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— 295— IX verſchiedenartige Zervituten.
Unter die nachtheiligen Servituten gehören alle überflüſſi⸗ gen Wege und Fußpfade. Wie oft bahnt man nicht einen Pfad über den Winkel eines Feldes, blos um 10— 15 Schritte zu gewinnen? Für Weſtfalen führe ich beſonders die Leichwege an. Es herrſcht hier an einigen Orten der Glaube, daß die Seele des Verſtorbenen keiner Ruhe genieße, wenn die Leiche nicht den altherkömmlichen Weg gefahren wird. Sollte auch der ſchönſte neuangelegte Weg, neben den mit einer ſolchen Servi⸗ tute belaſteten Grundſtücken, nach der Grabſtätte führen; um⸗ ſonſt! Der Leichwagen darf ihn nicht betreten, und ſollte er auch mitten durch die wallenden Saaten durch. Bleibt auf dieſe Weiſe der Bauer den Fußſtapfen ſeiner Väter auch nach ſeinem eigenen Tode getreu, wie kann man fodern, daß er ſich in ſei⸗ nem Leben davon entfernen ſolle?
Schlimmer als die Leichwege, die für jeden Menſchen nur einmal betreten werden, ſind die Wege nach Weidegerechtigkeit. Wenn die Weiden nicht gerade an einem Wege liegen, und man nur zu einer durch die andere gelangen kann: ſo iſt dieſes dahin eingeſchränkt, daß das Vieh einmal hinein und einmal hinaus getrieben werden kann. Dadurch bleibt es vom Früh⸗ jahre bis zum Herbſte Tag und Nacht in ſeinem grünen Kerker. Der Eigenthümer mag alſo wollen oder nicht; es mag Wetter ſeyn, welches es will; die Weide mag noch mit Gras bedeckt oder kahl abgefreſſen ſeyn; es mag Dung, Milch und Butter darüber verloren gehen, ſo muß das Vieh bis zum Spätherbſte unter freiem Himmel wirthſchaften. Es rührt dieſer Gebrauch aus jenen futterarmen Zeiten her, wo man noch von keiner grüͤnen Fütterung im Stalle etwas wußte; man war alſo bei der Vertheilung des Grünbodens auf keine Wege bedacht. Man ſollte glauben, daß, da die andern Weiden, wodurch der Weg führt, zugleich abgeweidet werden, die Durchtrift wohl geſtattet werden könnte. Dieſes würde auch gehen, wenn die andern ebenfalls ihr Vieh des Nachts eintrieben; da aber ſolches nicht der Fall iſt, ſo läßt das Vieh, welches ſieht, daß das benach⸗ barte heimgeholt wird, ſich auf keine Weiſe mehr in ſeiner


