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Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität
Gie bn. Bön Profeſſor Paul Drews.
Eine noch wenig unterſuchte Frage iſt die, wie und wann ſich die neue Geiſtesrichtung der Aufklärung in den einzelnen deutſchen Gebieten ausgebreitet und zur Herrſchaft gebracht hat. Man hat gemeinhin wohl die Vorſtellung, als ſei etwa mit dem Regierungs⸗ antritt Friedrich d. Gr. 1740 in Deutſchland allenthalben die Auf⸗ klärung plötzlich hoch und zum Sieg gekommen. Weit gefehlt. Das Leben iſt zäh und konſervativ. Das Alte behauptet lange das Recht der Exiſtenz. Neben der Aufklärung und dem von ihr hervorge⸗ rufenen Rationalismus behauptete der Pietismus, ja ſelbſt die Orthodoxie noch lange und kräftig in manchen Ländergebieten das Feld. Vielleicht am längſten hat die Gießener Univerſität dem neuen Zeitgeiſt ihre Tore verſchloſſen. Hier haben wir die eigen⸗ tümliche Erſcheinung, daß auf die alte Orthodoxie der Pietismus, auf dieſen aber eine neue Welle der Orthodoxie folgte, die die Auf— klärung lange zurückgehalten hat, bis dieſe doch endlich hereinbrach und nach nicht geringen Kämpfen ſich auch behauptete.
Die folgenden Blätter wollen dieſes Eindringen der Aufklärung in Gießen und zwar nach den Akten, die teils in Darmſtadt, teils in Gießen liegen, erzählen.
Die oben erwähnte zweite orthodoxe Periode an der Univerſität, in Sonderheit in der theologiſchen Fakultät, ſetzt etwa 1730 ein und herrſcht über ein Menſchenalter. Der Hauptträger dieſer Richtung war der Theologe Johann Hermann Benner. Er war 1699 als eines armen Gießener Bäckers Sohn geboren. Sein Bildungs⸗ gang wie ſein ſpätres Berufsleben ſpielte ſich nur in den engen Mauern Gießens ab. Daß dies nicht gerade zu einer beſonderen Erweiterung des Intereſſen⸗ und Ideenkreiſes führen konnte, liegt
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