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13.1.1916 Zweites Blatt
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Nr. 10

Zweites Blatt

166. Jahrgang

Erscheint Ä-Nch Ausnahme des Sonntags.

DieSieh<ver KavMienblStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigetegt, das ttMfefctatt ffit den Kreit Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gberhejftn

Donnerstag, 13. Januar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Bilch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen

Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:^aSb1, Schrift­leitung: e-^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

lVld. Deutscher Reichstag.

27. Sitzung. Mittwoch, den 12. Januar.

Um BundeSratStisch: Dr. Delbrück.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2X Uhr.

Der Gesetzentwurf über die weitere Zulassung von Hilfsmitgliedern im Patentamt wird in dritter Le­sung ohne Aussprache angenommen.

Ernährimgssrageu.

< (Zweiter Tag.) . A ^

Dbg. Dr. Wendorff (Fortschr. Dp.)':' ^

Wir können durchhalten und wir werden durchhaltenl DaS ist das Ergebnis der Beratungen des Hauptausschusses. Unsere Kornvorräte sind -war etwas geringer, als wir zunächst angenom­men haben, aber doch so groß, daß wir sie nicht bis zur nächsten Ernte verbrauchen werden. Gewiß, wir müssen sparsam wirt­schaften. Der im Auslande viel bespöttelteB r o t k a r t e n *. Q e ist" wird sich auch weiter als der eherne Wall erweisen, an dem die Aushungerungspläne unserer Feinde zuschanden werden.

Die Regierung hat manchmal zu lange gewartet, manchmal aber auch zu schnell zugegriffen. Dann hat sie es leider oft mehr »mit die Fixigkeit" alsmit die Richtigkeit" gehalten um mit Cnfcl Bräsig zu reden. An Kritik werden wir es auch ferner nicht fehlen lasten. Aber trotz aller Kritik im einzelnen erkennen wir durchaus an, daß die verantwortkichen Kreise Großes ge. leistet haben. Insbesondere hat der Staatssekre­tär des Innern mit unvergleichlicher Arbeitskraft die rich­tigen Wege gesucht und gefunden. Man darf gegen unsere Be­hörden nicht den Vorwurf eines übertriebenen Bureaukratismus machen. Bei der Kritik der Höchstpreise darf man nicht vergessen, daß Kriegspreise keine Friedenspreise sind. Den Wucher be­kämpfen alle Parteien mit gleicher Schärfe. Bei unserer Kritik dürfen wir weiter nicht unbeachtet lasten, daß es Stellen gibt, die die güten Absichten der Reichsregie, r u n g durchkreuzen. Im Zeichen des Burgfriedens will ich diese Stellen nicht näher bezeichnen. Aber, meine Herren von der äußersten Linken, da hat der Reichstag alle Veranlassung, d i e verantwortlichen Stellen des Reiches zu stär­ken. (Sehr richtig! links.)

Bei der Kartoffelsrage gibt es keinen Fehler, der nicht gemacht worden wäre. Jetzt sollen Verhandlungen schweben, daß die landwirtschaftlichen Organisationen die Ver­sorg u n g übernehmen sollen. Sodann ist kürzlich der Höchst­preis für Saatkartoffeln ausgehoben worden. Da wird jetzt ge­wiß ein wilder Handel mit sogenannten Saatkartoffeln anheben. Das wird nur zu einer Zurückhaltung der vorhandenen Kartoffeln führen, weil esSaatkartoffeln" seien! Dadurch wer­den den kleinen städtischen Arbeitern, die im vorigen Jahre in so erfreulichem Umfange selbst Kartoffeln angebaut haben, die Saatkartoffeln unnötig verteuert. Und warum gerade jetzt diese Aufhebung des Höchstpreises? Kein Mensch kauft doch jetzt Saatkartoffelnl Es ist doch auffällig, daß diese Aufhebung gerade zwei Tage vor^ der Einberufung des neuen Beirates ge­schah! (Hört, hört! links.) Ich kann nur annehmen, daß hier

wieder einmal irgendwelche unverantwortliche _

wenigstens unS unverantwortliche Kreise maßgebend gewesen sind. (Sehr richtig! links.) Bei den Schweineabschlachtungen hat man die Professoren zu unrecht angegriffen. Sie find doch nur auf Grund falscher Erhebungen über die Kartoffelvor- räte zu ihren Vorschlägen gekommen. Auch unser Hauptaukschuß hat ihnen zugestimmt. Wir wollen doch keine Böcke in die Wüste, schicken! Es ist eben geschehen und war falsch, und dabei muffen, wir uns beruhigen. (Sehr richtig!)

Die Regierung hätte sich rechtzeitig vergewissern müssen, wie groß die Buttererzeugung im Lande ist. Eine Destand»- erhebung ist notwendig. Geschieht sie richtig, kann man ernsthaft der Butter- und Fettkarte nähertreten. Gerade die wohl­habenden Kreise legen sich freiwillig keine Beschränkung auf. So- weit einzelne^Städte Buttcrkarten eingeführt haben, ergeben sich große Unzuträglichkeiten. Die alleinige Festsetzung von Schweine­höchstpreisen ist kein Allheilmittel. Allgemein« Festsetzung von Fleichhöchstpreisen führt leicht zur Steigerung der Preise der ge­ringeren Sorten. Die zweckmäßigste Losung stellt die Ausgabe * von Vorzugs karten dar. Die Schaffung von Organisationen zur Versorgung der Städte mit Schlachtvieh ist nicht leicht, will man nicht das berechtigte Mißfallen der bäuerlichen Bevölkerung er> regen. Am besten ist der Abschluß von Schweinemast­verträgen mit Lieferung eines Teiles des benötigten FutterS.

Beim Leder hat zu den hohen Preisen sicherlich das rücksichts­lose Einhamstern der Vorräte beigetragen. Die Klagen der Land­wirtschaft geben der Auslandspresse Handhaben' zu unbequemen, wenn auch falschen Folgerungen. Die Käufer gehen auch nicht mit verbundenen Augen durchs Loben. Biel schlimmer als der Landwirtschaft geht es den kleinen Gewerbetreibenden. (Sehr richtig! links.) In Leipzig allein sind seit KriegSansang 760 mittlere und kleinere Betriebe stillgelegt worden. Der Landwirt,, der im Felde steht, hat auch die Gewißheit, daß einst bei seiner Heimkehr sein Grund und Boden noch da ist, also die Grundlage seines Erwerbs. Durch die Klagen erregt man Unzufriedenheit bei den Landwirten. Allerdings hat die Landwirtschaft auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Namentlich den Frauen gebührt unendlicher Dank, daß sie alles daran gesetzt haben, den Betrieb fortzuführen. Dabei ist vielfach gut verdient worden. Mancher alte Krippenseher ist weit über den Buchwert bezahlt worden. (Heiterkeit.) Daß die Hhpothekenzinfen und Erzeugungskosten größer geworden sind, wird reichlich ausgewogen durch die Höchst­preise. Die letzte Erute hat einen Geldmehrwert von 1 y 2 Milli­arden. Auf den Hektar apgebaute Flächen sind 87 Mark mehr eingekommen. Wie kann man "da von einem Wertrückgang reden? Bei Viehverkäufen geht das Geld ja bar ein.

Der Geldzustrom in die landwirtschaftlichen Kassen hat eine geradezu beängstigeude Höhe erreicht. Die Preise für die land­wirtschaftlichen Erzeugnisse sind hoch genug, um die Mehrkosten auszugleichcn. Selbst wenn die Preise niedriger wären, hätte die Landwirtschaft die vaterländische Pflicht, nach bestem Können für die Aufrechterhaltung der Betrieb« zu sorgen. Die vorhandenen Futtermitiel müssen in gerechter Weise verteilt werden und auch den kleineren Besitzern zugute kommen. (Zustimmung links.) Er­forderlich ist auch eine schleunige Verteilung. Der Verteilungs­schlüssel ist an sich gut, aber bei seiner Ausführung durch die Land­räte hapert es. Ohne Futtermittel gibt es keine fetten Schweine. Die Militärverwaltung sollte für die sachgemäße Frühjahrs­bestellung rechtzeitig Beurlaubungen gewähren. Der Zucker, rübenbau muh in die Höhe gesetzt werden. Die Zensur geht teil- ~ weise so weit, daß man private Gespräche mit seinen Wählern kaum noch führen darf. Wie klein erscheinen alle Klagen über Unbequem­lichkeiten, wenn wir einen Blick auf die Front werfen, wo unsere Brüder in vorbildlicher Kameradschaft Wacht halten. Seien wir einig und treu in der Pflichterfüllung wie sie, soweit wir hier etwas tun können. Für sie gibt es niemals Worte des Danks ge- nug. (Beifall links.)

Abg. Dr. Roesicke (Kons.):

Den Schlußworten meines Vorredners stimme ich vollkommen zu. Mögen uns die gleichen großen Gesichtspunkte auch bei un- seren inneren Auseinandersetzungen leiten! Verlieren wir uns Ivicht in Kleinlichkeiten! Die Teuerung der Lebensmittel (ist unendlich zu bedauern und in hohem Maße betrübend. Es gibt

aber kein Gebiet, welches nicht sehr gesteigerte Preise aufzuweisen hätte. Alle unsere Vorschläge bezwecken gerade, den minder­bemittelten Kreisen die Möglichkeit zu geben, besser durchzukom- men Wir haben eine Zeitlang geradezu eine Wucherseuche gehabt! Besonders schlecht ist hierbei die Landwirtschaft, wcggekommen. In einem Leipziger Blatt hat man sogar behaupt tet, die Landwirtschaft habe unter den Augen der Regierung den> Wucher organisiert. Das deutsche Volk werde sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Wie kann man gegen einen ganzen Stand einen solchen Vorwurf erheben!? Auch die Ausführungen deS Abg. Schmidt-Berlin bewegten sich vielfach in den gleichen Dahnen.

Die Landwirtschaft hat von Anfang an nicht das kapital listische Prinzip verfolgt. Die Regierung war allerdings zunächst der Ansicht, daß das Höhergehen der Preise eine Rege­lung der Verteilung herbciführen müsse. Es hat sich dann ge-> zeigt, daß das falsch war, und man hat dann die Wege «inge- schlagen, die die deutsche Landwirtschaft empfohlen hatte. Di« Landwirtschaft ist durch Organisation und Selbsthilfe stark ge­worden. Sie hat sich selbstlos in den Dienst der vaterländischen Sache gestellt. Trotzdem ist die deutsche Landwirtschaft in einer Weise beschimpft worden, wie sie es bei ihrem idealen und sozialen Standpunkt gewiß nicht verdient hätte! (Zustimmung.) Der Brotpreis und Beotgetreidepreis ist bei uns niedriger als in. England. Bei der Beurteilung der Kartoffelfrage darf man nicht außer acht lassen, daß der Wert der Speisekartoffeln als Futter­mittel heute, an anderen Futtermitteln gemessen, höher ist als ihr Höchstpreis. Die Landwirtschcift kann heute nicht zu den gleichen Preisen wie in Friedenszeiten Milch produzieren. In Deutschland haben wir aber niedrigere Milchpreise als in Eng­land. Das gleiche gilt von der Butter.

Jeder Unternehmer muß sich sagen, nach dem Kriege kommen bedeutende Lasten. Das gilt für Industrie und Landwirtschaft. Auch die Landwirtschaft muß Reserven haben, damit sie nicht ausgepowert wird. Jeder muß sich sagen, daß die Qualität unseres Kulturlandes während des Krieges leiden, die Qualität unseres hochgezüchteten Viehs zurückgehen muß. Das erfordert nach dem Kriege große Aufwendungen. An den hohen Lasten, die uns bevorstehen, muß die Landwirtschaft ihren vollgemessenen Anteil tragen. Sollen die landwirtschaftlichen Arbeiter leer aps-- gehen, wenn die Munitionsarbeiter in den Städte tv die hohen Löhne; einheimsen? Die Naturalienverpflegung der landwirtschaftlichen Arbeiter ist im Kriege viel höher zu bewerten' als in Fricdeuszeiten. Im Auslande ist es schlechter als bei! uns: wenn es trotzdem fest entschlossen ist, den Krieg weiter zu führen, muß unsere Entschlossenheit noch größer, sein. Die Reichsgetreidestelle muß die mittleren und kleineren Mühlen mehr als bisher beschäftigen. Die Ernte war in vielen Gegenden geringer als erwartet wurde, woraus vielfach eine unangenehme Lage für die Landwirte entstanden ist.

Unterstaatssekretär Dr. Michaelis, Präsident der Reichs- getreidestelle:

Die Notwendigkeit der sparsamen Wirtschaft ist hier mehrfach betont worden. Das hängt mit den Maßnahmen zu­sammen. die hinsichtlich des Brotgetreides in den letzten Tagen ge-i troffen worden sind. Es find Zweifel geäußert worden, ob die Zahlen unserer Ernteschätzung zutreffend find. Wir müssen damit rechnen,' daß wir im Osten in der Tat eine recht geringe Ernte haben! werden, und die letzte Bestandsaufnahme hat ergeben, daß keines« wegS die Annahme gerechtfertigt ist. wir wären sehr reich und könnten darauf loswirtschaften. Allerdings hatten die Maßnahmen^ die rm zweiten Jahre von der Reichsgetreidestelle getroffen wurden, diesen Glauben begünstigen können. Wir haben vor allen Dingen Hinterkorn zu" Verfütterung freigegeben, und wir haben, wenn! auch nur unbedeutend, die Brotration erhöht, kurz einn ganze Reihe von Maßnahmen getroffen, die darauf abzielten, im, weiten Jahr eine freiere Situation sowohl der Landwirtschaft als em Verbraucher zu schaffen. Das war selbstverständlich voll 6c-j rechtigt; denn im ersten Jahre war die Sparsamkeit erst nach Ab« lauf des ersten Halbjahres eingetreten, in diesem Jahr fingen wir! von vornherein mit einer fertigen Organisation an. Wir haben! aber erst den dritten Teil des JahrcS hinter uns. Wir müssen wieder zu der alten Sparsamkeit zurück! ehren j die im Vorjahr unS den Erfolg beschert hat.

Auf seiten der Landwirt« ist mit der Wahrung der Bestände gegen Verfütterung nicht so gehandelt worden, wie es im Interesse der Allgemeinheit notwendig gewesen wäre. Die Hinter- kornverfütterungsbestimmung hat das i^irungbrett abgegeben, sich über die Bedenken hinwegzusetzen, wieweit eine Verfütterung von Getreide berechtigt oder unberechtigt sei. DieNotanFutter- Mitteln war aber jo groß, daß eS in der Tat eine außerordent­liche Ueberwindung für den bedeutete, der für sein Vieh verant­wortlich ist, namentlich für den kleinen Mann, wenn er daS Vieh, schreien hörte und er Hinterkorn hatte. Man hatte im Osten mi diesem Jahr verhältnismäßig sehr viel mehr Hinterkorn, es gifct 1 Städte, die so notleidend sind, daß sie bis zu 60 Prozent Hinter- korn hatten. Es lag eine Laxheit der Produzenten in der Ver-. fütterung vor. Wir haben darin gefehlt, daß wir die Ueber-, wach un g nicht mehr so stark anzogen wie seither.

Auf dem Gebiet der Konsumenten sind Sie ja alle sachver-. ständig. Sie wissen, daß in der Tat mit dem Verbrauch jetzt! nicht mehr so sorgsam verfahren wird, wie es war. Ich «rinnere, an die Zusahbrotkarten. Im vorigen Jahr wollten wir! den berechtigten Wünschen der schwerarbeitenden Bevölkerung nach einer höheren Brotration dadurch abhelfen, daß wir Zufatz-! karten bei Bedarf gaben, den wir jedesmal prüften. Man be-. schränkte sie auf wirklich Schwerarbeitende. Im zweiten Jahr. die Kontrolle war ja sehr schwer irnd sehr inuständlich wollten wir Nachlassen. Wir haben ein Pauschquantum als Maximum. Diese Pauschmenge wivd voll ausgenutzt, und zwar von Leuten, die als schwerarbeitend absolut nicht anerkannt wevden konnten. Es ist kein Witz, sondern wahr, daß auch Gymnasiasten Zusatzbrotkarten als schwerarbeitende bekamen. (Heiterkeit.) Es ist sehr allgemein verbreitet, auch \tn Berlin, daß . B. die Dienstmädchen die Zusatzbrotkarlen bekommen, elbst in Häusern, wo es sehr wohl möglich wäre, die Nahrung so zu gestalten, daß sie mit der einfachen Brotkarte auskämen. Kurz, es ist dahin gekommen, daß zum Beispiel in Berlin, wo im vorigen Jahr die Zahl der Zustrtzbrotkarten 120 000 war, sie in idesem Jahr auf annähernd 700000 gestiegen ist. (Hört, hört!)

Der Betrag, um den wir die Brotration hinaufgesetzt hatten, list nicht, wie im Vorjahr, weniger angefordert worden, soirdern man hat die Nichtverbrauchten Abschnitte zu Mehleinkäufen ver- iocrtet, zum Kuchen backen und zum Essen. In den Nestaurationen ist der Verbrauch auch nicht mehr so scharf wie im Vorjahre kontrolliert worden. Wir müssen jetzt einmal wieder mit voller Energie durchgreifen sowohl bei der Ver­fütterung wie bei dem Konsum. Wir müssen zum Verteilungs- matzstabe des Vorjahres zurückkckhren nnd nur den wirklich Stark- arbeitenden chre Ratiorven lassen. Glücklicherweise haben wir den ganzen Apparat so in der Hand, daß wir bas auch durchführe» können.

Bis zu einem gewissen Grade hängt diese Sache auch mit unserer Mühlenpolitik Misaurmen. Wenn wir unser Ziel -erreichen wollen, müssen wir möglichst bald alles ausdreschen. Die sicherst« Statistik ist: alles an-sdveschen und dann da§, was den Selbstversorgern nickst gebÄhrt, wegnohmen. Das machen wir jetzt. Die Angriffe gegen die Landräte sind un­berechtigt. Hätten wir nicht den preußischen Landrat und die entsprechenden Beamten in den anderen Bundesstaaten gehabt, ich wüßte nicht, wie wir nissere Maßnahmen, die vielfach dem

gesunden einfachen Menschenverstand gegen den Strich gingen, hätten durchführen sollen. Ein Beispiel: Es widerspricht Leu

einfachsten wirtschaftlichen Grundsätzen, daß wir den Land­wirten das Korn, welches als Futter verschrotet wird, erst weg- nehmen und dann wicdergeben. Anders ist aber eine Kontrolle nicht möglich. Das ist aber selbstverständlich sehr schwer mit dem einfachen Menschenverstand zu erfassen. (Heiterkeit.) Nun sollen wir den mittleren und kleinen Muhlev eine zu gering« Menge zngewrefen haben.

In Friedenszeiien haben wir 17 Millionen Tonnen Mahlgut, jetzt haben wir 9 Millionen Neber diese 6 Millionen hat nun diL Reichsgetreidestelle keineswegs allein zu verfügen. 80 Prozent der Kommunalverbände haben Selbstversorgung, so daß die Reichs­getreidestelle nur 3 Millionen Tonnen vermahlt. Diese kann sie nun unmöglich gleichmäßig auf die einzelnen Mühlen verteilen.' Wenn wir viele Mühlen, aber jede nur mit einem geringen Teü ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigten, würden wir einen MaAlohn von 10 bis 1b Mark für die Tonne bezahlen müssen. DaS ginge nicht, ohne daß das Reich kster unterstützend einträte. Ein solches Eingreifen des Reiches darf aber nur dann erfolgen, wenn andere bestehende Mrtzstände nicht behoben werden können.

Fälschlich wird immer behauptet, wir hätten nur einige wenig« Mühlen angeschlossen. Im ganzen sind es jetzt 420 Mühlen, seit der letzten Denkschrift ist ihre Zahl also um 143 gestiegen. Weiter habe ich nicht gehen firmren. Wieviel Mühlen soll ich denn eigentlich an schließen? Ich habe von Abgeordneten viel« Briefe erhalten, die sich damit befassen. Die Tendenz ging immer dahin, die Mühlen in ihrem Wahlbezirk anzu schließen! (Heiterkeit.) Die Feiertags- und Nachtarbeit im Mühlengetvcrbe ist nicht abzuschaffen. Solche Neuerungen, die groß« finanzielle Opfer erfordern, lassen sich wohl in Friedens-, aber nicht in KriegS- zeiten durchführen. Die Bemängelungen van Getreide haben nachgelassen, indem wir die Anforderung an den Grad der Feuchttg- keit allmählich herabgesetzt haben. Das Schiedsgericht der Reichs­getreidestelle ist eine objektive unabhängige Behörde.

Es steht außer Zweifel, daß wir bis zum Schluß deS Wirt­schaftsjahres auskommen und mit einer Reserve hin­übergehen in das neue WirffchaftSjahr. Die Rücklage sst nötig, das hat sich im vorigen.Jahre ergeben. Wir haben mit den 700 000 Tonnen gerade bloß ausgereicht, um in die neue Versor­gung glatt hinüberzukommen. Weite Kreise Deutschlands können nicht damit rechnen, schon vom 1b. August ab die neue Ernte zur Verfügung zu haben. Wir werden noch monatelang von den alten Beständen leben müssen. Hätten wir nicht vom vorigen Jahre den starken lleberschuß gehabt, so wären wir in starke Verlegen- heit gekommen.

Von der Nachprüfung der Statistik erhoffen wir, daß die Re­serve größer werden wird, aber verbürgen können wir es iricht. Produzenten und Konsumenten müssen deshalb mit voller Ener­gie an die Aufsparung der Reserve Herangehen. Wir müssen die Zähne zusammenbeißen, auch wenn wir vielleicht manchmal nicht das dazwischen haben, was wir gern möchten. (Heiterkett.) Wenn wir wollen, kommen wir aus. DaS wir wollen, das steht fest! (Lebhafter Beifall.)

Abg. Freiherr von Gmnp (Reichspariei):

J5? ist irnerhört, daß in Derkrn die Zusahbrotkarten von 180 WO auf 700 000 steigen konnten, ohne daß es irgerrdmne Stelle gemerkt hat. Es wäre wünschenswert, daß man darüber noch Er­mittelungen anstellte, um die Wiederkehr solcher unverantwort­lichen Zustände zu verhindern.

Im Mühlengewrrbe ist es nur schlimmer geworden, seitdem «fl der Kri egSaetreidegefellschast die Reichsgetreidestelle geworden ist. Zahllose Mühlen find stillgelegt worden, obgleich sie zu den gleichen Preisen wie die Großbetriebe arbeiten wollten. Diejeni­gen Mühlen, die im Frieden für das Ausland gearbeitet haben, werden jetzt gerne von der Militärverwaltung bevorzugt.

Ein Antrag auf Vertagung wird angenommen.

Nächste Sitz.' > Donnerstag 2 Lhc: Weiterberatung.

Schluß 7 Uhr. - ~*-:- ' ~ ^

Bös Dienftpflichtgesetz Im englischen llnterhause.

Haag, 12. Jan. (Zens. Frkft.) Reuter meldet aus London? Das Unterhaus war gedrängt voll, als die Debatte über die zn-eite Lesung des Gesetzentwurfes zur Einführung der Dienstpflicht begann, dessen Zurückweisung der Arbeilerabgeordnete Ander-« son vorschlug. Sofort erklärte dar Arbetterabgeordnete Thorne unter allgenreinem Beifall, daß Llndersvn kein Recht habe, in dieser Angelegenheit im Namen der Arbeiter zu reden. Anderson ver­sicherte, daß, tvenn die arbeitenden Klassen das Gesetz besser be­griffen, her Widerstand gegen das Gesetz sich verschärfen würde. Die wirklickwn Drückeberger bilden nur eine gänzlich zu verrrach- lässigende Zahl rurd die Notwendigkeit des Gesetzes sei nülttärischi nicht bewiesen. Wenn aber das Gesetz einmal angemTmmen sei,, so lverde es n«l?t dabei bleiben. Der Tag der allgenreinen Dienst­pflicht werde anbrecheir, und die Arbetter am Clydc detrachtmT- diese Angelegenheit als derr Beginn der indnsttiellen Dtenstpflichr. Richard L a m b e r t (radikal), der des öfteren rntterbrochen wurde, unterstützte die Zurückweisung des Gesetzes, das, wie er sagte, England verprcnßen würde.

Sofort darauf aber erhielten die Gegner des Di-enstpflichtgesetzes einen hefttgen Schlag, als John Redmond ihrer Sache un­tren wurde und ankündigte, daß die Nattorralisteir (Jrerr) keinen weiteren Widerstaird gegen das Gesetz leisten würden. Rednwrch legte dar, daß er bei der Einführuirg des Gesetzes auf dem Stand­punkt stand, daß das Gesetz rmr durch nationale No'tlvendigkert gerechtfertigt werden könnte nnd nakh-'seiner Meinung sei ein ge­nügender Beweis für eine derartige Notwendigkeit geliefert ivor- den. Mit Rücksicht auf die umviderlegbaren Gefahren und Ver­wicklungen und auf die Möglichkeit der bevorstehenden Einfühmueg- der indnsttiellen Dienstpflicht stinunten die Nationalisten gegen das Gesetz. Aber jetzt ist ihr Standpunkt ein ganz an­derer. Die Abstimmung bei der ersten Lesung des Gesetzes hat hinsichtlich der Nationattsten den Zustand gänzlich verärgert. Bei der Absffmmung über dies rein britistlie Gesetz »mir eine britische Mehrheit von 10 gegen 1 für das Gesetz. In dieser ?Rehrl>eit be­fanden sich die meisten liberalen Mitglieder, die bislnw nmtige Ver­teidiger der irischen Rechte und Freiheiten gewesen sind. Noch nicht die Hälfte der Arbetterpartei stimntte gegen das Gesetz und die verautwortlick>en Fish rer der Arbeiterpartei stimmten daflir. Außer­dem wurde allgeinein aner^runt, daß loeuu Wahlen gehalten ioür- beu, eine überwälttgendc Melwyeit sich fülr das Gesetz cnffckeide^ werde. Die Nationalisten müssen allen diesen Punkten Rechnung ttagen mW nachdem sie nun einmal ihren Protest! gegen bas Gesetz ausgesprochen liatteu, lverden sie sich nicht langer als Gegner des Gesetzes anfwcrfcn. Er hoffe, daß das Gesetz bald Kraft er- l>attcn werde, und daß alle Parteien sich, unter seiner Wirkung vereinigen werden.

C a rso n bezeickmete den Widerstand gegen das tziesetz als einen schlechten Dienst, tarn man dem Lande erloeise> verspottete die Gründe der Gegner. Mm lüde das Bedenken geäußert, daß das Gesetz der Industrie SckmdLU zu füge und zur indnsttiellen Dienstpflicht füllen lorrde. Er frage aber, tvas bedeutet dies alles, !venn wir den Krieg gewinwm. und was werde entstehen,

I lvenn wir ihn verliere... (Lauter Beifall.) Er wlies daraus bin', daß die militärischen Berater der Regierung mit den Verbündeten