B. Predigt,
gehalten von Herrn Univerſitätsprediger Prof. Dr. Heſſe.
Herr unſer Gott, der du über Leben und Tod gebieteſt! erhebe jetzt unſre Herzen und Sinnen über das Zeitliche und Vergängliche, auf daß wir im Aufblick zu dir Beruhi⸗ gung und Tröſtung finden mögen. Amen.
Verehrte Trauerverſammlung!
Einſt, als die Nacht ſchon auf dem See Genezareth ruhte, an deſſen Geſtaden Kapernaum lag, die Stadt unſres Herrn und Erlöſers, da löſte ſich ein Schiff vom jenſeitigen Ufer und begann durch das Meer herüber zu ſteuern. Es waren die Jünger des Herrn, welche in ihre Heimath zurück⸗ kehren wollten; doch er ſelber war nicht bei ihnen. Als ſie aber gegen Morgen mit Wind und Wellen kämpften, da ſahen ſie ihn auf einmal neben dem Schiffe auf dem Meere ſchreiten; ſie ſahen ihn, ohne ihn zu erkennen. Vielmehr meinten ſie ein Geſpenſt zu erblicken, das ihnen Untergang und Verderben drohte, und ſie ſchrieen darum auf vor Angſt und Furcht; erſt an der Stimme erkannten ſie zu ihrer Be⸗ ruhigung den Herrn, als er zu ihnen ſprach:„Seid getroſt, ich bin es, fürchtet euch nicht!“
Meine Freunde! Wie einſt die Jünger, ſo treiben auch wir auf dem Meere, nämlich auf dem Meere des Lebens, wir treiben darauf, ſo lange wir dieſer Erde angehören; und Gott weiß es, wie es oft Nacht in uns und um uns iſt, wie oft wir ein Spiel der Winde und der Wellen werden! Doch verfolgen wir mit ziemlichem Gleich⸗ muthe unſren Lauf, bis plötzlich eine dunkle Schreckensgeſtalt neben uns erſcheint, welche uns nicht bloß Unheil drohet,


