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Im Sommer 1906 würden alſo nicht mehr 19% der Studie⸗ renden der Tierarzneikunde, ſondern 100% Maturi ſein, und verhielte ſich in der Zwiſchenzeit der Zugang der Maturi ebenſo wie in den letzten Semeſtern, ſo würde Gießen bereits in drei Jahren auf den fünften Teil der Veterinärſtudierenden herab⸗ geſunken ſein, d. h. wir würden im Sommerſemeſter 1906 auf einige dreißig Veterinärſtudenten kommen. Es wäre alſo ein ganz rapider Rückgang in verhältnismäßig kurzer Zeit zu erwarten.
In dieſer Rechnung iſt indeſſen eine unbekannte Größe als bekannt vorausgeſetzt worden. Der tierärztliche Beruf bietet nämlich verhältnismäßig gute privatökonomiſche Chancen, die erheblich beſſer ſind, als diejenigen des ärztlichen Berufs. Man darf deswegen annehmen, daß ſich dieſem Studium auch in Zukunft zahlreiche Studierende, die auf dieſem Wege früh⸗ zeitig in eine geſicherte Lebensſtellung kommen können, zu⸗ wenden werden. Unterſtützt wird dieſer Zugang dadurch werden, daß der Stand der Tierärzte, die nunmehr den Menſchenärzten in der Vorbildung gleichgeſtellt ſind, geſellſchaftlich gehoben wird. In gewiſſem Sinne kann man ſogar ſagen, daß in ab— ſehbarer Zeit die Tierärzte mit den eigentlichen Medizinern als ſozial gleichwertig erachtet werden. Iſt dieſe Auffaſſung richtig— man hat es freilich mit gewiſſen ſehr unſicheren geſellſchaftlichen Imponderabilien zu tun—, ſo wird aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach Folgendes eintreten: In den nächſten Se⸗ meſtern geht die Zahl der Veterinärſtudierenden überall, alſo auch in Gießen, ſtark zurück. Im Jahre 1906 wird, wenn man rechtzeitig die Prüfungen abſolviert, der tiefſte Punkt erreicht ſein. Inzwiſchen wird der Mangel eines geeigneten Nachwuch⸗ ſes fühlbar, und dieſe Tatſache wird dann wieder eine größere Anziehungskraft auf ſolche junge Leute, die die höheren Schulen mit dem Reifezeugnis verlaſſen haben, ausüben. Es iſt ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß mancher Abiturient, der heute noch ein anderes Brotſtudium wählt, namentlich das der Medizin, ſich in Zukunft dem ausſichtsreicheren Studium der Tierheilkunde zuwendet.


