Geschichtliches und Sehenswürdigkeiten der Stadt Gießen
Universität ist es zu danken, daß in dieser Zeit Schlimmeres von den Bürgern abgewendet wurde.
Die Festung beschloß mit dem alten Jahr— hundert ihr Dasein, 1805— 10 wurden die Werke geschleift. Damit hatten jedoch die kriegerischen Erlebnisse der Stadt noch nicht ihr Ende erreicht, aber es waren nur deutsche Truppen, deren Bekhanntschaft sie hinfort machen sollte.
Mit dem Fallen der Festungswerke war der Gürtel, der die Stadt einengte, gesprengt. Nicht nur konnten jetzt neue schöne Stadtteile entstehen, es waren auch dem Gewerbfleiß neue Bahnen erschlossen, und so wurde Gießen das, was es heute ist: eine blühende Stadt, in der Wissenschaft, Handel und Gewerbe einen gesegneten Boden finden.
Sehenswürdigtieiten.
Badeanstalten. Das Gießener Volks- bad A.⸗G.(Seltersweg 58 A) ist in den Jahren 1897— 98 für 200,000 Mak. errichtet. Die Bausumme ist inzwischen durch Neu— anlage von 9 Brausebädern, mechanischer Ein— richtung der Wäscherei und elektrischer Anlage auf 210,000 Mä. gestiegen. Der in deutscher Renaissance gehaltene Blendsteinbau ist von den Architekten Stein& Meyer errichtet und die maschinellen und Badeeinrichtungen sind nach modernen hygienischen Gesichtspunkten von der Firma H. Schaffstaedt gemacht. Das allen Anforderungen der Neuzeit entsprechende Badehaus enthält in der Schwimmhalle mit 32 Einzelauskleidezellen und mehreren Reini— gungszellen ein Schwimmbecken von 9,8 m Breite und 19,5 m Länge bei einer Tiefe von 0,8—2,8 m, ferner 18 Wannenbadezellen und 8 Zellen für römisch-irische Bäder, sowie 21 Brausebadezellen. Verabfolgt werden Schwimm-, Wannen-, Dampf,-, römisch-irische sowie medizinische Bäder, Brausebäder und Massagen. Preise und Badezeiten siehe Seite 331. Das städtische Freibad an der Lahn wurde im Sommer 1907 zu 20 304 Bädern benutzt. Ferner sind an der Lahn noch zu erwähnen das Männerbad des Männerbadevereins und die früher Rüb—
sam'sche Badeanstalt von Philipp Müller. Bibliotheken. Die Gr. Universitäts⸗
Bibliothel(Keplerstraße 2) ist 1901- 1904 in modernisiertem deutschen Barockstile nach den Plänen des Bauinspektors Becker er— baut. Die Bauhosten, einschließlich der Ein— richtung, betragen 526,000 Mk. Gegründet 1612, zählte die Bibliothek am 1. April 1905 205 512 Bände, 83000 Dissertationen und Programme, 1250 Wiegendrucke, 1500 Hand— schriften, 550 Urkunden. Vermehrungsetat:
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22,825 Mk. Geschäftsstunden siehe Univer— sitätsbehörde Seite 284.
Der öffentlichen Bücher- und Lese— halle des Gießener Lesehalle-Vereins im Torhäuschen(Seltersweg 93), gegründet 1898, werden von der Stadt die Räume unentgelt— lich gewährt, sowie ein Barzuschuß von jähr— lich 400 Mk. Die Kreishasse bewilligt jährlich 200 Mk., von Mitgliedern ꝛc. gehen jährlich (Q. 2200 Mk. ein. 1906 wurden 26 424 Bände ausgeliehen. Sie besitzt 5500 Bände und 157 im Lesezimmer aufliegende Zei— tungen und Zeitschriften aller Richtungen. Die Benutzung steht jedem unentgeltlich frei; Schüler sind ausgeschlossen. Der erste Katalog, für 20 Pfennig erhältlich, wurde 1904 ge—
druckt. Geschäftsstunden siehe„Vereine“ Seite 303. Denkmäler. Das Standbild des großen
Chemikers Justus von Liebig ist 1890 in der Ost-Anlage errichtet, ausgeführt in weißem Marmor von dem Berliner Bildhauer Schaper. In der Nord-Anlage vor dem Neubau der höheren Mädchenschule befindet sich der 1892 errichtete Marmor-Denkstein für den um die Forstwirtschaͤft hochverdienten Professor Heyer. Auf dem Marktplatze steht das vom Darmstädter Bildhauer Habich 1900 ent— worfene und ausgeführte Kriegerdenkmal— In der Vorhalle des gegenüber stehen— den alten Rathauses sind auf zwei metallenen Tafeln die Namen der Offiziere und Soldaten aus Gießen verzeichnet, die als Angehörige des damaligen 2. Infanterie— Regiments am Feldzuge 1870/71 teilgenom— men haben. An dem neuen Schlosse ist ein großer Sandsteinblock eingelassen, auf dem das Hessische Wappen ausgehauen ist. Das Wappenschild trägt die Inschrift: Zum Ge— dächtnis Landgraf Philipps des Groß⸗ mütigen, der im Jahre 1533 dieses Haus errichtet hat. Den 13. November 1904. An dem gegenüberliegenden Regierungsgebäude ist eine Gedenktafel für den Freiherrn Re— natus, Karl von Senckenberg, Ge—⸗ lehrter und Wohltäter, errichtet, der dort gewohnt hat. Das Eckhaus Sonnenstraße 15 trägt eine Tafel zur Erinnerung daran, daß es Lu dw. Friedr. Jul. Höpfner, Pro⸗ fessor der Rechte und Freund Goethes, be— herbergte. In dem Hause Neuen Bäue 9 ist Julius Dietz, der Begründer der romanischen Philologie, geboren, was eben— falls durch eine Tafel kenntlich gemacht ist. Das Haus West-Anlage 7 trägt eine Gedenk— tafel für den hervorragenden Philosophen und Schriftsteller Karl Hillebrand, der dort am 17. September 1829 geboren ist, und eine Tafel am Hause Frankfurter Straße 11 zeigt an, daß der Professor der Theologie C. A. Credner dort von 1832-— 1857 ge⸗ wohnt hat. Zu Ehren des 1904 verstorbenen


