Meine Betrachtungen möchte ich insofern eingrenzen, als ich mich auf die Waldteile beschränke, die vor 1939, dem Jahr der Eingemeindung von Wieseck und Klein-Linden, im Eigentum der Stadt Gießen standen. Der Herrnwald und der Wald der Kommende Schiffenberg bleiben also ebenso außerhalb der Betrachtungen wie die Waldteile des ehemaligen Dorfes Wieseck(Klein-Linden hatte keinen eigenen Wald). Diese Ein- grenzung ist notwendig, weil nicht forstgeschichtliche bzw. forstwis- senschaftliche Probleme, sondern vielmehr verwaltungs- und wirt- schaftsgeschichtliche Gesichtspunkte im Vordergrund unserer Be— trachtung stehen sollen(Karte Nr. 7).
Wenden wir uns nun zunächst dem großen Gießener Stadtwald zu. Sei- ne Geschichte ist ein integrierender Bestandteil der Gesamtgeschichte unserer Stadt, die ohne seine historische und wirtschaftliche Funktion nicht einfach zu umfassen ist. Stellte doch der Wald in den ver-— gangenen Jahrhunderten das größte und wichtigste Wirtschaftsobjekt Gießens dar, das sowohl für das bürgerliche Gemeinwesen als Ganzes, für den Stadtherrn und seine Leute wie für die einzelnen Bürger und Einwohner in gleicher Weise lebensnotwendig war.
Es erscheint mir in unserer Zeit, da Waldbesitz sowohl für die Ge-— meinden als auch für den Privatbesitzer beinahe schon zu einer finan- ziellen Belastung geworden ist, notwendig, auf die überragende Bedeu- tung des Waldes in vergangenen Jahrhunderten hinzuweisen. Der Wald lieferte ja nicht nur der Stadtverwaltung und dem Stadtherrn das nö- tige Bauholz für öffentliche Aufgaben und für die Stadtbefestigung, sondern er diente auch dem einzelnen Bürger als Brennholzreservoir. Insbesondere die Gewerbebetriebe brauchten das Holz als Roh- und Hilfsstoff und waren auf eine ausreichende und regelmäßige Beliefe- rung angewiesen. Bei den vielfältigen Nebennutzungen, die der Wald gewährte, stand in den vergangenen Zeiten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Waldweide für das Großvieh und die mehr oder min- der stark anfallende Schweinemast im Vordergrund. Manche anderen Nutzungen im Wald, wie z.B. die Sand- und Tongruben, seien hier nur am Rande vermerkt. Die große wirtschaftliche Bedeutung des Waldes ist uns vielleicht noch einmal in den Notjahren nach dem 2. Weltkrieg für kurze Zeit bewußt geworden. Beeren, Bucheckern und Pilze, ganz abgesehen von dem Leseholz, wurden gesammelt. An all dies können sich die älteren Bürger noch erinnern.
Wann und wie ist nun der große Stadtwald in das Eigentum der Stadt übergegangen?
Ein urkundlicher Nachweis kann leider nicht geführt werden. So sind wir auf den Weg des historischen Vergleichs gewiesen. Es darf an- genommen werden, daß der Stadtwald schon in relativ früher Zeit, d.h. schon bald nach dem Erwerb Gießens durch Hessen(1265) an die
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