Druckschrift 
Trauerfeier für die Gefallenen der Ludwigsuniversität in der Neuen Aula am Totensonntag 1919 / [Ansprache des Rectors Prof. Dr. Karl Kalbfleisch, Rede des Prof. D. Dr. Martin Schian, Ansprache des Vorsitzenden des Gesamtausschusses der Studentenschaft std. rer. pol. Otto Estenfeld]
Entstehung
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Anſprache des Rektors Prof. Dr. Karl Kalbfleiſch.

Hochgeehrte Gäſte und Kollegen! Liebe Kommilitonen!

Rls die alma mater Ludoviciana am 9. März in dieſem Saale ihre heimgekehrten Söhne begrüßte, da fühlten wir uns alle in unſerm Innerſten zerriſſen von tiefſtem Schmerz. Das gewaltige Heldenlied des Weltkrieges hatte für unſer ge⸗ liebtes Daterland mit einer erſchütternden Tragödie und einem unwürdigen Satyrſpiel geendet. Die deutſche Kaiſerkrone in den Staub geſunken, das deutſche Schwert zerbrochen, die deutſche Seele vergiftet! Aber in die Nacht unſerer Trübſal fiel doch ein lichter Schein. Ein großer griechiſcher Staats⸗ mann hat einſt in einer Rede auf die im Kriege Gefallenen geſagt:Die Jugend iſt aus unſerer Staôt verſchwunden, wie wenn man den Frühling aus dem Jahre genommen hätte. So war es auch uns zu Mute, als unſere gehrſäle immer ein⸗ ſamer und die Namenreihen auf den großen Tafeln in der Vor⸗ halle oͤer Univerſität immer länger wurden. Nun aber ſahen wir, daß doch nicht der ganze Frühling aus unſerm Jahre genommen war. Ein Stück Frühling hatten wir leibhaftig vor uns: Ihr wart ja wieder da, liebe Kommilitonen, Euch we⸗ nigſtens hatten wir wieder!

Heute ſcheint kein froher Ton in unſer Klagelied hine in⸗ klingen zu wollen. Die, denen heute unſere Feier gilt, denen zu Ehren ſich heute unſere umflorten Banner neigen, die kommen niemals, niemals wieder. Im Weſten und im Oſten, im Norden und im Süden ſchlafen ſie unter dem grünen Raſen oder unter dem weißen Schnee ihren letzten Schlaf.