128 Dritter Teil. Die techniſche Verarbeitung der Wolle.
Das Kämmen der Wolle.
Wie ſchon im Krempeln die Kamm⸗ von der Streichgarn⸗ ſpinnerei abweicht, ſo trennt ſich vollends der Weg beider Fabrikationsarten. Bei der Kammgarnſpinnerei verlangt man einen glatten, geſtreckten Faden, der möglichſt wenig Enden an ſeiner Oberfläche zeigt. Um dieſes zu erreichen, machen ſich Bearbeitungen der Wollfaſer notwendig, welche die Streichgarn⸗ ſpinnerei gar nicht kennt. Es faſſen ſich dieſe Arbeiten in das Kämmen der Wolle zuſammen; durch dasſelbe werden die kurzen Härchen(Kämmlinge) von den langen getrennt, alle Unreinigkeiten, Kletten und dergl., aus denſelben entfernt und dem Wollhaar ſeine Kräuſelung genommen. Doch verſteht man unter dem Ausdruck„Kämmen der Wolle“ vier Operationen, nämlich: a) das Strecken der Krempelbänder auf dem ſogen. Rohſtrecker, b) das eigentliche Kämmen, c) das Strecken des Kammzuges, d) das Plätten des Zuges.
Die erſte Operation nach dem Krempeln iſt alſo das Strecken der Krempelbänder. Hat die Wolle die Krempel ver⸗ laſſen, ſo ſind zwar die einzelnen Haare aufgelöſt, aber doch noch wirr untereinandergemiſcht, ſo daß das Band einmal dicke und dann wieder dünne Stellen zeigt. Um dieſe Un⸗ gleichheit auszugleichen, ſtreckt man drei bis ſechs Bänder auf dem Rohſtrecker ſo auf, daß ſie durch eine Nadelwalze neben⸗ einandergehen und bei dieſem Paſſieren der Streckzylinder der Maſchine ſich zu einem Bande vereinigen. Immer wieder beginnt nun ein neues Strecken der Bänder der Art, daß drei bis vier ſolche Strecken oder Paſſagen einer neuen Streck⸗ maſchine übergeben werden, wodurch man für die Kammſtühle ein recht ſtrammes und feſtes Band erhält. Nun kommen wir zu einem ſehr wichtigen Teile der Kammgarnſpinnerei, zu dem Kämmen der Wolle ſelbſt. Bei dieſer Operation kommen die komplizierteſten Maſchinen in Betracht, die in ihrer heutigen Vollendung einen hohen Grad von Intelligenz, raſtloſes Sinnen und praktiſches Probieren erfordern; ſtarb doch der Erfinder des Heilmannſchen Syſtems in Geiſtesverwirrung. Bei der Manipulation ſelbſt wird ſtets eine größere oder kleinere Zahl von Haaren, welche man Kämmlinge nennt, zur Kammwolle untauglich gemacht.


