Der Weizen. 233
halte man feſt an einer Syſtematik, die nicht bloß den Lehrern, ſondern auch den Schülern verſtändlich iſt.
Was die Abſtammung des Weizens anlangt, ſo bin ich über— zeugt, daß die genannten ſieben Arten auf eine gemeinſchaftliche Stammform zurückzuführen ſind, aber ich glaube nicht, daß eine dieſer Arten, wie es de Candolle von T. monococcum annimmt, die Stammform aller übrigen war. Die Stammform liegt weiter zurück, und die Hauptformen waren ſchon getrennt, als der Menſch ſie in Kultur nahm. Hierfür ſprechen namentlich hiſtoriſche Gründe. Die Chineſen kennen und kultivieren den Weizen mindeſtens ſeit 4721 Jahren, und ſie bauen noch jetzt eine Sorte, von der 100 Körner nach meiner Wägung nur 2,24 g wiegen, alſo noch nicht halb ſo viel, wie von unſerem Weizen. Die alten Agypter kannten ihn ebenfalls, wie der deutlich erkennbare, aber nicht mehr keimfähige Mumienweizen beweiſt. Die keltiſchen Bewohner der ſchweizeriſchen Pfahlbauten be⸗ ſaßen in der Steinzeit ſchon Triticum vulgare in den beiden nahe verwandten Formen T. v. antiquorum und T. v. compactum muticum, die ſich in dem Binkelweizen bis auf den heutigen Tag erhalten haben; ſie beſaßen ferner T. turgidum, T. dicoccum und T. monococcum, und in der Bronzezeit auch T. Spelta.— Überdies ſind mehrere Weizenarten im wildwachſenden Zuſtande gefunden worden. So nament⸗ lich mehrere Male das Einkorn. Zuerſt fand es Balanſa in Armenien und hielt es für Spelz, J. Gay beſtimmte die Pflanze aber als Einkorn. Ferner fand Michaux in Perſien den Spelz, und Olivier am Euphrat und in Meſopotamien Weizen und Spelz zuſammen mit Gerſte. Warum will man nicht zugeben, daß die Pflanzen wirk— lich wildwachſend waren, da Olivier ausdrücklich bemerkt, daß er ſie in einem für die Kultur ungeeigneten Lande, d. h. in der Wildnis fand? Hat ja doch Mac Donall Stuart ſogar in Auſtralien eine wildwachſende Getreideart entdeckt,„die dem Weizen völlig glich, nur daß die Körner kleiner, das Stroh um vieles zäher war“. ¹) Endlich ſei erwähnt, daß nach H. Moſer in Turkeſtan zwei Weizenarten wildwachſend vorkommen.„Bei ihren Feldarbeiten, ſo berichet M. von den Sarten, nimmt der Weizen die erſte Stelle ein, von dem ſie mehrere Sorten anbauen, meiſtens den„Kara⸗budai“(ſchwarzen Weizen) und den„Ak⸗budai“(weißen Weizen). Zwei andere Weizenarten, der „Jaſchlick“ und der„Kara-ſulu“ kommen wildwachſend vor.“ ²)—
Für den deutſchen Landwirt, dem unſere Anleitung zum Getreide⸗ bau in erſter Linie gewidmet iſt, kommt es nun vor allem darauf an, zu wiſſen: Welche Bedeutung haben die eingangs aufgezählten ſieben Weizenarten für die Kultur?
Die Antwort auf dieſe Frage iſt leicht gegeben; ſie lautet: Der altertümliche Gommer iſt für Deutſchland ohne Wert. Dasſelbe gilt von dem hitzeliebenden Glasweizen und, vielleicht mit einer einzigen
¹) A. Nowacki, Jagd oder Ackerbau? 1885, S. 100. ²) Heinrich Moſer„Durch Central⸗Aſien“ 1888, S. 71.


