Druckschrift 
Begrüßungs-Feier für die aus dem Felde heimgekehrten Studierenden in der Neuen Aula der Ludwigsuniversität am 9. März 1919 / [Begrüßungsworte des Rectors Geh. Medizinalrats Prof. Dr. Hans Strahl, Ansprache des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Gustav Krüger, Dankworte des Vorsitzenden des Ausschusses der Studenschaft stud. theol. Friedrich Wilhelm Bernbeck]
Entstehung
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volk nichts wiſſen will. Die Verantwortung, die auf den Senioren dieſer Verbindungen ruht, war von jeher groß; heut iſt ſie verdoppelt und veroͤreifacht. Ich betrachte es als eine ernſte, aber auch als eine ſchöne flufgabe dieſer Senioren, dafür Sorge zu tragen, daß das geſchriebene und mehr noch das ungeſchriebene Geſetz, dem man den häßlichen, nach Form und Inhalt undeutſchen NamenKomment' beizulegen pflegt, von allem geſäubert werde, was an den Herrengeiſt vergangener

4 Zeiten erinnert. Wie oft haben wir's geſungen und uns nicht allzuviel dabei gedacht:Wo ſind ſie, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen, die ohne Moos, bei Scherz w und Wein, den Herrn der Erde glichen? Ich aber ſage Euch:

wer einem älteren Manne, er trage welches Gewand er wolle, begegnet und weicht ihm nicht aus, wer ſozialem Empfinden ſo wenig Rechnung trägt, daß er ſeine Hand dazu bietet, ſtu⸗ dentiſche Unſitten wieder einzuführen, die wir ourch das Kriegs⸗ erlebnis weggeſpült glaubten, der hat die flufgabe, Führer des Volks zu ſein, noch nicht begriffen. Rber was heißt denn das nun: Führer des Volks zu ſein? Darauf gibt es nur eine Rntwort, die Rntwort, die einſt Immanuel Kant gegeben hat: Hanoͤle ſo, daß der Grundſatz Deines Willens zugleich als Grunoͤlage einer allgemeinen Ge⸗ ſetzgebung gelten könne. Es war doch eine der ſchmerz⸗ 3 lichſten Erfahrungen in dieſer Kriegszeit, daß unſere Führer, die es ſein ſollten, in hoher und in nieoͤriger Stellung ſo oft das Verſtändnis für dieſen kategoriſchen Imperativ haben ver⸗ miſſen laſſen. Ein Offizier, der ſeinen Leuten nicht das l Muſter einer Pflichterfüllung war, ſchädigte die Moral der Truppe mehr als ein verlorenes Gefecht; ein Verwaltungs⸗ beamter, der eine Veroroͤnung ausgehen ließ und handelte nicht danach, ſtreute Gift unter ſeine Kreiseingeſeſſenen; ein Felogeiſtlicher vollends, der Gottes Wort im Munde führte und läſterte es ourch ſeine Taten, er richtete unermeßlichen Schaden an in Heer und Volk. Mit Flammenſchrift möchte ich ihn in Eure Seele graben, dieſen kategoriſchen Imperativ, möchte uns alle, die wir in dieſem Saale verſammelt ſind, auf ſeine heilige Wahrheit verpflichten: denn die Zukunft un⸗

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