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Commiſſionär in Leipzig: Theodor Thomas.
Archiv für die geſammte Volkswirthſchaft, Centralanzeiger für Stellen- und Arbeitergeſuche.
Herausgegeben von
Franz und Max Wirth.
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N 321.
Frankfurt a. M., 19. Auguſt
1863.
Das landwirthſchaftliche Feſt in Gießen.
. Wir leben in der Zeit der Feſte und Ausſtellungen; es vergeht kaum eine Woche, in welcher nicht in unſerem lieben deutſchen Vaterlande irgend wo ein Feſt, entweder mit oder ohne Ausſtellung gefeiert wird. Wenn man in letzterer Zeit viel von Ueberhäufung der Feſtlichkeiten, und zwar mit vollem Recht, zu hören bekam, ſo trifft dieſer Vorwurf eher alle anderen als die landwirthſchaftlichen Feſte. Dieſelben ſind im Ganzen zwar ihrer erſten Form treu geblieben, haben aber in neueſter Zeit beſonders durch Hereinziehen des landwirthſchaftlichen Maſchinenbaus ſich dergeſtellt entwickelt und erweitert, daß der Name landwirthſchaft⸗ liches Feſt nur noch theilweiſe zutrifft. Und das iſt auch gut, denn es ſollen keine Feſte mit Ausſtellungen, ſondern doch wohl Ausſtellungen mit Feſten ſein; darin liegt ihr Werth und das ſchützt ſie vor ihrem Verfall. Von dieſen Anſchauungen gehen wir auch bei Beſprechung des ſchönen landwirthſchaftlichen Feſtes in Gießen aus, das ſo eben mit ſeinem ganzen reich ausgeſtatteten Apparat hinter uns liegt. Wir werden mit um ſo mehr Liebe von dieſem Feſte ſprechen, als Ausſtellung und Feſt ſich hier in jener Harmonie befanden, welche einen wohlthuenden geſunden Eindruck hinterläßt. Noch ſummen und brummen uns zwar die Muſiken aller Nuancen in den Ohren, von der ſchmetternden Reiter⸗ muſik herab bis zur heiſeren Vogelorgel, noch bezaubern uns die Erin⸗ nerungen an die Blumenmädchen, Gärtnerinnen, Schnitterinnen, Winzerin⸗ nen, die florirenden Göttinnen und die göttlichen Florirenden, und der ganze Feſtjubel brauſt zwar noch in unbewachten Augenblicken in uns auf,— allein alle dieſe Erinnerungen werden erſt recht zu angenehmen geſtempelt, je mehr die Ueberzeugung durchdringt, daß ſie bloß die lie⸗ benswürdige Beigabe ernſterer Angelegenheiten ſind; und das in Gießen abgehaltene Feſt war der Art. Wir ſind zwar keine große Freunde der Syſtematik und werden uns beſtreben, bei der Beſprechung dieſes Feſtes ſo viel wie möglich unſyſtematiſch zu ſein, doch ein bischen Ordnung erleichtert auch dem Berichterſtatter die Arbeit. Alſo zuerſt eine Wanderung durch die Räume, in welchen die Maſchinen und landwirthſchaftlichen Produkte aufgeſtellt, dann zu den Zimmern, in denen die gewerblichen Erzeugniſſe Gießens und der Umgegend Platz gefunden haben, nebenbei können wir auch der Viehausſtellung einen kurzen Beſuch machen, und zum Schluß laſſen wir den Vorhang vor den reizenden Gruppen des dritten wirklichen Feſttages in die Höhe rauſchen, mit allen ſeinen neekiſchen, liebenswürdigen Mädchen⸗Geſtalten, mit all ſeinem Jauchzen, Jubiliren, Muſiciren, und deutſchem Poculiren, mit all ſeiner Luſt, mit all ſeiner naturwüchſigen Fröhlichkeit. Weitaus die reichſte und wichtigſte Abthei⸗ lung bei der Ausſtellung war die für landwirthſchaftliche Maſchinen. Unſere landwirthſchaftlichen Feſte, um bei dem hergebrachten Namen zu bleiben, haben nach dieſer Richtung den gewaltigſten Fortſchritt gemacht; will man ſich hierüber klar werden, ſo ſuche man ein landwirthſchaftliches Feſt, das vor circa 20— 25 Jahren gehalten wurde, und bei welchem die Krönung irgend eines zuchttüchtigen Faſſelochſen den Glanzpunkt bildete, recht lebendig einem Feſt der Neuzeit gegenüber zu ſtellen. Die älteren landwirthſchaftlichen Feſte, welche heute noch hie und da im Volksmund mit„Ochſenfeſt“ und„Farrenball“ bezeichnet werden, hatten nicht die Bedeutung, und waren auch ihrem ganzen Weſen nach nicht ſo geſund, wie es die Feſten der allerneueſten Zeit ſind. Und dieſe
Bedeutung, dieſe Geſundheit verdanken dieſelben weſentlich dem Eingriff des landwirthſchaftlichen Maſchinenbaus. Derſelbe war denn auch hier ſehr reichlich vertreten und hat dem ganzen Feſt den charakteriſtiſchſten Geſichtszug gegeben. Am Eingang in die Ausſtellung finden wir rechts gleich ein Meiſterſtück der landwirthſchaftlichen Maſchinenbaukunſt, eine voon Clayton, Shuttleworth u. Comp. conſtruirte und von Lanz u. Com p. in Mannheim ausgeſtellte Dreſchmaſchine. Wenn dieſe Maſchine arbeitet, ſo ſchwindet auch bei dem vorurtbeilvollſten ſerupulöſeſten Bäuer⸗ lein das Mißtrauen gegen dieſe Maſchinen; und alle ſeine Barrikaden,
die er ſich mit Hülfe von Eigenſinn, angeborenem Beharrungsvermögen und mißtrauiſcher Beſchränktheit um ſein Gehirn gebaut hatte, werden hier mit einem Schlag vernichtet. Die Geſchichte der Dreſchmaſchinen iſt eine der lehrreichſten von allen, weil ſich keiner Maſchine bei ihrer Einführung ſolche Schwierigkeiten entgegenſetzten; wüßten wir doch heute noch Pächterhöfe zu nennen, auf denen eine gewöhnliche Dreſchmaſchine, wenn auch älterer Conſtruction, in einem Scheunenwinkel verroſtet ſind. Die Zeit der Anwendung dieſer Maſchinen bei uns datirt ſich ohngefähr aus den Jahren 1836—40. Dieſelben waren im Anfang, wie Alles in der Welt gleich unvollkommen in ihrer Conſtruction. Stellt man eine im Jahr 1860 gebaute Maſchine einer im Jahr 1840 gebauten gegenüber, ſo wird man ſich überzeugen, daß die Entwicklung der Dreſch⸗ maſchinenconſtruction eine äußerſt raſche iſt. Die jetzigen Dampfdreſch⸗ maſchinen leiſten Alles, was man vernünftiger Weiſe von ihnen ver⸗ langen kann, und werden einer durchgreifenden Verbeſſerung wohl ſchwer⸗ lich mehr fähig ſein. Gerade gegenüber der Clayton'ſchen Maſchine hatte Blumenthal aus Darmſtadt ebenfalls zwei engliſche Dreſchmaſchinen von Turner ausgeſtellt. Dieſelben waren von etwas kleinerem Bau, lieferten doch gleich gute Arbeit. Daß dieſe großen Dreſchmaſchinen vorzugsweiſe noch in England gebaut werden, kommt daher, weil zu ihrer rentablen Darſtellung ein ſehr großes Etabliſſement gehört; und das wird in Deutſchland bald auch geſchehen; ſo viel wie wir hören, wird ſich die große Maſchinenfabrik in Karlsruhe jetzt auch mit dem Bau von landwirthſchaftlichen Maſchinen befaſſen. Wir ſind am äußerſten Ende der Halle angelangt und können unſere Wanderung mit Gemüths⸗ ruhe fortſetzen. In der reichhaltigen Ausſtellung von Blumenthal, be⸗ finden ſich drei Locomobilen, leichter wie die engliſchen gebaut, Dreſch⸗ maſchinen, Göpelwerke, eine kirchweihfarbige Mähmaſchine, Häckſelmaſchinen, Kuhmelker, Sackhebmaſchine, Maiſch⸗ maſchine ac. Das Ganze iſt hübſch arrangirt, und macht einen gefälligen Eindruck. Alle Maſchinen kann man in voller Thätigkeit ſehen. Neben der Blumenthal'ſchen Abtheilung ſteht eine ſolid gearbeitete Dampf⸗ maſchine von Nenzel in Gießen; dieſelbe treibt eine Bandſäge, ebenfalls von Nenzel; die Bandſägen eignen ſich vorzüglich für geſchweifte Arbeit und ſind, ſeitdem man in der Anfertigung der Sägebänder Fortſchritte gemacht hat, viel in Anwendung gekommen. Auf der von Nenzel ausgeſtellten Maſchine wurden Segmente für Rad⸗ kränze recht ſauber geſchnitten. Die Dampfmaſchine trieb außer der Bandſäge noch eine Pumpe, die einem in der Mitte des Ausſtellungshofes angebrachten Springbrunnen das Waſſer lieferte. Wenn wir uns nun längs der Rückwand der Ausſtellung durchwinden, dieſer Ausdruck iſt vollſtändig gerechtfertigt, denn die Maſchinen und Geräthe ſtehen ſo dicht, daß man nur im Zickzack die ganze Halle paſ⸗ ſiren, und eine Dame, ſelbſt wenn ſie eine Crinoline von lippe⸗detmold⸗ ſchem Umfang trägt, ohne Verdrückungen und Verletzungen gar nicht durchkommen kann,— ſo finden wir Maſchinen, Geräthe und Produkte in reicher und ſchöner Wahl. In der Mitte der Halle, dem Portal gegenüber, treffen wir auf einem geſchmackvollen Geſtelle gute Freunde aus der Pfalz, die uns mit heiterer Miene zulächeln, durch hellgrüne Flaſchen mit zierlichen Etiquetten ihre diaboliſche Gefährlichkeit verbergen. Hier halten die Herren Gebrüder Meier die feurigen Kinder der Hardt in Flaſchen gefangen. Hauptſächlich ſind die Weine aus Dürkheim re⸗ präſentirt; das Ganze befindet ſich in einer hübſchen Blumengruppe. Von Weinausſtellern finden ſich noch die Herren Dr. Rau aus Unden⸗ heim, v. Rodenſtern aus Bensheim verzeichnet. Neben der Weingruppe ſtehen eine Reihe Käſtchen mit verſchiedenen Sorten von Kartoffeln, über denſelben an der Wand iſt eine Sammlung Halmfrüchte aus der landwirthſchaftlichen Lehranſtalt des Herrn Dr. Birnbaum aus Gießen aufgehängt und neben ſteht verſchiedenes ausgedroſchenes Getraide. Ganz in der Nähe befinden ſich die Apparate, die ſich mit der Verarbeitung der ebengenannten Früchte zu Spiriituoſen befaſſen,


