Jahrgang 
1913
Seite
XII
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Kurze Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Stadt Gießen.

Aus der Geschichte der Stadt.

Wenn auch die nähere Umgebung Gießens sehr altes Kulturland ist und einzelne Orte wie Selters(Saltrissa), von dem der Selters weg seinen Namen hat, bereits in karolin gischer Zeit urkundlich genannt werden, so

tritt doch die Stadt selber verhältnismäßig Wir dürfen

spät in das Licht der Geschichte. sogar annehmen, daß sie erst wenige Jahre vor dem ersten Erscheinen ihres Namens ge gründet wurde oder, besser gesagt, entstanden ist.

Vom Gleiberg aus, auf dem ein altes, be⸗

rühmtes und mächtiges Grafengeschlecht saß, wurde am Zusammenfluß von Lahn und Wieseck eine Burg errichtet, nach den hier zu sammenströmenden Gewässernzu den Gyezen genannt. Dieser Name erscheint zuerst 1197 mit der Gräfin Salome von Gießen, jener Glei⸗ bergerin, deren Agnatin Clementia dem Au

gustiner-⸗Orden auf dem Schiffenberg 1129 ein

Kloster gestiftet hatte. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts begegnen uns Schöffen des

Ortes, der also in dieser Zeit bereits Stadt⸗

rechte besaß. Stadtherren sind die Pfalzgrafen von Tübingen, an die Gießen durch Heirat gefallen war. Bald darauf, im Jahre 1265, sehen wir die Stadt unter der Hoheit der Landgrafen von Hessen, welche sie durch Kauf in ihren Besitz gebracht hatten.

Während des Mittelalters tritt Gießen nicht besonders hervor, seine Rolle ist die eines Landstädtchens, das abseits von der großen Handelsstraße gelegen, die Schicksale des Lan des mit seinen Schwestern teilt. Für seine nähere Umgebung jedoch gewann es bereits früh als Sitz eines Gerichtes und als be festigter Ort für die Landgrafschaft Hessen Bedeutung. In den Fehden der Landgrafen mit Nassau und dem Mainzer S ble nahm es die flüchtenden Bewohner der Umgegend in den Schutz seiner Mauern, außerhalb deren sich nach und nach so viele dauernd ansiedelten, daß sie Landgraf Otto schon 1325 durch Urkunde in die Stadtgemeinde aufnahm. In der Mainzer Fehde wurde die Stadt zwei Jahre später von den erzbischöf lichen Truppen erobert und in so grauenhafter Weise behandelt, daß sich die Bürger erhoben und in verzweifeltem Ringen die Eroberer zu den Toren hinausschlugen. Denselben tüchtigen Bürgersinn bewährten die Bewohner der Stadt in den Fehden der Landgrafen Heinrich II. und Hermann mit den hessischen Ritterbünden in der letzten Hälfte des 14. Jahr

(Nachdruch verboten.) hunderts. Mit anderen Städten hielten sie treu zum Landesherrn. Bekannt ist die Tat des Gießener Bürgers Eckard Holzschuher, durch die er Hermann das Leben rettete. Dafür freite ihm der Landgraf seinen Hof vor dem Selterstor zwischen Wieseck und Lahn (am jetzigen Kreuz).

Um dieselbe Zeit beginnt die Teilnahme der hessischen Städte an Landesangelegenheiten, und Gießen spielt neben Marburg und Kassel eine hervorragende Rolle. Ueberhaͤupt hebt sich von jetzt an die Bedeutung der Stadt. Ludwig II. verleiht ihr 1442 zwei Jahrmärkte. Unter dem Geschworenen-Ausschuß, den das Testament Wilhelms II.( 1509) als eine Art Aufsichtsbehörde für die Vormundschaft seines minderjährigen Sohnes Philipp einsetzte, befindet sich der Bürgermeister von Gießen, und der junge Landgraf Philipp, später der Großmütige genannt, residiert während der Sichinger Fehde im Gießener Schlosse.

Mit Philipp beginnt für die Stadt eine neue Zeit. Hier wurde mit am frühesten (1526) die evangelische Lehre gepredigt, der erste bekannte evangelische Pfarrer, Daniel Greser, tritt 1532 am Christtag sein Amt an. In den Jahren 153033 legt Philipp die ersten Festungswerke an, die jedoch auf Grund seiner Kapitulation mit dem Kaiser bereits 1547 wieder geschleift werden. 1560-64 er⸗ stehen sie wieder stärker als vorher.

Nach der Teilung der sogenanntenMar burger Erbschaft(1604), als Gießen an die Darmstädtische Linie gefallen war, wurde hier ein Gymnasium und bald darauf(1607) die Universität eröffnet, die dann in den Jahren 1625 1650 mit der Marburger vorüber gehend vereinigt wurde. In dieser Zeit wurde Gießen in landständischen Angelegenheiten der Vorort der hessischen Städte.

Der 30jährige Krieg hat auch unserer Stadt schwere Prüfung auferlegt. Freund und Feind verlangten gleiche Opfer. 1621 wird Gießen von Herzog Christian von Braun schweig bedroht, aber vor einer Belagerung durch eine Niederlage dieses Heerführers bei Rödgen und Alten-Buseck bewahrt. 1626 liegen Tillysche Truppen auf dem Trieb und zehren auf Kosten der Bürger. 1646 schlägt die Tapferkeit der Besatzung und der Bürger die Stürme der Schweden unter Wrangel und Königsmark ab. Dies sind nur wenige Bei spiele dessen, was die Stadt zu dulden hatte.

Fast noch schlimmer erging es ihr jedoch im siebenjährigen Krieg, in dem die Festung