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Der Gießener SC. im Jahre 1848 / F.
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weſen von beſonderer Wichtigkeit war die Beſeitigung des in den Disciplinarſtatuten vorgeſchriebenen Re⸗ verſes, durch den jeder zu immatriculirende Student zur Fernhaltung von verbotenen oder unerlaubten Verbindungen verpflichtet wurde.

4.

Dieſe Verordnung erſchien, wie erwähnt, Ende October 1848, am Anfange des Winter⸗Semeſters. Während des vorausgegangenen Sommers hatte der SC. eine ſehr merkwürdige Zeit durchgemacht. Er hatte ähnliche Stürme, wie ſie an dem Gefüge des großen Gemeinweſens rüttelten, in ſeinem eigenen Innern erlebt. Die Haſſia war dadurch veranlaßt worden, aus dem Corpsverbande zu ſcheiden.

Die Bewegung nahm ſchon in den letzten Tagen des Winter⸗Semeſters[847˙48 ihren Anfang. In dem außerordentlichen Seniorenconvent von 15. März 1848 wurde Seitens der Teutonia ein Antrag ein⸗ gebracht, der nach verſchiedenen Richtungen hin eine Reuordnung der ſeitherigen Verhältniſſe bezweckte. 4 ſtand die fundamentale Forderung, daß der

auf den bis dahin ſtandhaft behaupteten An⸗ ſpruch, der alleinigt legitime Vertreter der Studenten⸗ ſchaft zu ſein, Verzicht leiſte. Statt ſeiner ſollte für die allgemeinen Angelegenheiten von nun ab eine durch die geſammte Studentenſchaft zu wählende Behörde zuſtändig ſein. Außerdem war eine Aen⸗ derung des Menſurweſens verlangt. Duelle ſollten blos in Folge perſönlicher Beleidigungen ſtattfinden Eund demnach die Contrahirkneipen und Corps⸗ paukereien wegfallen. Endlich war eine Reviſion des Burſchencomments überhaupt angeregt. Be⸗ gründet war der ganze Antrag mit dem Satze, das Corps Teutonia halteden bisherigen Sweck der Corps für den jetzigen Zeitverhältniſſen unpaſſend und nicht genügend.

Das beſchriebene Vorgehen der Teutonia fiel in eine Zeit, wo ihr Verhältniß zur Haſſia durch Zwiſtigkeiten einzelner Corpsmitglieder mit einander ziemlich geſpannt war. Zu dieſen perſönlichen Diffe⸗ renzen geſellte ſich nun noch ein Gegenſatz ſachlicher Matur. Denn unter den Heſſen herrſchte im Ganzen und Großen keine Neigung, dem Geiſte der Seit viel Conceſſionen zu machen. Man ſtand ja der großen politiſchen Bewegung nicht theilnahmlos gegenüber, aber man ließ ſich dadurch nicht aus dem gewohnten Geleiſe herauswerfen. Die verſchie⸗ denen Volksverſammlungen wurden beſucht, doch geſchah das mehr aus Neugier, als mit dem Be⸗ wußtſein, daß man durch das Gewicht ſeiner Stimme die Reichspolitik könne machen helfen. Auch in die

Rotten der Bürgerwehr ließen ſich die Heſſen gleich den übrigen Corpsſtudenten einreihen und nahmen fleißig an den militäriſchen Exercitien, und was der Dienſt ſonſt noch mit ſich brachte, Theil. Ein Zeit⸗ genoſſe erinnert ſich mit Vergnügen des eigenartigen Schauſpiels, das die Corpsmitglieder boten, wenn ſie in ihren weißen Mützen, den Schießprügel über'm Arm, auf dem Brand antraten oder nach dem Trieb zogen, um für das Vaterland, alſo p. p., rechtsum oder linksum zu ſchwenken. Ein anderer weiß ſelt ſame Dinge zu erzählen von den Abenteuern, die auf nächtlichen Patrouillengängen oder bei plötzlichem Alarmmachen erlebt wurden. Mit dieſen Bethätig⸗ ungen des patriotiſchen Sinnes war aber auch das politiſche Intereſſe ſo ziemlich erſchöpft. Nur bei Wenigen ſcheint es zu einer leidenſchaftlicheren Theil⸗ nahme an den revolutionären Vorgängen gekommen

und dadurch zu gleicher Heit auch ein innerer Wider 8

ſtreit zwiſchen politiſchen Anſchauungen und corps- ſtudenfiſchen Principien entſtanden zu ſein.

Weſentlich lebhafter dagegen waren die Wellen ſchlägs⸗ die der Sturm des e ſooscien Jahrs innerhalb anderer Gießener Corps erregte. Das zilt? insbeſondere von den Teutonen. In den von E Klein, einem Alten Herrn des genannten Co orps, veröffentlickt ten Erinnerungen aus ſeiner Studienzei 8 iſt die Kriſe, welche die Teutonia im Laufe des Sommer⸗Semeſters durchzumachen hatte, eingehend darseſtellt. Eine prosreſſiſtiſche Richtung, dier ſich innerhalb des CC. gebildet hatte,

geben, und ſuchte ſchließlich ſogar die Corpsmit⸗ glieder zu dem Beſchluſſe einer freiwilligen Auflöſung zu beſtimmen. Erſt durch Ausſcheidung der Reformer konnte der drohende Zerfall beſeitigt werden. Auch die SC.-Protokolle weiſen mehrfach auf dieſe Vor⸗ gänge hin. Den erſten Verſuch, den Seniorenconvent für Neuerungsideen zu gewinnen, wie ſie ſeither von den Reformverbindungen vertreten worden waren, bildete der oben wiedergegebene Antrag vom 13. März [848. Er wurde zunächſt der geſchäftsordnungs⸗ mäßigen Behandlung unterworfen und an die ein⸗ zelnen Corpsconvente verwieſen. In dem CC. der Haſſia kam er am 17. März zur Berathunsg. Man verhielt ſich inſofern nicht principiell ablehnend, als man in eine demnächſt vorzunehmende Reviſion des Comments einzuwilligen beſchloß. Dagegen wurde die wichtigſte der gemachten Propoſitionen, daß die Corps im Verein mit allen Studirenden einen ge⸗

*) Academiſche Erinnerungen. Kulturgeſchichtliche Beiträge und Erörterungen von Dr. jur. E. Klein. Marburg 1890.

beabſichtigte, dem Corps ein ausgeſprochen politiſches Gepräge zu