Jahrgang 
1906
Seite
IV
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Gießen.

Aus der Geschichte der Stadt.

Wenn auch die nähere Umgebung Gießens sehr altes Kulturland ist und einzelne Orte wie Selters(Saltrissa), von dem der Selters⸗ weg seinen Namen hat, bereits in karolin⸗ gischer Zeit urkundlich genannt werden, so tritt doch die Stadt selber verhältnismäßig spät in das Licht der Geschichte. Wir dürfen sogar annehmen, daß sie erst wenige Jahre vor dem ersten Erscheinen ihres Namens ge⸗ gründet wurde oder, besser gesagt, entstanden ist.

Vom Gleiberg aus, auf dem ein altes, be⸗ rühmtes und mächtiges Grafengeschlecht saß, soll zum Schutze des Klosters Schiffenberg am Zusammenfluß von Lahn und Wieseck eine Burg errichtet worden sein, nach den hier zu⸗ sammenströmenden Gewässernzu den Gyezen genannt. Jedenfalls erscheint dieser Name zuerst 1197 mit der Gräfin Salome von Gießen, jener Gleibergerin, deren Agnatin Clementia dem Augustiner⸗Orden auf dem Schiffenberg ein Kloster stiftete. Ein halbes Jahrhundert später begegnen uns Schöffen des Ortes, der also um diese Zeit bereits Stadtrechte besaß. Stadtherren sind die Pfalzgrafen von Tübingen, an die Gießen durch Heirat gefallen war. Bald darauf, im Jahre 1265, sehen wir die Stadt unter der Hoheit der Landgrafen von Hessen, welche sie durch Kauf in ihren Besitz gebracht hatten.

Während des Mittelalters tritt Gießen nicht besonders hervor, seine Rolle ist die eines Landstädtchens, das abseits von der großen Handelsstraße gelegen, die Schicksale des Lan⸗ des mit seinen Schwestern teilt. Für seine nähere Umgebung jedoch gewann es bereits früh als Sitz eines Gerichtes und als be⸗ festigter Ort Bedeutung. In den Fehden der Landgrafen mit Nassau und dem Mainzer Stuhle nahm es die flüchtenden Bewohner der Umgegend in den Schutz seiner Mauern, außerhalb deren sich nach und nach so viele dauernd ansiedelten, daß sie Landgraf Otto schon 1325 durch Urkunde in die Stadtgemeinde aufnahm. In der Mainzer Fehde wurde die Stadt zwei Jahre später von den erzbischöf⸗ lichen Truppen erobert und in so grauenhafter Weise behandelt, daß sich die Bürger erhoben und in verzweifeltem Ringen die Eroberer zu den Toren hinausschlugen. Denselben tüchtigen Bürgersinn bewährten die Bewohner der Stadt in den Fehden der Landgrafen Heinrich II. und Hermann mit den hessischen Ritterbünden in der letzten Hälfte des 14. Jahr⸗ hunderts. Mit anderen Städten hielten sie treu zum Landesherrn. Bekannt ist die Tat des Gießener Bürgers Eckard Holzschuher, durch die er Hermann das Leben rettete.

(Nachdruck verboten.)

Dafür freite ihm der Landgraf seinen Hof vor dem Selterstor zwischen Wieseck und Lahn. Um dieselbe Zeit beginnt die Teilnahme der hessischen Städte anLandesangelegenheiten, und Gießen spielt neben Marburg und Kassel eine hervorragende Rolle. Ueberhaupt hebt sich von jetzt an die Bedeutung der Stadt. Ludwig II. verleiht ihr 1442 zwei Jahrmärkte. Unter dem Geschworenen⸗Ausschuß, den das Testament Wilhelms II.(4 1509) als eine Art Aufsichtsbehörde für die Vormundschaft seines minderjährigen Sohnes Philipp einsetzte, befindet sich der Bürgermeister von Gießen, und der junge Landgraf Philipp, später der Großmütige genannt, residiert während der Sickinger Fehde im Gießener Schlosse.

Mit Philipp beginnt für die Stadt eine neue Zeit. Hier wurde mit am frühesten (1526) die evangelische Lehre gepredigt, der erste bekannte evangelische Pfarrer Daniel Greser tritt 1532 am Christtag sein Amt an. In den Jahren 1530-33 legt Philipp die ersten Festungswerke an, die jedoch auf Grund seiner Kapitulation mit dem Kaiser bereits 1547 wieder geschleift werden. 1560- 64 er⸗ stehen sie wieder stärker als vorher.

Nach der Teilung der sogenanntenMar⸗ burger Erbschaft(1604), als Gießen an die Darmstädtische Linie gefallen war, wurde hier ein Gymnasium und bald darauf(1607) die Universität eröffnet, die dann in den Jahren 1625 1650 mit der Marburger vorüber⸗ gehend vereinigt wurde. In dieser Zeit wurde Gießen in landständischen Angelegenheiten der Vorort der hessischen Städte.

Der 30jährige Krieg, in dem unter den Tritten der Heere Europas der Wohlstand Deutschlands vernichtet wurde, hat auch unserer Stadt schwere Prüfung auferlegt. Freund und Feind verlangten gleiche Opfer. 1621 wird Gießen von Herzog Christian von Braun⸗ schweig bedroht, aber vor einer Belagerung durch eine Niederlage dieses Heerführers bei Rödgen und Alten⸗Buseck bewahrt. 1626 liegen Tillysche Truppen auf dem Trieb und zehren auf Kosten der Bürger. 1646 schlägt die Tapferkeit der Besatzung und der Bürger die Stürme der Schweden unter Wrangel und Königsmark ab. Dies sind nur wenige Bei⸗ spiele dessen, was die Stadt zu dulden hatte.

Fast noch schlimmer erging es ihr jedoch im siebenjährigen Krieg, in dem die Festung mehrmals von den Franzosen berannt, er⸗ obert und bis 1763 besetzt gehalten wurde. Aus jener Zeit stammen die Erdwälle hinter dem Wirtschaftsgebäude des Philosophen⸗ waldes. In den Jahren 1796 bis 1799 kamen die Franzosen wieder, und abermals lag ihre Hand schwer auf der Stadt. Der