Der Monat November 1918, der durch Revolution und Waffenſtillſtand das Schickſal unſeres Volkes beſiegelte, blieb ohne weſentlichen Einfluß auf den inneren Geſchäftsbetrieb: das Band des Vertrauens, das nach ehrwürdiger Sitte in der Firma Gail den Chef mit der Be⸗ amtenſchaft und einem großen Teile der Arbeiter verknüpft, bewährte ſich.
Doch der Rohſtoffmangel und die in der allgemeinen Unſicherheit während der Revolutions⸗ wochen begründeten Transportſchwierigkeiten erzwangen ſtarke Betriebseinſchränkungen und ge⸗ ſtatteten nur unzulängliche Verſorgung der Kundſchaft. Die am 1. Juli 1921 erfolgte Aufhebung der Zwangsbewirtſchaftung des Rohtabaks gewährte zwar wieder etwas größere Bewegungs⸗ und Handlungsfreiheit; dafür aber ſchufen die Folgen der Revolution, des unglücklichen Kriegsaus⸗ ganges, ſowie des Verſailler Vertrages, die immer ſchwerer auf dem geſamten deutſchen Wirt⸗ ſchaftsleben zu laſten begannen, insbeſondere die weitgehenden vom Geiſte eines Erzberger ge⸗ tragenen Steueranforderungen gerade im Tabakgewerbe, nur um ſo widrigere Hemmniſſe.
Um wohlgerüſtet, den Stürmen der Zeit zum Trotz, in die zu erwartenden Kämpfe um die weitere Blüte des Betriebes eintreten zu können, entſchloß man ſich, den veränderten wirt⸗ ſchaftlichen und ſozialen Verhältniſſen Rechnung tragend, die Firma in eine Aktiengeſell ſchaft, doch in Form einer reinen Familiengründung, umzuwandeln.
Die Gründungsverſammlung fand am 6. Dezember 1919 ſtatt. Der erſte Aufſichtsrat ſetzte ſich wie folgt zuſammen: Geh. Kommerzienrat Dr. Wilhelm Gail in Gießen(Vorſitzender), Rentner Carl Gail in Konſtanz(ſtellvertretender Vorſitzender), Rechtsanwalt und Notar Juſtizrat Dr. jur. Ernſt Roſenberg in Gießen(Schriftführer), Prokuriſt i. R. Jakob Jung in Gießen(Bei⸗ ſitzer); dem erſten Vorſtand gehörten an: Dr. Georg Gail in Gießen(als Generaldirektor allein vertretungsberechtigt), Hermann Petri und Georg Schmincke in Gießen(als Direktoren gemein⸗ ſchaftlich vertretungsberechtigt), Otto Knörr in Gießen(als Prokuriſt in Gemeinſchaft mit einem der Direktoren vertretungsberechtigt). Als Hauptaktionäre ſind an der Geſellſchaft beteiligt: Geh. Kommerzienrat Dr. Wilhelm Gail und Dr. Georg Gail, beide in Gießen. Die handelsge⸗ richtliche Eintragung der Geſellſchaft geſchah am 31. Januar 1920; der Name der Firma lautet ſeitdem: Georg Philipp Gail Aktiengeſellſchaft, Rauch⸗, Kautabak⸗ und Zigarrenfabriken in Gießen.
Das bedeutſamſte Ereignis in der Geſchichte des vergangenen Jahrzehnts war für das Haus Gail der Entſchluß, am Erdkauterweg in Gießen ein neues Fabrikgebäude erſtehen zu laſſen, das in ſeinem Ausmaß und ſeinen Einrichtungen den neuzeitlichen Anforderungen ent⸗ ſpricht. Das altehrwürdige Anweſen in der Neuſtadt, in dem die Firma zu ihrer Blüte gediehen war, das Haus, das noch vor einigen Jahrzehnten jeder ländliche Beſucher Gießens geſehen haben mußte, wenn er in ſeinen Heimatort zurückkehrte, hatte ſich ſchon ſeit langem mehr und mehr als unzulänglich für den ſtändig wachſenden Betrieb erwieſen. Als der erſte Hoffnungsſchimmer auf eine beſſere Geſtaltung der Verhältniſſe in Deutſchland aufzuleuchten ſchien, ging man mutig ans Werk.
Am 8. Januar 1920 tat man den erſten Spatenſtich, und die Arbeiten wurden rüſtig ge⸗ fördert. Ende Juni 1920 jedoch veranlaßten die niederdrückenden Erſcheinungen im geſamten Wirtſchaftsleben des Reiches, ja Europas, die Einſtellung der Tätigkeit am Hauptgebäude, die erſt am 18. Februar 1921 wieder aufgenommen wurde. Über die Ausführung des Baues im ein⸗ zelnen berichtet die beigefügte Schlußſteinurkunde.
9 S6


