einigermaßen lief, schien die parlamentarische Demokratie trotz ihrer Strukturschwächen relativ stabil. Doch die rasch heraufziehende öko- nomische Krise bereitete den Boden für die Kräfte, die bisher still hielten, die nun aber unter dem Druck von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Not ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Privilegien bedroht sahen und nach einem Ausweg suchten.
Die Frage war nur, konnte das im Rahmen der Demokratie geschehen, wie es Roosevelt in den USAàA mit seinem New Deal-Programm 1932 ff. gelang, wie es partiell auch in England und Frankreich ge— schafft wurde, oder mußte das in Form einer Militärdiktatur gesche-— hen, wie das Franco in Spanien nach einem mörderischen Bürgerkrieg seinem Volk aufzwang, oder mußte man die gesellschaftlichen und ökonomischen Führungsschichten mit Hilfe einer Massenbewegung absi- chern, wie es 1922 in ltalien ansatzweise durch den Marsch der Schwarzhemden auf Rom geschehen war.
Die erste Möglichkeit konnte bei dem nationalistischen und revanchi- stischen Klima der Weimarer Republik, wie ich es versucht habe zu schildern, nicht gelingen. Vor allem auch deshalb, weil es nicht nur am demokratischen Bewußtsein fehlte, sondern weil auch die demo-— kratischen Kräfte selber nach Stresemanns Tod weder eine personelle noch eine echte sachliche Alternative hatten.
Beispielhaft deutlich wird das am Versagen der SPD im Jahre 1930 und auch am Kotau der deutschen Volkspartei vor ihrem Unterneh- merflügel, wodurch es dann zu den Präsidialkabinetten kam, einer zwar verfassungsmäßig legalen, aber nicht mehr von einer Parlaments- mehrheit getragenen Regierung, die einzig vom Vertrauen des immer seniler werdenden Hindenburg abhing, der seinerseits allerdings in Wahrheit immer abhängiger wurde von der ihn umgebenden und beein- flussenden Kamarilla aus rechtskonservativen Junkern und alten Ar- meekameraden.
Die zweite Variante, die Militärdiktatur, wurde mehrfach erwogen, ja sogar in der Endphase der Republik nach der großen Niederlage der Hitler-Parteien im November 1932, mit der Gründlichkeit deutscher Beamter in einer groß angelegten Studie ernsthaft geprüft. General von Seeckt, Chef der Reichswehr bis 1926, später Mitglied des Reichstages für die Deutsche Volkspartei, der die Armee zum Staat im Staate gemacht hatte, verweigerte schon beim Kapp-Putsch 1920 der zivilen Regierung den Gehorsam, indem er feststellte:"Truppe schießt nicht auf Truppe.“ Es ging damals um die Brigade Ehrhardt, die in Berlin einmarschierte. Später äußerte er sinngemäß:"Was die Reichswehr tut, bestimme ich.“ 1927 am Tannenberg-Denkmal meinte er vor einer tosenden Menge:"Wir müssen die Macht bekommen, und sobald wir die Macht haben, holen wir uns selbstverständlich alles wieder, was wir verloren haben.“ Aber auch diese Möglichkeit wurde
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