2² Abschnitt 1
Der Gießener Stadtwald. a) Der materielle Wert.
Der Gießener Stadtwald, mit einer Gesamtfläche von 1334 ha, ist der größte Kommunalwald in der Provinz Oberhessen und ist von erheblicher Be⸗ deutung für die Stadt Gießen, für deren Ein⸗ wohnerschaft und für die Bevölkerung der um⸗
liegenden hessischen und preußischen Orte.
Er gliedert sich in den unmittelbar an die Stadt anstoßenden Hauptteil, den„großen Stadtwald“ durchzogen von der Licher, Grünberger und Rödger Straße—, den hiermit in Verbindung stehenden, östlich von Annerod gelegenen Fernerwald und den abgetrennt zwischen Wieseck und Lollar ge⸗ legenen„Hangelstein“.
Der„große Stadtwald“ und„Fernerwald“ sind in drei Förstereien eingeteilt(mit Sitz in Gießen, Forsthaus Hochwart und Rödgen), denen noch der Anneröder und der Rödgener Gemeindewald zu⸗ geteilt sind. Der„Hangelstein“ ist der Försterei Wieseck zugeteilt, zusammen mit dem Wiesecker und Lollarer Gemeindewald.
Die Bestandsverhältnisse des Stadtwaldes sind sehr verschiedenartig und abwechslungsreich. Von den Hauptholzarten nehmen ein die Eiche 175 ha, Buche 332 ha, Kiefer 339 ha, Fichte 415 ha, Esche und Erle 3 ha.
Der Flächenrest von 70 ha entfällt auf Waldwege, Pflanzgärten, Steinbrüche, Sand⸗„ Kiesgruben usw.
Der jährliche Holzeinschlag beträgt zur Zeit durchschnittlich 10000 km. In den Jahren 1918 bis 1926 wurden durchschnittlich jährlich einge⸗ schlagen 6100 fm Nutzholz und 5400 fm Brennholz. Der Nutzholzanfall der beiden hauptsächlichsten
Nutzholzarten Eiche und Nadelholz betrug durch⸗
schnittlich jährlich 650 km Eiche(Schnittholz, Bau⸗ holz, Schwellenholz, Grubenholz) sowie 5500 km Kiefer und Fichte(meist Bauholz und Grubenholz).
Der durchschnittlich jährliche Reinerlös aus Holz beträgt etwa 100000 RM.
Einen großen Vorteil für die Bewirtschaftung des Stadtwaldes bietet das gut ausgebaute Wege⸗ netz.
Auch der Holzverwertung kommt der gute Zu⸗ stand der Waldwege sehr zustatten. Auf den größtenteils chaussierten Wegen kann die Holz⸗ abfuhr jederzeit stattfinden, was eine große An⸗ ziehungskraft auf die Holzkäufer— auch aus der weiteren Umgebung von Gießen— ausübt. Die Holzpreise sind daher für den Waldbesitzer sehr günstig und stehen meist an der Spitze der ober⸗ hessischen Holzpreise.
An den Nutzholzverwertungen beteiligen sich neben den einheimischen holzverarbeitenden Ge⸗ werben die Baugewerbetreibenden aus der näheren und weiteren Umgebung von Gießen sowie zahl⸗ reiche auswärtige Holzindustrien.
Die Brennholzversteigerungen werden von Ein“
wohnern der meisten umliegenden hessischen und preußischen Orte besucht, die ihren Holzbedarf gern in dem Gießener Stadtwalde decken.
Neben den Nutz⸗ und Brennhölzern liefert den Stadtwald noch zahlreiche sonstige Nutzungen: Steine, Kies, Sand aus den in städtischer Verwal⸗ tung befindlichen Brüchen und Gruben, sowohl fün die städtischen Bedürfnisse wie auch für die Ein⸗ wohner der umliegenden Orte, Gras und Gras
samen von den Wegen und aus den jüngeren Kul
turen, sodann Zierbäumchen und Zierreisig für alle Festlichkeiten, sowie für die Gärtnereibetriebe, Dech reisig für die Einwohnerschaft usw.
Von erheblicher Bedeutung für einen Teil der Gießener Einwohnerschaft ist noch die Leseholz“ nutzung, war sie doch, besonders während der Inflationszeit, für so manche, hart mit den Leben ringende Familie eine willkommene Unter stützung.
Erwähnt sei noch die im Stadtwald erwachsende Beeren⸗ und Pilzernte, die den Sammlern unent⸗ geltlich zur Verfügung steht.
Auch die Verpachtung der Jagd im Stadtwald⸗ der einen guten Wildbestand aufweist, bringt einen ansehnlichen Erlös.
Der Stadtwald bildet hiernach einen sehr wert“
vollen Besitz der Stadt Gießen.
b) Der ideelle Wert. Aber nicht nur der materielle Wert ist es, del seine Förderung und Pflege gebietet; ebenso wichtih ist sein idealer Wert für die ganze Einwohnerschaft
Welcher Einwohner von Gießen wollte ihn
missen, den schönen Wald vor den Toren der Stadt“
Wievielen Tausenden, die während des ganzen Tages oder der ganzen Woche im Geschäfte, in den Bureaus, in den engen Wohnungen, in schlechte! verbrauchter Luft seufzen, gewährt er Erholung, Er“ frischung, Kräftigung der Nerven und der Gesund heit. Wie weitet sich die Brust bei dem würzigen
Duft in den Nadelwaldungen und in den schattigen
Laubwäldern; wie leicht vergessen sich die Sorgen
des Alltags beim Rauschen des Waldes und bein
Gesange der Vögel! Wie schön ist es, an ruhigem
verschwiegenem Plätzchen auf einer der vielen
Bänke zu sitzen, die ein Wohltäter der Menschhei gestiftet, und nur der Natur zu lauschen! Das is Erholung für Körper und Seele.
Der Gelegenheiten sind ja so viele in dem großen Stadtwald, um sich zu ergehen; ein jedel kommt zu seinem Rechte. Sei es, daß er nur einen
kurzen Gang auf beguemen Fußsteigen am Nizzl;“
dem Alten Steinbacher und Alten Schiffenbergel Weg oder dem„Butterweg“ machen, oder den Weh weiter ausdehnen und sich auf dem Schiffenberg
in dem Forstgarten, oder in Annerod beim Aepfel
wein stärken will. Oder sei es, daß es den Wandere


