Druckschrift 
Begrüßungs-Feier für die aus dem Felde heimgekehrten Studierenden in der Neuen Aula der Ludwigsuniversität am 9. März 1919 / [Begrüßungsworte des Rectors Geh. Medizinalrats Prof. Dr. Hans Strahl, Ansprache des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Gustav Krüger, Dankworte des Vorsitzenden des Ausschusses der Studenschaft stud. theol. Friedrich Wilhelm Bernbeck]
Entstehung
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was wir heute greifbar vor uns ſehen, uns faſt wie ein Zerr⸗ bild deſſen anmutet, was wir im Geiſt zu ſchauen glaubten. Unſerem Deutſchland fehlt die Macht, und ſo wird es auch ſein Recht nicht durchſetzen können. Die Größe der Rufgaben, die an Euch herantreten, wird dadurch nicht gemindert: denn nun⸗ mehr heißt es alle Kraft zuſammenzufaſſen im Dienſt des in⸗ neren Rufbaues. Wenn deutſchland nicht ſterben ſoll, ſo muß ſeinem ſiechen Körper neues Leben zugeführt werden. Und wer wäre dazu mehr berufen als unſere Jugend, unſere aka⸗ demiſche Jugenò?

Dann aber, Kommilitonen, gilt es auch, ſich ſolchen hohen Zieles würdig zu erweiſen. Es iſt noch kein Meiſter vom Himmel gefallen, und wer als Führer wirken will in ſeinem Volk, muß zuvor ſeine Schule dͤurchgemacht haben. Darüber ſind wir uns alle einig, und doch, ich weiß es, rühre ich hier an einen wunden Punkt. Wie gerne wollt Ihr lernen. Habt Ihr doch in den wenigen Wochen, in denen Ihr wieder aka⸗ demiſche Luft atmen durftet, ſchon manchen Zug getan aus dem Born der Wiſſenſchaft. Wie gerne würdet Ihr verweilen, wo es ſo ſchön iſt, wie gerne in Ruhe verarbeiten, was jetzt im Flug an Euch vorüberzieht. Aber Eurer Rrbeit iſt ein Feind entſtanden, der gefährlichſte Feind aller geiſtigen Arbeit: die Haſt der Stunde. Ich brauche die Bilder nicht auszu⸗ malen, die bei dieſen Worten vor Euch auſſteigen. Da iſt der Gedanke an die Eltern, denen Ihr nicht mehr zur Laſt fallen dürft und wollt. Da bohrt es in Euch, daß Ihr die Mitte der Zwanziger erreicht oder überſchritten habt und immer noch dem Zwang der Schule unterworfen ſein ſollt. Und wenn Ihr am Schreibtiſch ſitzt, um Euer Wiſſen zu oronen und zu ver⸗ tiefen, ſo ſchaut über Eure Schulter ein graues Geſpenſt. Laßt michs doch nennen, dieſes Geſpenſt. Examen heißt es und oräut mit fürchterlicher Gebärde. Gibt es kein Mittel, es zu bannen? Es gibt eines: ein gutes Gewiſſen. Freilich muß jeder Prüfung durch Andere eine Selbſtprüfung voran⸗ gehen. Wer ſie nicht beſteht, dem kann nicht geholfen werden. Aber ganz falſch würde es ſein, wolltet Ihr bei ſolcher Selbſt⸗ prüfung Eure Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit an den

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