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Mein Konflikt mit den Gießener Veterinären und der medizinischen Fakultät daselbst : eine aktenmäßige Darstellung der in Frage kommenden Vorgänge mit einem kritischen Nachwort / von Dr. jur. et phil. M. Biermer, o. ö. Professor der Nationalökonomie und Statistik
Entstehung
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ſuchen es vielmehr zu betäuben und zu berauſchen. Mir per ſönlich iſt dieſer beneidenswerte Schwung durch ein grauſames Geſchick verſagt geblieben. Selbſt wenn ich in gehobener

Stimmung ſchreibe und das that ich, als ich das frohe Ereignis der Immatrikulation des 1000. Studenten feiern wollte bleibe ich unter der Herrſchaft kühler verſtandes

mäßiger Erwägungen, zumal wenn ich mit nüchternen ſtati⸗ ſtiſchen Zahlen zu arbeiten habe, wie in dieſem Falle. Wenn man beſtimmte Zuſtände, die einem nicht gefallen, kritiſieren will, ſo dürfen einem nicht fortwährend Einzelperſonen vor⸗ ſchweben, denen man vielleicht zu nahe treten, deren Intereſſe man verletzen könnte. In ſolchen Augenblicken hört für mich auch die kollegialiſche Rückſichtnahme, wie ſie häufig ganz über trieben gefordert wird, auf. Ich werde ſie nicht leichtfertig verletzen, aber ich kann ſie auch nicht ängſtlich ſchonen und ich wüßte wirklich nicht, wie man als Mitglied eines ſo viel köpfigen Kollegiums, wie es ein Univerſitätslehrkörper iſt, es anders machen ſoll, zumal wenn man organiſatoriſche Fragen beleuchten will. Die ſog.Kollegialität hat ihre natürlichen Grenzen. Außerdem giebt es ſo verſchiedenartige Empfind lichkeitsſkalen, mit denen man in Kolliſion kommen kann, daß man, wenn man ſie alle berückſichtigen wollte, einfach darauf verzichten müßte, ſeinen abweichenden Standpunkt zu vertreten.

Auf den vorliegenden Fall angewandt verſtehe ich über haupt nicht, inwiefern ich gegen die Regeln der billigen Kolle gialität verſtoßen haben ſoll. Die Tierarzneiſtudenten, die Immaturi ſind, ſind nicht meine Kollegen, und die Profeſſoren der Veterinärwiſſenſchaft ſind zwar meine Kollegen, aber von ihnen habe ich in meinem Artikel mit keiner Silbe geſprochen. Sie können mir, wenn ſie ſich trotzdem durch meine Aus⸗ führungen gekränkt fühlen und wenn ſie ſich ihrer Schüler annehmen wollen, ſachlich und kräftig gegenübertreten und mich widerlegen. Was ich aber nicht begreifen kann, iſt, daß ſie ſich ſofort hinter die Mediziniſche Fakultät verſchanzen, den Dekan der Geſamtfakultät in Bewegung ſetzen, nachdem ſie