Druckschrift 
Der Streit um die theologische Fakultät zu Gießen : sechs Aktenstücke mit Vorbemerkungen und einem Nachwort / herausgegeben vom Vorstand der Kirchlich-positiven Vereinigung für Hessen
Einzelbild herunterladen

der Verkündigung in der Gegenwart eine Umdeutung und Ergän⸗ zung forderten. Leider verſchweigt der theologiſche Hiſtoriker in Gießen, worin er denn denabſoluten Wahrheitsgehalt der um⸗ zudeutenden Formen des Evangeliums erblickt, wen er ſich unter dengereiften Gliedern der Gemeinde, denen dieſes nur durch ſolche Mittel mundgerecht zu machen iſt, eigentlich denkt, und warum die Wiſſenſchaft den Beweis für dennur relativen Wert aller religiöſen Vorſtellungen trotz der genügenden Mittel, über die ſie nach ſeiner Meinung hierfür verfügt, bis jetzt noch nicht erbracht hat.

Den eigentlichen Beruf des theologiſchen Profeſſors bildet, wie es an mehreren Stellen des fraglichen Aufſatzes heißt, ſeine pädagogiſche und propagandiſtiſche Tätigkeit.Ich ſuche die eigent⸗ liche Aufgabe des akademiſchen Lehrers in etwas, das die Kirche zunächſt erſchrecken muß. Unſere Aufgabe beſteht in erſter Linie in dem Berufe, Seelen zu gefährden.... Sie(die evangeliſchen Theologen) erſchüttern mit bewußter Abſicht in ihren Zuhörern die naive Gläubigkeit, ſie führen ſie in den Zweifel hinein, ſie ſind ſich klar darüber, daß auf dem gefährlichen Wege, der zu der von den Schlacken der Ueberlieferung gereinigten Erkenntnis führt, mancher verloren gehen muß: kurzum, ſie gefährden die Seelen.Dietheo⸗ logiſche Wiſſenſchaft ſoll, ſo heißt es an einer anderen Stelle,ihren Jüngern den Dienſt des Giftes leiſten, das gegen ſchwere Anſteckung immun macht. Und denen, die geſund ſind, leiſtet ſie auch dieſen Dienſt. Daran ſchließt ſich dann die bekannte Bemerkung von den kränklichen und ſchwächlichen Zöglingen, die das Intereſſe des Lehrers nicht in demſelben Maße wie die geſunden in Anſpruch nähmen, und der Hinweis auf den Ausſpruch Rouſſeaus,der Er⸗ zieher ſei kein Krankenwärter und dürfe ſeine Zeit nicht verlieren, ein unnützes Leben zu pflegen. Prof. Krüger betrachtet es demnach als die wichtigſte Aufgabe des theologiſchen Profeſſors, bei ſcinen Schülern Zweifel zu erwecken, weiß aber nichts von deſſen Pflicht, ihnen zur Ueberwindung dieſer Zweifel durch treue Zu⸗ ſprache und Unterweiſung zu verhelfen. Auch jetzt noch hält er offenbar an jenen Anſichten, deren Bekanntwerden vor 11 Jahren ſo großes Aufſehen erregt hat, feſt, behauptet aber, wie geſagt, ſeine Ausführungen würden in böswilliger Weiſe zu ſeinen Ungunſten mißdeutet. Daß dieſer Vorwurf völlig unberechtigt iſt, hat die vorausgehende Erörterung wohl gezeigt.

Es iſt begreiflich, daß dieſe Auslaſſungen des Gießener Profeſſors, mit denen vielleicht nicht alle ſeine Fakultätsgenoſſen völlig einverſtanden waren, gegen die ſich aber, ſoweit bekannt, keiner von ihnen ausdrücklich erklärt hat, die Poſitiven und wohl auch manche billig denkende Liberale mit gerechtem Unwillen erfüllten und in hohem Maß beunruhigten. Hatten ſie auch ſchon vorher die Haltung der Fakultät lebhaft bedauert, ſo erkannten