Andreas Kempffers Selbstbiographie.
Liebster Sohn!
Dein geliebtes vom 17. Januarii ist mir wohl in die Hände kommen. Ich sehe, dass mein in Giessen noch nicht vergessen worden, nachdem nun über 40 Jahr allhier in obscauro gelebet, wo ich nächst dem Predigt- ampt meines Ackerbaues abgewartet habe. In Giessen waren mir die Hände gebunden, dass ich das stacdieum Hebraicum, welches mir ans Hertz gewachsen war, nach meinem Wunsch nicht treiben konte; so hab lieber das Landleben erwehlen wollen, alss mit der academischen Aemulation mich länger quälen. Etwas rechts zu thun, gilt in Giessen nicht. Wie wohl unter bösen und undankbaren Bauern sein Leben zuzubringen, auch eine Plage ist. Aber wo finden wir Ruhe? Nirgent, als in Gott. Der ehrliche Herr Professor Neubauer ¹) meinet vielleicht, ich könte noch etwas contribuiren zu den gelehrten Sachen, welche dem Publico sollen bekanndt gemacht werden, worinn er aber weit fehlet. Denn erstlich wird wohl das meiste, womit der academischen Jugent gern hätte dienen wollen, untergeackert und vergessen sein. Hätte ich Beystand gefunden und wären mir meine Hände aufgethan worden, hätte ich das stacdiem Hebraicune mit Gottes Hülfe noch besser excoliren wollen. Darnach kam meine Wissen- schaft mehrentheils auf das stadizne Hebraicum an, womit ich endlich verspottet wurde, dessen Lauff man mehr zu hemmen, alss fortzusetzen suchte. Dennoch, wann Du, alss ein frommer Sohn, die Ehr Deines Vaters zu mainteniren suchest und Dir deucht, dass solches könte geschehen, wann ich meinen Lebenslauff kürtzlich auffsetzte.............*) Sonsten war ich willens, dass man alles lieber verschweigen, alss durch vieles Loben vor der Welt aussbreiten wolte. Es ist war, Gott hat mich
*) Dieser Satz ist offenbar unvollendet geblieben; jedoch ist in der Hs. eine Lücke nicht angedeutet.


