tzvoße stEegische Pläne auszuarLerten hätten Und erläuterte, rveichen Einfluß die russischen Mißerfolge von 1914 notwendiger- weise auch auf das britische Heer ausgeübt hatten. Millionen non Männern, die zu Beginn in der Offensive waren, sind in die Defensive getrieben worden. Die Zahl, die früher sür Uns als genügend gelten konnte, kann es nach diesen Geschehnissen nicht Mehr sein. Auf die Rede Simons antwortete Carson, daß, als lSimon Mitglied der Regierung loar, Gesetze angenommen wurden, wodurch die Verpflichtungen der Leute, die bereits unter die Waffen gegangen ivaven, erweitert ivurden. Das lvar die Dienstpflicht für Leute, die tn Einzelfällei: bereits dreizehn Jahre gedient hatte::. (Zur Erklärung diene, das; damals gesetzlich die /Leute, die zu den Waffen gegangen waren, jeborfii nur für den Inlands dien st gezeichnet hatten, verpflichtet waren, sich auch für das Expeditionsheer verwenden zu lasse::.) Und nun wolle Simon S(nd cnrdere die Dienstpflicht für solche Leute verweigern, die überhaupt nichts tun wollen. Carson erklärte schließlich, das Land sei kerngesund und bereit, jedes Opfer zu bringen, um das Ziel zu erreichen. (Starker Beifall.)
Die Liberalen Hodge, Molteno, Gougtz, Gordon und .Harvey erklärten sich gegen den Gesetzentwurf. Mark Sykes sagte, der Gesetzentwurf sei eine Garantie für die Franzosen, daß die englische Demokratie ihren letzter! Mann und ihren letzten Pcirny zur Verfügung stellen werde. Italien und Rußland, wo der Feind den Glauben zu erwecken suche, daß es England nicht -ernst mit den: Kriege sei, tverde durch den Gesetzentwurf vollkommene Sicherheit gegeben. '
B i rr e l l erläuterte den Ausschluß Irlands von der -Dienstpflicht und verteidigte diesen auf Grund der dortigen Verhältnisse. Irland betrage sich bewundernswert und man dürfe es sucht drängen. Die Regierung erhalte aus Irland wöchentlich 1000 Rekruten und die irischen Soldaten haben in vorbildlicher Weise ihre Pflicht getan. Es sei unerwünscht, nur um einige Leute mehr zu erhalten, die Einigkeit und die Solidarität der dortigen Aktion zu hinderu.
Die weiteren Verhandlungen des Gesetzentwurfes wurden vertagt. Das Interesse wurde durch die Mitteilungen Rcdmonds be- .deutend geschwächt, da es nun sicher ist, daß die Regierung nwrgen abend eine überwältigende Mehrheit für den Gesetzentwurf haben ^ wird. (Frkft. Ztg.) _
An der 5trypa.
Von Kriegsberichterstatter Waldemar Bonsels.
Wir stiegen aus den eroberter russischen Gräben, der Sergeant der Stabs:vache. der mich begleitete, winkte dem Burschen, der im Talgrund die Pferde hielt. Die Räunumgsarbeiten waren hier noch nicht beendet, und in den zerschossenen Schanzen lagen noch tote Russen, ihrer letzten, dunklen Ruhestatt harrend. Das Werk der Zerstörung durch die deutsche Artillerie war vollkommen, ein Chaos von Erde, Holz, Gestein und Menschenleiberu ließ meine Sinne taumeln, die Stümpfe und Splitter zerschossener Geivehrc ragten aus den Trümmern, überall lagen npch zerstreute Patronenhülsen, Kleidungsstücke, Blechbüchsen und blutiges Stroh umher. Am Ende eines Grabens bewegte sich der gebeugte Körper eines alten Mütterchens, das nach Ueberresten suchte, rmter den Verblichenen. Ein paar Pioniere rafften trockenes und sauberes Stroh zusammen, für eine Lagerstatt im Freien. Ein Arm voll Stroh ist Goldes wert -in dieser verwüsteten Oede, die die Russen bei ihren Rückzügen hintcrlassen haben.
Die Glut des Abendhimurels fiel uns an wie eine zornige. Feu- lersbrunst, das Land lag weit, totenstill und öde. Es sah mit seinen ckanghingezogenen, niedrigen Hügeln und Tiefen :vie ein ungeheures, .graugrüms Meer aus, das nach einen: gewaltigen Sturm sanft und mächtig verebbte. Nur die Höhenzüge dieser gewaltigen Wellen erglühten, tvie mit roter Farbe bemalt. Die Sonne stand dicht über
abendlichen Horizont dieses bösen, heißen Tages erbitterter 'Kämpfe.
Auf einem fernen Hügel in dieser unabsehbaren Weite bewegte sich wiuzigklein :md kohlschwarz, fvie zierliches Spielzeug, ein langer Zug Artillerie, Munitionskolonnen und Train. Die kleine, lebendige Reihe zog durch das Himmelsfeuer wie ein Spuk, wie ein unwirkliches und düsteres Schauspiel. Waren das die Menschen und LJe^en. die Figuren und Gestalten dieser schaurigen Totentage? -Eine schmale Wolkenbank verteilte die Himmelsglut und senkte tiefe Schatten ins Land, sie nahm das Abendgold um ihre leichten Ränder und funkelte wie eine selige Insel göttlicher Daseinsruhe über der hereirrbrechenden Nacht. Als ich mich umwandte, sah ich im kalter: Blau des Ostens den lautlos dahinziehenden Punkt eines lernen Fliegers, wie das kühn hinausgesandte Wahrzeichen eines nicht ruhenden Willens zur Tat.
Als wir in Z. anlangten, war es Nacht. Aus dem von alten Bäumen überdachten Hvfraum eines niedrigen Bauernhauses in der Nähe meines Quartiers klangen laute Stimmen und Lachen imd der melancholische Frohsinn einer Ziehharmonika. Ich ging hinüber, durch den schmalen Hof, in dessen Mitte ein Feuer brannte, über dem Kessel hingen. Die Gestalter: der Mannschaft waren vom Feuerscheir: übergossen, ebenso die Zweige der Bäume und die Wände des Schuppens, so daß es aussah, als hockten sie in einem gewölbten, roten Gemach. Einer erhob sich und führte mich über dünne Bretter, die im Schlamm versunken warei: und nur hier und da noch zu schwimmen schienen. „Dort sind die Herren," sagte er, und ich betrat eine niedrige Bauerrrstube mit Lehmboden und Holzbänkeu und einem Ofen, der bis dicht mrter die Decke reichte und fast die Hälfte des Raumes füllte. Am Tisch saßen Offiziere, die ich kannte, sic erschienen mir in diesem Stubenloch wie Riesen in einer Schachtel. Man nahm meine Ankunft höflich und gleichmütig auf. das Gespräch ging gelassen weiter. An der Decke staird eine Rauchwolke, die erst an der niedrigen Tür einen Auslveg fand, es war kalt und zum Ersticken eng, die Stimmen klangen überlaut. Ein junger Offizier beobachtete die Wirkung, die dieses Kasino aus u:ich machte, mit liebenswürdiger Schadensreudc. „Erfrieren Sie lieber, oder ersticken Sie lieber?" ftagte er höflich. Eine Ordonnanz kletterte über die Bänke bis zu der Kiste, auf der ich mich niedergelassen hatte und reichte Zigarre:: uird Kognak. Ich glaube, daß beide aus Deutschland stammten. Der rote Nebelmond einer Kerze wanderte mir unter die Nase, aus unsichtbaren Gründen erscholl eine tiefe Stimme:
„Setz' Dich doch, Kamerad. Wenn Du stehst, sieht man Dich nur bis an die Schultern. Du sprichst wie Zeus aus dem Gewölk herab."
Der Angeredete ließ sich nicht stören. Langsam erkannte ich seine hünenhafte:: Umrisse. Mein (^ott, war daS ein galizisches Bauernloch, bei uns wohnt das B:eh besser, als diese Bauern, daran ist kein Wort übertrieben.
„Das muß man erleben," fuhr der Redner eindringlich mtb ruhig fort, „es kommt aus das Zusammengehen an, auf daS Zusammenhalten und -arbeften. Das versteht so leicht niemand richtig, der cs nicht erprobt hat, aber die Gemeinschaftlichkeit in Absicht, Entschlossenheit und Kraft wirkt wahre Wunder. Hundert Mann, die sich in ihren Krieaserfcchrungen kenn, vertreiben tauseich, die es nicht tun und deren Geist durch kein Gefühl der Gemeinsamkeit zusammengeschlossen wird, zusammengefügt zu jenem undefinierbaren Etwas, das vom kleinsten Scharmützel bis in große Sturmangriffe die Schlachten entscheidet. Schaut zurück, was habt Ihr denn erfahre::? Die Russen stürmen in zehn Gliedern hintereinander, und ihr Angriff wogt zurück. Das kommt daher, daß sie immer noch glauben, die Masse bedeute im Kriege dasselbe wie die tftaft. Das tut sie nicht! Wenn ich hundert Leute heranhole, die ich kenne und die mich kennen und die sich kennen, so nehme ich jede Schanze, jede Knppe, jeden Graben, es ist ganz gleichgültig, wie sie verteidigt sind, vorausgesetzt natürlich, daß im Verhältnis Vernunft liegt. Das kommt daher, daß eine solche geistige Kette des Zusa:muenhanges im geschlossene:: Willen und in der geübten Kraft nicht zu sprenge:: ist. Sie ist nicht zu sprengen, denn wenn ein Man:: fällt oder zurückbleibt, so schießt der Funke auf den! nächsten über, und das Ganze hat den alten Halt. Glieder, die so gefügt sind, schaffen mshr. als die zehnfache Anzahl, die es nicht ist. Zusammenhalten ist alles. Das ist das Wunder, das nur die Erfahrung glaubhaft macht, die bewußte Geschlossenheit auf der einen Seite erschüttert drüben alles, worauf es zuerst ankommt: den Willen zum Sieg, das gegenseitige Vertrauen mtb den Mut. Je unsicherer die eine Parte: oordringt, umso besser schießt dig andere. Kommt da etwas herandiletiert, une jüngst die Regimenter der Druichina, die die Russen in ihrer Not einsetzten, ehe sie ihre Finnen hier unten hatten, so ist das für einen altm Landwehrmann eine Art besserer Hasenjagd. Jetzt stehen die Russen ihren Mann, und verspreche Euch, daß wir hier :wch Arbeit bekommen. Ich brauche keine Viertelstunde, um zu erkennen, wieviel die Leute wert und. die uns anrennen, das liegt über ibnen, um sie. das ist schwer zu beschreiben, aber ein alter Soldat suhlt es gleich. Vom eingetragenen Rekruten bis zum erfahrenen Feldsoldaten ist ein weiter Weg, den macht niemand für Sold, oder deshalb, weil er muß, den macht nur Einer, der mit sich selbst im Reinen ist, und das heißt das Vaterland höher einschätzen, als sich selbst. Soldat lvcrden, heißt einen Entschluß fassen, dann erst kommt alles andere."
Er hielt innc und wandte sich einem Kameraden zu, der einen Einwand machte.
„Natürlich", antwortete er, „die Ausbildung ist wichtig, wer unterschätzt sie denn? U:ft) die Erfahrung, selb verständlich. Aber wer lernt und erfährt dem: auf richtige Ärt? Wer zu beiden den inneren Entschluß gefaßt hat. Das ist im Krieg nicht anders, als
in jedem Daseinskampf. Ohne den Willen zckm Erfolg schärft sich kein Instinkt. Meine Leute hören heute de:: heranlausenden Granaten an, ob sie rechts oder links, vorn oder Hütten einschlagen, unv weichen richtig aus. Nicht weil sie nur sehen, sondern weil sie mit allen Sinnen zugleich erfassen, was los ist. Ist einmal Krieg ausgebrochen, so ist der besser dran, der den Kampf zu seiner Pflicht macht, als der, der nur zögench u:rd :rotgedrungen mittut. Er ist nicht nur innerlich, sondern auch praktisch besser dran. Ueber das Innerliche nrögen die urteilen, die sich dazu berufen fühlen, ich erfahre und vertrete die Praxis, aber ich glaube, der Zusammen- Hang ist da, wer ihn gesunde:: hat, wird das Eine durch das Andere begreifen lernen. Immer wird der am besten dran sein, der ein klares und festes „Ja" zum Notwendigen sagt. Aus der inneren Freiheit erwachst die äußere, nicht umgekehrt."
Das Gespräch über dieses Thema, das mich leidenschaftlich fesselte, ckahm seinen Fortgang und wogte hin und her. Ich gebe es wieder, so gut ich vermag. Mein Nachbar bat um Feuer:
„Der Mann hat recht," sagte er zu mir. „Wie reckt, das wissen nur die, die mitten drin waren. Der Wille ist das Element der Kraft, der Entschluß entscheidet. Was die Engländer von ihrer jetzt so viel umstrittenen Wehrpflicht erhoffen. Glauben die denn damit etwas anderes zu haben, als jetzt? Was da noch gezwungen wird, macht den Kohl nicht fett. Natürlich, auch bei uns geht heute nicht mehr jeder mit Jauchzen, aber wer geht, hat von seinen Vätern her ein ganz anderes Erbteil in den Knochen, und wenn es nichts wäre, als seine hohe Auffassung von Pflicht, von der Pflicht des Einzelnen gegen Alle. Aber er hat mehr. Als ob die Wehrpflicht Angelegenyeft eines Gesetzes wäre, :vie die Brotkarte oder die Höchstpreis. Die Wehrpflicht dreht sich um Fragen jahrhundertelanger Erziehung. Uns Deutschen sitzt die Hauptsache von den Vätern langst im Blut, wenn wir Soldat werden, und das soll ein Regierungsentschluß den Engländern geben? — Als der Krieg ausbrach, wußte ich vom Soldatentum nicht viel mehr, als die Zinnsoldaten, die ich als Junge hin und her geschoben habe, aber uns trieb damals ein Feuer, daß wir unsere Untere offiziere bei der Ausbildung mitrissen. Viele dieser glühenden Herzen sind im Tode erloschen, aber sie ruhen als Helden, das wissen Gott und die Kameraden. Sie starben einen herrlichen Tod, mit Jauchzen stürmten sie über die ftnstere Schwelle, wie in unvergängliches Licht. Aus ihrem Bild in unseren Herzen strömt täglich erneut unsere Kraft."
Die Tür ging auf, und ich sah vor mir den mir wohlbekannten Sergeanten der Stabswache. Er brachte eine kurze Meldung lmh trat ab. Mein Nachbar zog die Uhr und zeigte sie mir lächelnd. Einer der Herren gewann die Tür, unsichtbare Hände hängten ihm von hinten her de:: weiten grauen Mautel um die Schultern, und Stirn und Augen verschwanden unter dem starren Mützenschirm. An seinem Gruß hörte ich, daß der Morgen die Mitternacht abgclöst hatte. Durch die Tür zog eü: kältet Hauch der Nacht zu uns herein, ich sah für einen Augenblick den matten Schein des Feuers draußen unter den Zweigen verglimmen, die Harmonika lvar verstummt. Von der Straße her erklang das Rasseln eilender Artillerie, die den Boden dumpf erschütterte. Tie Lichter und Schatten flackerten und huschten wie Gespenster an der Hauswand und den Baumstämmen. Die Nackft tvar schwarz wie Tinte. Aber Tag und Nacht haben hier draußen ihren alten Charakter von Belebtheit und Ruhe verloren, sie verschwimmen ineinander unter dem gewaltige:: Willen zur Tat, der die Welt erschüttert, wie Wasser, Erde und Himmel sich in: Frühlings sturm zu einen: einzigen Element der Zerstörung und der Lebenswut zu vermischen scheinen.
Meteorologische Beobachtungen der Station Eichen.
Jan.
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Höchste Temperatur am 11. bis 12. Jan. 1916 = -f- 4,9® C. Niedrigste „ „ 11. „ 12. . 1916 =» -f 0,1 0 C.
Niederschlag: 3,2 mm.
Gietzerrer Stadttheater.
Der Weibsteufel.
Drama von Karl Schönherr.
Gastspiel des Neuen Theaters Frankfurt a. M.
Karl Schönherr, um dessen „Glaube und Heimat" ein er- -bitterter Streit entbrannte, dessen Ursachen konfessioneller Natur waren, hatte ein neues Dranm, der „Weibsteusel", bei Beginn des Weltkrieges noch vor der Erstaufführung von den Bühnen zurückgezogen. Mitten im Kriege läßt er es dennoch erscheinen -und wiederum entbrennt, diesmal ans ethische und moralische Bedenken gestützt, ein Streit, der so bedrohliche Formen annimmt, daß verschiedene Generalkommandos sich veranlaßt sehen, die Aufführung des Stückes zu untersagen.
Bei dieser Vorgeschichte eines Theaterstückes muß jeder Lite- waturfteund sich die Frage aufwerfen: Hat dieses Drama so starke Künstlerische Qualitäten, daß es solche:: Aufhebens überhaupt wert äst, und wenn dies der Fall ist, können so starke sittliche Bedenke:: dagegen erhoben werden, daß ein Aufführungsverbot, wenn auch nur während der Kriegszeit, berechtigt erscheint.
Die Lektüre des Dramas (als Buch erfchienen bei L. Staack- auann-Leipzig) löst eine, von der Aufführung gütlich verschiedene, bedeutend ruhigere Wirkung aus und läßt die Grundlinien des sehr einfachen Aufbaues llarer erkennen. Halten wir uns deshalb vorerst an das Buchdrama, das nicht durch die individuelle Auffassung des Schausvielers beeinflußt ist. Es entwickelt sich folgende Handlung: Der Mann, körperlich schwächlich und gebrechlich, lebt mit seinem lebensvollen, kraftstrotzenden Weibe sechs Jahce lang in kinderloser, aber sonst ungetrübter Ehe. Ihr Wünschen und Trachten hat sich auf den einen Punkt festgelegt, mit den: Gelbe, das der Mann als schlauer Hehler einer Schmugglerba:ck>e verdient, cm schönes Haus drunten am Markt zu kaufen und in behäbiger Wohllebigkeit ein angenehmes Leben zu führen. Der Kaufpreis des Hauses wäre schon zusammen, wenn nicht der neue Grenzchger mit seiner Wachsamkeit alle Schmuggelfrachten vereitelte. Jenen Grenzjäger, der sich auf Anftifteu des Wachtkommandanten hinter das Weib stecken wftl, um den alten Fuchs zu iiberlisten und sich die Beförderung zu verdienen, sucht der Mann unschädlich zu machen, indem er von seinem Weibe verlangt, sie solle dem Anschlag zuvorkommen und dem Burschen den Kovf verdrehen. Das Weib läßt sich nur widerwillig in dieses Spiel ein. Bald aber wächst sich an der rohen körperlichen Kraft des Jägers der Mutterschafts trieb in ihr hoch, den sie während des Zusammenlebens mit den: kränklichen Manne unterdrückt hatte. Der Jäger reißt ihn auch symbolisch hervor, als er mit einem Faustschlag eine Truhe sprengt und ein Klein kinder- häubchcn und eine Kinderflasche hervorreißt, die seit dem .Hochzeitstage darin verborgen waren. Von da an beginnt die Balz ztvischen dem Weibe und dem Jäger, der allzu schnell und allzu wehrlos der sinnlichen Gewalt des Weibes unterlegen ist. Noch ist der nackte Trieb des Sichbesitzenwollens durch andere Motive oerkftdet; die Rachsucht des Weibes, den Jäger in eine Leidenschaft hinem- ru Hetzen, deren jener sich bei ihr als Mittel zum Zweck bedienüu wollte, und die Absicht des Jägers, sich durch eine:: guten Fang die Besöroerung zu verdienen. Bald werden diese Nebenmotivc, zumal beim Weibe, m:r mehr Mittel, den Hauptzweck zu fördern. Der Weibsteusel crivocht in ihr und sie macht den Jäger völlig zum Sklaven seiner Leidcu- fchaft, als sie ihr: zwingt, ihretwegen ehrlos zu werden
und eine Anzeige völlig zu unterdrücken. Nun ist cs zwischen derben soweft, daß das Weib ihren schwächliche:: kranken Mann j
nicht mehr neben sich ertragen kann und ihn brutal von sich abzuschütteln versucht. Der Mann nimmt aber mit seiner Waffe, der List, den Kampf um sei:: Weib auf. Er zeiat seinerseits den Jäger an, er habe seine Pflicht versäumt, versucht sein Weib durch Strenge und Güte für sich zurückzugewmnen. Vergebens, der Naturtrieb ist über sie hinausgewachsen, alles ist ihr nur mehr Mittel, ihm nachzugehen, sogar der Jäger ist nur mehr Helfershelfer. sie auf gute Art ihres Mannes zu entledigen. In vafftniert berechnender Weise veranlaßt sie ihren Mann dazu, ihr das Haus am Markte testamentarisch zn vermachen, und hetzt, sobald ihr das Erbe sicher ist, beim letzten Zusammentreffen den Jäger und ihren Mann mit zynischer Brutalität aufeinander, bis der Jäger in wütiger Brunst seinen Gegner niedersticht. Der Weibsteufel schreitet triumphierend über Leichen zur freien Betätigung seines Trieblebens.
_ Dies wäre der Inhalt, den man nach dem Urteil eines der entschiedensten Weibsteufelgegner auch mit bei: drei Worten abtun kann: eine Kuh, ein Ochs und ein Stier. Der Vorwurf des Dramas ist tatsächlich nur Stoff, kein Problem, das irgendlvie zur Gestaltung hindrängte. Die Tatsache, daß ein geschlechtlich unbefriedigtes Weib einem Menschen unterliegen kann, dessen physische Konstruktion ihr fegliche Wunscherfülnmg verbürgt, bietet vielleicht die Möglichkeit zu drastisch wirkenden Bühnenvvrgängen, aber nicht die Grundlage zu einem :vahrhaften Drama, selbst dann nicht, wenn der Mutterschaftswille als edleres Moment bestimmend hinzutritt, und Schönherr hat alles danach angetan sein lassen, den Trieb zur Mutterschaft immer und immer wieder besonders stark hervorzukehrerl. — Ein solcher Vorwurf ist ein mathe::ra- tisches Rechenexempet, eine Schachpartie mit der sicheren Berechnung nach dem sourcksovielten Zuge matt.
Finden wir uns nun einmal nnt der Tatsache ab, ein starker dramatischer Könner l>:t 'sich dieses Stoffes bemächtigt, und werfen wir die Frage auf. wie hat er ihn gestaltet. Rein äußerlich tritt zunächst die technische Meisterschaft hervor, nnt der Schönherr es zustande bringt, fünf Aufzüge hindurch eine fast nie nachlassende Spannung aufrecht zu erhalten. Es fcffelt die Geschicklichkeit des dramatischen Aufbmls, die primitiven Mittel der Cl)arakterisierung, die Boden ständig keft der Sprache labgescheu von mancher Wendung, die reine Literatur ist imd niemals im Wortschatz und der Empfindrmgswelt eines Tiroler Bauern heimisch sein kau::), es fesselt die Einbeziclmng der scheinbar nebensächlichste:: Details in die große Richtlinie, das Ausschalten jeder Abschweifung ,jeder Mlenkung, das rücksichtslose Bloslegen der Instinkte und Impulse, in einem Worte das unerbittliche Hindrängen auf das eine Ziel.
Im (Prnnde ge:wmmcn 'sind das aber alles kiterarische Qualitäten mehr oder weniger technischer Art. Schon mit der Anlage lund Psychologie der Personen beginnen die Mängel. So schnell :st ein sittsames Ehrcnweio von primftiv gradliniger Denkungsart nicht in einen Weibsteufel zu verwandeln, der mit der Berechnung der abgefeimtesten Kokotte den materiellen Nutzen ausschlachtet, bevor er die entfesselten Sinne sich ausleben läßt. So schnell vergißt ein stra:nmer Bursche, wie der Jäger, nicht seine:: männlichen Stolz und sinkt zum willenlosen, dumpf murrenden Geschlechts- Hörigen eines Weibes herab.
Nun soll gesagt sein, daß bei der Lektüre die Bnmst des Jägers nicht so kraß wirkt, wie bei der Bühucudarstcllung, dafür wirkt aber die hilflose Kränklichkeft des Mannes umso peinlicher und dieser Ausgleich beweist wenig. Vielleicht mag die Verschiedenheit dieser Wirkung auch einer besonderen Auffassung der Darstellung auf unserer Bühne entspringen. Keinerlei Auffassung
kann aber dem Stücke das Widerwärtige der verhiüllten oder nackten Triebe nehmen, ohne es damit auch seiner Wirkung zu berauben. Der sinnliche Effekt ist nach jeder Seite hin ausgenützt.
Ist hiernach Schönherrs Weibsteufel, dessen Voraussetzung«:: zudem noch auf willkürlichen Annahmen beruhen, die keinerlei Allgemeingültigkeit haben, durch die das Stück an Daseinsberechtigung gewägne, eine lftercrrischc Großtat, die solchen Aufhebens wert ist? Man wird das unter aller Anerkennung des dramati- sck>en Könnens, die sich darin offenbart, verneine:: können. Wie steht es aber mit den sfttlichen Bedenken? An und für sich ftnh sie nicht größer als bei irgend einer Vaudevftle, deren süßliche Lüsternheit durch Musik und Brimborium bemäntelt ist. Der Weibs- teufel erfordert stärkere Nerven, aber keinen stärkeren sittlichen Rückhalt des Beschauers. Im Gegenteil, er wird abstoßend wirken in seiner Brutalität, während nur die Süßigkeit des Lasters verlockt. Nicht aber einmal als Abschreckungsmfttel besäße der Stoff, den der Arzt Schnitzler in einer wissenschaftlichen Abhandlung hätte niederleaen wollen, Bühnenberechtigung, und nach einer kurzen Bühnenlaufbahn wäre man sich allgemein darüber klar geworden. Der Einspruch hatte gegenteilige Wirkung. Bezeichnend hierfür ist ein Urteil aus dem Publ:k::m: „Das da war ja gar nicht die Mühe wert. Sicher war das schlimmste gestrichen/^
Die Wirllrng des Einspruches :var also verfehlt. Da er aber nun einmal erhoben ist, so muß zugestanden werden, daß er im Interesse der sfttlichen Wiederbelebung des Volkes, und der Wiedergeburt einer höheren und reineren Thecfterkunst seine vollste Berechtigung hatte. Das Stück bringt einen Mißton in den Sittlick- keitswillen unserer Zeit und es war kein Eingriff in die freie! Betätigung der Künste, wenn dort, wo die Meinungen schroff ! aufeinandervlatzten, die Ursache des Streftes unterdrückt wurde.
Die Wiedergabe duvch Kräfte des Neuen Theaters Frankfurt fesselte manchrnal mehr als das Stück selbst. Die Art, wie Alois G r 0 ß n: a n 1 : den Mann, hinstellte, war eine schauspielerische Tat, die so leichi in dieser Rolle nicht überboten werden kann. Bis in die kleinste EinzellMt war die Charäkterifferung durchgearbeitet. Ueber alle Regiebemerkungen hinaus schuf er Eigenes. Jede Be- wcgnng war durchdackft, von innen heraus gefühlt, keine errechnte, erklügelte Mimik. 5)öhepunkte seiner Gestalttmgskraft bildeten die Aussprache mit dem Jäger im vierten Aufzug und die Sterbeszene, deren unaufdringliche Realistik vorbildlich war. Olga Fuchs besaß für ihre Rolle als Weibsteglfel wohl daS notwmdige breitspurige Gehaben des kraftstrotze::den Weibes, konnte aber der Dämonie ihrer Besessenheit nicht den letzten restlosen Ausdruck verleihen. Bei den Ausbrüchen der Leidenschaft klangen Töne mit, die der ursprünglichen Anlage der Gestalt nicht entsprachen. Abgesel^en davon war auch ihr Spiel großzügig aufgebaut und durchgeführt. Zum Widerspruch reizte die Berkörpenrng des Grenzjägers durch Eugen Klopfer. Man kann über seine Auffassung geteilter Meftmng sein. Bei aller Berücksicht:gm:g seiner künstlerischen Fähigkeiten hätte die Ohnmacht seiner Zusammenbrüche und das Uebermäßi-ge seiner begehrlichen Äufwallunaen eine gewisse Mäßigung vertragen können. Die unglückliche Anlage der Rolle, die bald einen Kiafthuber, bald einen Waschlappe:: verlangt, erleichtert jedoch einen solchen Ausgleich nicht. Für die Spielleitung, die ein lückenloses Zusamnrenspiel als besonders verdienstvoll buchen kann, ze:chi:etc Arthur Hellmer.
Wie nicht anders zu erwarten, war das Theater bis auf den letzten Platz gefüllt. Die .Haltung des Publikums sprach jedoch auch nicht dafür, daß — na, sagen wir, . —. daß der Weibsteusel ein geeignetes Bühnenstück ist. 22


