbesitzes vereinigte, mir einiger Wahrscheinlichkeit seiner Verehelichung entgegensetzen und auf den Mann warten.

Dieser Krieg aber mit der unerhörten Vernichtung von vielen Hunderttausenden junger heiratsfähiger Männer vernichtet auch die Eheh Öffnungen ebenso vieler junger Mäd­chen und zwingt sie, sich nach einem Berns umzusehen, der statt der Ehe ihr Leben ausfüllt. Eltern: erwachsener Töchter sollten deshalb beizeiten dafür Sorge tragen, daß diese sich für einen Beruf ausbilden, der, wenn sie nicht das Glück haben, zu heiraten, ihrem Leben einen Inhalt gibt rrrrd ihnen zugleich gestattet, nach dem Tode per Eltern sorgen­frei zu leben.

Niemand weiß im Augenblick, wie lange der Krieg noch dauern wird, niemand vermag zu sagen, welckw Gewinne wir beim Friedensschluß davontragen werden! Sicher ist aber wohl eins: daß unser Leben nach dem Krieg ganz anders eingerichtet sein wird. Die Zeiten sind vorüber, da die Töchter der bemittelteren Stände nach ihrer Entlassung aus der Schule einen großen Teil des Tags der Zerstreuung widmeten, da Tennrsspielen, Tanzen, etwas Französisch plaudern lernen und dergleichen brotlose Künste die Jngend- jahre ausfüllten. Nicht sorglos werden die Jahre nach Friedensschluß für uns sein, denn da gilt es, viele Wunden, die der Krieg geschlagen hat, zu heilen, nicht zum geringsten auch die auf geschäftlichem und finanziellen: Gebiet liegen­den. Nicht bet uns allein, auch bei unseren Feinden und besonders im reichen England, ist man überzeugt, daß es einer geradezu großzügigen Sparsamkeit auf allen Gebieten bedürfen wird, um die durch die enormen Ausgaben für die Verzinsung der Kriegsanleihen, für die Invaliden-, die Witwen- und Waisenpensionen entstehenden finanziellen Schwierigkeiten zu beheben. Eine starke Anziehung der Steuerschraube ist deshalb unvermeidlich, und das wird der Beamte nicht mind-er als der Jndusttielle und der Gewerbe­treibende, dessen Geschäft durch den Krieg gelitten hat und unter seinen Nachwirkungen zunächst noch leiden wird, schwer empfirllien. Im Sparen aber sollen unsere Frauen und Töchter mit gutem Beispiel vorangehen; sie werden sich bemühen müssen, auch mit einem kleineren Garderobegeld und mit weniger Wirtschaftsgeld auszukomnren und dennoch vermöge der Geschicklichkeit ihrer .Hände riett gekleidet zu sein und, gestützt auf solide hauswirtschastliche Knrnttnssc, ein schmack- und nahrhaftes Mahl zu bereiten. Für diesen Beruf einer geschickten Hausfrau, die in allem, was in einem mooeruen .Haushalt vorkornmt, gründlich Bescheid weiß, sollte ein jedes junge Mädchen, ob hoch oder niedrig geboren, zuerst ausgebildet werden und erst darauf einer besonderen Berufswahl näher treten.

Der Berufe, die der Frau geöffnet fiitb, gibt es nun jetzt eine recht große Zahl, aber in den meisten hat sie mit einer starken Konkurrenz der Männer zu kämpfen. Während des Krieges ruht zwar diese Konkurrenz zum größten Teil, aber sie wird natürlich später wieder auf­leben und manches junge Mädchen, das jetzt z. B. im Handelsfach einen guten Verdienst findet, wieder brotlos rnachen. 97ur in wenigen Berufen bleibt die Frau auch im Frieder: konkurrenzlos, nämlich irr den der: spezifisch weib­lichen Fähigkeiten angemessenen. Hier wird inan vor allem an den Beruf der Krankenpflegerin denken. Llber iver diesen

Brüssel im Uriege.

Ein im Felde stehender Mitarbeiter sendet uns nachstehendes Brüsseler Stimmungsbild:

Durch die Halle tbc® Nordbahnhvfes braust der Lärm des Welt­krieges. Ein .Heer scheint auszubrechen. Soldaten, immer wieder Soldaten, 'Soldaten aller Waffen tauchen auf und unter in dem brandenden Meere. Selten geht ein Mensch vorüber, den: der Krieg noch das Gewand des Bürgers ließ. Draußen aber, vor dem Bahnhöfe, schwindet diese Welt mit einem Schlage. Tie Soldaten tauchen unter in den: Gewirr, das abendliche Brüssel verschlingt sie, das Brüssel von einst mit dem Lärm der Sttaßenbahnen, dem (Geschrei der Verkäufer, mit dem vollen, wirren Brausen der fieber­haft lebenden, fröhlichen, ungebundenen Großstadt. Durch die neue Straße flutet die Menge an den prunkvollen Anlagen seiner Gesästifte vorüber der Börse zu. In den hübschen Konditoreien sitzen unendlich friedliche Krieger und schlecken, völlig umgarnt von den Reizen der Brüsseler'Kuchenbäckerei. 2llrf dem Boulevard Anspach lebt der Korso von einst. Die Deutschen waren auch im Frieden keine seltenen Gäste auf dieser Sttaße, sie ersck>eincn jetzt nur feldgrau. Die elegante Sttaße hat dadurch gewiß nickst verloren, sie gewann höchstens dadurch, daß die langwelligen Engländer dort verschwinden, tvo das Feldgrau auftaucht. Freilich, die Auto­mobile veranstalten nicht mehr ihre mutwilligen Wettrennen in ben Straßen. Dafür sieht man hier und da ein elegantes Gespann, das sich viel besser in das schöne Mld einsügt. Unbekümmert, bisweilen absichtlich unbekümmert, mischen sich die Brüsseler in dos Gewühl. Ter Krieg hat die Eleganz nicht getötet. Der stark gekürzte Rock mit denr koketten Pelzabschluß läßt das feine Schuh­werk der Brüsselerinuen voll zur Geltung kommen. Sie sind auch in dieser nicht gerade kleidsamen Mode geschmackvoll elegant, die reizvollen Frauen dieser schönen Stadt. Sie wissen das auch sehr gut und sind gar nicht so feindselig, wie sie sich bisweilen geben möchten, rveder die Frauen noch die Männer der belgischen Haupt­stadt. Und als große Kinder sind sie sogar voll vollendeter Liebens­würdigkeit, wenn der deutsche Soldat mit ihnen französisch plau- . dert ... In der grauen Frühe des Winterspnntags sind nur die Soldaten in Brüssel lvach. Schlver hallt der Schritt der genagelten Stiefel durch die leeren Straßen. Zu dieser Stunde scheinen die deutschen Soldaten am liebsten als Ungestörte Bewunderer vor den Sehenswürdigkeiten Brüssels zu stehen. Auf dem schönen, alten Marktplatz hocken Frauen mit buntblühenden Blumen und großen Blattpflanzen. Tie Verkäuferinnen sind nicht so zahlreich, wie sie einst im Frieden waren, aber jedenfalls hat der Krieg dem Brüsseler Marktplatze die Blumen nicht nehmen können. Blüten

in der Mitte, ringsum aber stehen die alten grauen Häuser, ernst, voller großer Erinnerungen, voller schwerer Gedanken. Weltge­schichte weht dich auf diesem Platze an. Wie viele stauder: vor dir hier in langst vergangenen Zeiten -und erlebten voll tiefer Schauer die Größe einer inachtvollen Strrnde. Alle diese großen Stunden sind dahin, neues Leben verlangt sein unabweisbares Recht. Tu, der du jetzt auf diesem PKrtze stehst, hu fühlst es mächtiger als anderswo, daß der Zeiger der Weltgeschichte aufrückt, einer Stunde entgegen, die einst die Zukunft eine der größten der vergangenen Stunden nennen wird. Einst! Tie alten Häuser scheiner: das- Wort ernst nachzuhallen. Auch diese große Stunde, in der deutsche Soldaten auf dem Marktplatz Brüssels'stehen, lvird untertauckeu in dem tollen Wirbel der Zeit, der schöne Platz wird andere Zellen und andere Menschen sehen. Hier stehst du umbrandet von den Wogen der Gegenwart rmd kannst den Blick schweifen lassen in Vergangenheit imb Zukunft ... In der dunklen, grauen Kathe­drale stehen um deu Priester geschart Hundette andächtiger Feld­grauer. Hunderte von Herzen, Herzen von Vätern, Söhnen, Gatten schlagen hier in Mut und Verzagtsein, in Trotz und in Liebe, in Hoffnung und Sorge. Und über dern allen tönt rnchig die Stimme des Priesters. Die unruhige Großstadt da draußen, der wirre Lärm: des Krieges werden still in dieser hohen Halle. Das mächtige, dunlle Grau verschlingt die bunten Farben, die draußen den Blick verwirrten. Mes, was da draußen etwas ist, es ist hier plötzlich ein Nichts geworden. Die Schleier der Unendlichkeit senken sich über Zell und Menschen, sinken hernieder an den Gewölben, deren unantastbare Schönheit sich, stolz aufrichtet über dem wirren Wechsel der Dinge. Und immer mächtiger erfüllt den Raum die Stimme des Priesters, der unter die Krieger Worte der Liebe sät.

*

Frankfurter Uraufführung. Man schreibt uns aus Frankfurt a. M.: In unserem Schauspielhaus er­lebte die dreiaktige KomödieDie stille Stunde" von Georg T e r r a m a r e ihre Uraufführung. Im Mittelpunkt des Lust­spiels steht Prinz Eugen, deredle Ritter", der als Sechzig­jähriger durch die gegen ihn gesponnenen Intrigen müde und ver­drossen geworden ist und in seinen späten Tagen die stllle Stunde eines Eheglücks sucht. Die seinem Schutze anbefohlene Nichte Prinzessin Maria läßt sem Herz in Brand geraten. Tie junge Prinzessin aber begegnet ihrem Oheim mit ausgesuchter Freund­lichkeit, um von ihm die Einwilligung zur Heirat mit dem Er­wählten ihres Herzens, einem jungen Grafen, zu erhalten. Eine alte wackere Freundin übernimmt es, den Prinzen Eugen über

den wahren Grund der ihm so verheißungsvoll erscheinenden^ Freundlichkeit seiner Nichte aufzuklären und fühtt ihn dadurch zu sich selbst zuttrck. Das ist in knappen Strichen gezeichnet, des Lustspiels Handlung. Es mangelt dem Stück nicht an bebaglich breiten, zum Tell allzu behäbigenGenrütspattien". Wirklich dramatische Momente besitzt es nicht sonderlich viele. Tie ^luf-> strhruug war unter der Leitung des Herrn Hartung recht wir­kungsvoll. Von den Mitwirteuden seien Herr Bauer als Prinz Eugen, und Fräulein Aschenbach als dessen Nichte Prinzessin: Maria besonders hervorgehoben. Ter zweite rurd dritte Akt intg dem jungen Wiener Dichter einen recht freundlichen Beifall ein, für den er sich selbst bedanken konnte. I.

Ein bedeutsames Konzertereignis in Jena. Aus Jena wird uns geschrieben: Unter Tr. Max Negers Zeichen und Szepter stand das 4. A ka d e m i s ch e K o n z e r t im Kricgswinter 1915/16, das in den Rosensälen Jenas stattsand. Das Programm ^vrrr wiederum mustergi'llttg musikalisch zusammen- gestellt und Reger leitete die Chöre und begleitete zunr Gesangs Diese, aus Damen und Herren Jenas gleichsanrimprovisierten" Chöre boten ganz Hervorragendes mit ihrer (a Capella) Wiedergabe der Brahmsschen Volksgesänge nach zum Teil alldeutschen Liedettexten rmd der 5 Volkslieder für gemischten Cl-or, die von Reger gesetzt waren (Trutze nicht",Liebchens Bote",Schwäbi­sches Tanzliedchcn" u.-a.). Tie Bläservereinigung der Weimarer Hoftopelle spielte Mozarts, erst 1910 ausgefundeue Cassatione für Oboe, Clarinette, Fagott und Horn, ein kindlich öielegenheits- stücklein, das dock) seine technischen Schwierigkeiten hat. Fräulein Maria Eucken, des Philosopheu künstlerisch begabte Tochter, sang B^rahmssche Lieder mit frischer Jugendsttmme, deren reiner Sopran mit dunklerer Zwischenfärbrmg eine bedeutende Zu­kunft verspricht. Ganz überwältigend wußte Reger aus dem Rheinsberger scheu Sextett (Op. 191 d) alle Tiefen und Höhen auf dem Flügel herauszuheben, so daß dieses herrliche Werk wie ein geivalttger Strom erklang, der alles brausend mit sich fvrttiß auch Die Hörer des aus verkauften Saales! Prof. Sch.

Ein Goethedenkmal für Wiesbaden. Aus München wird uns geschfieben: Der Münchener Künstler, Prof. Hermann Hahn, arbellct gegenwärtig an einem aus LÄies- bcüren stammenden Auftrag zur Ersckiaffung einer überlebensgroßen Goethe-Sta-tne. Sie ist bestimmt für die Säulenhalle des neuen Museums in Wiesbaden, das rmter der !c'cittlng des Münchener dlrchllekben Theodor Fischer crbmtt wurde; ge- stt lct ist der ga ize Pettag. der für die Errichtung der Statue not- wendrg ist, von einem Fabrikbesitzer und Kunstmacen in Wiesbaden,