42
Ausführlicher aber haben wir schliesslich von den klassischen Unter- suchungen über das Senföl zu berichten, mit welchen Will— theilweise in Gemeinschaft mit seinen Schülern— die Wissenschaft bereichert hat. Die erste grundlegende Arbeit datirt aus dem Jahre 1844 und führt den Titel: Untersuchungen über die Constitution des ätherischen Oels des schwarzen Senfs ¹). Dem Verfasser der vorliegenden Skizze jst diese Abhandlung besonders interessant geworden, weil er, später mit ähnlichen Forschungen beschäftigt, sich oft genug, wenn Schwierig- keiten sich ihm in den Weg stellten, Rath aus derselben geholt hat. Das Senföl war schon vor Will's Arbeit Gegenstand mehrfacher Untersuchungen gewesen. Die ersten Analysen verdanken wir Dumas and Pelouze, welche aber in Folge eines Fehlers in der Schwefel- bestimmung zu der irrigen Ansicht gelangt waren, dass das Senföl sauerstoffhaltig sei; eine Ansicht, die begreiflich nicht ohne Eipfluss auf die Deutung der aus dem Senföle sich ableitenden Verbindungen bleiben konnte. Es war Löwig's Verdienst, diesen Fehler ausfindig gemacht und die richtige Formel:
C4 H NS
ermittelt zu haben. Will's erste Aufgabe musste natürlich die Fest- stellung dieser Formel durch erneute Analyse und Gasvolumgewichts- bestimmung sein; erst nach solcher Feststellung konnte er hoffen, in die verworrenen Angaben, welche über die Zersetzungsproducte des Senföls bereits vorlagen, durch neue Versuche Klarheit zu bringen. Das Gesammtergebniss dieser Versuche gestattet Will, das Senföl als die Schwefelcyanverbindung des Radicals Allyl(Ca Ha) anzusprechen, eines Radicals, welchem Wertheim kurz vorher ge- legentlich seiner schönen Arbeit über das Knoblauchöl in Verbin- dung mit Schwefel begegnet war. Nach heutiger Schreibweise hatte man daher:
Schwefelallyl 6 8 Knoblauchöl
3 H
Schwefelcyanallyl Ca H NOS Senfôl.
Das Senföl ist auf diese Weise das Prototyp einer sehr zahl- reichen Gruppe von organischen Verbindungen geworden, so dass man heute, wie Jedermann weiss, nicht mehr von Senföl sondern von Senfölen spricht. Und ebenso wie das Senföl selbst, stellten sich nunmehr auch die von Will sorgfältig studirten Abkömmlinge des- selben als Modelle eben so vieler weiterer Gruppen von Verbindungen heraus. In dem durch Einwirkung von Ammoniak auf Senföl ent- stehenden Thiosinnamin begrüssen wir den ersten einfach substituirten Sulfoharnstoff:
NO H H NH
2
¹) Lieb. Ann. LII, 1.


