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An die Einwohnerschaft Gießens! : zum Schneiderstreik / die Lohnkommission
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zum Schneiderſtreik.

Die Schneider ſtreiken! Das iſt das Geſprächstema, mit dem man ſich zur Zeit in Gießen begegnet; und es iſt wahr, die Schneider ſtehen ſeit 28. März im Streik. Ueber die Urſachen desſelben herrſcht noch keinerlei Klarheit. Aufgabe dieſes Blattes ſoll es ſein, dieſelbe zu geben. Die Schneider fühlten ſich genötigt, an ihre Arbeitgeber Lohnforderungen zu ſtellen, weil bei den derzeitigen Löhnen nicht das zu verdienen war, was zum Leben dringend notwendig iſt. Die Mehrzahl der hieſigen Schneider hat ein Jahreseinkommen unter 1000 Mk. Die Arbeitgeber erklären wohl in Privatgeſprächen, daß die Arbeiter 1700 Mk. verdienen. Leider trifft dies nicht zu. Ein einziger Arbeiter iſt hier, der etwas über 1600 Mk. verdient hat. Dieſer Einzelfall kann durchaus nicht als Norm angenommen werden. Tatſache iſt, das auch in den erſten und beſten Geſchäften bei den derzeitigen Stücklöhnen dieſer Lohn nicht annähernd verdient wird. Eine von uns ſehr gewiſſenhaft geführte Statiſtik ergiebt, daß Löhne über 1000 Mark höchſt ſelten vorkommen, die meiſten Krbeiter verdienen 900 1000 Mk. und welche ſind mit 700 800 verzeichnet. So z. B. verdient der beſte hoſenſchneider in einem erſtklaſſigen hieſigen Geſchäft 780 Mk. im Jahr. Iſt es möglich, mit ſolchen Löhnen in Gießen zu exiſtieren? Wir ſagen nein! Und jeder einſichtsvolle Menſch wird uns da zuſtimmen müſſen. Es kommt aber hinzu, daß dieſe Löhne nicht reiner Derdienſt ſind. Da muß nun der Schneider noch Nähzutaten kaufen, die er braucht, um das Stück fertig zu ſtellen. Kuf dieſe Weiſe gehen noch etwa 50 Mark vom Jahresverdienſt für Sachen ab, die eigentlich vom Krbeitgeber geſtellt werden müßten. Kuf Grund obiger Jahres⸗ verdienſte erreicht der Gießener Schneider einen Stundenlohn von 2930 Pfennig. Davon gehen die Kusgaben für Fornituren ab. Dieſer Lohn iſt für einen gelernten Krbeiter nicht genügend.

In Arbeitgeberkreiſen geht man darauf aus, es als ungerecht hinzuſtellen, daß wir für alle Arbeiter einen gleichmäßigen Lohn haben wollen; es müßte, ſagen ſie, der geringere Arbeiter weniger bezahlt bekommen wie der gute. Dieſe, ſonſt ganz ſelbſtverſtändliche Anſicht trifft auf unſeren Beruf nicht zu. Wir haben mit Kkkordlöhnen zu rechnen. Durch den Akkordlohn ergiebt ſich ganz von ſelbſt, daß der gute und flinke Krbeiter mehr verdient wie der Undere. Wir wollen in dem jeweiligen Geſchäft für die Urbeiter einen einheitlichen Stücklohn. Nun wird der gute und flinke Arbeiter eben pro Woche mehr Stücke liefern wie der Langſame oder noch nicht ſo geſchulte Arheiter, und ſein Geſammtverdienſt erhöht ſich dadurch. Sind nun die Forderungen der Krbeiter unerfüllbar? Nein. Die Schneider haben ganz geringe Forderungen geſtellt, weil ſie von Anfang an nicht ſtreiken wollten. Sie wollten in der friedlichſten Weiſe die LCohnfrage löſen. Anders die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber haben uns auf unſere beſcheidenen Forderungen einen Tarif zugeſchickt, der geringere Löhne enthält, wie ſeither üblich waren. Durch ſolches Derhalten war der Streik unausbleiblich.

Alles was der Arbeiter zum Leben bkaucht wird teurer. Die einzelnen Stücke müſſen fort⸗ geſetzt beſſer gearbeitet werden, da iſt eine Lohnerhöhung unbedingt notwendig und es iſt klar, daß die Schneider ſich entſchieden gegen Lohnreduzierungen wehren. Die Lohnerhöhungen, die die Schneider fordern, ſind nun ſo beſcheiden, daß es in den meiſten Geſchäften am Anzug nur 12 Mk. ausmacht. Eine Bagatelle, die keineswegs eine Erſchütterung im Beruf bedingt. Die Gießener Schneiderei iſt eine mit der beſten, die wir haben, da iſt eine dementſprechende Lohnzahlung nur ſelbſtverſtändlich. Und die Arbeitgeber können dies zahlen; ſuchen ſie doch z. St. in auswärtigen Zeitungen Arbeiter zu bedeutend höheren Stücklöhnen, wie ſie von den hieſigen Schneidern erſtrebt werden. Run haben die Arbeiter nach achttägigem Streik aufs Neue verſucht, eine Einigung zu erzielen. Durch das Verhalten der Arbeitgeber war es nicht möglich, den Konflikt beizulegen. Der Streik dauert alſo fort, und wir hoffen, daß das verehrliche Publikum von Gießen uns ſeine Sympathie bezeugt.

Die Konfektionsfirma Scheuer& Plaut in Mainz hatte einen größeren Huftrag von Gießener Maaßarbeit übernommen. Die Ausführung mußte unterbleiben, weil die dortigen Schneider ſich ſoldariſch erklärten mit ihren Gießener Kollegen und die Arbeit zurückwieſen. Man ſieht die Arbeitgeber fragen wenig danach, was das Publikum für Arbeit bekommt. Wir meinen wenn der Kunde ſich einen Maaß⸗ anzug beſtellt, hat er das Recht, auch einen ſolchen zu verlangen und keine Konfektion.

Das kaufende Publikum ſollte darauf drängen, daß die Maaßanzüge, die es hier kauft, auch hier gemacht werden. heute wird rbeit auswärts gemacht. Wo? darüber fehlt jegliche Controlle. Die Kundſchaft weiß heute nicht, bekommt ſie Maaß⸗ oder Confectionsarbeit. Sie weiß nicht, wird ihre Arbeit in den Schwindſuchtshöhlen großſtädtiſcher, in der Confection beſchäftigten heimarbeiter gemacht oder ſonſtwo. Dieſen dadurch drohenden Gefahren ſollte ſich das kaufende Publikum nicht ausſetzen. Es ſollte verlangen, daß die Krbeitgeber ſich mit ihren Arbeitern verſtändigen und damit ein gutes Ver⸗ hältnis in Gießen Platz greift.

Die Arbeiter haben ſeither in ruhiger, ſachlicher Weiſe ihre Forderungen vertreten und zur Durchführung derſelben ihre Pflicht erfüllt. Unterſtützt das kaufende Publikum die Schneider in obiger Weiſe, ſo wird es nicht ausbleiben, daß bald der Friede einkehrt. Eine Lohnerhöhung der Arbeiter bringt Vorteil für die geſammte Geſchäftswelt, weil durch höheres Einkommen die Kaufkraft des Arbeiters geſteigert wird. Je früher alſo der Kampf beigelegt iſt, deſto früher wird die Geſchäftslage behoben ſein.

Wir haben verſucht, in kurzen Zügen ein Bild vom Schneiderſtreik zu geben und bitten um die moraliſche Unterſtützung aller rechtlich denkenden Einwohner von Gießen.

Die Lohnkommiſſion.

Buchdruckerei Ritſchkowski, Gießen.