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sind, ihre Anregung durch die in diese Zeit fallenden Gründungen schwäbischer Städte in Württemberg und Baden, aber auch hessischer(Marburg, Grün⸗ berg) empfangen haben. Aus verkehrspolitischen Gründen war der Platz auch für die Anlage einer Stadt vorzüglich geeignet, was die spätere Ent⸗ wicklung bestätigte. Bereitwillig mochten die Dorf⸗ bewohner dem Willen des Stadtherrn gefolgt sein, fanden sie doch hinter starken Befestigungen weit sichereren Schutz als hinter dem Gebück ihres Dorfes und wurden sie doch vor allem aus hörigen und zinsenden Bauern persönlich freie Bürger:„Stadt⸗ luft macht frei“. ä
Ueber den Umfang der ersten Siedlung sind die Meinungen seither darin einig, daß er nur sehr gering war. Geteilter Ansicht ist man nur über den Lauf der ersten Stadtmauer. Graben⸗ und Mauer⸗ reste sind allein nicht maßgebend zur Entscheidung der Frage, sie können selbstverständlich bis zur Spur⸗ losigkeit vernichtet und überbaut werden. Dagegen
ist es Tatsache, daß da, wo der Graben um die Stadtmauer lief, bei Stadterweiterungen Gassen blieben oder angelegt werden, oder daß der Lauf des Grabens an den Höfen der Häuser, die an und auf die Stadtmauer gebaut werden, erkennbar bleibt. Dieses Beispiel haben wir an dem Burg⸗ graben beobachten können: die Höfe an den Hinter⸗ fronten der Häuser des Marktplatzes, die in gerader Flucht verlaufen, werden heute noch als„Burg⸗ graben“ bezeichnet. Aehnlich ist es mit dem Zug der ersten Stadtbefestigung.
Sie setzte unmittelbar an der Burgmauer am Wallenfelsschen Grundstück an, wo bei der Aus⸗ schachtung des kurz vor dem Kriege erbauten neuen Hauses zwei gewaltige Mauern zutage gefördert wurden, die fast im rechten Winkel aufeinander zuliefen. Die eine war die Burg⸗, die andere die Stadtmauer, die die Richtung vor den Häusern des Kirchenplatzes, an der Front des„Einhorns“ her, nach dem Lindenplatze nahm, dessen südliche Seite sie begrenzte. Kurz nachdem sie diesen Platz ver⸗ lassen hat, sieht man hinter dem„Lindenhof“ und hinter den Häusern nach der Schloßgasse hin eine Flucht von Höfen, ehemals eine Hintergasse, ziehen, deren Fortsetzung auf das Knie der Kaplaneigasse an der Brühl'schen Druckerei stoßen würde. Diese Gasse aber führt wiederum geraden Weges über die Schulstraße hinweg zur Wagengasse, die jenseits
der Mäusburg in der Wettergasse und dann über die Marktstraße hinüber in der„Bachgasse“ am Pistorschen Hause ihre Fortsetzung findet. Dort aber kommt die Burgbefestigung vom Pfarrhaus der Matthäusgemeinde und dem Studentenheim herüber, so daß der Ring an dieser Stelle geschlossen wird. Ueberblickt man diesen Kreis von Gassen, die meiner Ansicht nach den Lauf der ersten Stadt⸗ befestigung bezeichnen, auf dem Stadtplan, so wird man keinen Zweifel mehr hegen, daß dieser Bezirk
die älteste Stadt ist. Die von J. J. Winckelmann und anderen überlieferte Sage, daß das Städtchen ursprünglich rund gewesen sei, wird hierdurch auf⸗ fällig bestätigt.
Die Stadtmauer muß auf der Innenseite dem Graben gefolgt sein, und Irdr. Kraft, der Ver⸗ fasser der„Geschichte von Gießen“, hat noch hinter dem„Lindenhof“ ein Stück der Fundamente der Ringmauer gesehen, das„im Bogen nach der Schloßgasse eingezogen“ gewesen ist. Kraft läßt aber die Fortsetzung nach der Dreihäusergasse und von dort nach der Rittergasse laufen, nicht der Wagengasse entlang. Was er auf diesem Weg beobachtet hat, ist richtig, allein er hat eine zweite Befestigung mit der ersten verwechselt. Die Stadt hatte an Bevölkerung so zugenommen, daß der enge Raum zur Unterbringung des Zuzugs nicht mehr ausreichte, die neuen Ankömmlinge mußten vor den Toren angesiedelt werden. Landgraf Otto erteilte im Jahre 1325 den Bewohnern der„Neu⸗ stadt“ und allen vor den Toren Wohnenden die⸗ selben Rechte, die die innerhalb der Ringmauer Wohnenden besaßen, d. h. er nahm die erste Stadterweiterung vor. Sie war geringfügig, die„Neustadt“ erstreckte sich nur bis zum Ende der heutigen Marktstraße an der Abzweigung der Bahn⸗ hofstraße, und die„vor den Toren Wohnenden“ waren auch nicht zahlreich. Indessen alle hatten nunmehr Anspruch auf den Schutz durch Mauer und Graben, und dementsprechend wurden die Befestigungen um ihre Wohnstätten herumgeführt. Graben und Ringmauer wurden vom Lindenplatz in der Richtung des heutigen„alten Schlosses“ weitergezogen, bogen vor diesem Bau nach Süden ab, nach der Dreihäusergasse, wo die Mauer„an
den Hintergebäuden der Häuser der Mäusburg“,
die teilweise auf ihr stehen, noch erkennbar ist, dann über die Mäusburg am Hause„Zum Ritter“ die Rittergasse entlang. Bis hierhin trifft die Kraftsche Führung zu, nun aber muß der Zug der neuen Befestigung durch den westlichen Arm der Rittergasse nach der Mündung der Bahnhofstraße gegangen sein, wo die Stallgasse, ein enger Durch⸗ laß, nach der Bachgasse führt. Hier wird der An⸗ schluß an die alte Befestigung zu suchen sein. Vor dem Eingang der Stallgasse, zwischen ihm und
der Mündung des Tiefenwegs, hat im Zug der. Neustadt ein Torturm, die alte, in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgebrochene
Stadtpforte, gestanden. Sie ist ein Teil der neuen Stadtbefestigung von 1325 gewesen. Um dieselbe Zeit ist das sog.„alte Schloß“ am Brand erbaut
worden, eine Burg der Landgrafen von Hessen
mit Wohnung für den fürstlichen Amtmann und
Unterkunftsräumen für den Landesherrn. Dieses
Bauwerk, anfänglich noch von der Stadt durch die Ringmauer getrennt, ist dann später in die Stadt⸗ befestigung einbezogen worden. Lauf von Graben


