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Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie / von Justus Liebig
Entstehung
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Gift, Contagien, Miasmen. 315

Sicher würden die löslichen Silberſalze nicht minder tödt⸗ lich wirken wie Sublimat, wenn im menſchlichen Körper nicht eine Urſache vorhanden wäre, welche bei nicht überwiegenden Mengen ihre Wirkung aufhebt.

Die Urſache iſt der in allen Flüſſigkeiten vorwaltende Koch⸗ ſalzgehalt. Man weiß, daß ſalpeterſaures Silberoxid ſich wie Sublimat mit thieriſchen Theilen verbindet, und daß dieſe Ver⸗ bindungen einen vollkommen gleichen Character haben: ſie werden unfähig, zu faulen und zu verweſen.

Salpeterſaures Silberoxid, auf die Haut mit Muskelfaſer ꝛc. zuſammengebracht, vereinigt ſich im aufgelöſ'ten Zuſtande au⸗ genblicklich damit; thieriſche Materien in Flüſſigkeiten bilden damit unlösliche Verbindungen; ſie werden, wie man ſagt, coagulirt.

Die entſtandenen Verbindungen ſind farblos, unzerſetzbar durch andere kräftige chemiſche Agentien; ſie werden an dem Lichte wie alle Silberverbindungen ſchwarz, indem durch den Einfluß des Lichtes ein Theil des Silberoxids zu Metal redu⸗ cirt wird; die Materien im Körper, welche ſich mit dem Sil⸗ berſalz vereinigt haben, gehören dem lebenden Körper nicht mehr an, ihrer Lebensfunction iſt durch ihre Verbindung mit Silberoxid eine Grenze geſetzt; wenn ſie reproducirbar ſind, ſo ſtößt ſie der lebende Theil in der Form eines Schorfs ab.

Bringen wir ſalpeterſaures Silberoxid in den Magen, ſo wird es augenblicklich, wenn ſeine Menge nicht zu groß iſt, von dem Kochſalz oder der freien Salzſäure in Chlorſilber, in eine Materie verwandelt, die in reinem Waſſer abſolut unlös⸗ lich iſt.

In Kochſalzlöſung oder Salzſäure lößt ſich das Chlorſil⸗ ber, wiewohl in außerordentlich geringer Menge, auf; es iſt dieſer Theil, welcher die Wirkung ausübt; alles übrige Chlor⸗