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Ruhland, Köhler-Langsdorf & Co. : eine Streitschrift / von Dr. jur. et phil. Magnus Biermer, ordentlichem Professor der Staatswissenschaften an der Universität Gießen
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Wenn man meinen Aufſatz und denjenigen des Herrn Dr. Ruhland mit einander vergleicht, ſo fällt ohne Weiteres in die Augen, daß Herr Ruhland Alles geradezu ängſtlich ver⸗ meidet, um auf meine ſachlichen Einwendungen gegen ſeine m. Er. gänzlich verkehrte Auffaſſung der phyſiokratiſchen Lehre, wie ſie Herr Köhler-Langsdorf in ſeinem Unverſtand weiter⸗ gebetet hat, einzugehen. Er gibt zwar zu, daß Quesnay Manches geſchrieben hat,was uns heute unverſtändlich klingt. Darum handelt es ſich aber gar nicht. Nein, die phyſiokratiſche Lehre iſt niemals agrariſch in dem behaupteten Sinne geweſen, ſie war auf total andere Verhältniſſe zugeſchnitten, nämlich auf den Agrarexportſtaat, und geht von ganz anderen Voraus⸗ ſetzungen aus, wie wir ſie heute haben kurz, ſie iſt nach jeder Richtung hin veraltet und hat heute höchſtens dogmen⸗ geſchichtlichen Wert. Ich habe deswegen bis zur Stunde auch angenommen, daß Herr Profeſſor Oncken⸗Bern, deſſen Lebens⸗ werk der Darſtellung des Phyſiokratismus gewidmet war, die ausführliche Behandlung Quesnays nur aus literarhiſto⸗ riſchem Intereſſe unternommen habe. Herr Profeſſor Ruhland irrt gewaltig, wenn er behauptet, daß ich die Oncken'ſchen Arbeiten gar nicht kenne. Sowohl Onckens Aufſatz in dem Handwörterbuch der Staatswiſſenſchaften über Quesnay, wie der vor Jahresfriſt erſchienene erſte Band ſeinerGeſchichte der Nationalökonomie lagen mir vor, als ich den erſten Abwehr⸗ artikel gegen die lex Köhler⸗Langsdorf ſchrieb. Ich habe ſogar über das letztere Buch mit meinem Berner Kollegen im vorigen Jahre perſönlich geſprochen. Damals kannte ich es nur flüchtig, ſonſt hätte ich ihm geſagt, daß er Quesnay m. Er. ſehr ſtark überſchätze. Niemals war ich aber im Zweifel darüber, daß die Auffaſſung von der phyſiokratiſchen Schule, wie ſie Schmoller, Guſtav Cohn und viele Andere vertreten und die in der phy ſiokratiſchen Lehre in erſter Linie wirtſchaftlichen Individua⸗ lismus und ein ziemlich naives Naturrecht ſehen, auch heute noch die einzig hiſtoriſch überzeugende iſt. Indeſſen ſind das wiſſenſchaftliche Doktorfragen ohne Bedeutung für die heutige Wirtſchaftspolitik.