2 7 Mitbürger!
Der unſelige Bruderkrieg dieſes Jahres hat in unſerem engeren und weiteren Vaterland zwei ſcharf geſchiedene Parteien hervorgerufen,„die preußiſche“ und„die deutſche Partei.“ Wir ſtehen ſoeben vor Ausübung einer Bürgerpflicht, bei der dieſe Spaltung in deutlicher Weiſe hervortritt und bei der es ſich klären muß, auf welcher Seite die Majorität des heſſiſchen Volkes Stellung nimmt.
An der Urne zu den bevorſtehenden Landtagswahlen ſoll es ſich zeigen und an jeden Wähler tritt die ernſte Mahnung heran zu bekunden, ob wir fürder „Preußen zweiter und dritter Klaſſe“ oder„Deutſche erſter Klaſſe“ ſein wollen!-
Gegenüber dieſem Zwieſpalt, von dem unſere ganze ſtaatliche Zukunft, unſere Politik im Inneren und Aeußeren abhängt, muß jede andere Partetrrückſicht ſchwinden und die Conſervativen können der ehrlichen Demokratie, wie ſie ſich gegenwärtig in der deutſchen Volkspartei geſammelt hat, die Hand reichen zu gemeinſamer Bekämpfung des für die preußiſchen Annexionsgelüſte ſo ſehr rührigen gothaiſchen und nationalvereinlichen Gegners, deſſen Liberalismus ſich plötzlich als ein ſo überaus willfährlicher Schleppträger des Grafen Bismarck entpuppt hat.
Mitbürger! Laßt Euch von dieſem Gegner nicht bethören und Eure Aufmerkſamkeit von der Hauptfrage ablenken mit neuen Phraſen von großartigen Reformen im Inneren, von Steuererniedrigung u. ſ. w. Einmal hat nämlich gerade der ſo unverhältnißmäßig koſtſpielige verfloſſene Landtag gezeigt, was wir von ſolchen Redensarten zu erwarten haben, dann liegt es aber gar nicht mehr in unſerer Macht, auf unſere Zuſtände einzuwirken, wenn das Beſtreben der von ihren heſſiſchen Freunden begünſtigten preußiſchen Annexionspolitik auch uns gegenüber von Erfolg gekrönt ſein ſollte.
Wie es mit der politiſchen Freiheit gegenwärtig in Preußen ausſieht, bedarf ebenſowenig einer Erörterung, als daß daſelbſt die Höhe der Steuern und ſonſtigen Staatslaſten zu den unſrigen in einem mehr wie ungünſtigen Verhältniſſe ſteht, alſo auch in der materiellen Frage die Umtriebe unſerer Gegner den Intereſſen des Landes widerſprechen.
Mitbürger! Wir wollen keine ſogenannte Beamtenkammer, wir wollen aher auch verſchont bleiben von den Mißgriffen des vorigen Landtags, die uns jetzt, wo unſere Exiſtenz in Frage iſt, in verſtärktem Maße drohen. Wir wollen der Politik unſerer Miniſter nicht blind nachbeten, wir erſtreben ein immer freier und ſelbſtändiger ſich geſtaltendes und entfaltendes Gemeinweſen, Beſeitigung auch der letzten, Handel und Wandel, Verkehr und Juduſtrie hemmenden Schranken, ungeſtörte Berechtigung aller religiöſen Gemeinden und Culten. Wir wollen nicht die Freiheit auf Koſten einer Einheit geopfert ſehen, in der die Säbelherrſchaft das Regiment führt und jede freie Regung unmöglich macht.
Mitbürger! Wir ſind keine principiellen Preußenfeinde, wir achten und ehren das uns durch die innigſten nationalen Bande verbrüderte preußiſche Volk, unſer Widerwille iſt nur gegen die preußiſche Vergewaltigungspolitit gerchtet, welche unſere Selbſtändigkeit zu vernichten droht. Wir kennen die fer⸗ neren Anſichten und Abſichten unſerer Regierung in der deutſchen Frage nicht, mir ſind aber nur dann bereit, in dieſer Hauptfrage ſie zu ſtützen, wenn ſie an jeden„Anſchluß an Preußen“ in irgend welcher Richtung— falls eine ſolche Rothwendigkeit an uns heranträte— die Bedingung knüpft, daß uns unſere volle innere Selbſtändigkeit gewahrt wird, auf daß uns auch fürder in allen öffentlichen Fragen zum Wohl von Fürſt und Vaterland die— durch ein ver⸗ beſſertes zeitgemäßes Wahlgeſetz zu ſichernde— mitberathende und mitbeſchließende Stimme des Volkes verbleibt.
Und ſo bitten wir denn die Freunde vorſtehender Anſchauungen, mit Hintanſstzung aller kleinlichen Nebenrückſichten, an die Wahlurne zu treten in voller Zahl und ſich hierin den bereits in regſter Thätigkeit befindlichen Gegner als Beiſpiel zu nehmen. Auch wir rufen unſeren Geſinnungs⸗ genoſſen zu:
„Keine Stimme iſt werthlos, denn Eine Stimme kann den Ausſchlag geben!“
Darmſtadt, im November 1866. 9. Mehrere Paterlandsfreunde. ☛△ die Bezirks⸗ und Localblätter in dem Großherzogthum werden um Aufnahme dieſes Aufrufs erſucht.


