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lange darüber beklagt hätten; ſeit 1870 iſt, z. T. infolge des ruhmvollen Anteils einzelner Mitglieder der Dynaſtien am deutſch⸗franzöſiſchen Kriege, die Anhänglichkeit der Be⸗ völkerungen an das Herrſcherhaus von neuem ſo geſtiegen, daß ein verſtärkter partikularer Patriotismus mit dem Reichs⸗ gedanken Hand in Hand geht. Eine Mediatiſierung der Dynaſtien würde deshalb auch an der Geſinnung der Be⸗ völkerungen ſcheitern. And hier verbindet ſich mit neu Ge⸗ wordenem der Geiſt einer mehr als ein Zahrtauſend alten Entwicklung: was ſo lange in der deutſchen Geſchichte von zwingender Kraft war, wird auch in Zukunft ſeine lebendige Macht betätigen. And man bedenke noch einmal, daß dieſer Partikularismus nicht nur von ſchwerem Nachteil, ſondern auch von hohem Nutzen geweſen iſt. Schon deshalb wird man ihn für die Zukunft nicht völlig ausſchalten wollen. Es handelt ſich für uns nicht um die ſtaatsrechtlich glatteſte Löſung, ſondern um den Ausgleich der wichtigſten Strömungen des deutſchen geſchichtlichen Lebens. Deutſchland kann weder voller Einheitsſtaat ſein, noch darf es in partikulariſtiſche Zerſpitterung zurückfallen.
Es wäre ein glücklicher Ausweg, wenn man die Frage ſo entſcheiden könnte: politiſch der Einheitsſtaat, kulturell der Partikularismus. Aber man muß doch ſofort einwenden, daß die kulturelle Blüte Münchens, Stuttgarts, Dresdens, Karlsruhes, Darmſtadts, Weimars an ihre politiſche Stellung gebunden iſt. Caſſel und Hannover ſind Provinzialſtädte ge⸗ worden, ſeit ſie nicht mehr Reſidenzen ſind. Die Kultur ſteht nicht auf eigenem Boden, ſondern auf dem eines feſten Staates; die Sitze großer Kultur ſind deshalb ſtets politiſche Mittelpunkte geweſen. Die Niederlande ſind der deutſchen Kultur überhaupt verloren gegangen, als der politiſche Zu⸗ ſammenhang fehlte; das Elſaß war nahe daran— die Kultur bedarf des nationalſtaatlichen Rückhalts. Die heutigen zahl⸗ reichen Zentren deutſchen Kulturlebens ſind weiterhin nur dann möglich, wenn eine Dynaſtie und ein beſonderes politiſches Intereſſe ſie belebt. Niemand in Deutſchland kann eine in Berlin zentraliſierte deutſche Kultur wünſchen. Eben deshalb,


