6 Begriff und Weſen des Bodens.
zu Tage tritt, finden wir keinen„Boden“. Hier merken wir, daß
wir richtiger„Grund und Boden“ ſagen würden, denn auf dem nackten Fels ſtehend haben wir wohl Boden, d. h. eine Fläche
unter unſeren Füßen, aber nicht Grund, d. h. erdige Subſtanz. Im Vergleich zu ſeiner wagerechten Flächenausdehnung iſt der ſenkrechte Schnitt des Bodens auch dort, wo er mächtiger ent⸗
wickelt iſt, ſehr dünn. Denken wir uns den Schnitt mitten durch die Erdkugel ſo groß oder, beſſer geſagt, ſo klein, wie ein Wagen⸗ rad, ſo iſt der Teil des Schnittes, der auf den Grund und Boden kommt, verhältnismäßig noch dünner als ein Streifen Papier, den wir auf den Radreifen kleben. Der Radreifen ſelbſt kann uns als Bild für die feſte Felskruſte der Erde dienen. Der Boden liegt auf dem Fels. Der Fels bildet die Unterlage, die Stütze des Bodens. Solange der Fels feſt und ſtill ſteht, ſteht auch der Boden ſtill und feſt. Fängt aber der Fels in der Tiefe an zu ſchwanken oder zu rucken, ſo ſchwankt und kracht auch der Boden.—
Wenn wir uns am Meeresſtrande befinden, um ein Bad in der Salzflut zu nehmen, ſo ſtehen wir auf dem Boden. Schreiten wir in das Waſſer hinein, ſo kommen wir von dem Boden auf den Meeresgrund. Die Grenze zwiſchen beiden iſt eine „fließende“; aber nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, der meiſt den Nagel auf den Kopf trifft, hört der Boden dort auf, wo der
Meeresgrund anfängt.
Es iſt indeſſen klar, daß ſich Boden und Meeresgrund nur durch die jetzige Lage unterſcheiden. Andert ſich die Lage, ſo wird der Boden zu Meeresgrund, der Meeresgrund zu Boden. Die Lage kann ſich ändern erſtens dadurch, daß der Meeresgrund ſich erhöht, oder zweitens durch wirkliche oder ſcheinbare Hebungen oder Senkungen des Feſtlandes und des Meeresgrundes, oder drittens auf die Weiſe, daß der Meeresſpiegel allgemein oder nur an ge⸗ wiſſen Küſten ſteigt, an anderen ſinkt.
Dabei iſt der Umſtand beſonders zu beachten, daß die Ober⸗ fläche des Meeres nicht horizontal liegt, wie man gewöhnlich an⸗ nimmt, ſondern gegen die Küſten anſteigt und gegen die Mitte der Ozeane ſich ſenkt. Das Anſteigen an den Küſten iſt auf die An⸗ ziehung zurückzuführen, die von der körperlichen Maſſe des Feſt⸗
landes auf das Waſſer des Meeres ausgeübt wird. Änderungen


