Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen.
I. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen.
Wenn der praktiſche Landwirt von Gras oder von Gräſern redet, ſo denkt er dabei zunächſt an die Wieſen⸗ und Weidegräſer oder an die grasartigen Unkräuter, die auf den Feldern wachſen: es kommt ihm dagegen für gewöhnlich nicht in den Sinn, den Weizen, den Roggen und die ſonſtigen Getreidearten mit zu den Gräſern zu rechnen.
Dieſe Anſchauung hat ihre Berechtigung; denn in der That iſt Getreide etwas anderes als Gras, und vom landwirtſchaftlichen Standpunkte aus betrachtet iſt es ganz in der Ordnung, die Getreide⸗ arten den übrigen Gräſern als etwas Beſonderes gegenüberzuſtellen.
Andererſeits iſt es für jeden, der ſein Gewerbe mit Einſicht und mit Verſtändnis betreiben will, unerläßlich, ſich auf einen allge— meineren Standpunkt zu erheben, von dem aus man klar überblickt, daß die Getreidearten mit den übrigen Gräſern zuſammen in ein und dieſelbe Pflanzenfamilie gehören.
Wir haben daher kurz auseinanderzuſetzen, auf welchen Merk⸗ malen, Eigenſchaften und Verhältniſſen a) die Zuſammengehörig⸗ keit und b) die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras beruht.
a) Worauf beruht die Zuſammengehörigkeit von Getreide und Gras d
1. Wurzel.— Die Getreidearten ſtimmen in der Wurzelbildung mit den übrigen Gräſern überein. Eine Haupt⸗ oder Pfahlwurzel, wie wir ſie bei dem Raps, der Lupine, der Luzerne und anderen Gewächſen finden, kommt bei den Gräſern nicht vor. Wir können vielmehr kurz ſagen: Die Wurzel der Gräſer iſt eine Faſer⸗ wurzel. Sie beſteht aus einer großen Anzahl fadenförmiger Ge⸗ bilde, Faſern oder Zaſern genannt, die teils in ſenkrechter, teils in wagerechter und ſchiefer Richtung, mannigfach verzweigt und ge⸗ krümmt, überwiegend in der oberen Schicht des Bodens ſich ver⸗ breiten. Jede Faſer iſt an der Spitze mit der Wurzelhaube be⸗
Nowacki, Getreidebau. Dritte Auflage. 1


