Zur Frage der Leibesübungen’).
Von Dr. Huntemüller, ao. Professor der Hygiene, Giessen.
Die um die Wende des vorigen Jahrhunderts vom Philanthropis- mus und Humanismus ausgehenden, besonders durch Guts Muths, Vieth und Jahn in Deutschland eingeführten turnerischen Leibes- übungen haben sich bei uns niemals allgemeiner Anerkennung und Verbreitung erfreut, während der Sport in anderen Ländern, wie England, Schweden, Amerika zu hoher Blüte gelangt ist.
Ein Grund für diese verschiedene Entwicklung ist vielleicht darin zu sehen, dass das Bedürfnis unserer deutschen Jugend an Körper- übungen durch den Militärdienst gedeckt wurde. Denn auch in den anderen Ländern, wo eine allgemeine Wehrpflicht bestand. ich nenne hier Russland, Frankreich und ltalien. trat die sportliche Be- tätigung zurück.
Der viel geschmähte Militärdienst, dessen Auswüchse ich nicht beschönigen möõöchte, hat aber die deutsche Volkskraft vor dem Kriege auf eine Höhe gebracht, die den Neid unserer Feinde erregte Nach seiner Niederlage, denn der Kampf der Entente galt. wie sie vorgab, nur ihm, hat diese hervorragende Körperschule unserer Jugend aufgehört zu bestehen.
Es sind verschiedene Vorschläge gemacht worden, um etwas Gleichwertiges an seine Stelle zu setzen, denn die Notwendigkeit derartiger Massnahmen ist wohl nicht allein den Aerzten, sondern ſedem denkenden Menschen klar geworden. wenn anders das deutsche Volk nicht verkommen und durch Tuberkulose und Geschlechts- krankheiten geschwächt zu grunde gehen soll.
PEingabe von Bier.
Bier(M.m. W. 1919 Nr. 41) fordert in einer Eingabe an das preuss. Min. f. Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, dass eine ein- jährige gesetzliche Dienstpflicht für alle jungen Männer eingeführt wird, die lediglich den Leibesübungen gewidmet ist. Das Alter dieser Dienstpflichtigen soll gegenüber dem früheren Militärdienstalter herabgesetzt werden. Ein grosser Vorteil dieser Dienstpflicht gegen- über der militärischen würde der sein, dass sie alle iungen Männer
.*) Obige Ausführungen wurden dem hessischen Landesamt für das Bildungswesen zur Begründung der geforderten Anstellung eines akademischen Turn-. Spiel- und Sportleiters im Hauptamt und einer Jeiterin im Nebenamt vom akademischen Ausschuss für Leibes- übungen in Giessen überreicht.


