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Urkunden und Beigaben von 1699 und 1840. Gewaltige Umwälzungen haben ſich ſeit damals im deutſchen Vaterlande vollzogen. Das alte Reich ging in Stücke. Aber aus der Zeit der Schmach und der Schande erblühte Deutſch— lands neue Macht und Größe. Unſer Heſſenland hatte großen Gebietszuwachs erhalten. Doch einen Teilſeines Umfanges mußte es wieder zum Opfer bringen, als Deutſchlands Einheit ſich vorbereitete. Dieſe wurde ge⸗ ſchmiedet in dem großen Kriege gegen Frankreich, das ſo lange von deutſchem Gut gezehrt hatte. Mit der Kaiſerkrone kehrte Wilhelm J. aus Frankreich zurück. Unter dem ſtarken Schutz des Reiches blühte Handel und Wandel. Zwar wird der Kampf des Einzelnen um ſein Daſein ſchärfer und härter als in jener biederen Zeit; dafür aber mehrt ſich der Wohlſtand, und wächſt die Fürſorge für die Unterdrückten und Schwachen. Das Maß der politiſchen Freiheit des Einzelnen iſt größer geworden. Die Dampfkraft verbindet uns mit fernen Welten, und der elektri⸗ ſche Funke bringt Licht, Bewegung und Botſchaft in's Haus und in die fernſten Fernen. Ueber Meer, Gebirg und Talſchwebt das lenkbare Luftſchiff; der Traum der Jahrhunderte hat ſich erfüllt. Auch die Stadt Gießen hat ſich gewaltig verändert. Wall und Graben ſind verſchwunden, und unſer alter Kirchturm blickt über ein weites Häuſermeer. Auf dem Seltersberg erheben ſich die neuen Kliniken, eine Stadt von Paläſten im Kleinen, an der Licher Straße die Provinzial⸗Siechenanſtalt und die Landes⸗ Heil⸗und Pflegeanſtalt, am Neuweger Tor dasſtattliche Theater. Die Straßen, beſtrahlt von elektriſchen Bogenlampen, durchſauſt die elektriſche Bahn. Die Stadt Gießen zählt nach der letzten Volkszählung aus dem Jahre 1910:31153 Seelen, darunter 26701 Evangeliſche. ie Kirchengemeinde hat ſich losgelöſt von der politiſchen Ge⸗ meinde. Für Kirche und Turm ſorgen nicht mehr Bürger⸗ meiſter und Rat, ſondern die evangeliſche Gemeinde, der als letztes auch der Turm durch die Vergleichsverhandlungen der Jahre 1909 bis 1911 als Eigentum zugewieſen wurde. Nur


